Soziale Ungleichheit. Eine Untersuchung zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Chancenungleichheit im Bildungssystem


Seminararbeit, 2013
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der soziale Raum bei Bourdieu
2.1 Die Weiterentwicklung des Kapitalbegriffs
2.2 Der Habitus: Ein psychologisches System von Grenzen
2.3 Die daraus resultierende Chancenungleichheit

3. Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz und Ausgangspunkt der Reproduktion von sozialer Ungleichheit
3.1 Zusammenhang von Arbeit und Erziehung
3.2 Die Rolle der Sprache

4. Das dreigliedrige Schulsystem als Repräsentant des gesellschaftlichen Klassenmodells
4.1 Folgen der Bildungsexpansion
4.2 Vier entscheidenden Bereiche

5. Empirische Befunde durch PISA und IGLU
5.1 Relevante Ergebnisse

6. Ausblick

7. Verwendete Literatur

1. Einleitung

Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Während die 10 Prozent am unteren Ende der Lohnskala einen Reallohnverlust von - 8,9 Prozent hinnehmen mussten, konnten sich die zehn Prozent am oberen Teil der Lohnskala, in den Jahren von 2000-2010, über einen Zuwachs von 5,1 Prozent freuen. Berechnungen des DIW Berlin zeigen außerdem dass 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten reale Entgeltverluste hinnehmen mussten (vgl. ZDF Online).

Ursachen für diese Tendenzen liegen in der Öffnung der internationalen Märkte durch die EU, den internationalen Währungsfond und die Welthandelsorganisation. Diese Maßnahmen sollen zu einem ungehinderten Zugang von Waren und Kapital auf der ganzen Welt führen. Dieser Umstand führt allerdings auch zu einer Radikalisierung des Wettbewerbs um maximale Profite. (vgl. Winker und Degele, 2010, S. 27ff.). Für die Menschen in Deutschland (und anderen Ländern) bedeutet dies vor allem eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch Lohndumping, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, befristete Arbeitsverhältnisse und Standortverlagerungen. Die Logik dieser Marktökonomie hat zur Folge, dass Millionen von deutschen Bundesbürgern vom sozialen Abstieg betroffen sind. Hinzu kommen ein stetiger Anstieg der Kosten für Energie, Mobilität und Wohnen sowie der Abbau von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen. Die soziale Ungleichheit nimmt weiter zu.

Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen dieser steigenden sozialen Ungleichheit und den Bildungschancen in Deutschland?

Dieser Frage soll in der Arbeit nachgegangen werden. Anhand des erweiterten Kapitalbegriffs von Pierre Bourdieu soll aufgezeigt werden wie sich Akteure im sozialen Raum positionieren. Mit Hilfe des Habituskonzeptes wird anschließend veranschaulicht warum den Handlungsspielräumen des Einzelnen Grenzen gesetzt sind, wie sich Gesellschaft reproduziert, welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen und wie es um die Verteilung der Chancen steht.

Während Bourdieu bei seinen Analysen stets die gesamtgesellschaftliche Situation im Blick hatte, soll im nächsten Kapitel explizit auf den Mikrokosmos der Familie eingegangen werden. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Arbeit und Erziehung? Welche Rolle spielt die Sprache beim gesellschaftlichen Auf- oder Abstieg? Hierfür lohnt es sich verschiedene Sozialisationstheorien zu betrachten.

Da Familie zwar eine wichtige, jedoch nicht die Einzige Sozialisationsinstanz ist, wird im vierten Kapitel die Funktion von Bildungseinrichtungen und das mehrgliedrige Schulsystem mit seinen Selektionsmechanismen beleuchtet. Es wird aufgezeigt wie sich dieses System seit der Bildungsexpansion in den 60er Jahren verändert hat und warum die auf den ersten Blick erfreuliche Bilanz kein Grund zur Freude ist.

Im darauffolgenden Teil sollen für die erörterten Thesen relevante Erkenntnisse der PISA und IGLU Studien kurz aufgezeigt werden. Im Fokus stehen hierbei der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung sowie die gemessenen Kompetenzen in den unterschiedlichen Gliedern der Sekundarstufe.

Im letzten Teil der Arbeit soll ausgehend von den erläuterten Konzepten und der aktuellen gesellschaftlichen Realität eine Prognose zur Verteilung von Chancen im Bildungsbereich erstellt werden. Hierbei wird der zunehmende Wettbewerb um Bildungsabschlüsse, die damit einhergehende Inflation dieser Zertifikate, sowie die Folgen des schrumpfenden ökonomischen Kapitals der Mittelschicht beschrieben. Es sollen aber auch mögliche Lösungsansätze und Auswege aus der Bildungsmisere angesprochen werden.

2. Der soziale Raum bei Bourdieu

Der französische Reproduktionstheoretiker und Soziologe Pierre Bourdieu (1930- 2002) entwarf ein Konzept, welches den Anspruch hatte die Mechanismen der Reproduktion von sozialer Ungleichheit zu erklären. Hierfür entwickelte er den Kapitalbegriff von Marx weiter. Ausgehend vom erweiterten Kapitalbegriff Pierre Bourdieus, soll aufgezeigt werden wie sich Akteure im sozialen Raum positionieren und welche Folgen dies für die Chancengleichheit hat.

2.1 Die Weiterentwicklung des Kapitalbegriffs

Während Marx sich ausschließlich auf das ökonomische Kapital bezog, wird die Definition von Bourdieu um drei Aspekte erweitert. Hinzu kommen das kulturelle, das soziale und das symbolische Kapital. Die verschiedenen Kapitalien sind wie folgt definiert:

Ökonomische Kapital: „In der Tat also ist Geld - Ware - Geld die allgemeine Formel des Kapitals, […].“(Marx 1872, S.158). Darunter ist Eigentum und Vermögen zu verstehen welches relativ direkt in Geld umgewandelt werden kann (vgl. Burzan 2007, S. 128).

Kulturelles Kapital: Diese Kapitalart besitzt drei Unterpunkte:

a. Das inkorporierte Kulturkapital bezieht sich auf Bildung, Wissen, wie auch auf die Erziehung innerhalb der Familie. Der Erwerb kostet Zeit. Man kann es weder verkaufen noch verschenken.
b. Das objektivierte Kulturkapital meint kulturelle Güter wie z.B. Bücher, Gemälde oder Instrumente. Seine Aneignung ist relativ einfach. Der Besitz gewinnt allerdings erst dann an Bedeutung, wenn er durch inkorporiertes Kulturkapital aktiviert wird.
c. Institutionalisiertes Kulturkapital: Hierzu gehören juristisch abgesicherte Titel wie z.B. Bildungszertifikate. Die Übertragung in ökonomisches Kapital ist zeitlichen Schwankungen unterlegen (z.B. Der heute weitgehend als wertlos geltende Hauptschulabschluss)(vgl. Burzan 2007, S. 128).

Soziales Kapital: Diese Kapitalart definiert Bourdieu als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Sie ist in hohem Maße abhängig von der familiären Herkunft.

Entscheidend sind die sozialen Beziehungen (Netzwerke) die ein Akteur im Laufe seines Lebens knüpfen kann (vgl. Burzan 2007, S. 128).

Symbolisches Kapital: Das von anderen Personen wahrgenommene Prestige. Es setzt sich aus den drei vorangegangenen Kapitalarten zusammen (vgl. Bourdieu 1985, S.11).

Gemäß der Verteilung der verschiedenen Kapitalarten positioniert sich ein Akteur nun im sozialen Raum, der als Mehrdimensionaler Raum konstruiert wird, und zwar dort wo die Gesamtheit der Merkmale (verschiedene Sorten von Kapital) am wirksamsten ist (vgl. Bourdieu 1985, S.9ff.). Dieser Raum lässt sich mit einem geographischen Raum vergleichen, der in Regionen (Felder) aufgeteilt ist. Akteure, Gruppen aber auch Institutionen siedeln sich nun dort an wo ihr Kapital in der Summe ähnlich groß ist und ihre Kapitalarten in ähnlicher Weise zusammengesetzt sind. Dies bedeutet: Je weniger gemeinsame Merkmale, desto größer die Distanz der unterschiedlichen Akteure in diesem Raum (vgl. Bourdieu 1992, S.139).

2.2 Der Habitus: Ein psychologisches System von Grenzen

Eng Verknüpft mit der Position im sozialen Raum ist das Konzept des Habitus. Die verschiedenen sozialen Felder, auf denen sich ein Akteur gemäß der Verhältnisse und der Anzahl seiner Kapitalien positioniert, besitzen spezifische Denk-, Wahrnehmungs-, Urteils- und Handlungsschemata. Diese werden von Bourdieu als Habitus definiert (vgl. Ecarius, Köbel, Wahl 2011,S.85). Im Habitus zeigt sich der individuelle Bezug zur Welt, welcher jedoch in hohem Maße durch die Stellung im sozialen Raum determiniert ist. Welcher Geschmack von einer Person bevorzugt wird hängt ebenso mit dieser Stellung zusammen wie auch die Tatsache dass viele Einstellungen der verschiedenen Akteure für Angehörige anderer sozialer Felder schlicht undenkbar sind (vgl. Burzan 2007, S. 133).

2.3 Die daraus resultierende Chancenungleichheit

Im Habitus äußern sich Fähigkeiten, Gewohnheiten, Haltung, Erscheinungsbild, Stil usw. Diese Dispositionen eignen sich Individuen bereits im Laufe der kindlichen Sozialisation an. Der Habitus einer Person ist relativ statisch, durch spezifische Erfahrungen lässt er sich jedoch modifizieren (vgl. Tusek 2007, S.5). Aufgrund der vorhandenen Kapitalien steuert der Habitus unbewusst ein System welches genau festlegt wie sich eine Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu verhalten hat (vgl. Ecarius, Köbel, Wahl 2011,S.87). Dieses Verhalten wiederum hat direkten Einfluss auf die Statusreproduktion und den Bildungserfolg (vgl. Prenzel, Baumert 2009, S.133).

Wie bei einem Pokerspiel, spielt jeder Spieler stets entsprechend der Höhe seiner Chips (vgl. Ecarius, Köbel, Wahl 2011,S.84). Mit einem Unterschied. Die Chips werden zu Beginn des Spiels unterschiedlich verteilt. Es ist somit unwahrscheinlich in ein höheres soziales Feld aufzusteigen. Die Vorstellung der Chancengleichheit entpuppt sich als Illusion.

3 Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz und Ausgangspunkt der Reproduktion von sozialer Ungleichheit

Die Familie spielt bei der Reproduktion von sozialer Ungleichheit eine zentrale Rolle. Wie das Verhalten der Eltern an die nachkommende Generation weitergegeben wird, welche Rolle die Arbeits- und Alltagserfahrungen sowie die Milieutypische Sprache spielen, soll im Folgenden geklärt werden.

3.1Zusammenhang von Arbeit und Erziehung

In der Sozialisationsforschung herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den Milieutypischen Persönlichkeitsmerkmalen der Eltern und der Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes besteht. Durch ungleiche Alltagserfahrungen und Bildung der Eltern bilden sich spezifischen Erziehungspraktiken aus, die an die Kinder weitergegeben werden. Der soziale Status wird auf diese Art und Weise durch Sozialisation übertragen. (vgl. Ecarius, Köbel, Wahl 2011, S.74). Eine Schlüsselrolle kommt bei den unterschiedlichen Alltagserfahrungen der Arbeit, in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu. Als Pionier auf diesem Forschungsgebiet gilt der US-Amerikaner Melvin Kohn. Er stellte in seiner Studie „Class and Conformity. A Study in Values“ Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts fest, dass mit zunehmend höherer beruflicher Position auch die Wahrscheinlichkeit steigt, einer differenzierteren und selbstständigeren Tätigkeit nachzugehen. Diese Tätigkeiten begünstigen ein Interesse an den intrinsischen Qualitäten der Arbeit. Dagegen ist in unteren sozialen Schichten das Verhältnis zur Arbeit durch extrinsische Belohnung gekennzeichnet. (vgl. Ecarius, Köbel, Wahl 2011, S.75). Dieses Verhältnis fördert eine „positive Bewertung von Konformität und Autorität“. (Ecarius, Köbel, Wahl 2011, zitiert nach Kohn 1969, S.75). Für die Erziehung bedeutet dies, dass Personen unterer sozialer Schichten diese Bewertung auf erzieherische Tätigkeiten übertragen. Die Möglichkeit des selbstbestimmten Handelns des Kindes wird dadurch unterdrückt.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheit. Eine Untersuchung zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Chancenungleichheit im Bildungssystem
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V378864
ISBN (eBook)
9783668558557
ISBN (Buch)
9783668558564
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik
Arbeit zitieren
Mario Haller (Autor), 2013, Soziale Ungleichheit. Eine Untersuchung zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Chancenungleichheit im Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378864

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