Aller Anfang ist schwer. Oder wie Herodot die Geschichtsschreibung des Abendlandes erfand

Untersuchungen zu modernen Anforderungen an Historie und des Werkes Herodots


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie der Geschichtswissenschaft
2.1 Was ist Historik?
2.2 Geschichte (der Wissenschaft)
2.3 Wie Geschichte geschrieben wird: Methodik & Form des Erzählens
2.4 Was bleibt: Eine Zwischenbemerkung

3 Die Historien
3.1 Herodot und seine Welt
3.2 Der Mythos bei Herodot
3.3 Buch IV: Der Skythenfeldzug und der Feldzug gegen Libyen

4 Schlussbemerkung: Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung des Abendlandes?

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

“Herodot - der erste Historiker?”, so lautete der Name des Seminars, welches ich im Wintersemester 2016/2017 an der Universität Hamburg besuchte. War Herodot der erste Historiker? Was macht ein Historiker eigentlich genau? Hat Cicero ihn zurecht den pater historiae, also Vater der Geschichtsschreibung, genannt?1 Nun, wenn man sich die Definition im Duden anschaut, dann heißt es dort, dass ein Historiker ein Wissenschaftler, ein Forscher bzw. ein Kenner auf dem Gebiet der Geschichte ist. Herodots Werk histor í ai besitzt die Grundbedeutung „Erkundung“ bzw. „Erkundigungen“ und hängt zusammen mit h ì stor - Zeuge, Kundige, Schiedsrichter.2 Herodot selbst spricht in seinem Proömium von „ Herodot aus Halikarna ß ver ö ffentlicht hiermit seine Forschung “.3 Man könnte also besagte Frage mit „Ja“ beantworten und in der folgenden Ausarbeitung gute Beweise aus den Historien zusammentragen und damit argumentieren, dass Herodot sehr wohl ein Forscher bzw. Erkunder und ein guter Kenner der griechischen Geschichte bis dato war.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die heutigen Anforderungen an Historie, an Historiker/-innen, an die Geschichtswissenschaft(ler/-innen) sind deutlich vielfältiger, als dass sie mit zwei, drei Worten beschrieben werden könnten. Allein die Fülle an Feldern4 (Teildisziplinen) der Geschichtswissenschaft ist zahlreich: Politikgeschichte, Militärgeschichte, Religionsgeschichte, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, Welt- geschichte - um nur einige zu nennen - besitzen jeweils ganz eigene Überlegungen und Theorien hinsichtlich Raum, Thema und spezifischen Methoden, aber auch viele Gemeinsamkeiten.5 Diese Artenvielfalt der Geschichtswissenschaften zeigt ebenfalls, dass die Definition im Duden nicht ausreicht, um Herodot als ersten Historiker zu betiteln.

Was „ macht “ dann Herodot zum ersten Historiker? (Wenn er das ist … )

Um diesen Anspruch zu klären, befasst sich die folgende Arbeit mit einer Auswahl der o.g. modernen und facettenreichen Anforderungen an Historie und wendet diese auf das Werk Herodots an. Damit gezeigt werden kann, dass Herodot der erste Historiker war (oder auch nicht) und somit die Geschichtsschreibung des Abendlands prägte bzw. erfand (oder auch nicht), soll deshalb im ersten Teil der Arbeit die Theorie der (heutigen) Geschichtswissenschaft - anhand ausgewählten und grundlegenden Theorien - dargestellt werden. Als Hauptinformationsquelle für die theoretischen Überlegungen hinsichtlich der Fragen, was Historie (Historik) ist, was Ge- schichtsschreibung als Wissenschaft definiert und welche Voraussetzungen ein Historiker betreffend Methodik und Topik erfüllen muss, nutze ich Jörn Rüsens Buch „Historik - Theorie der Geschichtswissenschaft“.6 Betrachtungen diverser Autoren7 ergänzen den ersten Teil.

Im weiteren Verlauf beschäftigt sich diese Ausarbeitung mit dem Werke Herodots selbst. Hierfür wird die Übersetzung der Historien von Josef Feix aus dem Jahre 2004 als Quelle dienen. Einer Zusammenfassung der Welt Herodots folgt eine Untersuchung, der in Teil Eins erhaltenen Merkmale bzw. Erkenntnisse zu den Erzählungen des Herodots. Auf dass dies in angemessenem Rahmen bleibt, werden Auszüge aus Buch IV exemplarisch dargelegt. Anhand dieser Untersuchungen soll die Frage, ob Herodot der erste Historiker war beantwortet werden. Eine Schlussbemerkung schließen diese Ausarbeitung ab.

2 Theorie der Geschichtswissenschaft

Das folgende Kapitel befasst sich mit den eingangs gestellten Fragen „Was Historik ist?“, „Was das wissenschaftliche in Geschichte definiert?“ und „Welche Handwerkzeuge ein Historiker beherrschen muss?“ Anhand der Beantwortung dieser Fragen, wird es im weiteren Teil dieser Ausarbeitung möglich sein die Historien mit den heraus gearbeiteten Merkmalen zu vergleichen.

2.1 Was ist Historik?

Laut Rüsen gibt es auf diese einfache Frage eine einfache Antwort: Historik ist die Theorie der Geschichtswissenschaft.8 Also eine Verbindung, ein Zusammenwirken von Theorie, Geschichte und Wissenschaft. Die Theorie(-arbeit) in der Geschichtswissenschaft nimmt in diesem Zusammenwirken eine (selbst-)reflexive Form an und schlägt sich in drei Erkenntnisdimensionen nieder9:

- Die disziplinäre Dimension; also die zentrale Frage, was es bedeutet, wenn man sich mit der Geschichte wissenschaftlich auseinandersetzt. Was ist in diesem Zusammenhang Geschichte und was ist wissenschaftlich?
- Die interdisziplinäre Dimension; also die Einordnung der Geschichte im Rahmen der Geschichtswissenschaft in Zusammenhänge mit anderen Wissenschaften. Worin bestehen Gemeinsamkeiten mit und worin bestehen Unterschiede zu anderen Wissenschaften? Was sind die Besonderheiten der Geschichtswissenschaft?
- Die transdisziplinäre Dimension; sprich den Zweck, welche die - durch die Geschichtswissenschaft erhaltenen - Erkenntnisse über die Vergangenheit im praktischen Leben geben.

Damit die Theorie diese Fragen näherungsweise beantworten kann, muss die Geschichtswissenschaft über den Tellerrand schauen. Historik wird in diesem Fall zur Geschichtsphilosophie, zur Erkenntnistheorie, zur Wissenschaftstheorie, zur Ethik, zur Politik, etc.10 Rüsen spricht weiterhin von zwei fundamentalen Themen, welche in allen Dimension des Fragens und Denkens der Historik wiederzufinden sind: Die Ge- schichte und der Umgang mit selbiger.11 Nimmt man die Geschichte als Thema, dann muss geklärt werden, was Geschichte eigentlich darstellt. Geschichte ist nicht nur eine Gegebenheit, sie ist ein wichtiger Bestandteil und eine Bestimmungsgröße der menschlichen Kultur, also ein Werdegang, ein Entwicklungsverlauf eines bestimmten oder des ganzen menschlichen Bereichs (mehr dazu in Kapitel 2.2). Bezieht man sich auf Thematik des Umgangs mit Geschichte, dann geht es rein um den Wahr- heitsgehalt; also um die Frage, ob historisches Denken als wissenschaftlich wahr zu definieren ist. Geschichte und der Umgang mit ihr wird also durch das historische Denken definiert. Historisches Denken ist sowohl „lebensdienlich“ als auch eine wissenschaftliche Geisteshaltung.12 Rüsen spricht von einem Schlüsselbegriff, der beide Funktionen, also die praktische und die theoretische, verbindet. Er spricht hier vom Sinn der Geschichte, welchen der Historiker hinterfragt.13 Und zwar nicht nur nach dem Sinn im Allgemeinen, sondern vor allem welchen Sinn es macht, wenn man sich wissenschaftlich mit der menschlichen Historie beschäftigt.14 Die Historik äußert sich noch in weiteren Funktionen. Im Zusammenhang mit der Fragestellung dieser Ausarbeitung soll hier die Funktion des historischen Denkens als Ausdruck der Geschichtsschreibung, also der Produktion und Rezeption von Texten, genannt sein.15

Abschließend sei gesagt, dass der Begriff Historik nicht so einfach zu erklären ist, wie es Rüsen im einleitenden Satz dieses Kapitels darstellt. Die Historik als Geschichtstheorie erläutert und liefert (gute) Gründe für die Daseinsberechtigung der Geschichtswissenschaft. Sie fragt nach dem Sinn und der Wahrheit hinsichtlich der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der menschlichen Vergangenheit. Hierfür nutzt sie das „Werkzeug“ des historischen Denkens. Die Historik drückt sich in der Darstellung von geschichtlichen Ereignissen aus und wird dadurch zur Geschichtsschreibung. Ein Historiker (Herodot?) nutzt also die Historik - und somit die Form des historischen Denkens - um sich des Sinns, der Wahrheit und des Zweckes der Vergangenheit im heutigen und zukünftigen (praktischen) Leben bewusst zu werden. Dies passiert sowohl beim (wissenschaftlichen) Schreiben als auch Lesen einer Geschichte.

„ Was ist in diesem Zusammenhang den nun Geschichte und was ist Wissenschaft? “

2.2 Geschichte (der Wissenschaft)

„Geschichte sind Geschichten, welche wir über die erzählen, die vor uns waren und die andere über uns erzählen“.16

Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt, ist die Geschichte ein wichtiger Bestandteil und eine Bestimmungsgröße der menschlichen Kultur. „Alle Kulturen, alle Völker erzählen Geschichten über sich selbst, und es sind diese Geschichten, die dazu beitragen, jene Sinnhaftigkeit zu vermitteln, die eine Kultur ausmacht.“17 Diese Geschichten bilden sich durch eine besondere Zuwendung des Menschen zur zeitlichen Vergangenheit.18 Der Mensch bezieht sich auf seine Vergangenheit, um seine Gegenwart deuten und verstehen zu können und dadurch Erwartungen und Entwürfe für seine Zukunft zu bilden, um sich so zeitlich orientieren zu können. Er fragt simpel ausgedrückt nach dem Sinn seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und der Zukunft. Durch diese Betrachtung und die mentale Arbeit erhält der Mensch ein Geschichtsbewusstsein.19

„ Warum wendet sich der Mensch seiner Vergangenheit zu? “

Rüsen spricht hier davon, dass der Mensch nur leben kann, wenn er sich und seine Welt deutet.20 Dies geschieht nicht ohne Grund, denn der Mensch lebt in „seiner“ Zeit, besitzt geregelte Abläufe und Muster des menschlichen Lebens. Innerhalb dieser Prozesse kommt es nun zu empfindlichen Sinnstörungen21 des menschlichen Zeit- flusses. Der Mensch muss sich neu ordnen, er muss folglich die aufgetretene Störung deuten, um sich neu orientieren zu können und damit seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Rüsen hierzu: „Sinn ist die zentrale und fundamentale Kategorie, die den Bereich des Kulturellen im menschlichen Leben definiert, also bestimmend allen kulturellen Leistungen des Menschen zu Grunde liegt.“22 Mit Hilfe des Sinns kann sich der Mensch orientieren, er kann das menschliche Leben deuten. Der Sinn führt dazu, dass das menschliche Leben sowie die Welt verständlich werden und erklärbar sind. Sogar das Leiden wird durch den Sinn erträglich und nicht zu vergessen; Sinn ermöglicht Kommunikation.23 In diesem Gebilde wird die geistige Sinnbildungsleistung mit dem (in Kapitel 2.1 erwähnten) historischen Denken verbunden, damit der Mensch sich mit seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen kann. Hierbei nutzt der Mensch vier mentale, in einer zeitlichen Ordnung stehende, Operationen: Wahrnehmung, Deutung, Orientierung und Motivation.24 Durch die Anwendung dieser vier Operatoren im Rahmen des historischen Denkens werden die Ereignisse (Sinnstörungen) mit anderen Ereignissen im Zeitverlauf des Menschen sinnig zueinander geordnet. Diese Form der Darstellung (Einordnung) nennt man Geschichte, welche sich hier narrativ präsentiert, also als Erzählung stattfindet. Rüsen spricht hier der Erzählung eine fundamentale und allgemeine Tätigkeit des menschlichen Geistes zu. Mit ihr kann er den Sinn von Ereignissen deuten.25 Wenn sich diese Erzählungen nun auf reale Geschehnisse in der Vergangenheit beziehen, dann spricht man auch von historischen Erzählungen.26

Und was ist nun das Wissenschaftliche am historischen Denken? Was hat Geschichte mit Wissenschaft gemein? “

Wissenschaft ist zunächst einmal eine forschende Tätigkeit in einem bestimmten Bereich.

[...]


1 Cic. leg. 1,5.

2 Vgl. Näf,B.: Antike Geschichtsschreibung. Form - Leistung - Wirkung. 2010, S. 47f.

3 Hdt. I, Proöm.

4 Zur Begründung siehe Cornelißen, C.: Geschichtswissenschaften - eine Einf ü hrung. 2000, S. 9.

5 Ebd., S. 9f und 131ff.

6 Rüsen, J.: Historik - Theorie der Geschichtswissenschaft. 2013.

7 Ergänzend dienten: Cornelißen, C.: Geschichtswissenschaften - Eine Einf ü hrung. 2000. Howell, M. & Prevenier, W.: Werkstatt des Historikers - Eine Einf ü hrung in die historischen Methoden. 2004. Lengwiler, M.: Praxisbuch Geschichte - Einf ü hrung in die historischen Methoden. 2011. Sowie Näf, B.: Antike Geschichtsschreibung: Form - Leistung - Wirkung. 2010.

8 Vgl. Rüsen, S. 23.

9 Ebd., S. 24ff.

10 Ebd., S. 25f.

11 Ebd.

12Historisches Denken ist der Blick zur ü ck angesichts eines aktuellen Orientierungsbed ü rfnisses, um eine Vorstellung zu gewinnen, wie heute und morgen sinnvoll gehandelt werden kann. “ (Jörn Rüsen).

13 Ebd., S 27.

14 Ebd.

15 Rüsen nennt hierzu noch drei weitere: Die didaktische Professionalisierung, die historische Forschung und die Orientierungsfunktion (vgl. Rüsen, S. 27f.).

16 Howell & Prevenier, S. 5.

17 Ebd.

18 Hier spricht Rüsen von zwei Zeiten. Und zwar von der Naturzeit und der humanen Zeit. Diese zwei Zeiten sind künstliche Extreme. Die Naturzeit artikuliert sich in der Form von Unglück, Schmerz, Leid und - als radikalste Form - dem Tod. Die humane Zeit steht für das Gerüst der menschlichen Lebensentwürfe, der Verwirklichung von Vorhaben und Vorsätzen und in der radikalsten Form die Vorstellung einer Überlistung des Todes. Zwischen diesen beiden Extremen erlebt der Mensch seine Zeiterfahrung. Hier deutet er sein Dasein und den Sinn (vgl. Rüsen, S. 33f.).

19 Im deutschen Sprachraum gibt es hierzu unterschiedliche Fachbegriffe, die alle das Zusammenspiel von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftserwartung meinen: historisches Ged ä chtnis, historische Erinnerung und Geschichtsbewusstsein (vgl. Rüsen, S. 29f.).

20 Ebd., S. 30.

21 Zum Beispiel wichtige historische Ereignisse (Kriegsausbruch, Veränderung von politischen Machtverhältnissen, etc.).

22 Vgl. Rüsen, S. 34.

23 Ebd., S. 35f.

24 Ebd., S. 38 - 42.

25 Ebd., S. 44.

26 Ebd., S. 47.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Aller Anfang ist schwer. Oder wie Herodot die Geschichtsschreibung des Abendlandes erfand
Untertitel
Untersuchungen zu modernen Anforderungen an Historie und des Werkes Herodots
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V378560
ISBN (eBook)
9783668558533
ISBN (Buch)
9783668558540
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herodot, Geschichtsschreibung, Geschichtswissenschaft, Mythos, pater historiae, Rüsen, Quellenkritik, Historisches Denken, Antike, Griechen, Perser, Universalgeschichte, Historiographie
Arbeit zitieren
Mario Reich (Autor), 2017, Aller Anfang ist schwer. Oder wie Herodot die Geschichtsschreibung des Abendlandes erfand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378560

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