Die "Kindheit Jesu" von Konrads von Fußesbrunnen. Religiöse Dichtung oder höfische Literatur?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Literatur um 1200

3 Stoff der Kindheit Jesu
3.1 Historische Quellen über die Kindheit Jesu
3.2 Inhalt
3.3 Quellen der Kindheit Jesu
3.3.1 Das Protevangelium des Jakobus
3.3.2 Das Pseudo-Matthäusevangelium
3.4 Inhaltliche Nähe der Kindheit Jesu zum höfischen Roman

4 Erzählweise der Kindheit Jesu
4.1 Verkündigungsszene
4.2 Intentionen des Autors
4.3 Höfisches Erzählen in der Kindheit Jesu

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internetquellen

Anhang

1. Text Verkündigungsszene (nach Fromm/Grubmüller)

2. Übersetzung Verkündigungsszene

1 Einleitung

Die Kindheit Jesu ist eine religiöse Versdichtung des aus Niederösterreich stammenden Konrad von Fußesbrunnen. Konrad ist nur bekannt als Verfasser dieses 3.027 Verse umfassenden Epos in mittelhochdeutscher Sprache, dessen Entstehungszeit nicht genau festzulegen, aber um die Zeit um 1200 anzusetzen ist, und damit auf die Zeitansätze der großen höfischen Romane. Sein Werk ist später sprachlich modernisiert worden: so wurde es in mariologischen Sammelhandschriften überliefert und hat auch das Interesse des Deutschen Ordens auf sich gezogen. Mehrere Teile hat man in größere geistliche Dichtungen inkorporiert, die mit dem Orden in Verbindung stehen (z. B. Einarbeitung ins Passional und in das Marienleben des Bruders Philipp). Die Kindheit Jesu wurde in Prosa aufgelöst und in die prachtvoll illuminierte neutestamentliche Schaffhauser Historienbibel von 133 n. Chr. aufgenommen, wo sie, mit typologischen Erklärungen verbunden, in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt ist, den Konrad ihr gar nicht zugedacht hatte. Dies hat ihm eine indirekte literarische Nachwirkung bis in die Zeit des Buchdrucks garantiert. Zudem wurde Konrads Werk in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts ins Lateinische übertragen und hat damit noch den Zugang zu einem schulgebildeten, wenn auch theologisch anspruchslosen Publikum gefunden. Über das 14. Jahrhundert geht die bisher bekannte Überlieferung mit drei vollständigen Handschriften und sechs kleineren Fragmenten[1] nicht hinaus. Jedoch ist dieses Werk die einzig größere erhaltene deutschsprachige Dichtung mit geistlichem Stoff aus der Generation der klassischen höfischen Epiker, weshalb sich daraus ableitend die Frage stellt, ob es sich hierbei nun um eine religiöse Dichtung oder doch – der Entstehungszeit entsprechend – um höfische Literatur handelt.

Ziel dieser Arbeit ist es, dieser Fragestellung nach der Einordnung des Werkes in religiöse oder höfische Literatur anhand der Kindheit Jesu Konrads von Fußesbrunnen nachzugehen. Dabei soll zunächst auf die Literatur des Entstehungszeitpunktes des Werkes um 1200 n. Chr. eingegangen werden. Anschließend wird die Frage der Literaturzugehörigkeit anhand des Stoffes und der Erzählweise der Kindheit Jesu geklärt. Beim Stoff soll zum einen kurz der Inhalt des Werkes angerissen werden, zum anderen spielen die Quellen, also die Vorlage für die Thematik eine wichtige Rolle. Die Erzählweise der Kindheit Jesu wird anhand der Verkündigungsszene analysiert und auf eine höfische Erzählweise untersucht. Schließlich endet diese Arbeit im Schlussteil mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse.

2 Die Literatur um 1200

Der Entstehungszeitpunkt der Kindheit Jesu wird – wie in der Einleitung bereits erwähnt – um das Jahr 1200 datiert und fällt somit genau in die Blütezeit der höfischen Literatur. Im Zentrum der mittelhochdeutschen, höfischen Literatur stehen die verschiedenen Typen des Liedes und der Großepik. Die Lieddichtung zwischen etwa 1150 und 1350 lässt sich in die drei Haupttypen Minnesang, Sangspruchdichtung und Leich aufgliedern. Zur mittelalterlichen Großepik rechnet man zwei literarische Typen: die verschriftlichte Heldenepik und den Roman mit ihren jeweiligen Untertypen. Andere literarische Bereiche wie zum Beispiel kleinere Gedichte in Reimpaaren, größere didaktische Gedichte oder die verschiedenen Typen wissensvermittelnder und religiöser Literatur, die in vorhergehenden Epochen eine Rolle spielten, treten demgegenüber zurück.[2] In dieser Zeit der dominierenden weltlichen höfischen Literatur ist, wie Birkhan konstatiert, die Kindheit Jesu Konrads von Fußesbrunnen sogar das einzige geistliche Epos.[3]

Die Epoche der mittelhochdeutschen (höfischen) Literatur erscheint dreigeteilt. Im ersten Zeitabschnitt, der von ca. 1150-1190 andauerte, bildeten sich die verschiedenen literarischen Typen, meist in Anlehnung an romanische Vorbilder oder durch deren direkter Übernahme, vielfältig aus. In der zweiten Zeitspanne um 1190 bis ca. 1220/30, also dem Zeitraum des Entstehens der Kindheit Jesu, waren romanische Texte zwar immer noch von Bedeutung, doch gewannen eigene Traditionen der deutschen Dichtung mehr und mehr an Gewicht. Durch eine Reihe unverwechselbarer bedeutender Autoren wie Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg oder Walther von der Vogelweide stellt dieser Zeitabschnitt die Blütezeit, die klassische Epoche der deutschen Literatur des Mittelalters dar. Im anschließenden dritten Zeitabschnitt von 1220/30 bis ca. 1350 spielten romanische Einflüsse nur noch eine geringe Rolle. Im Wesentlichen setzten sich die Autoren mit deutschen Vorbildern und Traditionen auseinander. Erweiterungen im Themen- und Typenspektrum erfolgten im Kernbereich Lied/Großepik nur in verhältnismäßig geringem Umfang.[4]

Nikolaus Henkel hat darauf aufmerksam gemacht, dass das „herkömmliche Modell der Literaturgeschichtsschreibung“, in dem „die Zeit um 1200 geprägt [ist] vom höfischen Minnesang, von den Romanen Hartmanns, Wolframs und Gottfrieds und von der Buchwerdung der Heldendichtung im Nibelungenlied“ [5], nicht ausreichend berücksichtigt, dass in der Literatur dieser Zeit ebenso religiöses Erzählen in längeren oder kürzeren legendarischen Dichtungen und biblisch-apokryphen Erzählungen eine Rolle spielt.[6] Seiner Ansicht nach steht fest, dass „man diese religiöse Erzählwelt abgrenzen muss von der nahezu zeitgleich sich etablierenden des höfischen Romans.“ [7] Im Folgenden soll nun anhand der Kindheit Jesu untersucht werden, ob sich die religiösen Dichtungen tatsächlich von der gleichzeitig entstehenden weltlichen Epik unterscheiden oder ob die These von Nikolaus Henkel zu widerlegen ist. Als Einteilungskriterien sollen hierfür zum einen der Stoff und zum anderen die Erzählweise herangezogen werden.

3 Stoff der Kindheit Jesu

3.1 Historische Quellen über die Kindheit Jesu

Über die Kindheit Jesu lässt sich überhaupt nichts historisch Zuverlässiges sagen. Unter allen 27 Schriften des Neuen Testaments widmen allein das Lukas- und Matthäusevangelium dem Thema Geburt und Kindheit Jesu Aufmerksamkeit. Selbst die beiden – untereinander völlig verschiedenartigen – Geburtserzählungen aus dem Lukas- und dem Matthäusevangelium werden (heute) als tieftheologische und genial strukturierte Legenden erkannt, mit primär theologischem, nicht historischem Wahrheitsanspruch. Sie wollen keine historischen Tatbestände schildern, sondern „christologische Aussagen machen.“ [8]

Dies gilt umso mehr für die einzige biblische Erzählepisode, in der uns Jesus als Kind begegnet. Denn nur Lukas berichtet in Kapitel 2,41-52 über die Geschichte des 12-jährigen Jesus im Tempel von Jerusalem, in welcher dieser sich schon als Gottes Sohn begreift und dies Maria und Joseph auch mitteilt. Tatsächlich handelt es sich hier jedoch auch um eine „kirchliche Verkündigung in Form einer Geschichte“ [9], mit welcher der Evangelist Lukas seine Grundbotschaft der Göttlichkeit Jesu von Anfang an demonstrieren will. Aufgrund dessen ist klar, dass es nichts historisch Belegbares über die Kindheit Jesu gibt. So bleibt es dabei: von der Kindheit Jesu weiß man historisch rein gar nichts: „Das Wissen um das in Jesus von Nazareth gekommene eschatologische Heil […] lässt den Versuch eines biographischen Berichts freilich bereits in den Anfängen wieder scheitern.“ [10]

Stattdessen spüren die zahlreichen apokryphen, das heißt außerbiblischen Kindheitserzählungen – entstanden seit Anfang des zweiten Jahrhunderts – zielsicher die Leerstellen der offiziell approbierten Evangelien auf, um sie mit Phantasie, Gespür und theologischer Zielsetzung fiktiv aufzufüllen. Dabei widmen sich die apokryphen Erzähler weniger der erzählerischen Ausschmückung bereits vorhandener Überlieferungen. Vielmehr lassen sie ihrer Fantasie insbesondere dort freien Lauf, wo die kanonischen Kindheitsgeschichten schweigen, schmücken die zahlreichen erzählerischen Leerstellen der biblischen Kindheitsgeschichten legendenhaft aus und wecken gerade dadurch die Neugierde: woher stammt Maria und wie verläuft ihr Leben bis zur geistgewirkten Empfängnis Jesu? Was geschah bei der Geburt Jesu selbst? Wie entwickelte sich Jesus bis zur der von Lukas überlieferten Tempelepisode im Alter von 12 Jahren? Was war er für ein Kind? Wie verlief die Flucht nach Ägypten? Was geschah auf der Reise und bei der Ankunft am Ziel?[11]

„Im Verlauf der Frömmigkeitsgeschichte von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit hinein haben – wohl gerade deshalb – die apokryphen Kindheitsüberlieferungen Literatur, Kunst und Musik sehr viel stärker angeregt und beeinflusst als die biblischen Kindheitsgeschichten.“ [12]

Die apokryphen, legendenhaften Kindheitserzählungen werden auch in der in Kapitel 3.3 stattfindenden Quellenfrage der Dichtung Konrads eine entscheidende Rolle spielen.

3.2 Inhalt

In seiner Dichtung, die einen Gesamtumfang von rund 3000 Versen enthält, erzählt Konrad von Fußesbrunnen – wie es bereits im Titel der Leithandschrift B heißt – „diu chintheit unsers herrn Jesu Christi“ [13]. Konrad hat seinen Erzählstoff deutlich ersichtlich gegliedert. Die Handlung lässt sich in drei große Teile gliedern: nach einer Einleitung (V. 1-138)[14] folgen

1. das Leben der Jungfrau Maria von ihrer Vermählung mit Joseph (V. 139-194), die Ereignisse von der Verkündigung über die Beschuldigung Marias bis zur Geburt Christi und die weiteren Ereignisse bis zum bethlehemitischen Kindermord (V. 195-1324),
2. sehr ausführlich die breitausgemalte Flucht nach Ägypten mit zweimaliger Einkehr im Hause des guten Schächers (V. 1325-2530). Die zweiteilige Räuberepisode bildet dabei für Rolf Bräuer das „Zentrum des anspruchslosen Werks“ [15] und
3. verschiedene Wundertaten des Jesuskindes in Nazareth (V. 2531-3004) bis zu seinem Schulbesuch, wo der Text ziemlich abrupt endet.

Danach folgt eine Schlussbemerkung des Dichters, in der er dazu auffordert, ihn auf Schwächen seines Werkes hinzuweisen, sich aber Änderungen oder Zusätze verbittet.

Dem Inhalt zufolge ist der Stoff der Kindheit Jesu scheinbar biblischem und somit religiösem Ursprung zuzuschreiben. Um diesen jedoch genau festlegen zu können, ist ein Blick auf die Quellenlage unabdingbar.

3.3 Quellen der Kindheit Jesu

Wie in Kapitel 3.1 schon erwähnt wurde, gewannen die außerbiblischen Kindheitserzählungen ab dem 2. Jahrhundert mehr und mehr an Bedeutung. In der religiösen Epik der folgenden Jahrhunderte trat der biblische Text immer mehr zurück und wurde vom Erzählgut anderer Herkunft überlagert. Was von nun an in den Vordergrund rückte, waren die Geschichten außerbiblischen Ursprungs. Wie Achim Masser feststellte, wurde es „die Welt der ‚Legenden‘ und ‚Apokryphen‘, aus der sich die […] Dichter in zunehmendem Maße den Stoff für ihre Darstellungen“ [16] holten. Der gleiche Autor stellte auch fest, dass der Inhalt von Konrads Erzählung unmittelbar auf apokryphe Schriften fußt.[17]

Der Quellenfrage der Kindheit Jesu ist jener Achim Masser (1969) auf geschickte Art und Weise auf den Grund gegangen, indem er die Vita rhythmica [18], die früher fälschlich auch als Quelle der Kindheit Jesu in Anspruch genommen wurde, ebenso wie das apokryphe Pseudo-Matthäusevangelium in der Version Tischendorfs[19] mit in seine Behandlung einbezog. Aus der Untersuchung Massers ergab sich, dass zwischen der Vita rhythmica und der Kindheit Jesu keine unmittelbare Abhängigkeit herrscht, sondern dass beide Werke, je gesondert aus dem großen, noch nicht genau erforschten Komplex von Kindheitslegenden-Kompilationen geschöpft haben.[20] Unbestritten ist, dass das Pseudo-Matthäusevangelium, so wie das ca. 400 Jahre früher entstandene Protevangelium des Jakobus als sichere Quellen für Konrads Dichtung angenommen werden können,[21] weshalb diese beiden apokryphen Quellen nun noch einmal genauer unter die Lupe genommen werden.

3.3.1 Das Protevangelium des Jakobus

Beim Protevangelium des Jakobus handelt es sich um einen Text, der große Verbreitung fand: „Die hohe Zahl der griechischen Handschriften – es sind ca. 140 bekannt – weist ebenso wie die vielen Übersetzungen in orientalische Sprachen auf die große Beliebtheit“ [22] der Schrift hin. Entstanden ist das Protevangelium zwischen 150 und 200 n.Chr. an einem unbekannten Ort. Während Ägypten als Entstehungsort vorgeschlagen wird, kommen für Hans-Josef Klauck auch Syrien oder Kleinasien in Frage.[23] Mit dem Verfasser der Schrift, der sich in Kapitel 25,1 selbst nennt: „Ich aber, Jakobus, der ich diese Geschichte aufgeschrieben habe“, ist nicht der Zebedäussohn aus dem Zwölferkreis (Mk 3,17), sondern der gleichnamige Herrenbruder (Mk, 6,3), der nach Erzählkonzeption der Schrift ein Stiefbruder Jesu aus Josefs erster Ehe ist, gemeint, auch wenn gelegentlich sogar an Jakobus den Jüngeren aus Mk 15,40 gedacht wurde.[24] In Kap. 1-10 der Erzählung schickt der Autor dem Bericht über Empfängnis und Geburt Jesu eine Vorgeschichte voraus, die sich auf die Gestalt der Maria konzentriert. Ihre Eltern werden vorgestellt und man erfährt unbekannte Details über die frühen Jahre Marias. Ab Kapitel 11 legt Jakobus als Erzählgerüst die beiden Ende des 1. Jahrhunderts entstandenen Kindheitsgeschichten nach Lukas und Matthäus zugrunde.

„Diese beiden kanonischen Kindheitsgeschichten harmonisiert er und macht sie in auffälliger Weise dem eigenen Erzählinteresse dienstbar. Dieses Interesse liegt nun in diametralem Unterschied zur lukanischen und matthäischen Vorgeschichte nicht bei der Christologie, sondern bei der Mariologie. Das Leben Marias wird geschildert als jungfräuliches und unüberbietbar heiliges Leben, angefangen von ihrer wunderbaren Empfängnis jenseits der fruchtbaren Jahre ihrer Mutter Anna bis zur Geburt Jesu und seiner Verfolgung durch Herodes.“ [25]

Der Autor hat also aus dem Matthäus- und Lukasevangelium frei nacherzählt und beides miteinander kombiniert. Er hat aber auch andere traditionelle Elemente eingefügt, wie die Geburt Jesu in einer Höhle oder die Verfinsterung der anderen Sterne durch den Stern der Weisen, was die kosmische Dimension der Geburt Jesu ausdrückt.[26]

Dem Protevangelium des Jakobus wurde insgesamt eine ungewöhnlich starke Nachwirkung bescheinigt. Obwohl von der römischen Kirche mehrfach als apokryph verworfen, war „sein Einfluss auf Literatur und Volksfrömmigkeit, ja selbst auf die Theologie des Abendlandes nachhaltiger als der jedes anderen Apokryphons“ [27] . Trotz der erwähnten Skepsis wurde das Protevangelium auch im Westen wirksam, weil wesentliche Inhalte in andere, verbreitete Kindheitserzählungen wie zum Beispiel die des Pseudo-Matthäus eingingen.

3.3.2 Das Pseudo-Matthäusevangelium

Konrads Hauptquelle, das in lateinischer Sprache abgefasste Pseudo-Matthäusev-angelium, ist eine frühestens im 6. Jahrhundert n. Chr. verfasste Bearbeitung frühchristlicher Kindheitsevangelien. Der heutige Titel[28] existiert überhaupt erst seit 165 Jahren. Constantin von Tischendorf hat ihn dem Text in seiner einflussreichen Edition beigelegt. Er ging dabei von einem fingierten Briefwechsel zwischen zwei Bischöfen und dem Kirchenvater Hieronymus aus, der einem Teil der Handschriften vorangestellt ist.[29] Entstanden ist es durch den Umstand, dass das eben dargelegte „Protevangelium des Jakobus im Abendland frühzeitig einer großen Kompilation aus älteren und jüngeren apokryphen Schriften eingearbeitet wurde.“ [30] Daraus ist das sogenannte Pseudo-Matthäusevangelium hervorgegangen. So beruht der erste Teil des Pseudo-Matthäus (Kapitel 1-17) mit der Geschichte von Marias Eltern und ihrem Leben bis zur Flucht nach Ägypten komplett auf dem aus dem Protevangelium bekannten Stoff, der zweite Teil (Kapitel 25 ff.) mit den Wundertaten des Jesusknaben in Nazareth ist dagegen auf das Kindheitsevangelium des Thomas zurückzuführen. Der Mittelteil (Kapitel 18-24) mit den Ereignissen von der Flucht nach Ägypten bis zur Rückkehr nach Nazareth geht auf das arabische Kindheitsevangelium zurück.[31]

„Das Pseudo-Matthäusevangelium ist zur Grundlage zahlreicher Dichtungen über Maria und Jesus geworden. Daß [sic!] es im Laufe seiner jahrhundertelangen Tradition – wie es bei Sammlungen derartigen Charakters nicht selten ist und insbesondere dem Wesen der Legendenbildung entspricht – fortlaufend textlichen Veränderungen sowie Kürzungen, Hinzufügungen und Umstellungen im Bestande seiner einzelnen Geschichten unterlag“ [32] spielt dabei keine Rolle.

Das Protevangelium des Jakobus wie auch das Pseudo-Matthäusevangelium wollen zeigen, wie sich die göttliche Natur Jesu bereits an den Umständen seiner Geburt und sogar schon früher gezeigt hatte. Um die Geschichte Jesu als „Heilsgeschichte“ zu erzählen, griffen ihre Verfasser auf die Bibel zurück, deren Texte als Erzählung des Wirken Gottes anerkannt waren. Sie gingen aber gewissermaßen frei mit den Geburtserzählungen um, die bei Matthäus und Lukas enthalten sind. Im Unterschied zu den biblischen Kindheitsgeschichten tritt jedoch in den apokryphen Kindheitsgeschichten das christologische Anliegen deutlich in den Hintergrund. „Stattdessen verlagert sich das Interesse gerade auf die (vermeintlich) historisch-biographischen Details, die sich aus der christologischen Indienstnahme weitgehend lösen und in erheblichem Umfang legendenhaft ausgeschmückt und erweitert werden.“ [33]

Es stellt sich am Ende noch die Frage, inwiefern biblischer Text und außerbiblische, apokryph-legendäre Überlieferung nebeneinander bestehen konnte. Zunächst brachte sich ein Dichter, der nichtbiblisches, d. h. apokryphes oder legendäres Gut verwertete, in einen Gegensatz zur Bibel und es kam zu einer Distanzierung von Seiten der Kirche (wie es z. B. im Decretum Gelasianum [34] geschieht). Ein Rückgriff auf außerbiblische Überlieferung bedeutete zunächst, dass man den letztlich allein angemessenen, weil einzig legitimen Quellbezirk, nämlich die Aussagen der kanonischen Evangelien, verlässt.[35] Dennoch fanden die außerbiblischen Schriften weite Verbreitung, denn durch sie konnte bei den Gläubigen ein möglichst detailliertes Bild vom Leben Jesu entstehen, das die Berichte ergänzte, die in den kanonischen Evangelien über den ersten Lebensabschnitt des Erlösers zu finden waren. Schließlich ist es im Laufe der Jahrhunderte zu einem Nebeneinander von Bibel und ‚sonstigen bewährten Schriften‘ gekommen, bei denen es sich vorwiegend um eine Art von ‚Ergänzungsschriften‘ zu den im neutestamentlichen Kanon zusammengefassten Werken handelt. Mittlerweile ist man der Meinung, dass sie die kanonischen Berichte durch die Mitteilung zahlreicher interessanter Einzelheiten vertiefen, sie willkommene inhaltliche Ergänzungen enthalten und so vermögen, schmerzlich empfundene Lücken aufzufüllen. Sie ordnen die biblischen Geschehnisse, stellen sie in einem zeitlich einleuchtenden Ablauf dar und beseitigen dadurch manche Unklarheit.[36]

„In diesem Sinne bilden Bibel und Apokryphen, Kanonisches und Nichtkanonisches als Quelle für geistliche Erbauung, als Grundlage der darstellbaren Kunst wie der erzählenden Dichtung, soweit sie sich mit Themen aus dem Umkreis der biblischen Geschichte befaßt [sic!], eine feste Einheit.“ [37]

Wie der Inhalt schon vermuten ließ, entstammen also auch die Quellen und somit der Stoff für Konrad von Fußessbrunnens Werk einem religiösem, wenn auch nicht biblischen, sondern apokryphen, Ursprung. Auch Konrad selbst entsagte sich dem Weltlich-Höfischem als Inhalt, wie er eingangs in den Versen 65 ff. bekannte.

3.4 Inhaltliche Nähe der Kindheit Jesu zum höfischen Roman

Obwohl vieles auf einen religiösen Stoff hindeutet und entgegen des Bekenntnisses Konrads, dass er auf einen höfischen Inhalt verzichtet, gibt es dennoch eine Reihe von Episoden, in denen die Kindheit Jesu ihre Quellen (Protevangelium, Pseudo-Matthäus) durch motivverwandte Partien aus dem höfisierten Artus-Aventiurenroman ergänzt.[38] Exemplarisch hierfür sollen zwei Abschnitte der Kindheit Jesu herangezogen werden.

Als erste Stelle eignen sich die Verse 1503-1710, eine gegenüber dem Pseudo-Matthäusevangelium selbstständig von Konrad eingefügte Episode. Hier wird berichtet, wie Josef und seine Familie – sich auf der Reise nach Ägypten befindend – die Beute einer zünftig „ûf âventiure gewin“ (V. 1559) lauernden Räuberbande wird. Dieser Abschnitt, welcher für einen Artus-Aventiurenroman nach Stoff und Einzelzügen sehr typisch ist, mündet, nachdem sich der eine der beiden „schâchman“ zur Güte gegenüber seinen Gefangenen bekehrt hat (V. 1711-1741), in ein Herbergsidyll auf der ritterlich stilisierten Räuberburg (V. 1742-1924), ebenfalls eine beliebte Szene im höfischen Roman.

„Von dem herzenshöflichen Empfang durch die Frau des schâchman über die Bereitung eines Bades für den anmutigen Jesusknaben, über das behagliche, prächtige Empfangsgastmahl im Baumgarten an der lieblich daherplätschernden, Herz und Sinne erquickenden Quelle bis zum Geleit am folgenden Morgen durch den schâchman sind diejenigen Züge beschworen, die auch dieses Reisebildchen zum Gegenstand eines reinen, in besonderer Weise höfisch kultivierten ‚delectare‘ machen.“ [39]

Den Faden der apokryphen Quelle nimmt Konrad mit einem zauberhaften Tausendkunststückchen des Jesusknaben und mit der Verkürzung des Reiseweges (V. 1925-1954)[40] – einem dem heidnisch mythologischen Sagenbereich zugehörendem Mirakel – wieder auf.

[...]


[1] Vgl. Fromm, Hans: Arbeiten zur deutschen Literatur des Mittelalters. Tübingen 1989, S. 137.

[2] Vgl. Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit im Überblick. Stuttgart 2010, S. 103.

[3] Vgl. Birkhan, Helmut: Geschichte der altdeutschen Literatur im Licht ausgewählter Texte. Teil 2: Mittelhochdeutsche vor- und frühhöfische Literatur. Wien 2002, S. 44.

[4] Vgl. Brunner, 2010, S. 103.

[5] Henkel, Nikolaus: Religiöses Erzählen um 1200 im Kontext höfischer Literatur. Priester Wernher, Konrad von Fußesbrunnen, Konrad von Heimesfurt. In: Die Vermittlung geistlicher Inhalte im deutschen Mittelalter. Internationales Symposium, Roscrea 1994. Hg. v. Timothy R. Jackson, Nigel F. Palmer, Almut Suerbaum. Tübingen 1996, S. 1.

[6] Vgl. Ebd., S. 20 f.

[7] Ebd., S. 20.

[8] Schürmann, Heinz: Das Lukasevangelium. Erster Teil. Kommentar zu Kap. 1,1-9,50. Freiburg/Basel/Wien 1999, S. 139.

[9] Kremer, Jakob: Lukasevangelium. Die Neue Echter Bibel 3. Würzburg 1988, S. 44.

[10] Ernst, Josef: Das Evangelium nach Lukas. Regensburg 1977, S. 129.

[11] Vgl. Gielen, Marlies: Geburt und Kindheit Jesu. Biblische und außerbiblische Erzählungen. Stuttgart 2008, S. 54.

[12] Ebd., S. 54.

[13] Fromm, Hans/Grubmüller, Klaus: Konrad von Fußesbrunnen. Die Kindheit Jesu. Berlin/New York 1973, S. 73.

[14] Die Versangaben beziehen sich von nun an immer auf den Text der eben genannten Autoren Fromm und Grubmüller.

[15] Bräuer, Rolf: Dichtung des europäischen Mittelalters. Ein Führer durch die erzählende Literatur. München 1991, S. 433.

[16] Masser, Achim: Bibel, Apokryphen und Legenden. Geburt und Kindheit Jesu in der religiösen Epik des deutschen Mittelalters. Berlin 1969, S. 10.

[17] Vgl. Masser, Achim: Bibel- und Legendenepik des deutschen Mittelalters. Berlin 1976, S. 95-98.

[18] Vgl. Vögtlin, Adolf: Vita beate virginis Marie et Salvatoris rhythmica. Tübingen 1881.

[19] Vgl. Tischendorf, Constantin von: Evangelia apocrypha. Leipzig 1876.

[20] Vgl. Masser, 1969, S. 70-87.

[21] Vgl. Birkhan, 2002, S. 43

[22] Klauck, Hans-Josef: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung. Stuttgart 2002, S. 89.

[23] Vgl. Ebd., S. 89.

[24] Vgl. Gielen, 2008, S. 54.

[25] Ebd., S. 55.

[26] Vgl. Moreschini, Claudio/Norelli, Enrico: Handbuch der antiken christlichen Literatur. Gütersloh 2007, S. 74.

[27] Masser, 1969, S. 108.

[28] Als ursprünglicher Titel bietet sich laut Hans-Josef Klauck eine Bezeichnung wie Liber de ortu beatae Mariae et de infantia Salvatoris („Buch über die Geburt der seligen Maria und die Kindheit des Erlösers“) an.

[29] Vgl. Klauck, 2002, S. 105 f.

[30] Masser, 1969, S. 111.

[31] Vgl. Fromm, Hans u.a.: Konrad von Fussesbrunnen. Die Kindheit Jesu. Ausgewählte Abbildungen zur gesamten handschriftlichen Überlieferung. Göppingen 1977, S. 3.

[32] Masser, 1969, S. 111.

[33] Gielen, 2008, S. 60.

[34] Das so genannte Decretum Gelasianum de libris recipiendis et non recipiendis wurde traditionell Papst Gelasius I. (492–496) zugeschrieben. Sein Inhalt ist vor allem durch die darin enthaltenen Listen kanonischer bzw. apokrypher Bücher von Bedeutung.

[35] Vgl. Masser, 1969, S. 10.

[36] Vgl. Ebd., S. 30 f.

[37] Ebd., S. 31.

[38] Vgl. Woelfert, Rosemarie: Wandel der religiösen Epik zwischen 1100 und 1200. Dargestellt an FRAU AVAS LEBEN JESU und der KINDHEIT JESU des KONRAD VON FUSSESBRUNNEN. Gießen 1963, S. 49.

[39] Ebd., S. 52.

[40] Gemäß Pseudo-Matthäusevangelium, Kapitel 22. Das Wunder der Wegverkürzung gehört den in neupythagoreischen Wundererzählungen beliebten Entrückungsgeschichten an.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die "Kindheit Jesu" von Konrads von Fußesbrunnen. Religiöse Dichtung oder höfische Literatur?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Analyse komplexer mittelalterlicher Texte
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V378744
ISBN (eBook)
9783668557635
ISBN (Buch)
9783668557642
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christus, Jesus, Kindheit, Konrad von Fußesbrunnen, Religion, Dichtung, Literatur, Bibel
Arbeit zitieren
Dominik Kremer (Autor), 2016, Die "Kindheit Jesu" von Konrads von Fußesbrunnen. Religiöse Dichtung oder höfische Literatur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378744

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