Verliert die Familie im Vergleich zu anderen sozialen Gruppen immer mehr an Bedeutung?


Hausarbeit, 2003

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Die soziale Gruppe
2.2. Die Primärgruppe als besondere soziale Gruppe

3. Die Familie - eine spezielle soziale Gruppe
3.1. Allgemeines
3.1.1. Die Familie als Primärgruppe
3.1.2. Kennzeichen und Funktionen von Familien
3.2. Strukturen und Mitgliederbeziehungen innerhalb von Familien
3.2.1. Gründung und Auflösung von Familien
3.2.2. Die Binnenstruktur von Familien

4. Der historische Wandel der Familie als soziale Gruppe
4.1. Der Bedeutungswandel des Familienverständnisses
4.1.1. Die Entwicklung der Familie seit dem 16. Jahrhundert
4.1.2. Ursachen für den Bedeutungswandel im 20. Jahrhundert
4.1.3. Folgen des veränderten Familienverständnisses
4.2. Die heutige Bedeutung der Familie als soziale Gruppe
4.2.1. „Lebensdesign“ im 20. Jahrhundert
4.2.2. Die Bedeutung der Familie als eine soziale Gruppe unter vielen

5. Resümee

Literaturliste

Ein typischer Dialog zwischen Mutter und Kind in der heutigen Zeit könnte wie folgt aussehen:

„Kommst Du heute Mittag nach der Schule nach hause?“ „Nein Mama, ich treffe mich doch nach dem Unterricht erst noch mit meiner Lerngruppe..“ „Und anschließend?“ „...gehe ich zum Sport.“ „Bist Du dann überhaupt zum Abendessen zu hause?“ „Nein, ich wollte mich nach dem Sport noch mit meiner Clique treffen, um den Sommerurlaub zu besprechen.“ „Aber am Sonntag könnten wir doch mal wieder alle zusammen zu Mittag essen. Sogar Dein Vater ist am Sonntag da - sein Fußballspiel fällt ausnahmsweise aus ... Ach, da fällt mir ein, ich wollte am Sonntag ja Tennis spielen gehen. Aber vielleicht abends?“ „Geht nicht, da muss ich zur Theatergruppe .“

1. Einleitung

In zahlreichen Diskussionen, vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten, geht es um die Frage, welchen Stellenwert die Familie in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch hat und wie deren Entwicklung für die Zukunft zu sehen ist. Hat die Familie überhaupt noch eine Chance sich gegenüber den zahlreichen Optionen, sein Leben mit Aktivitäten zu füllen, durchzusetzen?

Die Sorge um die Existenz der Familie scheint begründet. Nicht selten stellt sich der Familienalltag wie in dem eingangs skizzierten Beispiel dar. Alle Familienmitglieder sind in die unterschiedlichsten sozialen Gruppen involviert, sei es das Engagement in Vereinen, die Lern- oder Spielgruppe der Kinder oder verschiedene Treffen der Eltern mit ihren Interessensgruppen. Die Kalenderwochen lassen sich spielend leicht mit Verpflichtungen füllen, auch mit solchen, die außerhalb des Berufs- oder Schullebens, aber auch außerhalb des Familienverbandes liegen. Es scheint, als hätte das soziale Umfeld die Familie voll im Griff, als seien die außerfamiliären Verpflichtungen wichtiger als das Zusammensein mit der eigenen Familie.

In dieser Arbeit widme ich mich genau diesem Phänomen, dass heutzutage immer mehr Menschen in immer zahlreicheren Gruppen involviert sind und aufgrund dieser zumeist freiwillig eingegangenen Verpflichtungen scheinbar alle Verpflichtungen, die sie als Familienmitglied haben, in den Hintergrund drängen.

Zunächst werde ich die zentralen Begriffe dieser Arbeit, die sozialen Gruppen im allgemeinen sowie insbesondere die Primärgruppen, spezifizieren (Kapitel 2).

Im dritten Kapitel wird die Familie als Primärgruppe mit ihren besonderen Strukturen und Mitgliederbeziehungen vorgestellt. Das vierte Kapitel diskutiert die Frage nach der aktuellen Bedeutung der Familie als Gruppe vor dem Hintergrund eines Vergleichs mit dem gewandelten Familienverständnis seit dem 16. Jahrhundert bis heute. Das Resümee (Kapitel 5) enthält die abschließende Zusammenfassung der zuvor entwickelten Ergebnisse, welche keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, jedoch einen klaren Blick auf die Bedeutung der Familie in der heutigen Zeit zulassen.

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Die soziale Gruppe

Soziale Gruppen sind elementarer Bestandteil im Leben eines jeden Individuums, da jeder im Laufe seines Lebens den verschiedensten Gruppen angehört. Zu nennen wären beispielsweise Freundes- und Gleichaltrigengruppen (auch ‚peers’ genannt), Arbeits-, Spiel-, Sport- und Lerngruppen sowie jegliche sonstigen Interessensgruppen.

Zahlreiche Wissenschaftler haben sich im Laufe der Zeit an der Definition des Gruppenbegriffes unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln versucht. Der Gruppenbegriff, der sich im Verlauf der Zeit etabliert hat, wurde von Schäfers wie folgt festgehalten: „Eine soziale Gruppe umfaßt eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern (Gruppenmitglieder), die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels (Gruppenziel) über längere Zeit in einem relativ kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozeß stehen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (Wir-Gefühl) entwickeln. Zur Erreichung des Gruppenziels und zur Stabilisierung der Gruppenidentität ist ein System gemeinsamer Normen und eine Verteilung der Aufgaben über ein gruppenspezifisches Rollendifferential erforderlich“ (Schäfers 1999, S. 20f).

In sozialen Gruppen spielt vor allem das vorgenannte Wir-Gefühl eine große Rolle. Durch die damit verbundene hohe Emotionalität ist es möglich, dass die jeweiligen sozialen Gruppen eine eigene soziale Identität entwickeln und sich somit deutlich von der Umwelt abheben können (vgl. Thiedeke 2000, S. 39).

Zusätzlich zu der oben genannten Definition von Schäfers lassen sich soziale Gruppen unter weiteren Perspektiven spezifizieren als Primär- oder Sekundärgruppen, Gleichaltrigengruppen, Bezugsgruppen, Eigen- oder Fremdgruppen, Groß- oder Kleingruppen, offene oder totale Gruppen sowie formelle oder informelle Gruppen (vgl. Gukenbiehl/ Schäfers 1998, S. 121f).

Im Rahmen dieser Arbeit spielen von den vorgenannten Begriffen lediglich die Primärgruppe, sowie im späteren Verlauf die Gleichaltrigengruppe, noch eine besondere Rolle. Die übrigen Einteilungsmöglichkeiten von sozialen Gruppen wurden lediglich der Vollständigkeit halber genannt, um aufzuzeigen, dass die hier vorgestellte Bezeichnung „Primärgruppe“ nicht die einzige Möglichkeit ist, Gruppenarten voneinander zu unterscheiden.

2.2 Die Primärgruppe als besondere soziale Gruppe

Einzelnen Gruppen wie der Familie, der Spielgruppe sowie der Nachbarschaft, wird der sogenannte Primärgruppencharakter zugeschrieben, da sie „sowohl der Zeit wie der Bedeutung nach allen anderen Gruppen vorausgehen“ (König, 1974, S. 97). Dadurch, dass Kinder in engem Kontakt zu ihrem nächsten sozialen Umfeld stehen, werden sie in die Gesellschaft gewissermaßen hineinsozialisiert, da sie sich durch diese Beziehungen sozial entwickeln.

Charles H. Cooley hat 1909 in seinem Buch „A Social Organization“ als erster den Begriff der Primärgruppe geprägt. Auszugsweise heißt es in seinem Buch: “…primary groups (…) characterized by intimate face-to-face association and cooperation (…) they are fundamental in forming the social nature and ideals of the individual…” (Cooley 1963, S. 23). In Cooleys eigener Übersetzung lautet es: „Primärgruppen (...)“ sind „durch eine sehr enge unmittelbare persönliche Verbindung und Kooperation gekennzeichnet (...) Sie sind primär (...)“, da „sie fundamental an der Herausbildung der Sozialnatur und der sozialen Ideale der Individuen beteiligt sind“ (Schäfers 1999, S. 98).

Die Verbindung zu Primärgruppen hat einen sehr großen Einfluss auf die Sozialisation des Individuums, da durch häufigen Kontakt starke gefühlsmäßige Beziehungen zu diesen Gruppen aufgebaut und dementsprechend ähnliche Werte und Einstellungen entwickelt werden.

3. Die Familie – eine spezielle soziale Gruppe

3.1 Allgemeines

3.1.1 Die Familie als Primärgruppe

Jeder Mensch verbindet mit dem Thema Familie ganz besondere Bedeutungsinhalte, Erfahrungen, Hoffnungen und Wünsche. Die meisten Menschen sind in einer Familie aufgewachsen und erhalten darüber hinaus Einblick in das Familienleben von Freunden und Bekannten. Da der Familienbegriff allerdings ständigem Wandel unterliegt und man vor allem heutzutage von der „Pluralität familialer Lebensformen“ (Nave-Herz 1994, S. 8) spricht, ist es kaum möglich, eindeutig zu definieren, was man unter einer „normalen“ Familie versteht.

Grundsätzlich stellt man sich eine Familie als eine auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau mit gemeinsamer Haushaltsführung und mindestens einem (eigenen oder adoptierten) Kind vor (vgl. Hill/ Kopp 2002, S 13). Diese Elemente sind nicht in allen modernen Lebensformen, die den Anspruch auf die Bezeichnung „Familie“ erheben, enthalten, jedoch vermittelt diese Definition eine ziemlich genaue Vorstellung von der Grundstruktur einer Familie.

Darüber hinaus definiert René König die Familie folgendermaßen: „Familie als Gruppe verbindet ihre Mitglieder in einem Zusammenhang des intimen Gefühls, der Kooperation und der gegenseitigen Hilfe, wobei die Beziehungen der Familienmitglieder den Charakter der Intimität und der Gemeinschaft innerhalb der Gruppe haben“ (König 1974, S. 98).

Als Primärgruppe erfüllt die Familie eine ganz besondere Funktion. Sie ist mitunter der elementarste Bestandteil für die Persönlichkeitsbildung des Menschen, da sie normalerweise der Ort ist, wo man seine ersten sozialen Kontakte zu anderen Menschen knüpft, wo einem Individuum grundsätzliche Werte, Einstellungen und Ideale vermittelt werden und wo man sich in der Regel geborgen und beschützt fühlen kann (vgl. Bien 1996, S. 5). Zur Familie bestehen im Leben meist die wichtigsten persönlichen Beziehungen, und von ihr ausgehend schließt man sich weiteren sozialen Gruppen an. Sie ist gewissermaßen „der Pol, von dem aus die Gruppenaktivitäten der Familienmitglieder gestartet werden“ (Korte/ Schäfers 1992, S. 135).

3.1.2 Kennzeichen und Funktionen von Familien

Familien unterscheiden sich erheblich von anderen sozialen Gruppen.

Zu der eigenen Familie hat man eine sehr starke emotionale Beziehung, welche kaum mit den Gefühlen zu sonstigen Gruppen verglichen werden kann. Die Familie stellt für die meisten Menschen grundsätzlich eine feststehende Basis dar, welche als einziger Bestandteil des Lebens eine zumindest relative Kontinuität aufweist und nicht zwangsläufig dem schnelllebigen Wandel der heutigen Zeit unterliegt.

Auch die Zusammensetzung der Familie ist eine ganz andere als die sonstiger sozialer Gruppen, in denen sich meist nur gleichaltrige und gleichgeschlechtliche Mitglieder zusammenfinden. Familien sind grundsätzlich zweigeschlechtlich und zwei-generativ, da sie aus Ehemann und -frau sowie aus zwei oder mehreren Generationen, den Kindern, Eltern und ggf. den Großeltern bestehen (vgl. Korte/ Schäfers 1992, S. 135).

Ein weiteres Kennzeichen von Familien ist, dass sie sowohl eine Reproduktions- als auch eine Sozialisationsfunktion erfüllen. Sie besitzen sozusagen eine biologisch-soziale Doppelnatur, welche in anderen Gruppen nicht zu finden ist, zumindest nicht die Reproduktionsfunktion. Begründet werden Familien im Gegensatz zur Formierung sonstiger Gruppen durch das Ritual der Eheschließung. Ferner unterhalten Familienmitglieder untereinander ein einzigartiges Kooperations- und Solidaritätsverhältnis, aus dem heraus die Rollendefinitionen festgelegt werden (vgl. Nave-Herz 1989, S. 3).

Grundsätzlich lässt sich über die Familie sagen, dass sie oft der einzige Ort ist, an dem man seinen Gefühlen freien Lauf lassen und seinen Ängsten, Sorgen und Nöten Ausdruck verleihen kann, wohingegen es im sonstigen täglichen Leben meist als Schwäche gilt, seine Gefühle offen zu zeigen. Im Gegensatz zu sonstigen Lebensbereichen, wie Schule, Beruf, Gleichaltrigen-Gruppen und Vereinen, muss man sich innerhalb der Familie keine Gedanken über sein konkretes Verhalten machen, so lange es die anderen nicht verletzt oder beleidigt. Man muss folglich keine formale Rolle spielen und kann mit den übrigen Familienmitgliedern ungezwungen und spontan umgehen.

3.2 Strukturen und Mitgliederbeziehungen innerhalb von Familien

3.2.1 Gründung und Auflösung einer Familie

Familien werden nicht ad hoc ins Leben gerufen, sondern müssen sich entwickeln. Die Rekrutierung der Mitglieder erfolgt lediglich auf zwei Wegen. Zum einen wird man in eine Familie hineingeboren bzw. adoptiert und befindet sich somit in seiner Abstammungs- oder Herkunftsfamilie (vgl. Hill/ Kopp 2002, S. 14). Später heiratet man eventuell und ist unmittelbar an der Gründung einer eigenen Familie beteiligt. man unterscheidet die Gründungsanlässe „partnerbezogene Emotionalität“ und „kindorientierte Partnerbeziehung“ (vgl. Nave-Herz 1989, S. 214). Man spricht bei der kindorientierten Partnerbeziehung auch von der „selbstgegründeten Zeugungsfamilie“ (vgl. Hill/ Kopp 2002, S. 14).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Verliert die Familie im Vergleich zu anderen sozialen Gruppen immer mehr an Bedeutung?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie der Gruppe
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V37824
ISBN (eBook)
9783638370677
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verliert, Familie, Vergleich, Gruppen, Bedeutung, Soziologie, Gruppe
Arbeit zitieren
Tanja Lorenz (Autor), 2003, Verliert die Familie im Vergleich zu anderen sozialen Gruppen immer mehr an Bedeutung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37824

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