Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England im Spiegel der Presse 1935-1945


Hausarbeit, 2005

41 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1. Inhalt

2. Einleitung

3. Deutsche und England zwischen 1900 und 1945
3.1. Deutsche in England bis 1933
3.2. Deutsche Exilanten in England nach der Machtübernahme Hitlers

4. Die deutschen Flüchtlinge in der englischen Presse 1935-1945
4.1. Darstellung der Quellen
4.1.1. The Daily Mail
4.1.2. The Manchester Guardian
4.1.3. Deutsche Exilantenzeitungen: „Die Zeitung“ und „Freie Deutsche Kultur“
4.2. September 1935: Die „Nürnberger Gesetze“
4.3. März 1938: Der Anschluß Österreichs
4.4. November 1938: Die Pogrome in Deutschland
4.5. Mai 1940: Internierung deutscher Exilanten in England
4.6. Juli 1940: Änderung in der britischen Internierungspolitik
4.7. Mai 1945: Das Kriegsende als Neubeginn?

5. Bewertung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

Tabelle 1 : Auflage der wichtigsten englischen Boulevardzeitungen 1930-1947 (in Millionen)

Tabelle 2 : Wahlergebnisse in Großbritannien 1931-1945 (in Prozent)

Quellentext 1 : Max Zimmering: Appell

Quellentext 2 : Anonym: Arandora Star

Quellentext 3 : Der „Freie Deutsche Kulturbund“ zu den Bestimmungen der Internierungslager

Quellentext 4 : Erklärung der Association of Jewish Refugees in Great Britain

Abbildung 1 : Regionale Quoten versicherter Arbeitslosigkeit 1930-1938 (in Prozent)

Tabelle 3 : Ein- und Ausreise deutscher und österreichischer Flüchtlinge nach England 1932-1938

2. Einleitung

„Emigranten waren diejenigen unserer Landsleute im vergangenen Jahrhundert, die nach Amerika ausgewandert sind, weil sie eine neue Heimat finden wollten. Diejenigen, die während der Nazizeit Emigranten genannt wurden, teils von der deutschen Propaganda, aber so übernommen auch in der Sprache des Volkes, waren nicht Emigranten, sondern waren politische oder rassische oder auch religiöse Flüchtlinge.“ (Willy Brandt)

Die Literatur, die zum Thema des Exils während des Dritten Reichs erschienen ist, ist äußerst umfangreich. Sie umfaßt sowohl Analysen der Ereignisse, der offiziellen Poltik der betroffenen Staaten, Spezialuntersuchungen über einzelne Berufgruppen wie auch Biographien prominenter Exilanten. Besonders die oral history hat sich dabei in den letzten Jahrzehnten hervorgetan, die Schicksale Betroffener vor dem Vergessen zu bewahren.

In dieser Arbeit soll ein zu diesem Thema bislang kaum beschrittener Weg eingeschlagen und durch die systematische Analyse englischer Zeitungen das Schicksal der Flüchtlinge, wie es sich in der Presse widerspiegelte, dargestellt werden. Hierdurch kann direkt auf die Meinungen, Stimmungslagen und eventuell Motive der Engländer wie auch der geflohenen Deutschen im zeitlichen Verlauf geschlossen werden. Dabei sollen zahlreiche Quellenzitate einen unmittelbaren Eindruck von den Geschehnissen vermitteln, die das Leben Hunderttausender Menschen prägten. Da es zwar wünschenswert wäre, die Presse über das Leben der Flüchtlinge während der gesamten zwölf Jahre nationalsozialistischer Diktatur zu untersuchen, dies jedoch den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würde, soll vielmehr die Berichterstattung um sechs einschneidende Ereignisse als zeitliche Bezugspunkte beleuchtet werden. Diese sollen die Ursachen der Flucht und ihre Wahrnehmung in England vor dem Krieg, die Verhältnisse im Exil 1940 sowie die Lage bei Kriegsende umreißen. Als Quellen werden der liberale Manchester Guardian und die regierungsnahe Boulevardzeitung Daily Mail sowie die in England erschienenen Exilantenzeitungen „Die Zeitung“ und „Freie Deutsche Kultur“ verwendet. Deren Analyse sollte hinreichend erscheinen, um das Stimmungsgefüge in seiner Breite von einer informierten liberalen Öffentlichkeit hin zu einer konservativ eingestellten Leserschaft zumindest in ihrer Tendenz anschaulich zu machen. Durch eine vorausgehende Darstellung der Situation der Einwanderer aus Deutschland zu Beginn des 20.Jahrhunderts sowie einen allgemeinen Überblick der Situation deutscher Flüchtlinge in England während des Dritten Reichs soll deren Schicksal und das Verhalten der englischen Bevölkerung in einen größeren Kontext eingebettet werden.

Jedoch soll dabei nicht vergessen werden, dass hinter nüchterner Analyse und schnell niedergeschriebenen Zahlen, deren schiere Größe schwer zu fassen ist, sich die Schicksale von Individuen verbergen, die die Schrecken der Nazidiktatur und des Holocausts am eigenen Leib haben erfahren müssen. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass diejenigen Flüchtlinge, die sich nach Großbritannien oder in andere freie Länder haben retten können trotz des oft bitteren Loses zumindest dem Tod und den Leiden der Zurückgebliebenen entgangen sind, deren Grauen sich unserer heutigen Generation jeglicher Vorstellungskraft entzieht.

3. Deutsche und England zwischen 1900 und 1945

3.1. Deutsche in England bis 1933

Emigranten waren in Großbritannien besonders in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts nichts Neues. Bereits zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten allein in London etwa 60.000 deutsche Immigranten.[1] Außerhalb der Hauptstadt gab es zwar zahlreiche, doch wesentlich kleinere deutsche Gemeinden mit meist weniger als 3.000 Mitgliedern wie zum Beispiel in Liverpool, Manchester, Bradford, Hull oder Leeds.[2] In den Emigranten-gemeinden entstand auch ein sehr vielfältiges religiöses und kulturelles Leben. Allein in London wurden um die Jahrhundertwende in über 15 Kirchen regelmäßig deutsche Gottesdienste abgehalten, in Manchester gab es drei deutsche Kirchen. Gesellschaftliches Leben pflegten die deutschen Emigranten in Klubs und Vereinen, von denen es alleine in der Hauptstadt Hunderte gab, in denen sich auch die Klassenstruktur der Einwanderer wiederspiegelte. Ferner sind die zahlreichen deutsch geprägten politischen Vereine und Gewerkschaftsorgani-sationen zu erwähnen, deren Ursprünge bis in die Vierziger Jahre des 19.Jahrhunderts zurückreichen.[3] Neben einer armen Unterschicht unter ihnen, die ihren Lebensunterhalt durch Kleinvergehen und Prostitution bestritten, gab es bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gerade in London bereits eine ansehnliche deutsche Mittelschicht, die es als Händler, Zuckerbäcker, Fleischer, Schneider oder Friseure zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte.[4]

Doch verstärkte sich in dieser Zeit auch der ohnehin bereits vorhandene Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit innerhalb der britischen Bevölkerung.[5] Zwar verbanden die Engländer des 19.Jahrhunderts mit Deutschland in der Regel positive Assoziationen, mit dessen zunehmendem Weltmachtsanspruch und sich verstärkenden Konflikten gegenüber dem British Empire wuchs jedoch auch die Deutschenfeindlichkeit, die sich insbesondere auch gegen als Spione betrachtete Immigranten richtete.[6] Dies läßt sich symbolisch daran festmachen, dass die Emigranten nicht nur als immigrants oder foreigners, sondern wie auch später die Flüchtlinge weit häufiger als aliens bezeichnet wurden, was stärker eine negativ besetzte Fremdheit akzentuiert.[7]

Zahlreiche Organisationen, wie die British Empire Union, die Anti-German League, die Britain for the British Movement oder die zeitweise im Parlament vertetene National Party machten unter anderem die Germanophobie zu einem Teil ihres Programms.[8] Der Erste Weltkrieg ließ diese Tendenzen gerade gegenüber Deutschen nicht nur unter den Bevölkerung eskalieren,[9] wie sich in den gewalttätigen antideutschen Ausschreitungen von 1915 zeigte, sondern bewegte auch die Regierung dazu, mit der Aliens Restriction Bill vom 5.August 1914, einen Tag nach der englischen Kriegserklärung, die Bewegungsfreiheit ausländischer Bewohner einzuschränken, die Einreise von Ausländern zu verweigern und Deportationen zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage wurden vom November 1914 an etwa 32.000 Deutsche und Österreicher unter zum Teil miserablen Bedingungen in Lagern interniert.[10] Diese Maßnahme beruhte jedoch in keinster Weise auf sicherheitsrelevanten Erwägungen, sondern ist auf die Reaktion der liberalen Regierung zurückzuführen, die der xenophoben öffentlichen Meinung nachgab, die in den Ausländern Verschwörer und Kriminelle sah.[11] Der Krieg zerstörte die deutschen Gemeinden, die sich seit viktorianischer Zeit in England etabliert hatten[12] als ein „(…) result of a concerted effort by state and public to erase the German presence.[13] Die letztliche Folge war, dass die Zahl der Deutschen in Großbritannien auf etwa 22.250 im Jahre 1919 zurückging.[14]

Die Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus, die nach der Russischen Revolution noch durch die Furcht vor dem Bolschewismus verstärkt wurden, setzen sich nach dem Krieg insbesondere im politischen Establishment fort. Dies zeigt sich beispielsweise in der Verabschiedung des Aliens Restrictions Act von 1919, der die Flüchtlingspoltik der Kriegsjahre fortsetzte, so dass „(…) a policy of almost total restrictionism [gegenüber Einwanderung; Anm.d.Verf.] continued troughout the 1920s.[15] Obwohl sich Internationalisten für eine offenere Einwanderungspolitik einsetzten, waren sie bis in die späten Zwanziger Jahre in der Öffentlichkeit „isolated voices.[16] Doch zeigen Detailstudien, dass „(…) by focusing on the local level, British humanitarianism toward refugees can still be detected.[17]

3.2. Deutsche Exilanten in England nach der Machtübernahme Hitlers

Die Machtergreifung Hitlers führte zu einer ersten Welle von Emigration. Nach Verabschiedung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ im April 1933 sah vor allem eine große Zahl Intellektueller und politisch engagierter Personen für sich im Deutschen Reich keine Zukunft mehr. So kehrten 1933, insbesondere in den Monaten Mai bis Juli, insgesamt etwa 60.000 Menschen Deutschland den Rücken.[18] Die Anzahl der Flüchtlinge und Exilanten aus dem Dritten Reich nach England war zunächst eher gering,. Bis Mai 1934 hatten 3.500 Menschen in Großbritannien Zuflucht gesucht, davon jedoch etwa 1.000 das Land bereits kurze Zeit darauf meist in Richtung Übersee wieder verlassen.[19] Nach dem Anschluß Österreichs, der Besetzung des Sudetenlandes und vor allem den Pogromen des Novembers 1938 änderte sich dies jedoch in der Folge erheblich, stieg doch die Zahl der Flüchtlinge in das Königreich bis November 1938 auf etwa 15.000 an.[20] Dennoch konnte die Jüdische Gemeinde in England ihre im April 1933 gegebene Garantie, dass für die jüdischen Flüchtlinge alle Kosten ihrer Unterbringung ohne Belastung der britischen Regierung[21] getragen werden würden, bis Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einhalten.[22] Dies war deshalb notwendig, da die Erhebung der „Reichsfluchtsteuer“ und „Judenvermögensabgabe“ den Flüchtlingen zumeist keine nennenswerten Mittel für ihr Exil ließ.[23]

Nach Angaben des Hochkommissars für das Flüchtlingswesen des Völkerbundes hatten von 1933 bis September 1938 etwa 400.000 Personen das Großdeutsche Reich verlassen.[24] Als der Zweite Weltkrieg begann, befanden sich etwa 70-80.000 Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei in Großbritannien, viele tausend weitere reisten transit in andere Länder.[25] Zwischen 1940 und 1943 hat Großbritannien weitere 60.000 Flüchtlinge aus von der Wehrmacht überrollten Ländern aufgenommen.[26] War Immigration nach Großbritannien bereits Anfang der Dreißiger Jahre schwierig, zum Teil wegen des britischen Widerwillens im Rahmen der appeasement policy in „interne deutsche Angelegenheiten“ einzugreifen, so sahen sich Flüchtlinge seit Mai 1940 selbst in ihrem Exil Internierung und Deportation ausgesetzt.[27] Zehntausende wurden interniert und allein in der ersten Hälfte 1940 8.000 Internierte nach Übersee transportiert.[28]

Doch wußten die Exilanten um das Glück, das ihnen durch die Aufnahme in ihrem Gastland zuteil wurde. So hielten sie sich mit grundsätzlicher Kritik an Großbritannien oder Forderungen zur Unterstützung zurück und ent-wickelten eine bestimmte Art von Anglophilie. „Gratitude and admiration, certainly, were fulsome among many Central European refugees.[29] Wie verschiedene Studien gezeigt haben, waren die Exilanten Großbritannien von erheblichem Nutzen, hatten doch gerade Künstler und Wissenschaftler unter ihnen erheblichen Einfluß auf ihre jeweilige Disziplin im Gastland.[30] Mehr als 250 führende Wissenschaftler nahmen in den Dreißiger Jahren Zuflucht im Königreich, nicht weniger als ein Dutzend von ihnen wurde später mit dem Nobelreis ausgezeichnet.[31] Ihre gute Ausbildung und das Renommée waren es oft auch, die es ihnen ermöglichten ausuwandern. „If you were from an educated, well-connected, upper-middle-class family, (…) the head of the household would doubtless think strategically, nurse the right contacts, know how to apply for the correct documents and be able to pay whatever was required to get out while it was still possible to do so.[32] Daneben wurden in Großbritannien wie auch in den USA gerade Wissenschaftler unterstützt, um ihre Studien fortsetzen zu können oder ihnen zumindest die Eingliederung zu erleichtern. So wurde das Academic Assistance Council organisiert, dass Wissenschaftlern finanziell beistand und ihnen neue Beschäftigung vermittelte.[33] Aber auch andere Organisationen, wie das Jewish Refugee Committee, christliche Vereinigungen, Verbände wie der International PEN Club oder nicht zuletzt die von Flüchtlingen selbst organisierten Verbände, wie die Artists‘ International Association oder der „Freie Deutsche Kulturbund“ suchten die Exilanten in England zu unterstützen.[34] Doch zeigten sich im Alltag gerade bei weniger bemittelten Flüchtlingen häufig Probleme, die sich aufgrund der sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Engländern ergaben.[35] Vor allem Frauen, die oftmals die Last des Alleinverdieners trugen, wenn ihr Ehemann ohne Arbeitserlaubnis oder politisch engagiert war, sahen sich den Schwierigkeiten und Mißverständnissen der neuen Lebensumstände ausgesetzt. Dies verschlimmerte sich bei Ausbruch des Krieges, als aufgrund der Furcht Feinde zu beherbergen gleich in den ersten beiden Kriegswochen 8.000 deutsche Hausmädchen ihre Anstellung und damit häufig ihre Unterkunft verloren.[36]

Eine feindliche Haltung gegenüber den Flüchtlingen, insbesondere jüdischen, bezogen stets die faschistischen Organisationen in England, insbesondere die British Union of Fascists (BUF) unter Sir Oswald Mosley. Doch blieb ihr Einfluß sehr gering und war vor allem auf das Londoner East End begrenzt. Zudem wurde sie im Mai 1940 verboten.[37] Doch gab es durchaus eine gewisse Antipathie der Bevölkerung insgesamt gegenüber den Flüchtlingen. Diese resultierte zum einen aus den wirtschaftlichen Unsicherheiten in den Dreißiger Jahren, die in den Einwanderern Konkurrenten um Arbeitsplätze sehen und die Angst vor Arbeitslosigkeit[38] wachsen ließ. Zum anderen spielte aber auch eine breite, wenn auch eher selten offen artikulierte fremdenfeindliche und antisemitische Einstellung in der Bevölkerung eine Rolle.[39]

Nach Ausbruch des Krieges verstärkte sich diese Einstellung in der britischen Bevölkerung. Mit den Erfolgen der Wehrmacht, den Mitte 1940 beginnenden Luftangriffen auf englische Städte und nicht zuletzt durch die Angst vor einer deutschen Invasion, verschlechterte sich die Moral der Bevölkerung dramatisch. Zudem kam es immer häufiger zu Plünderungen ausgebombter Häuser.[40] Daneben blühte der Schwarzmarkt auf, Lebensmittelkarten wurden gefälscht und Korruption nahm zu.[41] Neben London hatte die Luftwaffe auch zahlreiche andere Städte bombardiert, unter anderem mehrfach Glasgow, Liverpool, Manchester, Sheffield, York und Hull, nach dem Abbruch der großen Luftangriffe im Mai 1941 sogar einzelne Dörfer und Gehöfte. Erschüttert wurde die Bevölkerung besonders durch die Verwüstung Coventrys am 14.November 1940, bei der 520 Menschen den Tod fanden. Der Häuserbestand dort wurde zu 80% zerstört.[42] Der Luftschutz war völlig unzureichend, Ende 1940 stand in London nur für etwa 40% der Bevölkerung Schutzraum zur Verfügung. Während des Krieges verloren etwa 80.000 Menschen in Großbritannien ihr Leben durch deutsche Bombenangriffe, etwa doppelt so viele wurden verwundet.[43] Dies wirkte sich insgesamt auf die Haltung gegenüber Flüchtlingen aus. „Home Intelligence also found that raids intensified the resentment which was directed at ethnic minorities.“[44]

4. Die deutschen Flüchtlinge in der englischen Presse 1935-1945

4.1. Darstellung der Quellen

4.1.1. The Daily Mail

Der Markt für Boulevardblätter war besonders hart umkämpft,[45] wobei die englische Presse in den Dreißiger Jahren überwiegend konservativ eingestellt war. Deren Leserschaft konnte unter der yellow press zwischen der Daily Mail, Daily Mirror, dem Daily Express und dem Daily Sketch wählen. Hingegen gab es auf der anderen Seite des Spektrums lediglich den liberalen News Chronicle und den Daily Herald, der Labour zugewandt war.[46] Zwar gibt sicherlich das Meinungsbild einer Zeitung nicht unbedingt die Ansichten der Bevölkerung wieder. Es kann nicht einmal davon ausgegangen werden, dass die hier darzustellenden Artikel auch tatsächlich von der Mehrheit der Zeitungsleser gelesen werden oder gar dass ihnen auch nur tendenziell zugestimmt wird. „However, it cannot be denied that the press was an important instrument of mass communication.[47] Dabei steht nicht unbedingt Information, sondern Stimmungsmache im Vordergrund. Die Gestaltung ist, wie die der Daily Mail, eher darauf angelegt Emotionen zu wecken als Hintergründe zu vermitteln, wobei Fotos und Schlagzeilen besondere Bedeutung zukommt.[48]

Konservativ heißt jedoch nicht, dass die Politik der Tories unterstützt wurde. Gerade Mitte der Dreißiger Jahre vollzog sich zum Beispiel beim Daily Mirror eine politische Neuorientierung als sich die Zeitung unter Beibehaltung seiner konservativen Einstellung zu Patriotismus, Empire und Monarchie von den regierenden Tories abwand und ab 1936 recht deutlich Labour zu unterstützen begann. Hierzu zählte auch die Ablehnung der Politik des appeasement und das engagierte Eintreten für eine Verstärkung der Kriegsanstrengungen.[49] Den Kurs des appeasement von Premier Chamberlain hingegen unterstützten insbesondere die Daily Mail, der Daily Express und The Times.[50] Die am meisten gelesene nationale Boulevardzeitung war zwar der Daily Express seines Eigentümers Lord Beaverbrook, doch war ihr Einfluß recht gering.[51] Daher ist die Daily Mail als das wichtigste Sprachrohr der Konservativen zu sehen, das das appeasement propagierte.[52] Zeitweise hatte das Blatt von Lord Rothermere auch die englischen Faschisten unter Sir Oswald Mosley unterstützt und den Nationalsozialismus in Deutschland begrüßt,[53] nach der „Nacht der langen Messer“ 1934 jedoch sich offiziell vom Faschismus und seinem implizierten Terror losgesagt. Rothermere aber pflegte weiterhin seine persönlichen, freundschaftlichen Kontakte zu Hitler und nutzte sie später, um die englische Regierung über dessen Absichten zu informieren.[54]

4.1.2. The Manchester Guardian

Der 1821 gegründete Manchester Guardian zählt zu den großen liberalen Zeitungen der seriösen Presse[55] und wurde sogar von Churchill für seine „splendid but instructed independence “ gepriesen.[56] Die Korrespondeneten der Zeitung in Berlin waren exzellente Kenner der deutschen Innenpolitik und konnten nicht nur wie andere die Auswirkungen der nationalsozialistischen Politik auf das Ausland ermessen, sondern insbesondere die Folgen für die deutsche Bevölkerung abschätzen.[57] Auch schrieben später für den Guardian mehrere deutsche Flüchtlinge, wie die Journalistin Hella Pick, die später Diplomatic Editor der Zeitung wurde, oder Musikproduzent Walter Legge, der Musikkritiken beitrug.[58]

Seit den Zwanziger Jahren hatte die seriöse englische Presse regelmäßig über den Faschismus in Deutschland berichtet, insbesondere seit der Machtergreifung Hitlers. Dabei war es der Manchester Guardian, „(…) which was to provide perhaps the most outstanding coverage of the persecutions of the Jews from 1933 to 1945.[59] Dass seit der Machtergreifung jedoch in der britischen Presse ständig und zum Teil sehr ausführlich über den Totalitarismus und Antisemitismus in Deutschland berichtet wurde, heißt jedoch nicht, dass die Bevölkerung die Berichte für wahr gehalten oder sie bewußt verarbeitet hat. Eine Zeitung trägt zur subjektiven Einschätzung eines Ereignisses durch die Größe, redaktionelle Aufmachung und Platzierung eines Artikels bei und nicht selten ist es für den Leser schlicht nicht möglich über sporadische Berichte ein Gesamtbild zu entwickeln.[60] Der Manchester Guardian versuchte häufig sowohl durch bezeichnende Überschriften als auch die Darstellung zusammenfassender Chronologien bereits vor Kriegsbeginn die Situation in Deutschland und damit die Gründe für Emigration und Flucht zu verdeutlichen.[61] Als ab Anfang 1942 allmählich Informationen über Hunderttausende von Nazis in Osteuropa ermordeter Juden nach Westen gelangten, wurde in der englischen Presse über das Ausmaß oft nur kurz, vage und unregelmäßig berichtet. „But with the exception of the Manchester Guardian – whose importance straddled across the local and national into the international arena – no newspaper outside the Jewish press in Britain gave sustained coverage to the Holocaust during the war.“[62] Bereits im September 1942 veröffentlichte die Zeitung einen bemerkenswert genauen Bericht über das Konzentrationslager Theresienstadt.[63]

Eine besondere Situation für das Pressewesen ergab sich durch die Zwänge des Krieges. Engpässe in der Papierversorgung ließen den Zeitungsverlagen bis Anfang 1943 weniger als 20% der Vorkriegsmenge und machte eine Begrenzung der Berichtsthemen erforderlich. Die durchschnittliche Seitenanzahl einer Tageszeitung sank von etwa 16 bis 24 Seiten auf sechs, später sogar auf vier Seiten. Seriöse Tageszeitungen, wie die Times oder der Guardian, schafften es die Seitenanzahl bei acht bis zehn Seiten aufrechtzuerhalten, jedoch nur indem sie die Auflage entsprechend reduzierten.[64] Ein geringeres Problem war die Zensur durch die Scrutiny Division des Ministry of Information (MOI), der alle Informationen unterlagen, die von Zeitungen und Wochenschauen veröffentlicht wurden. Doch konnte diese nur nach Veröffentlichung strafrechtliche Folgen nach sich ziehen, dann allerdings auch das Verbot der Zeitung beinhalten, wie im Fall des kommunistischen Daily Worker. Sofern Sicherheitsfragen betroffen waren, wurden die Artikel auf Bitte der Zeitungen vom MOI geprüft, die diese kürzte oder zurückhielt, jedoch nicht veränderte.[65] Zwar unterlagen insbesondere militärische Informationen einer restriktiven Zensur, doch ging man auch gegen eine der Regierung gegenüber kritische Haltung mit dem Hinweis vor, dass dies die Kriegsanstrengungen unterminieren würde. Mehrfach schalteten sich Churchill oder Clement Attlee, Führer der Labour Party, persönlich ein, um die Veröffentlichung kritischer Artikel zu verhindern und drohten dabei auch, die Zensur auszuweiten.[66]

[...]


[1] Vgl. Ritchie, J. M.: Holocaust Refugees in Great Britain and the Research Centre for German and Austrian Exile Studies in London, in: Immigrants and minorities 21(2002)1/2, S. 63-80, hier S.64

[2] Vgl. Panayi, Panikos: Immigration, Ethnicity and Racism in Britain 1815-1945. Manchester/New York 2002, S.56

[3] Vgl. Panayi 2002, S.86ff.

[4] Vgl. Panayi 2002, S.67f.

[5] Vgl. Kushner, Tony; Knox, Katharine: Refugees in an Age of Genocide. Global, National and Local Perspectives during the Twentieth Century. London/Portland 1999, S.25ff.

[6] Vgl. Panayi 2002, S.118f.

[7] Für einen exemplarischen Überblick zur Fremdenfeindlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg vgl. Hendley, Matthew: Anti-Alienism and the Primrose League: The Externalization of the Postwar Crisis in Great Britain 1918-32, in: Albion 33(2001)2, S.243-269

[8] Vgl. Panayi 2002, S.121

[9] Zum antideutschen und antisemitischen Verhalten der britischen Bevölkerung während des Krieges vgl. z.B. Panayi 2002, S.112ff.

[10] Vgl. Kushner/Knox 1999, S.44ff.

[11] Vgl. Kushner, Tony; Cesarani, David: Alien Internment in Britain During the Twentieth Century: An Introduction, in: Immigrants and Minorities 11(1992)3, S.1-22, hier S.12f.

[12] Vgl. Kushner/Cesarani 1992, S.2f.

[13] Vgl. Kushner/Knox 1999, S.47

[14] Vgl. Panayi 2002, S.106

[15] Kushner/Knox 1999, S.64. Allerdings richteten sich die Ressentiments nun mehr gegen osteuropäische Juden und zunehmend gegen Immigranten von den Westindies und aus Asien (vgl. Kushner/Knox 1999, S.75).

[16] Kushner/Knox 1999, S.65

[17] Kushner/Knox 1999, S.100

[18] Vgl. Malet, Marian: Departure and Arrival, in: Malet, Marian; Grenville, Anthony (eds.): Changing Countries. The Experience and Achievement of German-speaking Exiles from Hitler in Britain from 1933 to today. London 2002, S.45-89, hier S.45f.

[19] Vgl. Kushner/Knox 1999, S.128. Im gleichen Zeitraum suchten in Frankreich 21.000, in Polen 8.000 und in der Tschechoslowakei etwa 3.500 Deutsche Zuflucht (vgl. Snowman, Daniel: The Hitler Emigres. The Cultural Impact on Britain of Refugees from Nazism. London 2003, S.87).

[20] Vgl. Brinson, Charmian: A Woman’s Place …? German-speaking Women in Exile in Britain, 1933-1945, in: German life and letters 51(1998)2, S.204-224, S.204f.; vgl. Kushner/Knox 1999, S.129

[21] Zu den Wahlergebnissen in Großbritannien 1931 bis 1945 vgl. Tabelle 2 im Anhang

[22] Vgl. Kushner/Knox 1999, S.128

[23] Vgl. Malet 2002, S.65f.

[24] Vgl. Sherman, A.J.: Island Refuge. Britain and Refugees from the Third Reich 1933-1939. 2nd ed. Ilford/Portland 1994, S.269f. Hiervon waren etwa 226.000 jüdische Bürger aus Deutschland, weitere 134.000 bis 144.000 aus Österreich und der Tschechoslowakei.

[25] Vgl. Ritchie 2002, S.63

[26] Vgl. Holmes, Colin: British Government Policy towards Wartime Refugees, in: Conway, Martin; Gotovitch, José (eds.): Europe in Exile. European Exile Communities in Britain 1940-45. New York/Oxford 2001, S.11-34, hier S.14

[27] Vgl. Ritchie 2002, S.64

[28] Vgl. Donnelly, Mark: Britain in the Second World War. London/New York 1999, S.48

[29] Snowman 2002, S.343

[30] Vgl. Scherer, F. M.: The Emigration of German-Speaking Economists after 1933, in: Journal of Economic Literature 38(2000)3, S. 614-626; vgl. Kushner/Knox 1999, S.160ff. Etwa 1.400 Dozenten verließen bis zu den Pogromen 1938 allein deutsche Universitäten. Zum Einfluß von nach England emigrierten Künstlern im weitesten Sinn vgl. ausführlich Snowman 2003.

[31] Vgl. Ambrose, Tom: Hitler’s Loss. What Britain and America gained from Europe’s cultural exiles. London 2001, S181f.

[32] Snowman 2002, S.318

[33] Vgl. Scherer 2000, S.616

[34] Vgl. Snowman 2002, S.319

[35] Vgl. Snowman 2002, S.356ff.

[36] Brinson 1998, S.210

[37] Vgl. Kushner/Knox 1999, S.149

[38] Zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Großbritannien zwischen 1930 und 1938 vgl. Abbildung 1 im Anhang

[39] Vgl. Kushner/Knox 1999, S.172

[40] Vgl. Whiting, Charles: Britain under Fire. The Bombing of Britain’s Cities 1940-1945. Barnsley 1999, S.25 sowie S.64f.; allein in London zwischen September und Dezember 1940 wurden über 5.500 Fälle von Plünderung vor Gericht gebracht (vgl. Smith, Harold: Britain in the Second World War. A Social History. Manchester/New York 1996, S.88f.).

[41] Vgl. Donnelly 1999, S.38

[42] Vgl. Whiting 1999, S.30ff. Die Angriffe erfolgten bis März 1945, zuletzt besonders durch V1- und V2-Raketen.

[43] Vgl. Whiting 1999, S.19ff.

[44] Donnelly 1999, S.37. Insbesondere nahm die antisemitische Einstellung, die bereits vor dem Krieg vorhanden war, zu. In gleicher Weise äußert sich Whiting 1999, S.73. „Looting was rife and anti-semitism was strong, the Jews were accused, as they were in London, of using their money to find safe havens away from the city.

[45] Vgl. Tabelle 2 der Auflagezahlen im Anhang

[46] Vgl Pugh, Martin: The Daily Mirror and the Revival of Labour 1935-1945, in: 20th Century British History 9(1998)3, S.420-438, S.426

[47] Connelly, Mark: The British People, the Press and the Strategic Air Campaign against Germany, 1939-45, in: Contemporary British History 16(2002)2, S.39-58, S.40. Connelly verweist auf Stevenson (British Society 1914-1945. London 1984, S.402f.), dem zufolge im Jahre 1939 69% der Bevölkerung über 16 Jahren regelmäßig eine überregionale Zeitung lesen würden. Donnelly (1999, S.70f.) verweist auf Koss (The Rise and Fall of the Political Press in Britain, Vol.II. London 1984), dass trotz der höheren Preise und Verteilungsprobleme während des Krieges in der Spitze 80% der Männer und 66% der Frauen mindestens eine Zeitung täglich lasen.

[48] Als Beispiel sei der Bericht über das Attentat auf den deutschen Botschaftssekretär vom 8.11.1938 genannt. Auf Seite 13 wird ein Foto von Herschel Grynspan gezeigt – in der Bildunterschrift „Feibel Grynsdal“ gennant –, gefolgt von einem halbseitigen Zweispaltenbericht zwei Seiten später (vgl. Daily Mail: „Jew’s `I Wanted to Kill Nazi Envoy`. Secretary Shot `To Avenge my Race` “, 08.11.1938, S.15). Daneben sind ein Cartoon zu einem anderen Thema sowie eine halbseitige Kaffeewerbung abgedruckt.

[49] Vgl. Pugh 1998, S.427ff.

[50] Vgl. Pugh 1998, S.435

[51] Vgl. Calder, Angus: The People’s War. Britain 1939-1945. London 1986, S.101

[52] Vgl. z.B. Daily Mail: „Hitler says `Disarm the warmongers` “, 07.11.1938, S.14

[53] Vgl. Calder 1986, S.131

[54] Vgl. Taylor, S.J.: The Great Outsiders. Northcliffe, Rothermere and the Daily Mail. London 1996, S.283ff. Lord Rothermere hatte zwei seiner drei Söhne im Ersten Weltkrieg verloren. Sein erklärtes Ziel war es, einen weiteren Krieg zu verhindern.

[55] Vgl. Ayerst, David: Guardian. Biography of a Newspaper. London 1971

[56] Vgl. Calder 1986, S.299

[57] Vgl. Ayerst 1971, S.500ff.

[58] Vgl. Snowman 2002, S.177 und S.335

[59] Kushner, Tony: The Holocaust and the Liberal Imagination. A Social and Cultural History. Oxford 1994, S.35

[60] Bezogen auf die Berichterstattung der New York Times über den Holocaust stellt Leff fest, dass es durchaus zahlreiche Berichte über die Verfolgung von Juden gab, die auch äußerst glaubwürdig waren. „It was not that the individual stories made it easy to grasp isolated events but hard to detect an overall pattern. “ (Leff, Laurel: When the Facts Didn’t Speak for Themselves. The Holocaust in the New York Times, 1939-1945, in: The Harvard International Journal of Press Politics 5(2000)2, S.52-72, hier S.70)

[61] Aus diesem Grund werden sind in dieser Arbeit bei den Quellenangaben die Überschriften der Zeitungsartikel mit angegeben. Als Beispiel für eine Zusammenschau sei ein dreispaltiger, ganzseitiger Artikel genannt, der stichpunktartig die Ereignisse um die Verfolgung von Juden in Deutschland bis 1938 festhält (vgl. Manchester Guardian: „The Persecution of the Jews in Germany. Official Decrees from 1933-1938“, 30.11.1938, S.7)

[62] Kushner/Knox 1999, S.195

[63] Vgl. Calder 1986, S.499

[64] Vgl. Calder 1986, S.504f.

[65] Vgl. Connelly 2002, S.41

[66] Vgl. Donnelly 1999, S.72

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England im Spiegel der Presse 1935-1945
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
41
Katalognummer
V37871
ISBN (eBook)
9783638371001
ISBN (Buch)
9783638886413
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"eine ueberzeugende Ausarbeitung", "hoechst informativ und vielschichtig" Kritik: "Arbeit (geht) zu sehr in die Breite", "ziemlich beachtliche(r) Umfang"
Schlagworte
Deutsche, Exilanten, Flüchtlinge, England, Spiegel, Presse
Arbeit zitieren
Sven Feyer (Autor), 2005, Deutsche Exilanten und Flüchtlinge in England im Spiegel der Presse 1935-1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37871

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