Der Nouveau Roman im Film "L'année dernière à Marienbad" von Alain Resnais und Alain Robbe-Grillet


Bachelorarbeit, 2015

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nouveau roman

3. Nouveau cinéma

4. „L'année dernière à Marienbad“
4.1 Die Zeit in Marienbad
4.1.1 Wiederholung, Variation, Fragmentierung („construire en détruisant“)
4.1.2 Die innere Zeit „maintenant“
4.2. Bild und Ton
4.2.1 L'imaginaire
4.2.2 Verschiebung von Bild und Ton

5. Konklusion

6. Bibliographie

1. Einleitung

„L'année dernière à Marienbad“ ist ein Schwarzweiß-Film, der am 25. Juni 1961 in die französischen Kinos kam. Entstanden ist er aus der Zusammenarbeit des Regisseurs Alain Resnais und des Schriftstellers Alain Robbe-Grillet, der das Drehbuch dafür schrieb. Die Anregung zur Kooperation der beiden Künstler kam von den Produzenten Raymond Froment und Pierre Courau, die den Autor und den Regisseur im Winter 1959/60 zusammenführten. Nach dem ersten Treffen der Beiden präsentierte Robbe- Grillet dem Regisseur vier Filmmanuskripte, aus denen sie sich schließlich für „L'année dernière à Marienbad“ entschieden.

Zuzuordnen ist der Film dem Genre des nouveau cinéma, einer Strömung, die sich, in Anlehnung an die, zuvor in der Literatur aufkommende, Bewegung des nouveau roman, entwickelte. Marienbad ist ein ungewöhnlicher Film und auch, wenn er dem Genre des nouveau cinéma zugeordnet wird, welches überdies sehr weit gefasst ist und ziemlich unterschiedliche Werke umfasst, wie auch der nouveau roman, so ist er doch ein Kunstwerk, das für sich steht und dem nichts ähnelt, was das französische Kino bisher kannte. Es handelt sich um einen sehr literarischen Film, was nicht verwunderlich ist, da Robbe-Grillet, als Schriftsteller, seinen eigenen Stil mit einbringt. Er befand sich direkt an der Schnittstelle der beiden Medien Literatur und Kino, und gehört zu denjenigen, die in beiden Bereichen tätig waren. Außerdem hat er mehrere ciné-romans veröffentlicht, die als „œuvres intermédiaires“1 und „récits hybrides“2 gelten.

„Man hat sogar von einem literarischen Film gesprochen - und damit wollte man andeuten, dass Tendenzen und formale Eigenheiten der Literatur unmittelbar Eingang gefunden haben in den Film.“3 Und diese Eigenheiten, die literarischen Aspekte in Marienbad, sollen in dieser Arbeit herausgestellt und untersucht werden. Gerade im Bereich dieser beiden Genres gab oft Zusammenarbeiten zwischen Autoren und Regisseuren. Diese waren häufig nicht nur an der Literatur oder am Kino interessiert, sondern hatten generell eine sehr intermediale Einstellung und waren auch anderen

Künsten gegenüber nicht abgeneigt. Albersmeier sagt in Bezug auf die Intermedialität: „Wechselseitig wird der Einfluß erst im « Nouveau Roman » und im « Nouveau Cinéma. »“4 Denn das Kino war schon seit seinen Anfängen von der Literatur abhängig, man denke nur an all die Literaturverfilmungen, die es bereits gegeben hat. Aber die zahlreichen Kooperationen von nouveau romanciers und nouveau cinéasten ist besonders auffällig.

Zunächst wird ein Überblick über die typischen Merkmale der Strömung des nouveau roman gegeben. Daraufhin wird eine Übersicht über den filmhistorischen Hintergrund gegeben und die aus dem nouveau roman resultierende Entwicklung des nouveau cinéma umrissen. Schließlich wird der Film selbst untersucht, und es wird versucht, die literarischen Elemente und somit den Einfluss des nouveau roman herauszuarbeiten. Dabei werden Gemeinsamkeiten, aber vor allem Unterschiede zwischen diesen beiden Medien aufgezeigt und es wird sich herausstellen, welche Möglichkeiten es in der Literatur gibt, wie diese im Film umgesetzt wurden und welche Möglichkeiten im Gegenzug das Kino bietet, die der Schriftsteller nicht hat, um bestimmte Dinge auszudrücken und auf eine bestimmte Weise zu vermitteln. Die Schwerpunkte der Untersuchungen werden dabei auf dem Umgang mit der Zeit liegen, sowie auf der Art, mit der in Marienbad mit Bild und Ton umgegangen wird. Dies wird zeigen, was im Film, aber nicht in der Literatur möglich ist und umgekehrt, oder wie auf unterschiedliche Weise die selben Aspekte und Themen in den unterschiedlichen Medien behandelt und verarbeitet werden können.

Diese Untersuchungen werfen schließlich die Frage auf, ob nicht der Film sogar das geeignetere Medium5 für den nouveau roman darstellt, bzw. besser geeignet ist und mehr Möglichkeiten bietet, um die Prinzipien und Ansichten des nouveau roman, und das, was die nouveau romanciers in ihrer Literatur auszudrücken versuchen, authentisch zu vermitteln.

2. Nouveau Roman

Der Begriff nouveau roman, zunächst 1957 von Émile Henriot in einem Zeitungsartikel verwendet6, bezeichnet die Werke einer Gruppe von Autoren wie Nathalie Sarraute, Michel Butor und Alain Robbe-Grillet, die eine neue literarische Strömung ins Leben gerufen haben. Der nouveau roman manifestiert sich in erster Linie in Frankreich, ähnliche Erscheinungen lassen sich jedoch auch in anderen Ländern beobachten.7 Einer der wichtigsten Vertreter des nouveau roman ist Alain Robbe-Grillet, der mit seiner Sammlung von Aufsätzen, die in dem Werk Pour un nouveau roman 8 zusammen veröffentlicht wurden, gewissermaßen das Manifest dieser Literaturbewegung verfasst hat. Zwar sind die einzelnen Werke, die unter dem Begriff nouveau roman zusammengefasst werden, in Stil und Inhalt auch untereinander noch sehr unterschiedlich, trotzdem haben ihre Autoren vor allem eines gemeinsam: Das Verlangen nach einer Reformierung des Romans. Die Autoren des nouveau roman wenden sich von der klassischen Form des Romans à la Balzac ab und versuchen, etwas Neues zu schaffen. Robbe-Grillet bezeichnet den klassischen Roman und die Auffassung davon, wie ein klassischer Romanheld zu sein hat, als „toile d'araignée“9, von der sich Autor sowie Leser freimachen sollten. Die Anhänger des nouveau roman werfen den Romanciers vor, die bewehrte Form des Romans zum Teil aus Angst vor Misserfolg, zum Teil wegen mangelnder Kreativität, beizubehalten. „[Les romanciers] adoptent une forme - un moule - qui a fait ses preuves, mais qui a perdu toute force, toute vie.“10 Die Lebenskraft hat die Form, dieses immer wiederverwendete Muster, für Robbe-Grillet deshalb verloren, weil die, in den klassischen Romanen dargestellte Realität nicht mehr auf die sich rasch wandelnde Gesellschaft der 50er und 60er Jahre zutrifft. Die alte Form des Romanhelden wird umgestürzt, die klassische Figurenpsychologie aufgelöst, und sowie die Gesellschaft eine zunehmende Anonymisierung erfährt, verliert auch das Individuum im nouveau roman seine Identität und gewinnt an Anonymität. Alfonso de Toro spricht von einer „radikale[n] 'Entpersonalisierung'“11 im nouveau roman. Es wird komplett auf die Einbettung des Protagonisten in einen zeitlichen, geographischen sowie sozialen Kontext verzichtet. Oft erfährt der Leser nur wenig, oder nichts über den Protagonisten selbst. Aussehen, Alter und soziales Umfeld werden unwichtig. So haben die Figuren oft nicht einmal Namen, oder nur Initialen, wie auch A, M und X in Marienbad. 12

In den Vordergrund tritt die subjektive Wahrnehmung. Blüher nennt diese „subjektive[n] Realismus“13. Objekte werden detailliert beschrieben. Jedoch findet hier keine objektive Beschreibung der Umwelt statt, auch wenn es anfangs oft so scheint, sondern eine subjektive Schilderung. Die Welt wird so dargestellt, wie der Protagonist sie wahrnimmt. Die Objektivität der nouveau romanciers ist eine, auf die der Filter der inneren Wahrnehmung gelegt wird. Denn die Vertreter des nouveau roman sind der Ansicht, Objektivität, wie wir sie verstehen, sei dem Menschen unmöglich. Wir können nie sicher sein, dass ein anderer die Dinge genauso wahrnimmt wie wir. Es ist uns nicht möglich, die Welt so zu sehen, wie sie ist, denn die Realität wird stets durch die persönliche Wahrnehmung verzerrt. Oder andersherum: Die Welt ist ebenso, wie wir sie sehen und wahrnehmen. Aber jeder nimmt sie verschieden wahr, das heißt, die Welt ist für jeden anders und deshalb kann es nicht die eine 'richtige' Realität geben.14 Auf dieser Ansicht beruhend, wird in den Werken des nouveau roman scheinbar oberflächlich, scheinbar sachlich und objektiv beschrieben. Die Welt wird aus 'neutraler' Erzählposition geschildert, die nur das Sichtbare der Dingwelt aufnimmt, aber eben durch die Augen des Protagonisten. Diese Verzerrung der Realität durch die Wahrnehmung des Protagonisten und seines derzeitigen Gemütszustandes wird z.B. durch die oft verwendeten Wiederholungen von bestimmten Passagen deutlich, die jedes Mal in leicht variierter Form wieder auftreten.15 Die Auffindung des Sinns wird hierbei dem Leser selbst überlassen.

Die Leserimplikation ist ein weiterer wichtiger Aspekt des nouveau roman. Der Leser, der die klassische, lineare Erzählstruktur gewohnt ist, soll im nouveau roman durch lückenhaftes und fragmentiertes Erzählen verunsichert werden. Der Leser wird eingebunden und es soll seine Aufgabe sein, die Lücken selbst zu füllen. Dem Leser wird nicht alles offen und klar dargelegt. Das Werk wird zu einem Puzzle, dass der Leser zusammenfügen muss, um es zu verstehen, sofern dies möglich ist.16 Denn oft gibt es nicht eine richtige Interpretation, oder Lösung, sondern viele mögliche Interpretationsansätze, absichtlich falsche Fährten, die viele Deutungen zulassen und es dem Leser erlauben, das Werk auf verschiedene Weisen zu verstehen.

Viel verwendet werden Aufzählungen, jedoch ohne chronologische Ordnung. Die Handlungsstruktur ist fragmentiert. De Toro behauptet, die Geschichte des nouveau roman bestehe meist aus „einer Aneinanderreihung von zusammenhangs- und ereignislosen Situationen, die anachronologisch abfolgen.“17 Ob die Situationen wirklich ereignislos sind und kein Zusammenhang zwischen ihnen besteht, darüber lässt sich streiten und das hängt sicherlich vom Werk und der individuellen Interpretation des Lesers ab. Fest steht jedoch, dass die klassische Erzählstruktur umgestürzt wird und keine chronologische Reihenfolge vorhanden ist, was auch damit zusammenhängt, dass es sich meist um Bewusstseinsvorgänge handelt, die dargestellt werden sollen. Gedankliche Vorgänge und Erinnerungen kommen eben nicht in bestimmten Reihenfolgen vor, sondern treten einfach auf, durcheinander und nicht zeitlich geordnet. Von vielen nouveau romanciers wird die Erzähltechnik des stream of consciousness verwendet, die es erlaubt, Gedanken und Empfindungen so wiederzugeben, wie sie vom Bewusstsein aufgenommen werden. Von vielen Werken des nouveau roman kann man sagen, dass sie ein einziger Gedankenfluss sind. So ist auch die Zeit in den Werken des nouveau roman anachronologisch. Oft weiß der Leser nicht mehr, in welcher Zeit die Handlung gerade passiert und häufig ist es schwer zu erkennen, ob es sich um einen Rückblick, eine Erinnerung, oder einen Traum handelt. Erinnerung und Zukunft, Traum und Realität, alles verschwimmt zu einem Strom aus Ereignissen. Die Zeiten fließen ineinander und es bleibt nichts, außer der erzählten Gegenwart. Die konventionelle Chronologie wird durchbrochen. Die histoire- und discours-Ebene konvergieren und es bleibt nur die Gegenwart, die Zeit der Lektüre selbst.18 In der Filmzeitschrift Cinema wird auch von einer „Bewegung zur Innerlichkeit“19 gesprochen.

3. Nouveau cinéma

Der Aspekt der Gegenwart ist eine Gemeinsamkeit, die der nouveau roman und das Medium Film aufweisen und die den Film zu einem geeigneten Mittel machen, diese ständige Gegenwart der Gedanken, wie sie im nouveau roman vorkommen, auszudrücken. Denn auch das Bild auf der Leinwand ist stets im Präsens. Die Gegenwart und das Imaginäre verbinden den nouveau roman mit dem Film und machen ihn zu einem besonders geeigneten Werkzeug, um die Ideen und Theorien der nouveau romanciers zum Ausdruck zu bringen. Die Machart des Films, mit seiner schnellen Abfolge von Bildern, kommt dem Erzählstil des stream of consciousness sehr nahe. Dass der Film sich besonders gut eignet, um das zu veranschaulichen, was die nouveau romanciers vermitteln wollen, zeigt sich auch daran, dass mehrere nouveau romanciers selbst als Regisseure tätig wurden, die Zusammenarbeit mit Regisseuren suchten, oder umgekehrt. Auch Alain Robbe-Grillet hatte erkannt, weshalb er sich sehr zum Film hingezogen fühlte und nicht nur Autor, sondern auch Regisseur wurde und mit Regisseuren wie Alain Resnais zusammenarbeitete, wodurch auch Marienbad entstand. Die Literatur hat das Kino wesentlich beeinflusst. Der Einfluss des nouveau roman auf den Film ist bedeutend. Vor allem Marienbad wird als ein „in hohem Masse […] literarischer Film“20 bezeichnet.

Das nouveau cinéma, oder auch nouveau film genannt, ist eine Filmkonzeption, die sich Ende der 50er Jahre parallel zur Strömung der Nouvelle Vague entwickelt. Während die nouveau romanciers sich vom traditionellen Roman abwenden, versuchen die Cineasten der Nouvelle Vague sich vom traditionellen Kino, dem „cinéma de qualité“ abzugrenzen und zwar durch die Auflösung traditioneller Verfahren und mit dem Verlangen die Festgefahrenheit zu brechen.. Die Bewegung der Nouvelle Vague ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem nouveau cinéma, das „sich übrigens scharf von der Nouvelle Vague abgegrenzt wissen möchte“21, welches die traditionellen cinematographischen Normen nicht offen anfechtet, sondern einhält und sie benutzt, um mit ihnen zu spielen und den Zuschauer zu verwirren.

Es handelt sich um zwei Bewegungen, die sich unabhängig voneinander, zur gleichen Zeit entwickeln. Das französische Kino teilt sich in die Gruppe von Regisseuren der Rive gauche, wie Agnès Varda, Jean Rouch, Chris Marker und Jaques Demy und die Cineasten der Rive droite, also den Vertretern der Nouvelle Vague, wie François Truffaut, Claude Chabrol, Jean-Luc Godard u.a. auf.22

Der Begriff nouveau cinéma zeigt schon die Nähe zum nouveau roman, so sind die Merkmale dieses Kinos ähnlich wie die der literarischen Strömung. Während die Cineasten der Nouvelle Vague im Film eher ein Medium, als eine eigene Kunstgattung sehen, welches nur zur Vermittlung der Realität dient, versuchen die Anhänger des nouveau cinéma auf das Material selbst aufmerksam zu machen. Im Gegensatz zum „transparenten“ Kino, in dem der Film als Medium in den Hintergrund treten soll, um die Handlung zu vermitteln, spielt das nouveau cinéma mit dem Material selbst.23 Es wird mit Ton und Bild experimentiert, so z.B. in Robbe-Grillets Film L'immortelle, in dem Ton und Bild keine komplementären Mittel mehr sind und die Tonspur nicht mehr mit dem Bild korrespondiert.24 Auch in Marienbad wird mit Ton und Bild gespielt, wenn auch nicht auf die selbe Art.25

Alain Robbe-Grillet ist ein bedeutendes Bindungsglied zwischen Literatur und Kino, weil er den nouveau roman und den Film verknüpft. Auch Alain Resnais spielt eine sehr wichtige Rolle und trägt, durch seine zahlreichen Kollaborationen mit nouveau romanciers, maßgeblich zur Verbindung von nouveau roman und nouveau cinéma bei. „ Hiroshima, mon amour et L'Ann é e derni è re à Marienbad […] font d'Alain Resnais la figure charnière entre le Nouveau Roman et le monde du cinéma.“26

4. „L'année dernière à Marienbad“

Der Film erzählt die Geschichte27 von einem Mann (Giorgio Albertazzi), der keinen Namen trägt und den Robbe-Grillet im ciné-roman nur mit X bezeichnet, der eine Frau (Delphine Seyrig), A, davon zu überzeugen versucht, dass sie sich das Jahr zuvor bereits am selben Ort getroffen und eine Liebesbeziehung begonnen haben. A soll X versprochen haben, das folgende Jahr gemeinsam mit ihm das Schloss zu verlassen. Bruchstückweise, aber detailreich versucht der Mann ihr, mithilfe bestimmter Gegenstände, verschiedene Situationen wieder in Erinnerung zu rufen. Sie reagiert jedoch abgeneigt, meint, sie erinnere sich an nichts und er müsse sie verwechseln und möchte davon nichts hören. Im Laufe des Films beginnen seine Erzählungen jedoch mit ihren Erinnerungen übereinzustimmen und so wird die Situation für sie immer unangenehmer und qualvoller. So wie die Frau zunehmend an ihren eigenen Erinnerungen zu zweifeln beginnt, fragt sich auch der Zuschauer, ob das Treffen ein Jahr zuvor wirklich stattgefunden hat, ob es der Fantasie des Mannes entspringt, ob die Frau sich wirklich nicht erinnert, oder nur so tut und sich nicht erinnern will. Oder gar, ob es sich dabei nicht um die Vorstellung der Frau handelt. Außerdem ist da noch der andere Mann (Sacha Pitoëff), der sich stets in ihrer Nähe aufhält, der ein Spiel spielt, das er stets gewinnt und von dem wir, ebenso wenig wie von den anderen, einen Namen erfahren, und nur vermuten können, dass es sich um ihren Ehemann handelt. Er wird im ciné-roman nur mit dem Buchstaben M markiert, welcher für 'mari' stehen könnte. Auch X stellt A in Marienbad die Frage: „Qui est-il? Votre mari?“28 Am Ende verlässt die Frau schließlich doch das Hotel mit dem scheinbar Unbekannten.

„Tout le film est en effet l'histoire d'une persuasion: [...]“29. Und diese Geschichte der Überredung trägt sich in einem barocken Schlosshotel zu, in dem scheinbar wohlhabende Gäste lethargisch ihre Zeit damit verbringen, oberflächliche Gespräche zu führen, Karten, oder andere Gesellschaftsspiele zu spielen und zu tanzen.

4.1 Die Zeit in Marienbad

„Ici l'espace détruit le temps, et le temps sabote l'espace.“30, sagt Robbe-Grillet selbst in Bezug auf Marienbad.

Die Zeit, bzw. die scheinbare Abwesenheit der Zeit in Marienbad, ist ein ganz wichtiger Aspekt des Films und Gegenstand, den es zu untersuchen gilt. Die Zeit spielt eine sehr wichtige Rolle auch im Vergleich mit der Literatur, da im nouveau roman eine ganz neue Art erscheint, mit der Zeit umzugehen. Es wird mit der Zeit gespielt. Die Zeitstruktur ist nicht mehr linear, Ereignisse geschehen nicht chronologisch und Handlungen folgen keinem geraden Handlungsstrang, sondern es wird zwischen den Zeiten hin und her gesprungen. Und dieses Spiel mit der Zeit kann im Medium Film auf eine ganz andere Weise umgesetzt werden, bzw. auf viel mehr Ebenen, mit mehr Möglichkeiten behandelt werden.

Zunächst muss erwähnt werden, dass der Film und sein Titel in keinem Zusammenhang mit der tschechischen Stadt Marienbad stehen. Marienbad stellt einen rein fiktiven Ort dar, einen zeitlosen, irrealen Ort, der in Robbe-Grillets und Resnais' Fantasie entstand.31 Dass es sich bei der Stadt Marienbad im Film um einen rein fiktiven, imaginären Ort handelt, meint auch Emma Wilson. „The imagined location of the film - […] - is itself not properly Marienbad. […] Composed by Resnais out of a series of locations, Marienbad is a fantasy, a composite place in the film.“32

Robbe-Grillet erzählt in seiner Einleitung des ciné-romans zu „L'année derrnière à Marienbad“, dass sie den Film auch oft nur „L'année dernière“ nannten, was ebenfalls die Bedeutungslosigkeit des Stadtnamens zeigt. Denn sie hätten ihn ebenso gut nur „Marienbad“ nennen können, so wie der Filmtitel in dieser Arbeit abgekürzt wird. Marienbad steht für einen Ort, an dem Zeit nicht existiert. Es ist ein Ort ohne Vergangenheit und ohne Zukunft, der unabhängig von der Außenwelt, für sich besteht, „ce monde clos et vide“33 und von dem es kein Entkommen gibt für die Gäste, die sich dort befinden, weil sie nur dort existieren. „Ailleurs, ils n'existent pas.“34 Für den Film ist weder der Name wichtig, „Eh bien c'était ailleurs peut-être, à Karlstadt, à Marienbad, ou à Baden-Salsa - ou même ici, dans ce salon.“35, noch die geographische Lage. So stellt Armes die Frage, wo die Handlung passiert und gibt selbst auch direkt die Antwort auf das Wo?, nämlich: „'on a screen'“36. Robbe-Grillet meint: „Il n'y a pas d'année dernière, et Marienbad ne se trouve plus sur aucune carte.“37 Auch hier wird durch seine Formulierung noch einmal die Zeitlosigkeit des Ortes deutlich, der, wie er sagt, nicht mehr existiert, und es kein letztes Jahr gibt, und vielleicht nie gegeben hat.

4.1.1 Wiederholung, Variation, Fragmentierung („construire en détruisant“)

Im Film Marienbad werden viele Szenen wiederholt, bzw. verändert wiederaufgegriffen. Robbe-Grillet selbst spricht, bezogen auf den nouveau roman, von einem „mouvement paradoxal (construire en détruisant)“38. Hier kommt sehr stark der Einfluss des nouveau roman durch.

[...]

1 Harvey, François: Alain Robbe-Grillet: Le nouveau roman composite, Interg é n é ricit é et interm é dialit é . Paris: L'Harmattan 2011, S.246

2 Harvey, François: Alain Robbe-Grillet: Le nouveau roman composite, Interg é n é ricit é et interm é dialit é, S.37

3 Schraub, Fritz : „Nouveau roman nouveau film“. In: Cinema. Jg. 10, Nr. 4 (1964), S.521

4 Albersmeier, Franz-Josef: Theater, Film und Literatur in Frankreich - Medienwechsel und Intermedialit ä t. Darmstadt: WGB 1992, S.163

5 Der umfangreichen Debatte über den Film als Medium bin ich mir bewusst, werde jedoch nicht näher darauf eingehen, da dies den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem übersteigen würde.

6 Vgl. Auclerc, Benoît (2006). „Lecture, réception et déstabilisation générique chez Francis Ponge et Nathalie Sarraute (1919-1958).“ http://theses.univ-lyon2.fr. <http://theses.univ- lyon2.fr/documents/lyon2/2006/auclerc_b#p=84&a=TH.5.3.2.3>. (28.11.2014)

7 Ein deutscher Autor, der in seinem Stil dem nouveau roman nahe kommt, wäre z.B. Peter Weiss, der im Stil des stream of consciousness schreibt und dessen Romane, z.B. Abschied von den Eltern, aus Verknüpfungen von Erinnerungsbildern bestehen. (Weiss, Peter: Abschied von den Eltern. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1961)

8 Robbe-Grillet, Alain: Pour un nouveau roman. Paris: Les Editions de Minuit 1963.

9 Robbe-Grillet, Alain: Pour un nouveau roman, S.25

10 Robbe-Grillet, Alain: Pour un nouveau roman, S.43

11 De Toro, Alfonso: Die Zeitstruktur im Gegenwartsroman. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1986, S.13

12 Die Buchstaben X, A und M teilt Robbe-Grillet den Protagonisten im ciné-roman nur als Platzhalter zu. Im Film selbst erfährt man nicht einmal die. (Vgl. Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad. Paris: Les Editions de Minuit 1961, S.14)

13 Blüher, Karl Alfred (Hrsg.): Robbe-Grillet zwischen Moderne und Postmoderne, 'Nouveau Roman', 'Nouveau Cin é ma' und 'Nouvelle Autobiographie'. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1992 (=Acta romanica 1), S.10

14 Vgl. De Toro, Alfonso: Die Zeitstruktur im Gegenwartsroman, S.15 4

15 So z.B. die immer wiederkehrende Szene des Tausendfüßlers, in La Jalousie, in der der Tausendfüßler sich immer mehr verändert und mit der steigenden Eifersucht des Ehemannes immer größer und furchterregender wird. (Robbe-Grillet, Alain: La Jalousie. Paris: Editions de Minuit 1957)

16 Fritz Schaub hält nicht nur den Leser für den Suchenden, sondern sieht auch im Autor selbst den Forschenden, der die Lösung genauso wenig kennt, wie der Leser. (Vgl. Schraub, Fritz : „Nouveau roman nouveau film“, S.522)

17 De Toro, Alfonso: Die Zeitstruktur im Gegenwartsroman, S.15 5

18 Vgl. De Toro, Alfonso: Die Zeitstruktur im Gegenwartsroman. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1986, S.15f

19 Schraub, Fritz : „Nouveau roman nouveau film“, S.520

20 Schraub, Fritz : „Nouveau roman nouveau film“, S.520

21 Müller, Roland: „Marienbad, Spiel-Symbol-Vorstellung.“Cinema Jg. 10, Nr. 4 (1964), S.524

22 Vgl. Murcia, Claude: Nouveau roman, nouveau cin é ma. Paris: Editions Nathan 1998, S.33

23 Vgl. http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=2353 (05.04.2014)

24 In einer Szene, unterhalten sich N und L auf dem Auto und während das Bild schon nicht mehr die beiden Gesprächspartner, sondern N auf seinem Beobachtungsposten zeigt, setzt sich die Konversation fort. (L'immortelle. Frankreich 1963, Alain Robbe-Grillet, 101min.)

25 Auf die Beziehung zwischen Bild und Ton wird in Kapitel 4.2 näher eingegangen.

26 Murcia, Claude: Nouveau roman, nouveau cin é ma, S.37

27 Diese Formulierung ist eigentlich ungünstig und nicht im Sinne Robbe-Grillets, denn für ihn ist ein „vrai romancier [im klassischen Sinne, à la Balzac], [...] celui qui sait « raconter une histoire ». (RobbeGrillet, Alain: Pour un nouveau roman, S.29) Er ist gegen dieses „raconter pour distraire[...] pour faire croire [ou] pour enseigner.“ (Robbe-Grillet, Alain: Pour un nouveau roman, S.33)

28 L'ann é e derni è re à Marienbad. Frankreich/Italien 1961, 90min. (DVD: Kinowelt Home Entertainment, Arthaus Collection Klassiker 08, Leipzig, 2009), min. 52:30

29 Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad. Paris: Les Editions de Minuit 1961, S.12

30 Robbe-Grillet, Alain: Pour un nouveau roman, S.133

31 Auch gedreht wurde der Film nicht in der Stadt Marienbad, sondern in den Münchener Schlössern Schleißheim und Nymphenburg, sowie der Amalienburg. (Vgl. Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad, S.10)

32 Wilson, Emma: Alain Resnais. Manchester: University Press 2006, S.68f

33 Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad, S.14

34 Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad, S.14

35 Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad, S.74

36 Armes, Roy: The cinema of Alain Resnais. London (u.a.): Zwemmer Limited (u.a.) 1968, S.112

37 Robbe-Grillet, Alain: L'ann é e derni è re à Marienbad, S.15

38 Robbe-Grillet, Alain: Pour un nouveau roman, S.130

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Der Nouveau Roman im Film "L'année dernière à Marienbad" von Alain Resnais und Alain Robbe-Grillet
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Romanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
36
Katalognummer
V379176
ISBN (eBook)
9783668568501
ISBN (Buch)
9783668568518
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nouveau, roman, film, marienbad, alain, resnais, robbe-grillet
Arbeit zitieren
Laura-Melina Vogt (Autor), 2015, Der Nouveau Roman im Film "L'année dernière à Marienbad" von Alain Resnais und Alain Robbe-Grillet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379176

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