Paul Rubens Freundschaft zu Aby M. Warburg und sein Schattendasein in der Wissenschaftsgeschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Forschungsstand und Rezension

2. Kurze Biografie des Gelehrten Paul Ruben

3. Aby Warburg und Paul Ruben - Gelehrte, Juden und Freunde
3.1 Judentum, jüdisch sein, Judenhass
3.2 Militärisches Dienstjahr und zu welcher Seite gehörst du?
3.3 Assimilation durch Bildung - Wissenschaft verbindet

4. Die Briefe und ein Fazit

Literatur

Einleitung

„Wir haben uns wohl doch so manches zu erzählen und ich sehne mich ordentlich darnach, über möglichst gleichgültige Dinge mich möglichst philosophisch mit Dir zu kabbeln.“1

Diese Zeilen schrieb Paul Ruben 1896 aus London an seinen Freund Aby M. Warburg. Es ist ein Fragment einer langjährigen Freundschaft, die von enormer Wichtigkeit für den ins Vergessene geratene Paul Ruben ist. Ohne diese beständige Freundschaft und die Verbindung zur Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg in Hamburg wüssten wir wahrscheinlich heute sehr wenig von ihm und seiner Biografie. In der Warburg Literatur taucht er marginal auf als bekannter Alttestamentler2, kompetenter Diskussionspartner von Aby Warburg oder fälschlicherweise als promovierter Bibliothekar3. Er war ein Außenseiter, den das Schicksal des Vergessenen in der Wissenschaft ereilte. Die Rekonstruktion seines Lebens ist vor allem über die Freundschaft und dessen Austausch herzustellen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Biografie Paul Rubens und vor allem mit der ihn zu Aby Warburg verbindenden Freundschaft. Warburg ist der Schlüssel um die Person Paul Ruben und sein Scheitern zu dokumentieren. Durch Parallelen und Unterschiedlichkeiten im Lebensverlauf beider Personen lässt sich ein Bild von Paul Ruben und seinem Verhältnis zum Kunstwissenschaftler Aby Warburg darstellen. Die gegenseitige Beeinflussung steht im Mittelpunkt dieser Betrachtung der besonderen Freundschaft. Wer war Paul Ruben und warum ist er so in Vergessenheit geraten? Des Weiteren gilt es zu untersuchen, wie die Beziehung der beiden Gelehrten sich auf ihr Leben auswirkte. Über Paul Rubens Biografie lassen sich erste Verbindungen zu Aby Warburg herstellen. Durch die genauere Betrachtung von Religion, Militär und Bildung werden die Verknüpfungen deutlicher. Diese Themen waren ausschlaggebend für den Assimilationsprozess und die Identitätsfindung junger deutscher Juden im deutschen Kaiserreich und bilden die Ausganslage über die Reflektion der Gelehrtenfreundschaft zwischen Aby M. Warburg und Paul Ruben.

1. Forschungsstand und Rezension

Hauptwerk der vorliegenden Arbeit ist die erste intellektuelle Biografie über Paul Ruben. Björn Biester ist es mit „Der innere Beruf zur Wissenschaft: Paul Ruben (1866-1943)“ gelungen, eine monographische Untersuchung einer „Randfigur“ der jüdischen Wissenschaft zu entwickeln, welche bis heute ein Schattendasein fristet. Des Weiteren war der Beitrag: „Paul Ruben und Aby M. Warburg. Porträt einer Freundschaft“4, ebenfalls von Björn Biester, sehr hilfreich und aufschlussreich. Zu Religionsfragen, welche eine Verbindung beider Gelehrten darstellt, war das Werk von Charlotte Schoell-Glass „Aby Warburg und der Antisemitismus: Kulturwissenschaft als Geistespolitik.“5 eine große Bereicherung. Es war dahingehend sehr hilfreich, um die unterschiedlichen Glaubensfragen heraus zu arbeiten und zu vergleichen. Die Forschung um die Person Paul Ruben weist enorme Mängel auf, da dieser in den bekannten Warburg Biografien und auch anderen Werken über jüdische Gelehrte keine Erwähnung findet. Dazu kommt, dass sich weder ein wissenschaftlicher Nachlass Rubens, noch ein Anzeichen über seine Besitztümer oder seine Bibliothek ausmachen lässt.

Vor allem die Freundschaft mit dem Bild- uns Kunstwissenschaftler Aby Warburg und der Literatur zu seiner Person machten es Biester möglich, das Portrait des Paul Ruben nieder zu schreiben. Ebenso die Recherche mit Archivmaterialien und viele mündliche Überlieferungen von Angestellten des Warburg Instituts brachten Informationen ein. Biester weist durch seine Abhandlung zahlreiche Defizite der Warburg Forschung nach, registriert Michael Thimann6 und stellt wissenschaftshistorische und ideengeschichtliche Verknüpfungen zwischen den beiden Gelehrten her. Er nennt das Buch ein „vorbildliches methodisches Paradigma für eine zeitgemäße Gelehrtenbiographie“7. Im Anhang des Buches findet man eine umfangreiche Briefsammlung, die hier erstmals editiert ist und durch Biester mit einem Kommentar versehen wurde. Diese Briefe geben Zeugnis über die Lebenswelt Paul Rubens und anderer Persönlichkeiten aus Warburgs Umfeld. Vor allem die Briefe von Paul Ruben an Aby Warburg geben Aufschluss über das Freundschaftsverhältnis der beiden aber auch über ihre Meinungsverschiedenheiten. Biester bettet die wenigen Lebensspuren in größere Zusammenhänge ein und schafft eine Parallelbiografie.8 Da Björn Biester keinerlei Kenntnisse in klassischer und hebräischer Philologie aufweist, fällt es schwer, den Erläuterungen über die textkritische Arbeit Rubens zu folgen. Dies schreibt auch Roland Kany und konstatiert, dass es keine idealen Voraussetzungen sind, um einen Mann wie Ruben zu verstehen und rehabilitieren zu können.9

2. Kurze Biografie des Gelehrten Paul Ruben

Es bedarf einer Untersuchung des Lebenslaufs Paul Rubens und dessen Verknüpfungspunkte mit Aby Warburg, um Rückschlüsse auf die Freundschaft schließen zu können.

Paul Ruben wurde am 15. März 1866 als Sohn des Kaufmanns und Wechselmaklers David Ruben und seiner Ehefrau Mathilde in Hamburg geboren. Er war das Älteste von 8 Kindern und trotz wohlhabender Familienverhältnisse starben zwei seiner Geschwister. Die Familie Ruben gehörte zum sozial aufstrebenden jüdischen Bürgertum Hamburgs, für die religiöse Werte genauso wichtig waren wie soziale Anerkennung und die kulturelle Angepasstheit an die deutsche Gesellschaft. Er wurde demnach in eine, für die Zeit moderne und intellektuelle, aufgeklärte Familie hinein geboren.

Seine Kindheit und Jugend verbrachte er im Zentrum der Hamburger Neustadt, wo er mit seiner Familie am Großneumarkt Nr. 40 wohnte.10 Ab 1872 besuchte er die konservative Talmud Tora Schule, die als erste jüdische Schule in Deutschland galt und moderne Bildung mit traditionellem Judentum verband. Bildung war in der Familie Ruben essentiell und diesbezüglich verstanden sich die Eltern als Förderer der Schule. Im Jahr 1880 wechselte er in die 9. Klasse der Gelehrtenschule des Johanneums und absolvierte im Frühjahr 1885 sein Abitur. Der Besuch dieser protestantischen Schule ermöglichte dem jungen Paul, das erste Mal außerhalb des jüdischen Lebenskreises zu agieren. Dort wurden Gedanken einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung, der Reformation und des humanistischen Bildungsgutes vermittelt.11 Ebenso prägten diese fortschrittlichen Gedanken den jungen Aby M. Warburg, der jedoch durch Krankheit ein Schuljahr verloren hatte und das Abitur 1886 absolvierte. Nach dem Abitur begann Paul Ruben ein Studium der klassischen Philologie in Breisgau, wechselte aber schon nach einem Jahr nach Bonn. Dort war er einer der wenigen Studenten des philologischen Seminars bei Hermann Usener, der ihn maßgeblich beeinflusste. Mit einer philologisch- religionswissenschaftlichen Arbeit, ganz im Stile Useners, promovierte er 1892 mit dem Titel „Excerpta ex Theodoto“ über Clemens von Alexandrien. Trotz seiner Skepsis gegenüber dem Militarismus verschlug es ihn zum Militärdienst nach Karlsruhe, wo auch Aby Warburg und John Herzt ihren Dienst leisteten. Danach schien die Wissenschaft und das Ausland zu locken und es folgte ein Bildungs - und Forschungsaufenthalt in Großbritannien. Dort lag sein Hauptaugenmerk auf der Forschung der Texte aus der Bibel, insbesondere des Alten Testaments. Er veröffentlichte textkritische, philologisch orientierte Aufsätze unter dem Titel „Critical Remarks“ im Jahre 1896. Ab 1900 brach sein Schaffensdrang ab und er widmete sich seiner Münzsammlung. Er heiratete 1906 Hilda Rachel Levy in einer Londoner Synagoge, aber diese Ehe hielt nur ein Jahr. Das Scheitern dieser Ehe schien 1907 der Anlass zu sein, nach Hamburg zurück zu kehren und als Privatgelehrter zu arbeiten. Der Versuch Aby Warburgs, ihn am öffentlichen akademischen Leben zu beteiligen, scheiterte. Das Angebot Sommerkurse zu geben, die zur Gründung der Universität in Hamburg beitragen sollten, lehnte er ab.

Im Jahre 1908 werden in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg erste Assistenten eingestellt, so auch Paul Ruben. Er wurde als Kommissionsmitglied für die Zukunftskonzepte der K.B.W. vorgeschlagen und konnte sich dadurch besser finanzieren. Ab 1931 war Ruben fester Angestellter der Bibliothek und zuständig für das Zugangsverzeichnis und den Desideratenkatalog. Nachdem fast die komplette Bibliothek 1933 nach London verschifft wurde, blieb er als letzter Repräsentant zurück. Er fungierte als Verbindungsbeamter zwischen London und Hamburg und stand in regem Briefkontakt mit den Beamten und Freunden Gertrud Bing und Fritz Saxl in London. Der Versuch nach Dänemark zu emigrieren bei Kriegsausbruch 1939, scheiterte und er musste in ein Judenhaus umziehen. Sein schlechter Gesundheitszustand rettete ihn 1942 vor der Deportation nach Theresienstadt und er starb 1943 einsam in Hamburg.

3. Aby Warburg und Paul Ruben - Gelehrte, Juden und Freunde

In diesem Abschnitt werden die gemeinsamen Lebensabschnitte der beiden Hamburger verglichen und, wie sie sich dadurch maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst haben. Beide wuchsen in wohlhabenden renommierten Hamburger Familien auf, die es zu gewissem Ruhm über den Kreis der jüdischen Gemeinschaft hinaus gebracht hatten. Der Bildungsweg lässt sich ähnlich nachzeichnen, nur dass der von Paul Ruben traditioneller verlief, da er schon vor der Schule hebräisch im eigenen Haus lernte. Darüber hinaus war er der Sprache und ihrer Erforschung sehr angetan. Auch was die theologische und sprachliche Kompetenz im Umgang mit dem Bibeltext oder dem Talmud anging, konnte Paul erheblich mehr Gefallen daran finden und war auf diesem Gebiet von Beginn an besser. Sie besuchten dieselben Schulen in Hamburg und wurden demnach auch Freunde, was sich aus späteren Briefen ableiten lässt. Vor allem in philosophischen Fragen stand Paul Ruben dem jungen Aby gern zur Seite.

„ […] ich bin ja eigentlich ein abgeleiteter Hegelianer, da ich als etwa 14-15jähriger Junge an den frommen Sonnabenden, mit Paul Ruben, der ein wirklicher Hegel Kenner ist, Hegel auf dem Mittelweg (Warburg wohnte in dieser Straße mit seiner Familie seit 1870) lustwandelnd traktierte.“12

Durch das Studium an der Bonner Universität erfuhr die Freundschaft einen höheren Stellenwert und wurde von beiden sehr geschätzt. Nicht nur durch eine gemeinsame Wohnung, sondern vor allem durch die Mitgliedschaft im sogenannten „Hamburger Kreis“, einem losen Zusammenschluss von relativen Außenseitern, denen beide angehörten. Da Aby Warburg 3 Semester später bei Hermann Usener anfing zu studieren, führte ihn Ruben in den Kreis ein. Aus dem Brief von Ruben an Warburg vom 6. Oktober 1887 wird anhand der Anrede „mein lieber Leibfuchs“ und der Verabschiedung „Mit herzlichem Gruss/Dein treuer Leibbursch/Paul Ruben“13 deutlich, dass Warburg als Neuankömmling dem „Burschen“ unterstellt war. Aufgrund der Quellenlage ist es heute nicht nachvollziehbar, wie weit Warburg sich diesen pseudo-burschenschaftlichen Gebräuchen anpasste. Diese Rangordnung scheint normal gewesen zu sein in einem akademischen Kreis, jedoch ist es interessant zu sehen, wie sich durch diese Verbindung der Einfluss Rubens auf Warburg in den frühen Studienjahren manifestierte, sich dieses jedoch später komplett wandeln sollte.

3.1 Judentum, jüdisch sein, Judenhass

Die Zeit im Studium, im Besonderen mit dem „Hamburger Kreis“, der Ideenaustausch, die Kneipenbesuche und das Feste feiern, ergaben eine enge Freundschaft zwischen Paul und Aby. Es war aber auch eine Zeit der Identitätsbildung des Einzelnen und der Gruppe. Vor allem da zu der Zeit Nationalismus und Anfeindungen den Alltag zunehmend bestimmten. Durch die gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Tendenzen in diesen Jahren wurden Juden nach und nach zu Außenseitern. Dies tangierte Aby Warburg sehr stark und er suchte sich seinen eigenen „ selbstgewählten Platz“14 in der Gesellschaft. Die Ablehnung der eigenen Religion und dessen Bräuche lassen sich heute anhand vieler Briefe nachweisen. Angefangen mit den rituellen Speisevorschriften. Diesen Prozess der Emanzipation erlebte Paul Ruben als enger Freund mit und versuchte ihm beratend zur Seite zu stehen. In dieser Zeit begann die intensive Auseinandersetzung Warburgs mit seiner jüdischen Herkunft. „Warburg lehnte sich gegen die Konventionen und Erwartungen seiner Familie auf, etwa was das Einnehmen eines koscheren Mittagessens in einem - aus seiner Sicht - `schmierigen` Restaurant betraf.“15 Paul hingegen ging weiter in diese bezeichneten Restaurants und verfolgte die Regeln des jüdischen Glaubens strickt. Die Familie Warburgs, besonders die Mutter, sah in Paul Ruben ein Vorbild für den Sohn und erhoffte sich einen guten Einfluss. Aby Warburg blieb standhaft in seiner Ablehnung und entzog sich dem Einfluss des Freundes, was in einem schlechten Gewissen resultierte.

Björn Biester belegt anhand einer italienischen Quelle, dass Aby so abgeneigt war von Paul und seinem Auftreten, dass er regelrecht vor ihm fliehen wollte.16 In einer italienischen Biografie konstatiert Francesca Cernia Slovin Abys Verhältnis zu Ruben:

„Er bewahrte sich seit seinen ersten Jahren an der Universität eine klare Erinnerung an die Gewissensbisse wegen seiner Flucht vor Paul Ruben. Paul nahm zuviel Anteil an der familiären Welt, mit der er rang, um der Freund bleiben zu können, der er seit seiner Kindheit gewesen war.“17 Daraus lässt sich ein gespaltenes Verhältnis der beiden ablesen, wobei unklar bleibt, ob Ruben von der Abneigung seines Freundes wusste. In einem Tagebucheintrag Aby Warburgs wird diese Abneigung noch deutlicher und es kommt zu einer unfreundlichen Beschreibung des Studienfreundes Paul Ruben:

„Als erstes weigerte er sich, mit den Speisevorschriften zu brechen, auferlegt von der Familie und fuhr fort in jenem schmierigen koscheren Restaurant zu speisen, in welchem Aby nicht einmal mehr den Geruch riechen wollte. Und dann hatte er ein so vernachlässigtes Äußeres, immer die Kippa auf dem Kopf, mit der Haarnadel im roten Haar befestigt, die Fingernägel ungepflegt, der Blick kurzsichtig und abwesend. Er war so streng geworden in der Befolgung der Traditionen, daß kein Raum mehr blieb für Zweifel oder Fragen.“18

Björn Biester versucht diese „antijüdischen Konnotationen“19 Warburgs Verfassung zuzuschreiben, da der Zwiespalt zwischen Familie, Freunde und Religion ein nicht zu verdenkendes Problem darstellte. Durch diese Aussage Warburgs lässt sich erkennen, dass in den Studentenjahren die Vorbehalte gegenüber der eigenen Glaubensgemeinschaft wuchsen, welche sich in seinem weiteren Leben auf die wissenschaftliche Arbeit ausbreiten sollten. Später setzt sich Warburg intensiv mit der Frage auseinander: Was ist die Ursache des Judenhasses?

Obwohl dieses Bild, welches er von Paul Ruben skizzierte, ebenso eine Art Hass impliziert. Ein Hass gegen das religiös geprägte Leben und seinen Konventionen, derer sich ein eigentlich guter Freund weiter hingibt. Paul Ruben bleibt ihm treu, man mag vermuten, dass er von der Abneigung gegenüber seiner Person nichts wusste, jedoch ist ihm klar, wie es um seinen Freund Aby und dessen Verhältnis zum „jüdisch-Sein“ steht. Vor allem um Abys Angst bezüglich der Stellung in deutschen Gelehrtenkreisen. Im Jahre 1895, ein Jahr nachdem Paul Ruben nach Großbritannien aufbrach, lädt er seinen Freund ein, ihn in London zu besuchen.

„[…], Du weißt, wie seelenfroh ich wäre Dich dort (London) zu sehen und so lange und so oft wie möglich. Dir wird es wohl thun mal unter Leuten zu leben, denen es egal ist, ob Du gross und blond oder klein und schwarz bist, und nicht unter den - wenigstens mir aus der Ferne - ekelhaften Romanen.“20 Hier wird deutlich, dass Ruben versucht, den Freund aus seiner Gewissensmisere, hinaus zu verhelfen, indem er ihn einlädt, mal etwas Anderes als Rassenlehre zu erleben. Trotz der Ambivalenz und der Komplikationen aufgrund der frühen Auseinandersetzungen um die Bewertung der jüdischen Lebensführung blieb die Freundschaft bestehen und Warburg holte den Rat Rubens immer wieder ein. Die Freundschaft gewann an Qualität, wenn Paul Ruben seinem Freund mit religiösen - jüdischen Ratschlägen zur Seite stehen konnte. Aby Warburg heiratete 1897 eine protestantische Senatorentochter, Mary Hertz, und es wurde darüber ermessen, in welchem Glauben die zukünftigen Kinder erzogen werden sollten, was bei einer gemischt-konfessionellen Eheschließung damals verbindlich war. Aby lehnte es entschieden ab, seine zukünftigen Kinder als Juden zu erziehen und somit die Jungen beschneiden zu lassen. Dieser Gedanke missfiel der Familie Warburg, da sie die Bewahrung der Familientradition in Gefahr sahen. Bruder Max und Paul Ruben wurden um Rat gefragt.

Aby war sich bewusst, dass er sich in solch heiklen Fragen auf das Urteil seines Freundes verlassen konnte, ohne seine Ratschläge annehmen zu müssen. Andererseits konnte er nicht auf Verständnis hoffen, da Paul Ruben vom ungebrochenen Elitebewusstsein der Familientradition geprägt war und Konventionen sehr wichtig für ihn waren. Warburgs Argument, die Beschneidung sei ein barbarischer Akt, wies Paul Ruben mit folgendem Argument zurück:

„ Was die „Barberei“ der h. Handlung angeht, so kann ich nicht ganz einstimmen. Unter der gebildeten christlichen Einwohnerschaft von Oxford ist gut die Hälfte aller Jungens beschnitten. […] Wenn die gebildetste Stadt einer „Culturnation“ das nicht so schrecklich findet - meinetwegen aus sanitären Gründen - dann brauchen wir uns nicht so sehr darüber erschrecken, wenn es aus andren respectablen Gründen gefordert wird.“21

Es muss außer Acht gelassen werden, woher Paul Ruben wissen konnte, wie viele Jungen in Oxford beschnitten waren. Gleichwohl zeigt es Verständnis mit der Situation des Freundes Warburg. Bei sämtlichen Problemen religiöser Art übernahm er eine vermittelnde Position. Durch diese Episode gewann die Rolle Paul Rubens an maßgeblicher Bedeutung, da er Warburg sehr viel über das Judentum beibrachte und ein Leben lang Ansprechpartner in diesen Fragen war. Paul Ruben ist eine Art „Kronzeuge“ für Warburgs lebenslange Auseinandersetzung mit dem jüdischen Glauben.22

3.2 Militärisches Dienstjahr und zu welcher Seite gehörst du?

Die Spannungen zwischen Paul Ruben und Aby Warburgs Freundschaft bestanden nicht nur durch die Auseinandersetzung mit den kontroversen Grundfragen des jüdischen Glaubens. Der Militärdienst und die politische, militärische Stellung Englands gegenüber Deutschlands sorgten für Meinungsverschiedenheiten.

[...]


1 Paul Ruben an Aby Warburg. London, 20. August 1896.Briefanhang. In: Biester, Björn. Der Innere Beruf zur Wissenschaft: Paul Ruben (1866 - 1943): Studien zur deutsch-jüdischen Wissenschaftsgeschichte; Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels mit Aby M. Warburg, Hermann Usener, Ludwig Binswanger, Fritz Saxl, Gertrud Bing, Alfred Vagts, Hans Meier, Fritz M. Warburg Und Carl A. Rathjens. Berlin ; Hamburg: Reimer, 2001, S. 213.

2 Vgl. Roeck, Bernd. Der Junge Aby Warburg. München: Beck, 1997

3 Vgl. Joist Grolle: Bericht von einem schwierigen Leben. Walter Solmitz (1905 bis 1962).Schüler von Aby Warburg und Ernst Cassirer. Berlin/Hamburg 1994.

4 Paul Ruben und Aby M. Warburg. Porträt einer Freundschaft. In: Politische Gesellschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Festgabe für Barbara Vogel. Hrsg. von H. Albrecht, G. Boukrif, C. Bruns und K. Heinsohn. Hamburg 2006

5 Schoell-Glass, Charlotte. Aby Warburg und der Antisemitismus: Kulturwissenschaft als Geistespolitik. Orig.Ausg. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl., 1998.

6 Thimann, Michael. Björn Biester: Der innere Beruf zur Wissenschaft: Paul Ruben.In: Journal für Kunstgeschichte 6, 2002, Heft 1 .Die Internationale Rezensionszeitschrift. Regensburg: Schnell und Steiner, S.5.

7 Ebd. S. 6

8 Kany, Roland. Im Schatten Aby Warburgs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2002, Nr. 120, S.46.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Biester, Björn. Der Innere Beruf Zur Wissenschaft: Paul Ruben (1866 - 1943): Studien Zur Deutsch- jüdischen Wissenschaftsgeschichte; Mit einem Anhang: Edition und Kommentierung des Briefwechsels mit Aby M. Warburg, Hermann Usener, Ludwig Binswanger, Fritz Saxl, Gertrud Bing, Alfred Vagts, Hans Meier, Fritz M. Warburg und Carl A. Rathjens. Berlin ; Hamburg: Reimer, 2001.

11 Kreft, Christine. Adolph Goldschmidt Und Aby M. Warburg: Freundschaft und kunstwissenschaftliches Engagement. Weimar: VDG, 2010, S.35.

12 Aby Warburg an Mary Warburg, 2.November 1928; vgl. Biester 2001, S.11.

13 Vgl. Biester 2001, Briefe, S. 200-202.

14 Vgl. Biester 2001.

15 Warburg an seine Mutter, Bonn, 26. Januar 1887; abgedruckt in Schoell-Glass: Aby Warburg und der Antisemitismus: Kulturwissenschaft als Geistespolitik. Orig.-Ausg. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl., 1998, S. 253ff.

16 Vgl. Biester 2001, S. 65.

17 Slovin, Francesca Cernia: Aby Warburg. Un banchiere prestato all` arte. Biografia di una passione. Venedig 1995. S. 66f. Übersetzt von Björn Biester, Der innere Beruf zur Wissenschaft S. 65-66.

18 Slovin, Francesca Cernia: Aby Warburg. Un banchiere prestato all` arte. Biografia di una passione. Venedig 1995. S. 66f. Übersetzt von Björn Biester, Der innere Beruf zur Wissenschaft, S.67

19 Vgl. Biester 2001, S. 66.

20 Ebd., Paul Ruben an Aby Warburg, 24.09.1895. Briefanhang S. 210.

21 Paul Ruben an Aby Warburg, 24. April 1897 abgeduckt in: Biester, Björn. Paul Ruben und Aby M. Warburg. Porträt einer Freundschaft. In: Politische Gesellschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Festgabe für Barbara Vogel. Hrsg. von H. Albrecht, G. Boukrif, C. Bruns und K. Heinsohn. Hamburg 2006, S. 309-320.

22 Vgl. Ebd. S. 309.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Paul Rubens Freundschaft zu Aby M. Warburg und sein Schattendasein in der Wissenschaftsgeschichte
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V378484
ISBN (eBook)
9783668557734
ISBN (Buch)
9783668557741
Dateigröße
907 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paul Ruben, Freundschaft, Aby M. Warburg, Schattendasein, Wissenschaftsgeschichte
Arbeit zitieren
Nicole Krosch (Autor), 2016, Paul Rubens Freundschaft zu Aby M. Warburg und sein Schattendasein in der Wissenschaftsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378484

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