“Herodot – der erste Historiker?”, so lautete der Name eines Seminars im Wintersemester 2016/2017 an der Universität Hamburg besuchte. War Herodot der erste Historiker? Was macht ein Historiker eigentlich genau? Hat Cicero ihn zurecht den pater historiae, also Vater der Geschichtsschreibung, genannt? Nun, wenn man sich die Definition im Duden anschaut, dann heißt es dort, dass ein Historiker ein Wissenschaftler, ein Forscher bzw. ein Kenner auf dem Gebiet der Geschichte ist. Herodots Werk historíai besitzt die Grundbedeutung „Erkundung“ bzw. „Erkundigungen“ und hängt zusammen mit hìstor – Zeuge, Kundige, Schiedsrichter. Herodot selbst spricht in seinem Proömium von „Herodot aus Halikarnaß veröffentlicht hiermit seine Forschung“. Man könnte also besagte Frage mit „Ja“ beantworten und in der folgenden Ausarbeitung gute Beweise aus den Historien zusammentragen und damit argumentieren, dass Herodot sehr wohl ein Forscher bzw. Erkunder und ein guter Kenner der griechischen Geschichte bis dato war.
Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die heutigen Anforderungen an Historie, an Historiker/-innen, an die Geschichtswissenschaft(ler/-innen) sind deutlich vielfältiger, als dass sie mit zwei, drei Worten beschrieben werden könnten. Allein die Fülle an Feldern (Teildisziplinen) der Geschichtswissenschaft ist zahlreich: Politikgeschichte, Militärgeschichte, Religionsgeschichte, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, Weltgeschichte - um nur einige zu nennen - besitzen jeweils ganz eigene Überlegungen und Theorien hinsichtlich Raum, Thema und spezifischen Methoden, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Diese Artenvielfalt der Geschichtswissenschaften zeigt ebenfalls, dass die Definition im Duden nicht ausreicht, um Herodot als ersten Historiker zu betiteln.
Was „macht“ dann Herodot zum ersten Historiker? (Wenn er das ist…)
Um diesen Anspruch zu klären, befasst sich die folgende Arbeit mit einer Auswahl der o.g. modernen und facettenreichen Anforderungen an Historie und wendet diese auf das Werk Herodots an [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theorie der Geschichtswissenschaft
2.1 Was ist Historik?
2.2 Geschichte (der Wissenschaft)
2.3 Wie Geschichte geschrieben wird: Methodik & Form des Erzählens
2.4 Was bleibt: Eine Zwischenbemerkung
3 Die Historien
3.1 Herodot und seine Welt
3.2 Der Mythos bei Herodot
3.3 Buch IV: Der Skythenfeldzug und der Feldzug gegen Libyen
4 Schlussbemerkung: Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung des Abendlandes?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der modernen geschichtswissenschaftlichen Anforderungen nach Jörn Rüsen, ob Herodot zurecht als „erster Historiker“ bezeichnet werden kann. Im Zentrum steht dabei die Analyse, inwiefern Herodot moderne methodische Standards der Quellenarbeit und Wahrheitsfindung auf sein Werk „Historien“ angewandt hat.
- Grundlagen der Geschichtstheorie und Historik
- Methodik des historischen Denkens und Erzählens
- Analyse der Quellenarbeit und Arbeitsweise Herodots
- Untersuchung des Mythos als Element der antiken Geschichtsschreibung
- Fallstudie: Der Skythenfeldzug und Libyen im vierten Buch der Historien
Auszug aus dem Buch
3.1 Herodot und seine Welt
„Herodot aus Halikarnaß veröffentlicht hiermit seine Forschung, auf daß die menschlichen Werke bei der Nachwelt nicht in Vergessenheit geraten, und damit große und wunderbare Taten der Griechen und der Barbaren nicht ohne Gedenken bleiben. Vor allem aber soll man erfahren, warum sie gegeneinander zum Kriege schritten.“ - Mit diesen Worten beginnt Herodot (490/480 v. Chr. - bis ~425 v.Chr.) seine Erzählungen. Gewiss war er nicht der erste, der Zeugnisse bedeutender Taten festhielt, aber Herodot war der erste, der seine Darstellungen anhand von Nachforschungen stütze, diesen Darstellungen einen (lebensdienlichen) Sinn ([…] nicht ohne Gedenken bleiben […]) gab und somit die Erinnerungskultur der Menschen zusätzlich aktivierte. Vor allem besitzen Herodots Ausführungen aber Fragestellungen, wie etwa der Schuldfrage bezüglich des Krieges zwischen den Griechen und Persern: „warum sie gegeneinander in den Krieg schritten.“ Diese Herangehensweise war ein Novum.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob Herodot als erster Historiker gelten kann, und grenzt das Vorhaben unter Einbezug moderner geschichtswissenschaftlicher Definitionen ab.
2 Theorie der Geschichtswissenschaft: Das Kapitel erläutert die Grundbegriffe der Historik nach Jörn Rüsen, insbesondere das historische Denken, die Sinnbildung und die methodischen Anforderungen an eine wissenschaftliche Erzählung.
2.1 Was ist Historik?: Hier wird die Historik als Theorie der Geschichtswissenschaft definiert, die sich in disziplinären, interdisziplinären und transdisziplinären Dimensionen entfaltet.
2.2 Geschichte (der Wissenschaft): Dieses Kapitel beleuchtet das Geschichtsbewusstsein als notwendigen Bestandteil der menschlichen Kultur und das Bedürfnis des Menschen, seine Existenz durch Erzählungen zeitlich zu ordnen.
2.3 Wie Geschichte geschrieben wird: Methodik & Form des Erzählens: Es werden die zentralen Erkenntnisstrategien Heuristik, Kritik und Interpretation vorgestellt, die den methodischen Weg zum Ziel der historischen Darstellung bilden.
2.4 Was bleibt: Eine Zwischenbemerkung: Die Zwischenbemerkung fasst die methodischen Anforderungen zusammen und leitet zum praktischen Vergleich mit Herodots Werk über.
3 Die Historien: Dieser Teil widmet sich dem Werk Herodots und prüft dessen Arbeitsweise anhand der theoretischen Vorüberlegungen.
3.1 Herodot und seine Welt: Hier wird das Selbstverständnis Herodots als Forscher untersucht, der sein Werk auf eigene Nachforschungen stützt und eine Universalgeschichte der damals bekannten Welt entwirft.
3.2 Der Mythos bei Herodot: Das Kapitel analysiert, wie Herodot den Mythos innerhalb seiner historischen Konzeption als plausibles Verständnisangebot einsetzt, ohne die wissenschaftliche Distanz ganz aufzugeben.
3.3 Buch IV: Der Skythenfeldzug und der Feldzug gegen Libyen: Anhand von Fallbeispielen aus Buch IV wird die konkrete Quellennutzung und der Umgang Herodots mit Berichten und mündlichen Überlieferungen illustriert.
4 Schlussbemerkung: Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung des Abendlandes?: Das Fazit stellt fest, dass Herodot zwar ein herausragender Sammler und Erzähler war, jedoch die strengen methodischen Anforderungen der modernen Wissenschaft hinsichtlich systematischer Quellenkritik nicht in dem Maße erfüllt, um als Historiker nach heutigem Maßstab zu gelten.
Schlüsselwörter
Herodot, Historien, Geschichtswissenschaft, Historik, Jörn Rüsen, Historischer Denken, Quellenkritik, Methodik, Sinnbildung, Wahrheit, Mythos, Antike, Perserkriege, Geschichtsschreibung, Pater historiae.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Herodot aufgrund seiner Arbeitsweise und seiner schriftlichen Aufzeichnungen als der „erste Historiker“ im wissenschaftlichen Sinne bezeichnet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Theorie der Geschichtswissenschaft nach Jörn Rüsen, die Methodik des historischen Arbeitens und die Analyse des Werkes von Herodot.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die theoretischen Anforderungen an einen modernen Historiker auf Herodot anzuwenden, um zu prüfen, ob sein Vorgehen den Kriterien wissenschaftlicher Geschichtsschreibung standhält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theoretischen Rahmen, basierend auf Jörn Rüsens „Historik“, um Herodots „Historien“ zu analysieren und mit modernen methodischen Kriterien zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft geklärt, bevor diese auf das Werk Herodots übertragen werden. Dabei wird insbesondere die Rolle von Mythos, Quellenarbeit und Beobachtung beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Historik, Herodot, Quellenkritik, Methodik, Sinnbildung und Antike charakterisieren.
Wie geht Herodot laut Autor mit dem Mythos in seinem Werk um?
Der Autor argumentiert, dass Herodot den Mythos nicht ignoriert, sondern als ein „plausibles Verständnisangebot“ nutzt, um Ereignisse zu begründen und in seinen historischen Kontext einzubetten.
Warum kommt der Autor zu dem Schluss, dass Herodot kein „Historiker“ im modernen Sinne ist?
Der Autor führt aus, dass Herodot zwar ein exzellenter Beobachter und Sammler von Quellen war, jedoch die systematische Prüfung auf Wahrheit und die kritische Distanz zur Quelle (Quellenkritik), wie sie moderne Standards verlangen, nur sehr selten und nicht konsequent anwendet.
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- Mario Reich (Author), 2017, Aller Anfang ist schwer. Oder wie Herodot die Geschichtsschreibung des Abendlandes erfand, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378560