Reenactment und politisches Engagement in der Kunst. "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung..

2. El Parten ó n de libros in 1983...

3. The Parthenon of Books in 2017...

4. Ein Vergleich zwischen der Büchertempel 1983 und 2017...

5. Fazit

Quellenverzeichnis.

1. Einleitung

Seit Beginn der Kunstausstellung documenta in 1955 werden in Kassel alle fünf Jahre Werke von zeitgenössischen Künstlern gezeigt. Was anfänglich nur als Begleitprogramm zur Landesgartenschau gedacht war, entwickelte sich inzwischen zu einer der bedeutendsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst und reflektiert seit jeher aktuelle Geschehnisse der Zeit aus politischer, sozialer und gesellschaftlicher Sicht.1 Die documenta 14 in 2017 gilt bisher als Ausstellung mit den stärksten politischen Akzenten.2

Mit ihrem „Parthenon der Bücher“ zeigt die argentinische Künstlerin Marta Minujín ein Mahnmal für die Meinungsfreiheit, bestehend aus ehemals oder aktuell verbotenen Büchern an einem tempelförmigen Gerüst aus Stahl geheftet, und schließt sich damit der politischen Richtung der documenta 14 an. Obwohl es sich bei dem „Parthenon der Bücher“ um die Wiederbelebung eines Kunstwerkes von 1983 handelt, zeigt das Werk auch heute noch hochaktuelle Bezüge. Diese Form der Wiederholung des Werks wird als Reenactment verstanden und fokussiert dabei eine authentische Wiedererlebbarkeit eines historischen Ereignisses, um dieses besser verstehen zu können.3

Es stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch möglich ist, gemäß der Definition des Reenactments die genauen Hintergründe des Werks in 1983 zu erleben, da beispielsweise der Ort der Ausstellung sowie die damit verbundenen politischen Angelegenheiten sich stark unterscheiden. Bei dem Vergleich zwischen der Ausführung des Bücherparthenons in 1983 und 2017 soll untersucht werden, ob es sich um eine exakte Reproduktion des Kunstwerks handelt und inwiefern sich die politischen und sozialen Kontexte zu der Zeit der Ausstellung damals und heute unterscheiden, und welche Parallelen auffindbar sind.

2. El Parten ó n de libros in 1983

Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in Argentinien in den 70er Jahren waren miserabel. Doch nachdem das Militär die Regierung in 1976 gestürzt hatte, sollte es noch schlimmer kommen. Die neu herrschende Militärdiktatur entwickelte einen strikten Überwachungsstaat, der die Bevölkerung kontrollierte und möglichst alle Oppositionellen aus dem Weg schaffen wollte. Gegner des Staates sind entweder geflohen, oder wurden von Sicherheitskräften verschleppt, festgehalten und gefoltert, und oftmals schließlich umgebracht und in Massengräbern verscharrt oder im Fluss versenkt. Trotzdem vermehrten sich die Proteste gegen die Regierung und sorgten letztendlich dafür, dass die Machthaber den Weg zur Demokratie freigaben. Die ersten freien Wahlen im Land fanden im Oktober 1983 statt. Der neue Präsident Raúl Alfonsín sollte sozialdemokratisch orientiert sein.4

Im Zusammenhang mit der Militärdiktatur wurden nicht nur gegnerische Meinungen ausgeschaltet, sondern auch strenge Zensur in der Presse und Literatur vorgenommen. Sowohl die Werke von nationalen Literaturpreisträger, wie z.B. Pablo Neruda, Mario Vargas Llosa und Gabriel García Márquez, als auch internationale Bestseller, beispielsweise „Der kleine Prinz“, oder auch Kinderbücher wurden verboten. Es wird außerdem vermutet, dass in diesem Zusammenhang Millionen Bücher aus der verbotenen Literatur öffentlich verbrannt worden sind.5 Entsprechend sind in der Literatur möglicherweise viele Verluste entstanden, sodass viele Werke heute nicht einmal mehr bekannt sein könnten. Sofern es ihnen möglich war, setzten sich Künstler, Professoren, Schriftsteller und Journalisten ins Exil ab.6

Nach dem Ende der Militärdiktatur setzte die Künstlerin Marta Minujín mit einem überdimensionalen Kunstwerk ein Zeichen für die Meinungsfreiheit in Buenos Aires und bezog sich insbesondere auf die Zensur der Literatur in Argentinien. Die Künstlerin ist 1943 in Buenos Aires geboren und aufgewachsen, und studierte dort auch Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik. Kurz vor Beginn und während des Militärregimes hatte sie hier bereits mehrere Soloausstellungen durchgeführt.7 Später konnte sie allerdings laut eigenen Aussagen niemandem mehr sagen, dass sie Künstlerin ist und musste vorsichtig sein.8 Als Standort für El Parten ó n de libros hatte sie sich einen Platz neben einer verkehrsreichen Straße in Buenos Aires ausgesucht und dort ein 15 Meter breites und 30 Meter langes Stahlgerüst in Tempelform aufstellen lassen, um anschließend mehr als 20 Tausend Bücher an den Säulen und Fronten aufzuhängen.9 Vorbild für diese Konstruktion ist der griechische Parthenon, der als Dank für die Göttin Athena erbaut wurde, die die Stadt Athen stets schützen sollte.10 Über ein vollständiges Dach verfügte der Tempel nicht, und auch sind neben den Säulen keine weiteren Wände vorhanden.

Bei den Büchern, die am Tempel angebracht worden waren, handelte es sich ausschließlich um Werke aus der Literatur und dem Journalismus, die während der zuvor herrschenden Diktatur verboten waren, darunter beispielsweise Sigmund Freud, Karl Marx, Ernest Hemingway und Michel Foucault. Obwohl viele Bücher zwischen 1976 und 1983 verbrannt und zerstört worden waren, haben mehr als 35 verschiedene argentinische Verleger ihre Exemplare, die sie während der Militärdiktatur versteckt hatten, für das Kunstwerk gespendet. Im Dezember 1983 konnte das Kunstwerk fertiggestellt und eröffnet werden, kurz nachdem die Demokratie in Argentinien wieder einen Platz gefunden hatte.11 Schon wenige Tage nach der Eröffnung des Kunstwerkes hatte ein Kran das Metallgerüst einseitig angehoben, damit die Öffentlichkeit einen besseren Zugang zu den Büchern bekommen konnte, die dann entfernt und mitgenommen werden durften. Von den etwa

20 Tausend Büchern sind mehr als 12 Tausend mitgenommen worden, die restlichen 8 Tausend wurden an Bibliotheken gespendet, damit sie nach ihrer Verbannung erneut der Öffentlichkeit zur Verfügung standen. Damit zählt dieses Kunstwerk nicht als klassisches Monument, sondern viel mehr als ein Gemeinschaftsprojekt, das als vorübergehende Intervention angesehen wurde.12

Die Darstellung des Kunstwerks als Tempel vermittelt einen besonders nachhaltigen Eindruck, denn diese Form des Gebäudes gilt in vielen Religionen als Heiligtum. Insbesondere in der griechischen Mythologie wurde diese Gebäudeform ausgewählt, um einzelnen Personen und Göttern zu ehren. Mit dem Blick auf die Geschichte des Parthenons, das der griechischen Göttin Athena gewidmet wurde, entsteht eine weitere Assoziation mit dem Kunstwerk. Das Parthenon galt als Dank für eine Göttin, entsprechend könnte der Betrachter auf den Gedanken kommen, dass bei dem Parthenon der Bücher, der Dank für die Literatur ausgesprochen werden soll. Da es sich insbesondere auf die verbotenen Bücher während der Militärdiktatur in Argentinien bezieht, lässt sich das Kunstwerk außerdem als Friedensangebots gegenüber sämtlicher Autoren verstehen, die Teil der verbotenen Literatur waren. Der Kollektivgedanke ist ein weiterer Punkt, der nicht nur durch die kuratorischen Veranlassungen wie die Spenden und Rückgaben der Bücher entsteht, sondern durch die Gebäudeform noch weiter bestärkt wird. Denn das Parthenon stammt aus einem Land, das als „Wiege der Demokratie“ bekannt ist, und somit eine Vorbildfunktion von Griechenland deutlich gemacht wird.

[...]


1 documenta und Museum Fridericianum gGmbH: “Die documenta”, unter <https://documenta-historie.de/de> (Stand: 04.09.2017)

2 Stefan Dege/Deutsche Welle: “Die documenta. Politischer denn je”, unter <https://www.goethe.de/de/kul/bku/21025655.html> (Stand 04.09.2017)

3 Lemke, Prof. Dr. Inga: “Reinszenierung, Reenactment”, unter <https://kw.uni-paderborn.de/fach-kunst/kunstmedienaesthetik-visuelle-und-neue- medien/team/monique-breuer/aktivitaet/news/reinszenierung-reenactment-2/> (Stand: 04.09.2017)

4 bpb - Bundeszentrale für politische Bildung: “Vor 40 Jahren: Beginn der Militärdiktatur in Argentinien”, unter: <http://www.bpb.de/ politik/hintergrund-aktuell/223408/militaerdiktatur-in-argentinien> (Stand: 05.09.2017)

5 Kunath, Wolfgang: “Putsch in Argentinien. Schreckensherrscher mit Rosenkranz”, unter: <http://www.fr.de/panorama/putsch-in-argentinien- schreckensherrscher-mit-rosenkranz-a-371893> (Stand: 05.09.2017)

6 Kunath, Wolfgang: “Putsch in Argentinien. Schreckensherrscher mit Rosenkranz”, unter: <http://www.fr.de/panorama/putsch-in-argentinien- schreckensherrscher-mit-rosenkranz-a-371893> (Stand: 05.09.2017)

7 Minujín, Marta: “Biography”, unter: <http://www.marta-minujin.com/biography.html#> (Stand: 05.09.2017)

8 Fraschke, Bettina: “documenta: Künstlerin erklärt Hintergründe ihres Werks “Parthenon der Bücher””, unter: <https://www.hna.de/kultur/ documenta/documenta-marta-minujn-erklaert-parthenon-buecher-6871913.html> (Stand: 05.09.2017)

9 Candela, Iria: “Marta Minujín. The Parthenon of Books. 1983”, unter: <http://www.tate.org.uk/art/artworks/minujin-the-parthenon-of-books- t14343> (Stand: 05.09.2017)

10 Wikipedia - Die freie Enzyklopädie: “Parthenon”, unter: <https://de.wikipedia.org/wiki/Parthenon> (Stand: 06.09.2017)

11 Candela, Iria: “Marta Minujín. The Parthenon of Books. 1983”, unter: <http://www.tate.org.uk/art/artworks/minujin-the-parthenon-of-books- t14343> (Stand: 05.09.2017)

12 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Reenactment und politisches Engagement in der Kunst. "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Kunst / Musik / Textil)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V378279
ISBN (eBook)
9783668556164
ISBN (Buch)
9783668556171
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marta Minujín, Pantheon of books, Büchertempel, Documenta14, documenta, Kassel, Moderne Kunst, Reenactment, Reinszenierung, Argentinien, Bücher, Books, Vergleich
Arbeit zitieren
Anna Dierks (Autor), 2017, Reenactment und politisches Engagement in der Kunst. "Parthenon der Bücher" von Marta Minujín, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378279

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