Ursachen für eine Rechtsradikalisierung von männlichen Jugendlichen. Wie kann Soziale Arbeit rechtsradikalen Jugendlichen begegnen?


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Theoretischer Erklärungsversuch für die Rechtsradikalisierung von männlichen Jugendlichen anhand von 3 ausgewählten Theorien
3.1 Lebensbewältigung
3.1.1 Theorie der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch
3.1.2 Kann Rechtsextremismus eine Form von Bewältigungsverhalten sein? Erklärungsversuch anhand eines Beispiels
3.2 Sozialisationstheorie
3.2.1 Sozialisationstheorie nach Klaus Hurrelmann
3.2.2 Kann Rechtsextremismus eine Folge primärer Sozialisation sein? Erklärungsversuch anhand eines Beispiels
3.3 Soziale Desintegration
3.3.1 Soziale Desintegration nach Wilhelm Heitmeyer
3.3.2 Fördert soziale Desintegration Rechtsextremismus bei männlichen Jugendlichen? Erklärungsversuch anhand eines Beispiels

4. Wie kann Soziale Arbeit rechtsradikalen Jugendlichen begegnen?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die rechtsextremistische Szene erhielt seit 2015 wieder deutlich sichtbaren Zulauf. Dies ist mit der sogenannten Flüchtlingskrise in Verbindung zu bringen, welche für Rechtsextreme neue Aktionsfelder schafft, so in einem Artikel auf der Internetseite des Bundesamtes für Verfassungsschutz. „Bestärkt durch das eigene maßgeblich von Fremdenfeindlichkeit[1] und der Ablehnung des demokratischen Systems in Deutschland geprägten Selbstverständnis, fühlen sich Rechtsextremisten in ihrem Aktivismus bestärkt und herausgefordert.“ (Bundesamt für Verfassungsschutz) Weiter ist dem Bericht des Verfassungsschutzes zu entnehmen, dass rechtsextreme Gewalttaten im Jahr 2015 im Vergleich zum Vorjahr, exorbitant zugenommen haben. In Zahlen gesprochen handelt es sich hierbei um einen Anstieg von 42,2 %. Bei diesen Gewalttaten handelt es sich überwiegend um Körperverletzungsdelikte.

In den ersten rund 9 Monaten des Jahres 2016 wurden 1800 politisch motivierte Straftaten gegen Asylbewerber und Flüchtlinge verzeichnet. „Fremdenfeindliche Gewalttaten nahmen einem Bericht zufolge seit Januar deutlich zu.“ (Zeit Online 2016) Sobald ein Anstieg rechtsradikaler Straftaten zu verzeichnen ist, rückt dieses Thema wieder in das Bewusstsein der Politik und Öffentlichkeit, zumindest für einen gewissen Zeitraum. „Rechtsextremismus ist ein Dauerbrenner öffentlicher Debatten in der Bundesrepublik Deutschland. Ausgelöst durch gewalttätige Übergriffe oder Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien steht das Thema in regelmäßigen Abständen auf der Agenda - […]" (Schellenberg 2014, S. 15) Auch scheint laut Schellenberg (2014), eine bestehende Norm des Anti-Rechtsextremismus nicht dazu zu führen, dass rechtsradikale Aktivitäten ganz verschwinden. In Deutschland herrscht eine im europäischen Vergleich hohe Gewaltrate, in Form von Übergriffen, auf als fremd geltende Menschen von Rechtsradikalen. (vgl. Schellenberg 2014, S.15)

Ausgehend von diesem öffentlichen beobachtbaren Anstieg von rechtsorientierten Meinungen und Straftaten, welche sich auch in Jugendkulturen bemerkbar machen, wird in dieser Arbeit versucht zu erläutern, welche möglichen Faktoren dazu beitragen können, dass sich männliche Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 rechtsradikalisieren und welche Möglichkeit Soziale Arbeit hat dieser Herausforderung zu begegnen.

2. Forschungsstand

Ausgehend von dem Ergebnis der Mitte-Studie 2016 gibt es keine Zunahme von rechtsextremer Einstellungen seit der letzten Mitte-Studie 2014. Jedoch vermehrte sich die autoritäre Aggression gegen Muslime, Sinti, Roma und Asylsuchende. Weiter ist eine Zunehmende Radikalisierung (Gewaltbereitschaft) zu verzeichnen. Auch Polarisierungen nehmen zu. (Brausam et al. 2016) In der Mitte-Studie von 2014 ist ein signifikanter Anstieg bei der Abwertung von Muslime, Sinti, Roma und Asylsuchende zu verzeichnen. Während 2009 noch 21,4% der Meinung sind, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden, so sind es 2014 36,6% der Befragten die diese Meinung vertreten. (vgl. Decker et al. 2014) Des Weiteren ist laut Mitte-Studie 2014 ein Anstieg des Antiziganismus[2] zu verzeichnen.

„In der Mitte-Studie zur rechtsextremen Einstellung in Deutschland 2014 wurde in allen Bevölkerungsgruppen manifest rechtsextreme Einstellungen nachgewiesen. Wie schon in den vorangegangenen Erhebungen ist die Ausländerfeindlichkeit die Dimension, die auf die größte Zustimmung trifft: jeder fünfte Deutsche ist noch immer ausländerfeindlich.“ (Decker et al. 2014) Eine weitere zentrale Aussage dieser Studie ist, dass junge Erwachsene und Männer vermehrt zu rechtsextremen Aussagen tendieren. Die jüngste Altersgruppe (14 – 30-jährige) innerhalb der Erhebung, stimmten in den drei untersuchten Dimensionen des Rechtsextremismus häufiger zu als die älteren Befragten. Männer tendieren mehr zu rechtsextremen Einstellungen als Frauen. (vgl. Decker et al. 2014)

Abgesehen von eben genannte Studien, hat die Forschung zum Thema Rechtsextremismus zwar in den letzten Jahrzehnten zugenommen, jedoch ist die Thematisierung in öffentlichen Debatten weitestgehend vernachlässigt worden. Schellenberg (2014) stellt fest, dass die Entwicklung der radikalen Rechten nicht systematisch untersucht worden sind. „Die Forschung hat sich in diversen Studien mit den Organisationsformen der radikalen Rechten (insbesondere Parteien, weniger subkulturelles Milieu und bewegungsförmige Organisationen; Überblickswerke), ihrer Ideologie oder einzelner Ideologieelementen wie insbesondere Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und (in englischsprachigen Werken oft) Rassismus beschäftigt.“ (Schellenberg 2014, S. 15–16)

Oft stellte sich schon die Frage, ob Rechtsextremismus ein Jugendphänomen sei.

„Das Vorzeichen >Jugend< bestimmte in den letzten 30 Jahren maßgeblich die Diskurse über die extreme Rechte in Deutschland.“ (Langebach 2017, S. 375) Vor diesen Diskursen, war die allgemeine Aussage, dass das politische Feld der extremen Rechen, nur noch aus den „Alten“ bestand und sich aufgrund der Sterblichkeit dieses Personenkreises, von selbst erledigen würde. (vgl. Langebach 2017, S.375)

Den sogenannten „Neuen Rechten“ Ende der 60er Jahre oder den in den 70er Jahren Neo-Nationalisten, die um die Wiederzulassung der NSDAP kämpften, wurden laut Langebach (2017) kaum bis gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. In den Fokus wissenschaftlicher Forschung und fachjournalistischer Recherchen trat die Jugend zu einem späteren Zeitpunkt. Erst mit aufkommen der „Hitlerwelle“ in den späten 70er Jahren, Langebach (2017) verweist auf Deiters et al. 1982; Sinus 1982, der sogenannten Jugendkultur >von rechts< in den 80er Jahren und dem massiven Anstieg rechtsextrem motivierter Straftaten in den 90er Jahren, geriet die Jugend in den Blickwinkel. (vgl. Langebach 2017, S. 375) Der neue Blick auf die Jugend stellt keinen Paradigmenwechsel dar, wie Langebach schreibt, sondern viel mehr eine Erweiterung der gesamten Sichtweise. Hinzu kommt nun die Thematik des jugendkulturellen Rechtsextremismus.

Langebach beziehet sich auf Fuchs (2003) und schreibt, „dass das Problem des Rechtsextremismus nicht auf Jugendliche reduziert oder abgewälzt werden darf, denn der jugendliche Rechtsextremismus ist u. U. nur der sichtbare Teil entsprechender Einstellungen und Handlungsdispositionen, die weit darüber hinaus in der Bevölkerung latent vorhanden seien.“

3. Theoretischer Erklärungsversuch für die Rechtsradikalisierung von männlichen Jugendlichen anhand von 3 ausgewählten Theorien

3.1 Lebensbewältigung

3.1.1 Theorie der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch

Böhnisch beschreibt seine Theorie der Lebensbewältigung als „Theorie-Praxis-Modell“. „Es entwickelt und systematisiert Hypothesen zum Betroffensein und zu dem entsprechenden Bewältigungsverhalten von Menschen in kritischen Lebenskonstellationen, (…).“ (Böhnisch 2016, S.11) Böhnisch (2016) sagt, Lebensbewältigung ist das Streben nach psychosozialer Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenskonstellationen. Handlungsfähig in diesem Sinne, machen soziale Anerkennung und Wirksamkeit und darüber gestärkter Selbstwert (ebd. S. 20)

„Psychosoziale Handlungsfähigkeit ist ein Konstrukt im Magnetfeld des Selbstwerts. […] Das Streben nach Handlungsfähigkeit, das erstmal in uns allen ist, macht sich also besonders in kritischen Lebenskonstellationen bemerkbar, wird über sie freigesetzt“ (Böhnisch 2016) In schlechten Lebenslagen zeigt sich das Bedürfnis nach Anerkennung. In einer solchen Lage sagt Böhnisch, dass sich der Selbstbehauptungstrieb, gleichsam als Grundantrieb bemerkbar macht. (vgl. Böhnisch2016, S. 20-21) „Dieser ist so stark, so existenziell, dass Handlungsfähigkeit – also Selbstwert, Anerkennung und Selbstwirksamkeit - um jeden Preis gesucht werden muss“ (Böhnisch 2016, S. 21) Wird dieses nicht mit sozial anerkanntem Verhalten erreicht so kann auch zu abweichendem Verhalten übergegangen werden. Laut Böhnisch ist es in diesem Sinne Bewältigungsverhalten.

Böhnisch (2016) versteht unter Lebensbewältigung das Streben nach psychosozialer Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenskonstellationen. Sie werden dann als kritisch angesehen, wenn die vorhandenen eigenen Ressourcen nicht mehr ausreichen und damit die psychosoziale Handlungsfähigkeit beeinträchtigt ist. Böhnisch bezieht sich bei dieser Aussage auf Filipp (2008). Wie oben schon erwähnt, ist das Streben nach Handlungsfähigkeit[3] so existenziell, dass es um jeden Preis gesucht werden muss. Wird dies nicht mit sozial anerkanntem Verhalten erreicht, dann eben mit abweichendem Verhalten. (vgl. Böhnisch 2016, S. 21) Jenes Verhalten ist in diesem Sinne Bewältigungsverhalten. „Dahinter stecken Botschaften der Hilflosigkeit, des Unvermögens, sich mit seinem gestörten Selbst auseinandersetzen zu können. Es muss einfach - und das ist ein unbewusster Vorgang - abgespalten werden.“ (Böhnisch 2016, S. 21) Dies wir auch äußere Abspaltung genannt. Wie schon beschrieben führt mangelnde Anerkennung verbunden mit geringer bis fehlender Selbstwirksamkeit zu der Hilflosigkeit des Selbst. (vgl. Böhnisch 2016, S.21) Gerät ein Mensch in die Lage der Handlungsunfähigkeit, so kann er sich den Druck nehmen in dem er seine Hilflosigkeit anspricht, sie thematisiert, bei einem Freund, bei der Familie oder in Form einer professionellen Beratung. Hat der Mensch aus seiner Biographie heraus nie gelernt inneren Druck auf diese Art zu kompensieren, führt dies so Böhnisch (2016) zu einer äußeren Abspaltung. Hierbei kann es dann zu antisozialen Kompensationen kommen in Form von Verweigerungsverhalten bis hin zu gewalttätigem Verhalten. Laut Böhnisch (2016) entzieht sich das Abspaltungsverhalten der Selbstkontrolle. „Nehmen wir das Gewaltbeispiel, daran kann man es am besten deutlich machen. Es Überkommt, „übermannt“ den Täter (…), er kennt sich nicht mehr und - vor allem - er hat dadurch keinen Bezug zu dem Opfer. Er kennt es vielleicht gar nicht. Das Opfer ist gewissermaßen Träger seiner eigenen Hilflosigkeit. Auf die schlägt er ein. Er meint sich selbst.“ (Böhnisch 2016, S. 23)

Böhnisch bezieht sich auf den Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen (1992), dieser behauptet, Männer können schlechter mit innerer Hilflosigkeit umgehen als Frauen. Männer spalten eher nach außen ab, Frauen nach innen. Innere Abspaltung nach Böhnisch (2016) meint in Konflikten die Schuld bei sich zu lassen und Probleme bis hin zur Selbstzerstörung auszuhalten. Formen von Autoaggression[4] können sich in Ernährungsstörungen, Depressivität oder auch Medikamentenmissbrauch sein. Diese Form von Abspaltung ist so wie Böhnisch schreibt weitestgehend unter Mädchen und Frauen verbreitet.

Eine weitere Form der Abspaltung ist die Abspaltung „per Delegation“ (Böhnisch 2016, S.26) Bei dieser Form der Abspaltung schließt sich der Mensch einer Gruppe an, zu deren Programm und Gruppenzusammenhalt, es gehört sich antisozial zu verhalten.

[...]


[1] „Fremdenfeindlichkeit richtet sich gegen Menschen, die sich durch Herkunft, Nationalität, Religion oder Hautfarbe von der als „normal“ erachteten Umwelt unterscheiden.“ (Bundesamt für Verfassungsschutz)

[2] „Abneigung od. Feindschaft gegenüber Sinti und Roma“ Kunkel-Razum 2015, S. 98

[3] Handlungsfähigkeit bedeutet nach Böhnisch 2016, Selbstwert, Anerkennung und Selbstwirksamkeit

[4] „Gewalt gegen sich selbst“ Böhnisch 2016, S. 24

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Ursachen für eine Rechtsradikalisierung von männlichen Jugendlichen. Wie kann Soziale Arbeit rechtsradikalen Jugendlichen begegnen?
Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V378971
ISBN (eBook)
9783668558595
ISBN (Buch)
9783668558601
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
radikalisierung, rechtsradikal jugendliche männlich, Ursachen für radikalisierung
Arbeit zitieren
Christina Stahr (Autor), 2017, Ursachen für eine Rechtsradikalisierung von männlichen Jugendlichen. Wie kann Soziale Arbeit rechtsradikalen Jugendlichen begegnen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/378971

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