Nachrichtenfaktoren in Theorie und Praxis

Eine Analyse über kulturabhängige Nachrichtenfaktoren im Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie Boulevard- und Qualitätsjournalismus


Bachelorarbeit, 2017

90 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Nachrichtenwerttheorie
2.1.1 Forschungstraditionen der Nachrichtenwerttheorie
2.1.1.1 Amerikanische Forschungstradition nach Lippmann
2.1.1.2 Europäische Forschungstradition nach Östgaard, Schulz, Galtung und Ruge
2.2 Nachrichtenfaktoren (nach Galtung & Ruge)
2.2.1 Kulturunabhängige Nachrichtenfaktoren
2.2.2 Kulturabhängige Nachrichtenfaktoren
2.3 Verwandte Modelle der Nachrichtenforschung
2.3.1 Gate-Keeper Forschung
2.3.2 News Bias

3. Methodik
3.1 Forschungsfragen und Hypothesen
3.1.1 Forschungsfrage 1
3.1.2 Forschungsfrage 2
3.1.3 Forschungsfrage 3
3.1.4 Forschungsfrage 4
3.2 Titelseite als Gegenstand der Analyse
3.3 Auswahl der Medien
3.3.1 Historische Medien
3.3.2 Zeitgenössische Medien
3.4 Einteilung der Medien in Boulevard- und Qualitätsmedium
3.4.1 Exkurs: Unterscheidung zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus
3.4.1.1 Boulevardjournalismus
3.4.1.2 Qualitätsjournalismus
3.4.2 Einteilung
3.4.2.1 Illustrierte Kronenzeitung
3.4.2.2 Neue Kronenzeitung
3.4.2.3 Wiener Bilder Zeitung
3.4.2.4 Der Spiegel
3.4.2.5 Die Zeit
3.4.2.6 Vossische Zeitung
3.5 Kategorisierung & Ausprägung der zu behandelnden Nachrichtenfaktoren
3.5.1 „Negativität“
3.5.2 „Personalisierung“
3.5.3 „Bezug zu Elite Personen“
3.5.4 „Bezug zu Elite Nationen“
3.5.4.1 Elite Nationen 1920-22
3.5.4.2 Elite Nationen 2014-16
3.6 Ergebnisse
3.6.1 Forschungsfrage 1
3.6.2 Forschungsfrage 2
3.6.3 Forschungsfrage 3
3.6.4 Forschungsfrage 4

4. Fazit

5. Anhang: Tabellarische Darstellung der Analyse
5.1 Analyse „Illustrierte Kronen Zeitung“
5.2 Analyse „Neue Kronen Zeitung“
5.3 Analyse „Der Spiegel“
5.4 Analyse: „Vossische Zeitung“
5.5 Analyse „Wiener Bilder Zeitung“
5.6 Analyse „Die Zeit“

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetverzeichnis

1. Einleitung

800 Meldungen und 1000 Fotos strömen jeden Tag allein aus der dpa (Deutschen Presseagentur) in deutsche Redaktionen.[1] Hinzu kommen über 450 Meldungen der internationalen Nachrichtenagentur „reuters“, 250 der amerikanischen „associated press“ und immerhin noch ca. 220 Berichte der französischen „agence france press“.[2] Hier noch nicht einmal genannt sind Nachrichten kleinerer Agenturen und Nachrichten, die eigens aus der Redaktion recherchiert wurden. Verstärkt wird all das noch vom Internet, wo jeder Laie via Twitter oder Facebook Beobachtungen festhalten und verbreiten kann. Dabei handelt es sich bei all den Meldungen lediglich um eine kleine Auswahl dessen, was in der Welt passiert.

Journalisten sehen sich also einer schier unendlichen Flut an Informationen ausgesetzt. Sie können nicht im entferntesten die Welt in ihrer ganzen Komplexität abbilden, sie können dem Leser lediglich eine kleine Auswahl präsentieren. Doch nach welchen Kriterien treffen sie aus dieser Fülle an Meldungen ihre Auswahl? Anders gesagt: wann wird aus einer Information eine Nachricht?

Mit dieser Frage beschäftigen sich nun seit fast einem ganzen Jahrhundert Wissenschaftler aus dem Bereich der Nachrichtenforschung. Mehrere Erklärungsmodelle ziehen persönliche, sozio-psychologische Faktoren wie beispielsweise Erfahrungen und Weltanschauungen als Argumentation für die Selektionskriterien von Journalisten heran. Eine weitere Erklärung dafür bietet die sogenannte Nachrichtenwerttheorie. Sie führt die Entscheidung zur Publikation einer Nachricht auf bestimmte Eigenschaften von Ereignissen zurück. Nicht (nur) die subjektive Auswahl des Journalisten, sondern (quasi objektive) Eigenschaften eines Ereignisses bestimmen nach diesem Erklärungsmodell, was berichtet wird und was nicht. Überraschung, Personalisierung, Elite und Negativität sind nur vier der in der Theorie benannten Eigenschaften, die eine Nachricht für den Journalisten interessant machen.

Die Relevanz dieser Nachrichtentheorie verdeutlicht ein Journalist, der in einem Artikel vor ein paar Jahren verlauten ließ: „wenn mir eine der vielen Theorien der Kommunikationswissenschaften in Erinnerung geblieben ist, dann ist es die Nachrichtenwerttheorie.“ [3] Diese Feststellung hat sicherlich einerseits damit zu tun, dass diese Theorie sehr griffig, einleuchtend und praxisnahe erscheint. Andererseits vielleicht auch damit, dass die Theorie gerade einem Wandel unterliegt. Durch das Internet werden Nachrichten nicht mehr ausschließlich von ausgebildeten Journalisten geliefert, über Twitter und Facebook strömen von allen Seiten Informationen auf den Rezipienten ein. Das führt zum Verdacht, dass der Wert von Nachrichtenfaktoren veränderbar ist und einem zeitlichen Wandel unterliegt. Gefühlt haben einzelne Faktoren heute eine andere Bedeutung als früher. Doch in der Fachliteratur gibt es kaum Untersuchungen, die sich mit dem Wandel von Nachrichtenfaktoren beschäftigen. Bei der Recherche über den Wandel von Nachrichtenfaktoren fiel auch stark auf, dass es große Unterschiede auch zwischen Qualitäts- und Boulevardjournalismus gibt. Was die Relevanz von bestimmten Nachrichtenfaktoren zwischen den unterschiedlichen Gattungen betrifft, geben wissenschaftliche Arbeiten, zumindest im deutschsprachigen Raum, bisher auch wenig her.

Die Motivation, eine quantitative Analyse diesbezüglich zu erarbeiten, liegt nun darin, neue Erkenntnisse im Bereich der Nachrichtenwertforschung zu erhalten.

Ob sich die Bedeutungen von bestimmten Nachrichtenfaktoren im Laufe der Zeit verändern oder ob sie eine allgemeine, zeitlose Gültigkeit haben, wie sich die einzelnen Nachrichtenfaktoren zueinander verhalten, und ob es Unterschiede zwischen Qualitätsmedien und Boulevardzeitungen gibt, all dem soll diese Arbeit nun auf den Grund gehen.

Doch bevor die Ergebnisse der Analyse präsentiert werden, gibt die Arbeit einen Überblick über die wichtigsten Forschungen und Entwicklungen im Bereich der Nachrichtenwerttheorie.

2. Theorie

2.1 Nachrichtenwerttheorie

Journalisten werden heutzutage mit einer großen Flut an Informationen konfrontiert, die sie systematisieren müssen, um berichtenswerte Ereignisse zu filtern. Doch nach welchen Kriterien berichten Massenmedien über dieses und nicht über jenes Ereignis? Diese anfangs naiv anmutende Frage beschäftigt Wissenschaftler nun fast schon ein gesamtes Jahrhundert.

Die Präferenzen von Journalisten und Rezipienten werden seit langem in der Nachrichtenforschung mit Hilfe des Konzepts des Nachrichtenwerts und der Nachrichtenfaktoren untersucht. In der scheinbar unendlichen Fülle von Ereignissen in unserer Umwelt sind Journalisten und Nachrichtenproduzenten gezwungen, die Flut der Informationen vor der Weiterverarbeitung zu reduzieren und eine Auswahl zu treffen. Von welchen Auswahlkriterien sie sich dabei leiten lassen, ist Untersuchungsgegenstand der Nachrichtenwertforschung.[4] In der Nachrichtenwertforschung ist das Konzept der Nachrichtenfaktoren in den vergangenen vier Jahrzehnten häufig empirisch überprüft und dabei ständig erweitert worden.[5] Im Folgenden werden die wichtigsten Entwicklungen der Nachrichtenwerttheorie kurz dargestellt.

2.1.1 Forschungstraditionen der Nachrichtenwerttheorie

2.1.1.1 Amerikanische Forschungstradition nach Lippmann

Der Grundgedanke der heutigen Nachrichtenwerttheorie wurde erstmals von Walther Lippmann in seinem Buch „public opinion“ formuliert. „All the reporters in the world working all the hours of the day could not witness all the happenings in the world.“[6] Mit dieser Aussage will er verdeutlichen, dass die Wirklichkeit bzw. die Umwelt, die uns umgibt, zu komplex ist, um sie in ihrer kompletten Fülle zu erfassen. Journalisten unterliegen also demselben Dilemma wie alle anderen Menschen auch. Es besteht ein Zwang zur Reduktion der Informationsvielfalt. Denn nur ein Bruchteil der täglichen globalen Geschehnisse kann tatsächlich zur Nachricht werden. Lippmann stellte sich die Frage, welche Kriterien Ereignisse erfüllen müssen, damit Journalisten sie aufgreifen und zu Nachrichten machen. In diesem Kontext führt der Autor erstmals den Begriff des „news value“ ein. Unter dem Begriff „news value“, zu Deutsch Nachrichtenwert, versteht er die Publikationswürdigkeit von Ereignissen, die sich aus der Kombination von Merkmalen ergeben, welche die Journalisten den Ereignissen zurechnen.[7] Lippmann nennt zehn Elemente, die seiner Ansicht nach den Nachrichtenwert bestimmen. Dazu gehören: Überraschung, Sensationalismus, Etablierung, Dauer, Struktur, Relevanz, Prominenz, Schaden, Nutzen sowie räumliche Nähe. Je mehr dieser Aspekte ein Ereignis beinhaltet, desto eher wird es zur Nachricht gemacht.[8]

In der Folge werden in den frühen amerikanischen Journalistenhandbüchern fast immer die eben genannten Aspekte als Nachrichtenfaktoren zumindest implizit erwähnt.[9] James Buckalew und Robert Clyde haben in Input-Output-Analysen nachweisen können, dass die in den Lehrbüchern genannten Faktoren tatsächlich die Auswahl der Nachrichten von Journalisten beeinflussen.[10]

2.1.1.2 Europäische Forschungstradition nach Östgaard, Schulz, Galtung und Ruge

Nachrichtenwerttheorie nach Östgaard

Ausgehend von Lippmann begründet der norwegische Friedensforscher Einar Östgaard die europäische Forschungstradition.

Östgaard benennt in seinem 1965 veröffentlichten Aufsatz „Factors Influencing the Flow of News“ Faktoren, die eine Verzerrung des Nachrichtenflusses bewirken.[11] Östgaard systematisierte die Ursachen, indem er zwischen exogenen und endogenen Faktoren unterschied. Mit ersteren sind z.B. Zensur und ökonomische Zwänge gemeint. Die endogenen Faktoren liegen im Nachrichtenfluss selbst und stellen im Grunde Selektionskriterien der Journalisten über ein berichtenswertes Ereignis dar.[12] Er fasst sie zu den drei übergeordneten Kategorien Vereinfachung, Identifikation und Sensationalismus zusammen. Demzufolge werden Nachrichten eher ausgewählt, wenn sie den drei aufgeführten Bedingungen entsprechen.[13] Mit Vereinfachung ist gemeint, dass einfach aufgebaute Meldungen komplexen und unübersichtlichen vorgezogen werden.[14] Mit Identifikation versuchen Journalisten, die Aufmerksamkeit beim Rezipienten durch kulturelle, geographische und zeitliche Nähe des berichteten Ereignisses zu erreichen. Des Weiteren wird jegliche Form der Personifizierung bevorzugt.[15] Mit Sensationalismus ist gemeint, dass über dramatische und/oder emotionale Ereignisse eher berichtet wird, da sie verstärkt Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das betrifft insbesondere Meldungen über Konflikte, Katastrophen oder Unfälle.[16]

Aus diesen Überlegungen leitet Östgaard drei Hypothesen für die Medien ab, die er allerdings nicht empirisch untersucht hat. Zum ersten die Tendenz der Massenmedien, die Bedeutung individueller Handlungen der großen politischen Eliteprotagonisten zu verstärken. Zweitens neigen sie dazu, die Welt konfliktreicher zu beschreiben, als sie tatsächlich ist. Und zu guter Letzt wird durch die Nachrichtenmedien die bestehende Teilung der Welt in Nationen mit hohem bzw. niedrigem Status verfestigt.[17]

Nachrichtenwerttheorie nach Schulz

Winfried Schulz war der erste konstruktivistische Vertreter der Nachrichtenwerttheorie. Laut Hans Mathias Kepplinger hat Schulz‘ Werk „Die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien“ von 1976 hat kaum wie eine andere Veröffentlichung Spuren in der deutschen Publizistikwissenschaft hinterlassen. (…) Der von Schulz überarbeitete Nachrichtenfaktoren-Katalog wurde zu einem Standard-Instrument der Nachrichtenforschung.“[18] Die große Relevanz seines Werkes liegt vor allem in folgender Hypothese: "Je mehr eine Meldung dem entspricht, was Journalisten für wichtige und mithin berichtenswerte Eigenschaften der Realität halten, desto größer ist ihr Nachrichtenwert."[19] Hierin liegt die entscheidende Erweiterung der bisherigen Nachrichtenwerttheorie. Denn die Ursachen für die Nachrichtenauswahl liegt nicht nur allein bei den Eigenschaften der Realität, welche durch die Nachrichtenfaktoren erfasst werden. Sondern hinzu kommen muss ein Faktor, den Schulz „Journalistische Selektionskriterien“ nennt. Erst sie verleihen den Nachrichtenfaktoren ihren Nachrichtenwert.[20] Schulz interpretiert die Nachrichtenfaktoren nicht mehr als objektive Ereignismerkmale, sondern als „journalistische Hypothesen von Realität.“[21] Ein Ereignis ist also nicht deshalb berichtenswürdig, weil es einen bestimmten Nachrichtenfaktor aufweist, z.B. „räumliche Nähe“, sondern publikationswürdig ist es nur deshalb, weil der Journalist die Tatsache, dass ein bestimmtes Ereignis in der Nähe stattgefunden hat, für ein bedeutsames Selektionskriterium hält.[22] In der Folge erweiterte Winfried Schulz den Katalog an Nachrichtenfaktoren und systematisierte sie in den folgenden Dimensionen:[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unterschied zwischen Nachrichtenfaktor und Nachrichtenwert:

In seiner Arbeit erkennt Winfried Schulz, dass zwischen den beiden Begriffen „Nachrichtenfaktor“ und „Nachrichtenwert“ unterschieden werden muss. Zu Beginn der Nachrichtenforschung wurden beide Bezeichnungen mehr oder weniger synonym verwendet. In den Vereinigten Staaten ist das auch noch heutzutage die Regel.[24]

Treffend wird Schulz‘ Unterscheidung von Michaela Maier zusammengefasst: [25]

„(…) demnach sind Nachrichtenfaktoren bestimmte Ereignismerkmale und durch ihre spezifische Kombination und Intensität erhält jedes Ereignis einen spezifischen Nachrichtenwert. Dieser Nachrichtenwert entscheidet darüber, ob ein Ereignis in der medialen Berichterstattung überhaupt verwertet wird und in welchem Umfang. Dieser Nachrichtenwert eines Ereignisses wird seit Schulz (1976) anhand verschiedener (formaler) Maßzahlen gemessen, in denen sich journalistische Beachtung ausdrückt: z.B. anhand der Platzierung eines Beitrags auf der Titelseite einer Zeitung oder als Aufmacher (d.h. als erster Beitrag) in einer Nachrichtensendung oder anhand der Länge des Beitrags (in Zeilen oder Sekunden). Diese journalistische Aufmerksamkeit kann anhand eines Index gemessen werden“.

Nachrichtenwerttheorie nach Galtung und Ruge

Der Beurteilung des Kommunikationswissenschaftlers Joachim Friedrich Staab zufolge sind die Überlegungen Östgaards noch unzureichend: „Zum einen bleibt das Verhältnis zwischen externen und internen Nachrichtenfaktoren ungeklärt, zum anderen gehen in die Explikation und Differenzierung der internen Nachrichtenfaktoren logisch verschiedene Dimensionen ein, die nicht voneinander abgegrenzt werden.“[26]

Eine Systematisierung und Differenzierung dessen nahmen noch im selben Jahr wie Östgaard (1965) die Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge vor, die am gleichen Institut für Friedensforschung in Oslo arbeiteten.[27]

Auch sie gingen davon aus, dass es unmöglich ist, die Welt in ihrer gesamten Komplexität zu erfassen. „Since we cannot register everything, we have to select, and the question is what will strike our attention.“ [28] Dieses Zitat rückt den Fokus auf die Eigenschaften und Ursachen für journalistische Selektionskriterien. Diese sehen die Autoren in den sogenannten Nachrichtenfaktoren. Wo Östgaard lediglich drei dieser Faktoren benennt, nämlich „Vereinfachung“, „Identifikation“ und „Sensationalismus“, stellen Galtung & Ruge einen Katalog aus zwölf Faktoren zusammen (unter 2.3.1. ausführlich erläutert), die die journalistische Selektion begründen und den Nachrichtenfaktoren somit einen Nachrichtenwert verleihen.

Über das Zusammenwirken und die Wechselwirkungen der im folgenden genannten Nachrichtenfaktoren formulierten Galtung und Ruge fünf Hypothesen:[29]

1. Selektionshypothese: Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto eher wird es zur Nachricht
2. Verzerrungshypothese: Wenn die Hürde zur Publikation einer Nachricht überwunden wurde, dann werden im zweiten Schritt diejenigen Aspekte betont, die es berichtenswert machen. Deshalb entsteht eine in Hinsicht auf Klischees und Stereotypen verzerrte Berichterstattung.
3. Wiederholungshypothese: Da Selektions- und Verzerrungsprozesse auf allen Stufen des Nachrichtenfluss wirken, werden diese durch ihre Wiederholung zusätzlich verstärkt
4. Additivitätshypothese: Je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto eher berichten die Massenmedien darüber
5. Komplementaritäts-Hypothese: Das Fehlen eines Faktors kann durch einen anderen Faktor kompensiert werden.

2.2 Nachrichtenfaktoren (nach Galtung & Ruge)

Der Begriff „Nachrichtenfaktoren“ bezeichnet Merkmale von Nachrichten über Ereignisse und Themen, die dazu beitragen, dass diese publikationswürdig bzw. mit Nachrichtenwert versehen werden.[30] Dr. Thomas Leif, Journalist und Sachbuchautor, verdeutlicht die Wichtigkeit der Nachrichtenfaktoren, wenn er schreibt: „Nachrichtenfaktoren sind das Navigations-System in jeder Redaktion, sie sind der Code für Relevanz und Ignoranz.“[31]

Johann Galtung und Mari Holmboe Ruge sehen dabei Nachrichtenfaktoren als Selektionskriterien nicht auf journalistische Selektion beschränkt, sondern als allgemeine kognitionspsychologisch ableitbare Mechanismen an, sozusagen allgemein menschliche Selektionskriterien.[32] Sie sind sowohl bei der journalistischen Auswahl von Nachrichtenereignissen als auch im Rezeptionsprozess wirksam. Vor diesem Hintergrund lässt sich nach Galtung und Ruge der Nachrichtenauswahlprozess als mehrstufiger Selektionsprozess begreifen: Nachrichtenfaktoren lenken als Selektionskriterien zunächst die Wahrnehmung der Journalisten und prägen auf diese Weise das Nachrichtenbild. Im zweiten Schritt wählen Rezipienten aus dem medialen Informationsangebot bestimmte Inhalte aus. Dabei werden sie in ihren Auswahlentscheidungen ebenfalls von Nachrichtenfaktoren beeinflusst.[33]

Die beiden Autoren unterscheiden insgesamt zwölf dieser Auswahlkriterien, davon acht kulturunabhängige und vier auf den „nordwestlichen“ Kulturkreis bezogene kulturabhängige Faktoren.[34]

2.2.1 Kulturunabhängige Nachrichtenfaktoren

1) Die Frequenz eines Ereignisses ist die Zeitspanne, die das Geschehen braucht, um sich zu entwickeln und Bedeutung zu erlangen. Je mehr sie mit der Erscheinungsweise des Mediums übereinstimmt, umso eher wird das Ereignis publiziert, was bedeutet, dass kurzfristige Ereignisse bevorzugt werden. Über lang andauernde Ereignisse wird meist erst dann berichtet, wenn sie einen gewissen Höhepunkt, „a dramatic climax“[36], erreicht haben. [35]
2) Bevor ein Ereignis zur Nachricht wird, muss es eine Aufmerksamkeitsschwelle überwinden (Schwellenfaktor). Je größer Ausmaß und Intensität des Ereignisses sind und je mehr die Intensität noch wächst, umso eher wird darüber berichtet. Die Intensität wird dabei durch mehrere der nachfolgenden Nachrichtenfaktoren bestimmt.
3) Je eindeutiger und überschaubarer ein Ereignis ist (Eindeutigkeit), desto höher sind die Publikationschancen. Mehrdimensionales Geschehen, dass mehrere sich widersprechende Folgerungen zulässt, wird weniger häufig zur Nachricht.
4) Dem Publikum kulturell Vertrautes erhöht den Nachrichtenwert. Auch die Relevanz für das Publikum (z.B. Betroffenheit) ist ein wichtiger Faktor für den Nachrichtenwert (Bedeutsamkeit).
5) Je mehr ein Ereignis mit den Erwartungen des Publikums übereinstimmt, entweder mit Vorhergesagtem oder mit Erwünschtem, umso eher wird es zur Nachricht (Konsonanz).
6) Unter Überraschung fällt die Unvorhersehbarkeit, Seltenheit oder Kuriosität eines Ereignisses. Allerdings werden überraschende Ereignisse nur innerhalb von bedeutsamen und mit den Erwartungen der Rezipienten konsonanten Geschehensabläufen als bedeutsam erachtet.
7) Als Kontinuität wird die Etablierung eines Geschehenszusammenhangs oder Themas in der Medienberichterstattung bezeichnet. Wenn ein Ereignis die Aufmerksamkeitsschwelle einmal überwunden hat, so wird auch über das Folgegeschehen berichtet.
8) Die Medien haben die Tendenz, möglichst vielseitig zu berichten. Vergleichsweise unwichtige Ereignisse können deshalb größere Publikations- und Beachtungschancen erlangen, wenn sie in Kontrast zu anderen Ereignissen oder Meldungen stehen (Variation).

Alle von Galtung und Ruge benannten kulturunabhängigen Nachrichtenfaktoren werden nicht in der vorliegenden Arbeit miteinbezogen. Das liegt zum einen schlicht an der Tatsache, dass die Berücksichtigung aller acht kulturunabhängigen Nachrichtenfaktoren den Rahmen einer Bakkalaureatsarbeit sprengen würde. Bei vier vorliegenden Zeitungen, 52 zu analysierende Ausgaben pro Jahr bei drei Jahren insgesamt müsste man 1872 Fälle bestimmen. (Selbst bei den vier kulturabhängigen Faktoren sind es bereits 936 Fälle.) Zudem lässt die Reduktion auf wenige Nachrichtenfaktoren für den angegebenen Arbeitszeitraum eine größere Tiefe und Übersichtlichkeit in Bezug auf die Ergebnisse und vor allem die Interpretation zu. Zum anderen liegt ein Schwerpunkt der Arbeit auf die Untersuchung der Veränderlichkeit von Nachrichtenfaktoren. Dass die kulturunabhängigen Faktoren in ausschließlich allen Kulturkreisen Gültigkeit erfahren,[37] lässt die Vermutung aufkommen, dass sie zu einem gewissen Grad zeitlos sind und somit keine Veränderlichkeit zwischen 1920 und 2016 festgestellt werden kann. Als Beleg dafür könnte folgendes herangezogen werden: laut der Nachrichtenwerttheorie hat z.B. der Nachrichtenfaktor Überraschung in einem Land der westlich-postindustriellen Zivilisation die gleiche Gültigkeit wie bei einem indigenen Ureinwohnervolk. Jedoch befinden sich beide Gesellschaften in unterschiedlichen Stadien der Gesellschaftsentwicklung. Das wiederrum müsste zur Folge haben, dass sich die Relevanz des Faktors Überraschung (als kulturunabhängiger Nachrichtenfaktor) nur bedingt oder kaum mit der Zeit verändert.

2.2.2 Kulturabhängige Nachrichtenfaktoren

A, Negativität:

„Only bad news are good news.“ Schlechte Neuigkeiten ergeben gute Meldungen. Der klassischen Medienberichterstattung wird Negativitätsbias nachgesagt, es werde durch eine defizitäre Brille geschaut. Der Vorwurf eines negativen Trends in der Berichterstattung wurde international in verschiedenen Studien untersucht und konnte verifiziert werden. Beispielhaft zu nennen sind z.B. die Studien von Grace Ferrari Levine in den 1970er Jahren.[38] Doch worum geht es bei der Negativität? Negativer Journalismus besteht nicht nur darin, ausschließlich über negative, also schlechte Nachrichten zu berichten, wenn die Realität so ist, sondern auch darin, Befürchtungen und Ängste, gar moralische Panik, statt ein Gefühl der Mitwirkungsmöglichkeit zu steigern. Angst wiederrum kann zu reaktionären Reaktionen der Gesellschaft führen.[39]

Auch in der Nachrichtenwerttheorie spielt Negativität in der Selektionsentscheidung des Journalisten eine große Rolle. Die Tendenz der Medien, negative Ereignisse wie Unglücke, Verbrechen, Konflikte, Krisen und Schäden besonders hervorzuheben bezeichnen die Autoren Galtung und Ruge als Negativität. Je negativer ein Ereignis ist, umso eher wird darüber berichtet.[40]

B, Personalisierung:

Unabhängig von der Mediengattung lässt sich in der Literatur übereinstimmend der Trend zur zunehmenden Personalisierung der Berichterstattung feststellen.[41] [42] In Magazinen und Zeitschriften sind schon immer zentrale Akteure in den Mittelpunkt gestellt worden, seit ein paar Jahren kommt der Trend auch verstärkt in die Tageszeitungen, transportiert durch vermehrt vorkommende Interviews, Portraits und Reportagen.[43]

Laut Mast (2003) ist Personalisierung eine gefühlsbetonte Strategie der Leseransprache[44], denn Personen und die Betonung menschlicher Aspekte sind Instrumente zur emotionalen Akzentuierung von Botschaften.[45]

Ein Blick in die Literatur zeigt jedoch, dass der Begriff der Personalisierung keineswegs einheitlich definiert ist. Damit kann einerseits gemeint sein, dass beispielsweise bestimmte politische Akteure in den Vordergrund der Berichterstattung gestellt werden, während Sachverhalte und Inhalte in den Hintergrund rücken. Andererseits kann der Begriff auch die Fokussierung der Berichterstattung auf Privates und Intimes des politischen Akteurs bedeuten.[46]

In der journalistischen Arbeit stellt Personalisierung einen Selektions- und Konstruktionsmechanismus dar. Mediale Personalisierung ergibt sich z.B. aus einer Bevorzugung personalisierter Informationen bei der journalistischen Nachrichtenselektion (Bezug auf Personen oder Bezug auf Elite Personen (=Personalisierung) als Nachrichtenwert) und andererseits durch die thematische und formale Aufbereitung von Themen (Personalisierung als journalistische Darstellungsform).[47]

Personalisierung in der Nachrichtenwerttheorie: In der journalistischen Nachrichtenselektion ist der Faktor der Personalisierung eine konstante Größe. „The more the event can be seen in personal terms, as due to the action of specific individuals, the more probable that it will become a news item.“[48] Personalisierung als Nachrichtenwert bezeichnet dabei die Bedeutung, die Personen für einen berichteten Sachverhalt zugeschrieben wird. Verschiedene Arbeit der Nachrichtenwerttheorie konnten belegen, dass Nachrichten durch Journalisten höhere Relevanz zugeschrieben werden, wenn sie personalisiert sind, d.h. Personen thematisieren.[49] Zusätzlich bietet Personalisierung die Möglichkeit zur Identifikation.

Daraus lässt sich die Prämisse ableiten: Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht.

Exkurs: Definition: „Elite“

Der Begriff Elite leitet sich aus dem lateinischen Wort „eligere“ ab, was so viel wie „auslesen“ bedeutet. Elite ist ein soziologischer Terminus und bezeichnet herrschende und einflussreiche Personengruppen. Der Elite steht der Durchschnitt gegenüber.[50]

C, Elite-Personen:

Bezug zu Elite Personen bedeutet, dass Ereignisse, die Elite-Personen betreffen, einen überproportional hohen Nachrichtenwert haben.[51]

Elite Personen sind Vertreter einflussreicher Kreise im Bereich Politik (=Machteliten), Wirtschaft (=ökonomische Eliten) und Wissenschaft (=Bildungselite). Elite Personen steht die sog. „Masse“ gegenüber.[52]

D, Elite-Nationen:

Bezug zu Elite Nationen bedeutet, dass Ereignisse, die Elite-Nationen betreffen, einen überproportional hohen Nachrichtenwert haben.[53]

2.3 Verwandte Modelle der Nachrichtenforschung

2.3.1 Gate-Keeper Forschung

Der Begriff Gatekeeper bedeutet so viel wie Schleusenwärter und wird in der Nachrichtenforschung metaphorisch für einen journalistischen Selektions- und Einflussfaktor verwendet.[54] Die Schleusen Metapher geht auf den deutsch-amerikanischen Soziologen und Psychologen Kurt Lewin zurück, der bereits in den 1940er Jahren jene Menschen als "Schleusenwärter" (also "gatekeeper") bezeichnete, die für Auswahlentscheidungen verantwortlich sind. Damit sind insbesondere Journalisten gemeint, die in den Nachrichtenagenturen und Massenmedien aus dem Nachrichtenfluss auswählen. Das Modell von den Nachrichtenschleusen beschreibt die Auswahl von Nachrichten als ein Durchlassen oder Zurückhalten von Informationen über die Wirklichkeit. Schleusenwärter sind keine unabhängigen Einzelgänger, sondern von ihren Kollegen, Vorgesetzten und Abläufen abhängig. Sie richten sich nach redaktionellen Richtlinien, die entweder informell zwischen den Kollegen oder formell durch den Herausgeber festgelegt wurden.[55]

Der Kommunikationswissenschaftler Michael Kunczig beschreibt die Bedeutung von sog. „Schleusenwärtern“ sehr treffend, wenn er schreibt:

"Gatekeeping ist gleichbedeutend mit einer Begrenzung der Informationsmenge, d. h. mit der Auswahl von als kommunikationswürdig erachteten Themen. Die 'Pförtner' entscheiden, welche Ereignisse zu öffentlichen Ereignissen werden und welche nicht und tragen damit zur Formung des Gesellschafts- bzw. Weltbildes der Rezipienten bei. So banal die Aussage auch scheint, jede Entscheidung ein bestimmtes Thema zu kommunizieren, beinhaltet auch die 'Unterdrückung' eines bzw. mehrerer anderer Themen." [56]

Wie auch die Nachrichtenwerttheorie ist also auch das Gatekeeping-Modell ein Bereich der Nachrichtenforschung, der sich mit den Selektionskriterien von Nachrichten beschäftigt. Im Gegensatz zur Nachrichtenwerttheorie gibt es hier jedoch keine universell gültigen Faktoren, die bestimmen, wann eine Meldung zur Nachricht wird. Der Fokus liegt hier stark auf den Journalisten als journalistisches Selektionssystem.

2.3.2 News Bias

Unter dem Begriff „News Bias“ ist keine stringente, einheitliche Forschungsrichtung zu verstehen, sondern vielmehr eine Zusammenstellung unterschiedlicher Studien, die sich mit Ursachen von Einseitigkeiten und politischen Tendenzen in der Berichterstattung beschäftigt. Im Fokus steht dabei der Zusammenhang zwischen den Einstellungen von Kommunikatoren und deren Nachrichtenauswahl.[57]

Es lässt sich schwer ein Begründer dieses Forschungszweigs ausmachen, allerdings gilt die relativ frühe Studie von Malcolm W. Klein und Nathan Maccoby, die in ihrer 1954 veröffentlichten Untersuchung „Newspaper Objectivity in the 1952 Campaign“ als charakteristisch für die Vorgehensweise der Forschung zu „news bias“. Klein und Maccoby untersuchten die Berichterstattung im US-Präsidentenwahlkampf 1952. Sie konnten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der redaktionellen Linie einzelner Blätter und der Berichterstattung über die beiden Kandidaten feststellen. Pro-republikanische Medien publizierten mehr Artikel über Eisenhower, während pro-demokratische Blätter deren Kandidat Stevenson in den Vordergrund rückten.[58] In der Studie wird auch der für die Forschung essentielle Begriff der Einseitigkeit als

überzufällige Abweichung von Ausgewogenheit im Sinne der Gleichbehandlung definiert. Einseitig ist danach eine Wahlberichterstattung, wenn sie einen Kandidaten mehr beachtet oder positiver darstellt als einen anderen.[59]

Eines der wichtigsten Ergebnisse der „News-Bias-Forschung“ ist, dass Journalisten sehr wohl dazu neigen, vor allem bei gesellschaftlich relevanten Themengebieten einseitig zu berichten.[60]

Der News-Bias Ansatz und die Gatekeeper-Forschung als Erklärungsmodelle für Massenkommunikationsuntersuchungen sollen nicht weiter Gegenstand der Arbeit sein. Die kurze Darstellung beider Forschungszweige soll lediglich einen Überblick über die Nachrichtenforschung geben und gleichzeitig zeigen, dass die Selektionkriterien von Nachrichten nicht nur durch Nachrichtenfaktoren bestimmt werden, sondern Journalisten als individuelle Systeme und Redaktionen als Organisationssysteme einen ebenso enormen Einfluss darauf haben. Eine tiefere Auseinandersetzung dessen würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. In der empirischen Untersuchung werden ausschließlich die bereits festgelegten Nachrichtenfaktoren herangezogen.

3. Methodik

3.1 Forschungsfragen und Hypothesen

Nachdem nun die Entwicklungen und verwandten Forschungen der Nachrichtenwerttheorie beleuchtet, und die für die Analyse verwendeten Nachrichtenfaktoren definiert wurden, wird im Folgenden auf die Methodik eingegangen.

Zuerst werden die vier Forschungsfragen mit ihren dazugehörigen Hypothesen aufgelistet, damit klar wird, auf was sich die in den folgenden Seiten bezogenen Aspekte beziehen.

3.1.1 Forschungsfrage 1

FF1: Haben kulturabhängige Nachrichtenfaktoren in der Vergangenheit (also Anfang der 1920er Jahren) eine andere Bedeutung in der Berichterstattung als in der Gegenwart (also 2014-2016)?

Hyp1.1.: Der Nachrichtenfaktor „Negativität“ kommt in der Gegenwart deutlich häufiger vor als in der Vergangenheit.

Hyp1.2.: Der Nachrichtenfaktor „Personalisierung“ kommt in der Gegenwart deutlich häufiger vor als in der Vergangenheit.

Hyp1.3.: Der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ kommt in der Vergangenheit deutlich häufiger vor als in der Gegenwart.

Hyp1.4.: Der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Nationen“ kommt in der Vergangenheit deutlich häufiger vor als in der Gegenwart

3.1.2 Forschungsfrage 2

FF2: Haben kulturabhängige Nachrichtenfaktoren in Boulevardmedien (also „Illustrierte Kronenzeitung“ und „Neue Kronenzeitung“) eine andere Bedeutung als in Qualitätsmedien (also „Der Spiegel“, „Die Zeit“ und „Vossische Zeitung“)?

Hyp2.1.: Der Nachrichtenfaktor „Negativität“ kommt in den Boulevardmedien deutlich häufiger vor als in den Qualitätsmedien

Hyp2.2.: Der Nachrichtenfaktor „Personalisierung“ kommt in den Boulevardmedien deutlich häufiger vor als in den Qualitätsmedien

Hyp2.3.: Der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ kommt in den Qualitätsmedien deutlich häufiger vor als in den Boulevardmedien

Hyp2.4.: Der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Nationen“ kommt in den Qualitätsmedien deutlich häufiger vor als in den Boulevardmedien

3.1.3 Forschungsfrage 3

FF3: Haben kulturabhängige Nachrichtenfaktoren in der „Neuen Kronenzeitung“ eine andere Bedeutung als bei ihrem Vorgänger, der „Illustrierten Kronenzeitung“?

Hyp3.1.: Der Nachrichtenfaktor „Negativität“ kommt in der „Neuen Kronenzeitung“ deutlich häufiger vor als bei der „Illustrierten Kronenzeitung

Hyp3.2.: Der Nachrichtenfaktor „Personalisierung“ kommt in der „Illustrierten Kronenzeitung“ deutlich häufiger vor als bei der „Neuen Kronenzeitung“

Hyp3.3.: Der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ kommt in der „Neuen Kronenzeitung“ deutlich häufiger vor als bei der „Illustrierten Kronenzeitung

Hyp3.4.: Der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Nationen“ kommt in der „Neuen Kronenzeitung“ deutlich häufiger vor als bei der „Illustrierten Kronenzeitung

3.1.4 Forschungsfrage 4

FF4: Stehen die Nachrichtenfaktoren „Bezug zu Elite Personen“ und „Negativität“ in einem engeren Zusammenhang?

Hyp4.1.: Wenn der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ auf ein thematisiertes Ereignis der „Illustrierten Kronenzeitung“ zutrifft, dann meistens (bzw. bei mind. 50%) im Zusammenhang mit „Negativität“.

Hyp4.2.: Wenn der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ auf ein thematisiertes Ereignis der „Neuen Kronenzeitung“ zutrifft, dann meistens (bzw. bei mind. 50%) im Zusammenhang mit „Negativität“.

Hyp4.3.: Wenn der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ auf ein thematisiertes Ereignis des „Spiegels“ zutrifft, dann meistens (bzw. bei mind. 50%) im Zusammenhang mit „Negativität“.

Hyp4.4.: Wenn der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ auf ein thematisiertes Ereignis der „Zeit“ zutrifft, dann meistens (bzw. bei mind. 50%) im Zusammenhang mit „Negativität“.

Hyp.4.5.: Wenn der Nachrichtenfaktor „Bezug zu Elite Personen“ auf ein thematisiertes Ereignis der „Vossischen Zeitung“ zutrifft, dann meistens (bzw. bei mind. 50%) im Zusammenhang mit „Negativität“.

Bevor die Ergebnisse der verschiedenen Forschungsfragen präsentiert werden, müssen noch wichtige Umstände des Analyseapparats geklärt und definiert werden.

3.2 Titelseite als Gegenstand der Analyse

Zunächst muss genau geklärt werden, welcher Teil der Zeitungen zur Analyse herangezogen wird. In diesem Fall wurde entschieden, bei den jeweiligen Ausgaben lediglich den Artikel der Überschrift in der Titelseite heranzuziehen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen aufgrund der Übersichtlichkeit: Eine Zeitung bzw. eine Zeitschrift steht am Kiosk in Konkurrenz zu den anderen Blättern, daher muss die „Titelseiten-Story“ anschaulich präsentiert werden und den potentiellen Kunden neugierig machen. Das Bild hat hier Vorrang zum Text, das heißt in der Folge, dass sich die Hauptinformation der „Story“ in Form einer prägnanten und kurzen Überschrift äußert. Auch soll das Geschriebene eine klare und eindeutige Schrift darstellen.[61]

Zum anderen wird auf der Titelseite die der Ansicht der jeweiligen Redaktion nach wichtigste Nachricht des Tages bzw. der Woche angedeutet, welche dann in einer der darauffolgenden Seiten tiefer thematisiert wird.[62]

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass sich auf der Titelseite die wichtigste Meldung des Tages bzw. der Woche befindet und sich diese Meldung durch das übersichtliche Layout und einer prägnanten Überschrift gut zur Analyse eignet.

3.3 Auswahl der Medien

3.3.1 Historische Medien

ANNO als Plattform für die historischen Medien

„ANNO“ („AustriaN Newspapers Online“) ist ein Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek zur Digitalisierung von historischen Zeitungen und Zeitschriften. Laut eigenen Angaben ist „ANNO“ ein „virtueller Lesesaal“.[63] Das Projekt ging im August 2003 online,[64] im Jahr 2015 verfügt das Online-Archiv bereits über eine Sammlung von über 1,1 Millionen Ausgaben.[65]

Auf die selbst gestellte Frage, warum das Digitalisieren von Zeitungen vorgenommen werde, antworten die Betreiber damit, dass es einerseits die Möglichkeit schafft, historische, politische und kulturelle Ereignisse festzuhalten, gleichzeitig die Zugänglichkeit dieser Dokumentationen stark zu verbessern: nicht nur Wissenschaftler, sondern jede Person mit Internetverbindung kann durch das Archiv „blättern“, und zwar ortsunabhängig, weltweit und jederzeit. Als weiteren Grund für das „Einscannen“ der historischen Zeitungen führen die Betreiber an, dass Zeitungspapier sehr anfällig für Schäden ist, und somit nicht mehr auf das Original zugegriffen werden müsse.[66]

Um die Zeitungen und Zeitschriften zu analysieren gibt es verschiedene Herangehensweisen. Zum einen gibt es die Jahresübersicht aller Zeitungen. Angefangen bei 1568 kann jedes verfügbare Datum bis zum Jahre 1947 aufgerufen werden.[67] Diese Vorgehensweise eignet sich, wenn man beispielsweise analysieren will, wie über ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Periode berichtet wird.

Seit 2015 gibt es nun auch die sogenannte Volltextsuche und einen thematischen Einstieg.[68] Ersteres eignet sich, um z.B. herauszufinden, wie über eine bestimmte Person berichtet wurde (indem man den Namen der gewünschten Person mit Hilfe der Volltextsuche prüft). Thematischer Einstieg eignet sich einerseits sehr gut für private Zwecke, andererseits wenn man nachforschen will, wie über bestimmte Themen wie „Haarmode der 1920er Jahre“ berichtet wurde.

Zu guter Letzt gibt es eine alphabetische Auflistung aller dort verfügbaren Zeitungen. Wählt man nun die gewünschte Zeitung aus, werden einem alle Ausgaben in den jeweiligen Jahren angezeigt. Diese Herangehensweise eignet sich sehr, wenn man einen bestimmten Zeitraum einer bereits festgelegten Zeitung analysieren will. So wurde auch im Falle dieser Arbeit mit dieser Vorgehensweise gearbeitet.

„Wiener Bilder“ Zeitung

Die Zeitschrift „Wiener Bilder – Illustriertes Sonntagsblatt“ erschien von 1896 bis 1939 in Wien wöchentlich immer sonntags. Erster Herausgeber war Vinzenz Chiavacci.[69]

Der Grund für die Auswahl dieses Mediums als zu analysierende Zeitschrift um 1920 liegt vor allem in der Ähnlichkeit zu „Der Spiegel“ was das Layout der Titelseite betrifft. Hier wie auch dort wird großen Wert auf die Illustration gelegt, welche lediglich von einer kurzen und prägnanten Überschrift unterstützt wird.

Dass beide Zeitschriften auf ihren Titelseiten lediglich eine einzige „Story“ präsentieren, lässt darauf schließen, dass jeweils die als wichtigste angesehene Nachricht verarbeitet wird. Das und die Ähnlichkeiten machen es einfacher, die eingesetzten Nachrichtenfaktoren auf die Titelseite anzuwenden.

Analysiert wurden alle Ausgaben von 1920 – 1922. Bei 52 Ausgaben pro Jahr kommt man auf 156 zu bearbeitende Titelseiten.

Zugriff zum Archiv erfolgt durch „ANNO“.

Siehe: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=wrb&datum=1920&zoom=33
(zuletzt aufgerufen am 17.07.2017)

„Illustrierte Kronenzeitung“

Die „Illustrierte Kronenzeitung“ ist eine österreichische Tageszeitung, deren Erstausgabe am 2. Januar 1900 erschien. Den Namen wählte man, da sie im Monatsabonnement nur eine Silberkrone kostete, was selbst für den „kleinen Mann“ erschwinglich war.[70]

Von 1900 bis 1905 hieß sie „Österreichische Kronen Zeitung“, von 1905 bis 1941 war die offizielle Bezeichnung „Illustrierte Kronen Zeitung“. Da der für die Analyse relevante Zeitraum 1920-22 ist, wird die Bezeichnung zu jener Zeit „Illustrierte Kronenzeitung“ beibehalten.

Sie wurde während dem 2. Weltkrieg bis ins Jahr 1944 weitergeführt und 1945 mit der „Kleinen Wiener Kriegszeitung“ zusammengeschlossen, sodass sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges regelmäßig erschienen ist. Von 1945 bis 1959 wurde sie nicht publiziert und erschien ab 1959 unter dem Namen „Neue Kronenzeitung“.[71]

[...]


[1] Stand 2016: URL: https://www.dpa.com/de/unternehmen/zahlen-fakten/ (zuletzt aufgerufen am 18.07.2017)

[2] Alle Angaben nach Auskunft der Chefredaktionen oder Geschäftsführungen von 1997, veröffentlicht in Meyn, Hermann: Massenmedien in Deutschland, S. 262

[3] Esther Packullat: „Nachrichtenfaktoren in der PR“ URL: http://impact.ag/blog/2014/07/25/nachrichtenfaktoren-der-pr/ (zuletzt aufgerufen am 18.07.2017)

[4] Vgl. Spohrs (2006). S.2

[5] Vgl. Ruhrmann, Göbbel (2007) S.3

[6] Vgl. Lippmann (1964) S.338

[7] Vgl. Ruhrmann & Göbbel (2007) S.3 f.

[8] Vgl. Staab (1990) S.41

[9] Vgl. Ruhrmann & Göbbel (2007) S.3 f.

[10] Vgl. Staab (1990) S. 49 ff.

[11] Vgl. Östgaard (1965) S. 39 ff.

[12] Vgl. Östgaard (1965) S. 41 ff.

[13] Vgl. Ruhrmann & Göbbel (2007) S.5

[14] Vgl. ebd. S. 5

[15] Vgl. Östgaard (1965) S.41 ff.

[16] Vgl. Ruhrmann & Göbbel (2007) S.5

[17] Vgl. Wilke (1984) S.17

[18] Kepplinger (1998) S.19

[19] Vgl. Schulz (1976) S.30

[20] Vgl. Kepplinger (1998) S.20

[21] Vgl. Schulz (1976) S.30

[22] Vgl. Kepplinger (1998) S.21

[23] Vgl. Schulz (1976) S.130 ff

[24] Vgl. Maier (2010) S.18 f.

[25] Maier (2010) S.18 f

[26] Vgl. Staab (1990) S. 58

[27] Vgl. Wilke (1984) S.17

[28] Galtung & Ruge (1965) S. 261

[29] Vgl. Wilke (1984) S.21

[30] Vgl. Kepplinger (2008) S. 328

[31] Vgl. Ruhrmann, Göbbel (2007) S.1

[32] Vgl. Eilders (2013) S.15

[33] Vgl. Ruhrmann & Göbbel (2007): S.5

[34] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S. 266

[35] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S.262 ff.

[36] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S.262

[37] Vgl. Ruhrmann, Göbbel (2007) S.5

[38] Vgl. Levine (1977) S.61 f.

[39] Vgl. Sarikakis (2015) S.141 ff.

[40] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S.262 ff.

[41] Vgl. Brettschneider & Vollbracht (2010) S.155 f.

[42] Vgl. Brosius, Haas & Koschel. (2008) S.541

[43] Vgl. Bültel (2011) S.14

[44] Vgl. Mast (2003) S.140

[45] Vgl. Mast (2003) S.132

[46] Vgl. Bültel (2011) S.14

[47] Vgl. Eisenegger & Wehmeier (2009) S.53

[48] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S.68

[49] Vgl. Eisenegger & Wehmeier (2009) S.53

[50] Vgl. Morus (2000) S.4

[51] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S.64 ff.

[52] Vgl. Pohlmann (2008) S. 161 f.

[53] Vgl. Galtung & Ruge (1965) S.64 ff.

[54] Wllke & Rosenberger (1991) S.12

[55] Vgl. Frerichs (2013) S.48

[56] Vgl. Frerichs (2013) S.48

[57] Vgl. Wagner (2007) S.150

[58] Vgl. Kepplinger (2011) S.48

[59] Vgl. ebd.

[60] Burkart (2002) S.283 f.

[61] Vgl. Brielmaier & Wolf (1997) S.7

[62] Vgl. Menhard & Treede (2004) S.168

[63] URL: http://anno.onb.ac.at/wasistanno.htm (zuletzt aufgerufen am: 15.07.2017)

[64] Vgl. Müller (2016) S.83

[65] Vgl. Müller (2016): S.86

[66] URL: http://anno.onb.ac.at/wasistanno.htm (zuletzt aufgerufen am: 15.07.2017)

[67] URL: http://anno.onb.ac.at/index.htm (zuletzt aufgerufen am: 15.07.2017)

[68] Vgl. Müller (2016): S.86 f.

[69] Vgl. Lang (2005) S. 404.

[70] Vgl. ebd. S.50 f.

[71] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Nachrichtenfaktoren in Theorie und Praxis
Untertitel
Eine Analyse über kulturabhängige Nachrichtenfaktoren im Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie Boulevard- und Qualitätsjournalismus
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Bakkalaureatsseminar 1
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
90
Katalognummer
V378536
ISBN (eBook)
9783668556799
ISBN (Buch)
9783668556805
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachrichtenwerttheorie, Nachrichtenfaktoren, kulturabhängige Nachrichtenfaktoren, kulturunabhängige Nachrichtenfaktoren, Boulevard, Boulevardjournalismus, Qualitätsjournalismus, Nachricht, historische Zeitung, zeitgenössische Zeitung, Galtung, Ruge, Schulz, Östgaard, lippmann, Gate-Keeper-Forschung, News-Bias, ANNO, Wiener Bilder Zeitung, Der Spiegel, Die Zeit, Vossische Zeitung, Illustrierte Kronenzeitung, Neue Kronenzeitung, Kronenzeitung, Negativität, Personalisierung, Bezug zu Elite Nation, Bezug zu Elite Person
Arbeit zitieren
Simon Garschhammer (Autor), 2017, Nachrichtenfaktoren in Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378536

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