Gender- und Liebeskonstruktionen in ausgewählten Werken Heinrich von Kleists


Examensarbeit, 2016
56 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Der Getriebene: Heinrich von Kleists Leben in kurzen Zügen
2.1 Kleists Männer
2.2 Kleists Frauen
2.2.1 Der sorgende Bruder: Ulrike von Kleist
2.2.2 Das Experiment mit der Männlichkeit: Wilhelmine von Zenge
2.2.3 Die Vertrauliche: Andolphine von Werdeck
2.2.4 Die angepasste Seherin: Marie von Kleist
2.2.5 Die tödliche Zweckbeziehung: Henriette Vogel

3. Kleists Lebensraum: Gesellschaft um 1800
3.1 Auf dem Weg in die Moderne
3.2 Im Patriarchat gefangen

4. Gegensätzliche Geschlechter: Gendering um 1800
4.1 Das Fichtsche/Kantsche Unterwerfungssystem
4.2 Kleistsche Frauen: Aktive Unterwerfungen
4.2.1 Systemverkehrung in Penthesilea
4.2.2 Aktive Unterwerfungen in Das Käthchen von Heilbronn und Die Verlobung in St. Domingo
4.3 Kleistsche Frauen: Das schöne Geschlecht
4.4 Kleistsche Männer: Überlegenheit verinnerlicht
4.5 Kleistsche Männer: Weibliche Ohnmacht verinnerlicht

5. Liebeskonzeptionen um 1800
5.1 Toni und Gustav: Unaussprechliche Liebeskonventionen
5.2 Penthesilea und Achill
5.2.1 Die Versteinerte Narzisstin
5.2.2 Der Konventionelle Narzisst

6. Zusammenfassung der Ergebnisse

Bibliographie

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

„Es hängt eben doch miteinander zusammen, das Eingebildete und das Echte.“[1]

Die folgende Arbeit wird ausgewählte Werke Kleists - Penthesilea, Das Käthchen von Heilbronn, Die Verlobung in St. Domingo, Die Marquise von O…. sowie in Teilen Michael Kohlhaas - in Zusammenhang mit den um 1800 vorherrschenden Geschlechter- und Liebeskonzeptionen setzen. Anhand einer detaillierten Analyse dieser Konzeptionen werden anschließend die Geschlechter- und Liebesverhältnisse Kleistscher Frauen und Männer aufgeschlüsselt. Im Ergebnis soll dabei gezeigt werden, dass Kleists männlichen Protagnisten, in den oben genannten Werken, den romantischen Gender- und Liebeskonzeption, speziell in Bezug auf Fichtes und Kants Philosophien, stark entsprechen. Kleists weibliche Figuren stehen den Geschlechts- und Liebessystematiken um 1800 jedoch sowohl entgegen als dass sie ihnen entsprechen. In wie weit sich diesbezüglich ein literarisches Muster erkennen lässt, gilt es aufzuzeigen. Gleichzeitig wird immer wieder versucht werden, Schnittpunkte zwischen Kleists biographischem Hintergrund und seinen literarischen Gender- und Liebessemantiken herzustellen.

Grundlegend ist die Arbeit in drei Abschnitte aufgeteilt: Einer biographischen Darstellung von Kleists Lebensweg, seinem Wesen, seinen Freund- bzw. Liebschaften sowie gesamtgesellschaftlicher Hintergründe folgt zunächst die Analyse genderspezifischer Merkmale in den genannten Werken. Schließlich wird sich dem Themenfeld Liebe speziell anhand der Texte Die Verlobung in St. Domingo und Penthesilea genähert. Es wird sich zeigen, dass die untersuchten Kleistschen Liebesmodelle nicht nur zahlreiche Ähnlichkeiten aufweisen, sondern auch fest mit den ihnen zugrunde liegenden Genderkonzeptionen verbunden sind. Desweiteren wird sich in Teilen erkennen lassen, welchen Einfluss Kleists biographische wie soziokulturelle Hintergründe („das Echte“) auf seine Gender- und Liebessemantiken („das Eingebildete“) hatten oder gehabt haben könnten.

2. Der Getriebene: Heinrich von Kleists Leben in kurzen Zügen

Heinrich von Kleists (1777-1811) kurzes wie intensives Leben war geprägt vom kontinuierlichen Streben seinen Weg in der Welt um 1800 zu finden, wobei wenige temporäre Erfolgserlebnisse einer Vielzahl von Misserfolgen gegenüberstanden: „Kaum einer hat ernsthafter als er versucht, das Glück seines Lebens auf dem Papier zu planen, und kaum einer ist so oft gescheitert wie er.“[2] „Über Kleists Kindheit ist so gut wie nichts bekannt“, so Amann.[3] Hineingeboren in eine Familie, in der die „militärische Karriere […] eine Selbstverständlichkeit“[4] darstellte, versuchte er den familiären Erwartungen anfangs noch gerecht zu werden. Beim Eintritt in die Armee im Alter von 14 Jahren war sein Vater bereits seit fünf Jahren verschieden. Nach 14 überlebten Kampfhandlungen sowie dem Tod seiner Mutter 1793 nahm Kleist 1799 seinen Abschied aus der Armee.[5] Seinem ehemaligen Privatlehrer Christian Ernst Martini schrieb er anschließend über den unvereinbaren Widerstreit von persönlicher und militärischer Moralität.[6] Es folgte ein nach drei Semestern abgebrochenes Studium (Mathematik, Physik, Kulturgeschichte, Naturrecht, Latein und Kameralwissenschaften) in Frankfurt an der Oder sowie die Verlobung mit Wilhelmine von Zenge. Eine anschließende Heirat war für die Familie Zenge jedoch an eine Festanstellung Kleists geknüpft.[7] Der militärischen Restriktion folgte somit eine gesellschaftliche. Doch der Versuch als Hospitant an der Technischen Deputation in Berlin wurde ebenfalls abgebrochen und die Verlobung nach gut zwei Jahren gelöst.

Bereits in seinen zwischen 1800 und 1801 formulierten Briefen findet sich der Wunsch mit dem System zu brechen („Ich bin sehr fest entschlossen, den ganzen Adel von mir abzuwerfen.“[8] ), die Verachtung des selbigen („Diese Menschen sitzen sämmtlich wie die Raupe auf einem Blatte, jeder glaubt seines sei das Beßte, u. um den Baum bekümmern sie sich nicht.“[9] ), die ersten brieflich festgehaltenen Selbstzweifel („ich passe nicht unter die Menschen“[10] ), aber auch die ersten schriftstellerischen Ambitionen.[11] Die darauf folgende, sogenannte „Kant-Krise“[12] kann neben vielen weiteren Interpretationsmöglichkeiten laut Amann als tatsächliche Lebenskrise oder als brieflich inszenierte Rechtfertigung für Kleists Verwerfung jeglicher konventioneller Karriere verstanden werden.[13] In diese Zeit fällt auch Kleists Beobachtung, die „Sprache“ tauge „nicht dazu […] die Seele“ zu „mahlen“[14], welche in einer, seinen späteren Werken immanenten, Sprachskepsis mündet.[15]

Was folgte, war eine geradezu „nomadische Existenz eines besitzlosen Adeligen“, der durch eine Vielzahl von Städten (u.a. Paris, Leipzig, Prag, Wien, Bern, Weimar, Rom, Mainz, Königsberg) reiste, „mit Ausnahme der Zeit in Dresden 1807/08 und Berlin 1810/11“.[16] Diese Lebensreise beinhaltete das zweifache Ansinnen im Krieg den Tod zu finden, die Gründung dreier Zeitschriften, eine halbjährige Gefangenschaft, vergebliche Versuche neuer Existenzgründungen, produktive Schreibphasen, eine Phase intensiver nationaler Gesinnung und den finalen Freitod am 20. November 1811. Begleitet wurde er dabei von einer Vielzahl von Bekannten und Freunden, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

2.1 Kleists Männer

Während seiner Militärzeit soll Kleist „sehr beliebt unter seinen Kameraden und in allen Gesellschaften gewesen [sein]; er wird als ein guter, sittlicher Mensch, von viel Geist und Bildung, aber auch mit vielem Hang zur Schwärmerei, geschildert; und als sein größter Fehler wird eine überaus große Empfindlichkeit und Reizbarkeit genannt.“[17] Neben dem Selbststudium waren Freund- und Bekanntschaften mit bildungsinteressierten Soldaten für Kleist eine Quelle neuen Wissens und neuer Ideen, so Amann.[18] Auch später sorgte „[n]eben der Restfamilie in Frankfurt an der Oder […] gerade dieser Freundeskreis für eine soziale Stabilität in Kleists wechselvollen Lebensverhältnissen.“[19] Hartmann von Schlotheim unterstützte ihn während seiner Gefängniszeit in Frankreich und auch immer wieder geldlich. August Rühle von Lilienstern half Kleist in Dresden Kontakte zu knüpfen und bei der Gründung des Phöbus. Durch spätere Freundschaften mit Adam Müller, Christoph Dahlmann oder Heinrich Zschokke gelang es Kleist stetig neue Gesellschaftskreise zu erschließen, die „seine literarischen Ambitionen enorm beflügelte[n]“[20] und ihm die nötigen Verbindungen zu Verlegern oder finanziellen Unterstützern erst ermöglichten. Seiner vermeintlichen Soziabilität diametral entgegen steht Kleists Wahrnehmung durch die Zeitgenossen als „Außenseiter“ und „Sonderling“.[21] Die bereits angesprochene Empfindlichkeit und Reizbarkeit Kleists resultierte in heftigen Auseinandersetzungen und Duellaufforderungen, die jedoch nie durchgeführt wurden. Die Beziehung zu Adam Müller kann hier als Blaupause herangezogen werden. Mit dem „Privatgelehrte[n]“[22] verband ihn eine „intensive Arbeitsgemeinschaft“[23], die unter anderem in der gemeinsamen Gründung des Phöbus mündete. Bedingt durch den Niedergang des Journals sowie durch den stillschweigenden Rückzug Müllers kam es schließlich zum Zerwürfnis samt Duellforderung, welche der Freundeskreis beseitigen konnte.[24] Die Versöhnung folgte erst Jahre später in Berlin.

Was Kleist von seinen Freunden unterschied, war der Umstand, dass sie zum Großteil mit den gesellschaftlichen Begebenheiten umzugehen wussten, Karriere machten, heirateten, fortzogen und Kleist 1811 in Berlin vereinsamt zurückließen.[25] Seiner Schwester Ulrike schrieb er zu eben dieser Zeit: „Müllers Abreise hat mich in große Einsamkeit versenkt. Er war es eigentlich um d[e]ßentwilln ich mich vor nun ohngefähr ein[e]m Jahr wieder in Berlin niederließ.“[26] In Sembdners Lebensspuren kann man von einer unbekannten Freundin Kleists lesen, „daß eben damals ein äußerer Anstoß dazu gehörte, ihn in den Tod zu treiben, und immerhin kann man behaupten: Kleist sei eigentlich an den Berlinern von 1811 gestorben.“[27] Und schließlich betitelte ihn die eigenen Schwestern als „nichtsnütziges Glied der menschlichen Gesellschaft“[28], einer Gesellschaft, in welcher er sich nun gänzlich unverstanden, ungewollt und erfolglos gefühlt zu haben scheint.

Einen gewissen Anteil an diesem Umstand wird auch sein, laut Amann, zu Lebzeiten wohl „engster Freund“[29] Ernst von Pfuel gehabt haben. Ebenfalls ein Freund aus der Militärzeit, wurde er sein Mitbewohner in Dresden (während dieser Zeit machte ihm Kleist den Vorschlag zum Doppelselbstmord[30] ) und reiste mit Kleist u.a. nach Paris. Zum Zeitpunkt von Kleists Tod hatte auch er längst Karriere gemacht und geheiratet. Mit ihm hatte Kleist sich ebenfalls heftig zerstritten und versöhnt. In Rückbesinnung auf ihre gemeinsame Sommerreise schrieb Kleist Pfuel 1805:

Wir empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschafft! Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her, ich hätte bei dir schlafen können, du lieber Junge; so umarmte dich meine ganze Seele! Ich habe deinen schönen Leib oft, wenn du in Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchenhaften Gefühlen betrachtet.[31]

Auf den ersten Blick scheint hier vieles auf eine amouröse Verwicklung der beiden oder doch wenigstens auf eine sexuelle Hingezogenheit Kleists zu Pfuel hinzudeuten. Demselben Brief entstammt Kleists vermeintliche Aufforderung an Pfuel „Sei Du die Frau mir, die Kinder und die Enkel!“[32] sowie die Verkündung, dass er Pfuel „immer noch über Alles liebe“[33]. Diese Avancen dürften jedoch primär unter dem Aspekt des „lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft“[34] gestanden haben. Ähnliche Vermutungen hinsichtlich homosexueller Neigungen Kleists lassen sich auch im Zusammenhang mit seiner Beziehung zu Ludwig von Brockes machen. Mit ihm, der wie Kleist der „Generation jüngerer, gebildeter deutscher Adeliger“[35] angehörte, denen es schwer fiel, „einen Platz im staatsbürgerlichen Leben zu finden“[36], fühlte er sich ebenfalls stark verbunden. Brockes begleitete Kleist auf dessen „geheimnisvoller“[37] Reise nach Würzburg („Die Mitwissenschaft eines Dritten war unmöglich“[38] ). Über ihn schrieb Kleist im Sommer 1800: „Bei meinem Freunde Brockes habe ich Alles gefunden, was ich bedurfte […].“[39] Nachdem Brockes im Anschluss an ihre Reise im Januar 1801 wieder seiner eigenen Wege gegangen war, fiel Kleist wenig später in eine Lebenskrise[40].

Gerade Kleists oben zitierter Brief an Pfuel, aber auch „das schwärmerische Lob“ für den Freund Brockes werfen in der Kleistforschung immer wieder die Frage auf, „ob Kleist homosexuell gewesen sei.“[41] Von Festenberg bemerkt diesbezüglich zu Recht, dass die in Kleists Briefen enthaltenen Formulierungen zuvörderst den „üblichen Ton“ „in schwärmerischen Zeiten“ repräsentieren.[42] Gerade Kleists „Unbändigkeit des Empfindens und seine gestaltschaffende Sprachgewalt“[43] stellen hier einen zusätzlichen, verzerrenden Faktor dar. Schulz vermerkt darüber hinaus, dass die Suche nach Kleists „sexueller Identität im Sinne des 20. oder 21. Jahrhunderts“ gänzlich „unhistorisch“ sei und „Kleists Verständnis menschlichen Verhaltens und Empfindens, wie es sich in seinen Werken und Briefen darbietet“ nur sehr unzureichend erklären würde.[44] Stattdessen sei es sinnvoll, so Schulz, „die Fähigkeit [Kleists], das Empfinden des eigenen wie des anderen Geschlechts in sich aufzunehmen und zu gestalten“ bei der Analyse seines Werks in den Vordergrund zu stellen.[45] Grundsätzlich soll die Möglichkeit einer Homo- oder Bisexualität Kleists nicht in Abrede gestellt werden, doch erscheint es sinnvoll, angesichts der unstimmigen Sachlage, dies eben nur als Möglichkeit in Betracht zu ziehen. So sollen im späteren Verlauf, in Anlehnung an Schulz, die differenzierten literarischen Gestaltungen der Kleistschen Geschlechterrollen einer weit offeneren Analyse unterzogen werden, ohne jedoch Kleists biographische Hintergründe aus dem Auge zu verlieren.

2.2 Kleists Frauen

Kleist hat insgesamt 234 uns bekannte Briefe geschrieben, davon 58 an Ulrike von Kleist, 35 an Wilhelmine von Zenge, zwölf an Marie von Kleist sowie zwei verhältnismäßig lange Briefe an Andolphine von Werdeck, was knapp die Hälfte aller Briefe ausmacht. Zu den männlichen Adressaten hatte Kleist meist „weniger persönliche als geschäftliche Kontakte“.[46] Diese Tatsachen werfen ein erstes Licht auf die Bedeutung des weibliche Geschlecht in Kleists Leben. Aber auch „angesichts der auffälligen Diskrepanz von Weiblichkeitsbildern in den überlieferten biographischen Dokumenten einerseits und in [seinen] Werken […] andererseits“ bedarf die nähere Untersuchung der Verhältnisse, die Kleist zu Frauen pflegte, einer „besonderen Aufmerksamkeit“.[47] Dies vorausgesetzt, werden im Folgenden eben diese Verhältnisse zu den oben genannten Frauen dargestellt, wobei die Reihenfolge der Frauen ihrem chronologischen Auftauchen als Adressatinnen in der Korrespondenz Kleists entspricht. Auch wenn kein Brief in dieser Sammlung an sie adressiert ist, soll auch seine letzte Frau, Henriette Vogel, zum Ende dieses Kapitels Erwähnung finden.[48]

2.2.1 Der sorgende Bruder: Ulrike von Kleist

Das Verhältnis zu seiner gut drei Jahre älteren Schwester ­ Ulrike ist dank Kleists Briefen am gründlichsten dokumentiert. Immer wieder äußert Kleist in seinen Briefen den Wunsch mit ihr zusammen leben zu wollen, welchem Ulrike jedoch konsequent ausweicht. Lediglich in Königsberg findet eine Art des Zusammenwohnens statt, aber auch dort bezieht Ulrike ihre eigene private Bleibe.[49] Die frühen Briefe enthalten den Wunsch nach gesellschaftskonformen Eigenschaften bei seiner Schwester („Kannst Du Dich dem allgemeinen Schicksal Deines Geschlechtes entziehen, das nun einmal seiner Natur nach die zweite Stelle in der Reihe der Wesen bekleidet?“[50] ), was aber später aufhört, wenn er sich unter anderem eingesteht, dass er „manches von Dir [Ulrike] [wird] lernen können“.[51] In seinen Briefen an Ulrike teilt Kleist vielfach seine innere Haltung mit und will in seinem Denken und Handeln bestätigt und verstanden werden: „Werde nicht irre an mir, mein beßtes Mädchen! Laß mir den Trost, daß Einer in der Welt sei, der fest auf mir vertraut! Wenn ich in deinen Augen nichts mehr werth bin, so bin ich wirklich nichts mehr werth!“[52] Kleist schreibe der Schwester also eine Spiegelfunktion zu, so Frickel.[53] Trotz mancherlei Beratung mit Ulrike („Ich erwarte jetzt von dir, meine theure Schwester, die Bestimmung, ob ich mich in diesen Vorschlag einlassen soll, oder nicht.“[54] ) fällt der Bruder die meisten Entscheidungen letztlich selbstständig.[55] Als beispielhaft dafür kann ein Schreiben an Wilhelmine von Zengen aus dem Oktober 1801 gelten: „Ich habe mit Ulriken häufig meine Lage und Zukunft überlegt, und das Mädchen tut alles Mögliche, mich, wie sie meint, auf den rechten Weg zurückzuführen. Aber das ist eben das Übel, daß jeder seinen Weg für den rechten hält.“[56] Somit lässt sich eine in vielen Fällen zur Passivität verdammte Schwester erahnen, die den handelnden Bruder nur beobachten, beurteilen und beraten konnte, ohne jedoch größeren Einfluss auf ihn nehmen zu können. Ihre größte Einflussnahme scheint in ihrer geldlichen Fürsorge gelegen zu haben. Kleists notorische Geldknappheit und die Tatsache, dass Ulrike lange über das väterliche Erbe verfügte, lassen Amann vermuten, dass es sich bei Kleists Briefen an die Schwester um ein gezieltes Manipulationsmittel gehalten habe.[57] „[U]nübersehbar“ sind für Amann überdies „sein Verfügungsanspruch und seine Erwartung an Ulrikes Opferbereitschaft.“[58] Kleists Bitten nach Anerkennung und psychischer wie monetärer Zuwendung habe Ulrike lange ausgehalten, so Frickel.[59] Dem gegenüber stehen zahlreiche Huldigungen und Liebesbekundungen an sein „liebes Ulrikchen“: „Ich schätze Dich als das edelste der Mädchen, u. liebe dich, als die, welche mir jetzt am theuersten ist.“[60] Ob es sich hierbei um gezielte Manipulation handelt, um Zuwendungen der Schwester zu erhalten, kann hier nicht abschließend geklärt werden. Festzuhalten bleibt jedoch, dass Ulrike, bedingt durch ihre kontinuierliche Zuwendung, als „Anker“[61] in Kleists Leben verstanden werden kann. Als „sie sich enttäuscht, resigniert und erschöpft zurückzieht, […] findet er [Kleist] nicht mehr aus diesem letzten stagnierenden Tief heraus“, so Frickel.[62] Ulrike behielt auch nach Kleists Tod ihre unabhängige Position bei und machte sich durch die Gründung eines Mädchenpensionats selbstständig.

Den „entscheidenden Schnittpunkt“ in dem Verhältnis der ähnlichen wie ungleichen Geschwister sieht Frickel in der „fehlende[n] Konformität ihres Geschlechtes“.[63] Kleist schreibt Andolphine von Werdeck im Juli 1801 über seine Schwester:

Ach, gnädigste Frau, es gibt nichts Großes in der Welt, wozu Ulrike nicht fähig wäre, ein edles, weises, großmütiges Mädchen, eine Heldenseele in einem Weiberkörper […] [,] ein Wesen, das von dem Weibe nichts hat, als die Hüften, […] es gibt kein Wesen in der Welt, das ich so ehre, wie meine Schwester. Aber welchen Mißgriff hat die Natur begangen, als sie ein Wesen bildete, des weder Mann noch Weib ist, und gleichsam wie eine Amphibie zwischen zwei Gattungen schwankt? Auffallend ist in diesem Geschöpf der Widerstreit zwischen Wille und Kraft. […] Wo ein anderer überlegt, da entschließt sie sich, und wo er spricht, da handelt sie. […]Unerschütterliche Ruhe scheint ihr das glücklichste Los auf Erden. Wo ein andrer fühlt, da denkt sie, und wo er genießt, da will sie sich unterrichten.[64]

Die Beschreibung Ulrikes ist in ihrer Ähnlichkeit zu Kleists Heldin Penthesilea, die der geforderten Weiblichkeit um 1800 in so vielem widerspricht (dies wird noch im Detail besprochen werden), augenfällig. Kleist sah seine Schwester als Mann gefangen in einem „Weiberkörper“[65] und nachdem er seine Versuche aufgegeben hatte, die Schwester zu einem klassisch-fraulichen Charakter umzuerziehen, lernte er ihre, um 1800 als männlich verstandenen Eigenschaften wie „Wille“, „Kraft“ und Entscheidungsfreudigkeit zu schätzen. Zur Zeit des Briefes an Werdeck befinden sich die Geschwister in Paris, wo sich Ulrike immer wieder als Mann verkleidet, um unerkannt an gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen zu können[66]. Ulrike war selbst der Ansicht, dass „nur Männer“ die „uneingeschränkte Freiheit des Willens“ besäßen und ihr weibliches „Geschlecht unauflöslich an die Verhältnisse der Meinung u. des Rufs geknüpft“ sei.[67] Und trotzdem sie die meiste Zeit kaum eine andere Wahl hatte als diesen Zustand hinzunehmen, übertrat sie ihre geschlechtliche Demarkationslinie bei zahlreichen Gelegenheiten und weigerte sich dem Willen des Mannes in der Ehe unterworfen zu werden.

Kleist scheiterte zeitlebens an den zwei grundlegenden Erwartungshaltungen an einen Mann, nämlich einer dauerhaften erfolgreichen Anstellung bei gleichzeitigem Eheleben nachzukommen. Sein schwärmerisches Wesen wie seine empfindliche Reizbarkeit waren darüber hinaus um 1800 eher im weiblichen Geschlecht verortet (eine genauere Geschlechterdifferenzierung um 1800 findet sich im dritten Kapitel). 1807, als Kleists „Projektionen auf die Frau, auf den Mann“ sich zusehends aufgelöst hatten und in seinen Briefen an Ulrike „der Mensch mit seinem allgemeinen Schicksal“ in den Vordergrund gerückt war, so Frickel[68], schreibt er seiner Schwester:

Du liest den Rouseau noch einmal durch […] oder suchst Flecken und Städte auf Landkarten auf; und ich schreibe. Vielleicht erfährst Du noch einmal, in einer schönen Stunde, was Du eigentlich auf der Welt sollst. Wir werden glücklich sein! Das Gefühl miteinander zu leben, muß Dir ein Bedürfnis sein, wie mir. Denn ich fühle, daß Du mir die Freundin bist, Du einzige auf der Welt![69]

Der nun dreißigjährige Kleist schreibt zu diesem Zeitpunkt an seiner Penthesilea oder hat sie schon beendet - es folgte die Arbeit am Käthchen.[70] Seine Schwester scheint er angesichts der zitierten Passage mittlerweile als Gleichgesinnte verstanden zu haben, deren Nähe und Zuwendung er weiterhin bedurfte.

2.2.2 Das Experiment mit der Männlichkeit: Wilhelmine von Zenge

Kleists Verhältnis zu seiner Verlobten stellt sich als kurz und intensiv dar. Während ihrer etwa zweijährigen Verlobung spielte Kleist in seinen Briefen, aber auch zu Beginn im Haushalt der Zenges gerne den „schulmeisterhafte[n] Ehemann“.[71] So mussten ihm die Zenge-Töchter Aufsätze schreiben und vorgegebene Lektüre erledigen.[72] Zenge schreibt nach Kleists Tod an ihren Ehemann: „Er hatte einen erhabenen Begriff von Sittlichkeit, und mich wollte er zum Ideal umschaffen, welches mich oft bekümmerte. Ich fürchtete ihm nicht zu genügen, und strengte alle meine Kräfte an, meine Talente auszubilden, um ihn recht vielseitig zu interessieren.“[73] Kleist, so Amann, „erprobte“[74] sich als konventioneller Ehemann an Wilhelmine von Zenge, die ihre Rolle annahm. Nachdem er Frankfurt an der Oder verlassen hatte, „vertröstete“ er sie ob immer neuer Reisen und Lebensplanungen und „benutzt[e]“ sie gleichsam als „stellvertretende Adressatin seiner philosophischen Reflexionen“.[75] Zimmerman argumentiert, dass Kleist angesichts seiner Unstetigkeit bei gleichzeitigem Entzug von der Verlobten,diese niemals wirklich habe heiraten wollen.[76] Dass Kleist im August 1800, also zu Beginn seiner Verlobungszeit, seiner Schwester schreibt, „eine Frau“ könne seine „Vertraute nicht werden“, spricht deutlich für Zimmermanns Aussage.[77]

Wilhelmine von Zenge steht mit ihrer angepassten, weil passiven Haltung Ulrike von Kleist klar entgegen. Kleist beendete die Beziehung schließlich mit der schriftlichen Begründung, dass er „ganz andre Sorgen habe“ und erst den „Erwartungen der Menschen“ gerecht werden müsse.[78]

[...]


[1] Amour Fou; Österreich, BRD 2014; Regie & Drehbuch: Jessica Hauser.

[2] Von Festenberg, Nikolaus: Sei Du die Frau mir. Der Spiegel (17.04.1989).

[3] Amann, Wilhelm: Heinrich von Kleist. Berlin: Suhrkamp (2011), S. 13.

[4] Ebd., S. 11.

[5] Vgl. Ebd., S. 14.

[6] Vgl. Buel, Eduard von: Ungedruckte Briefe von Heinrich von Kleist. In: Huber, V. A. (Hrsg.): Janus. Jahrbücher deutscher Gesinnung (1846). S. 117.

[7] Vgl. Amann (2011), S. 19.

[8] Kleist, Heinrich von; Sembdner, Helmut (Hrsg.): Sämtliche Werke und Briefe. 9. vermehrte u. rev. Aufl. München: Hanser (1993), S. 589.

[9] Ebd., S. 628.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Amann (2011), S. 23.

[12] Gemeint ist hier Kleists Erkenntnis, dass durch die subjektive Wahrnehmung jedes Einzelnen es keine allgemeingültige Wahrheit geben kann [Vgl. Amann (2011), S. 24]: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün - und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.“ Kleist; Sembdner (1993), S. 636.

[13] Vgl. Ebd., S. 24f.

[14] Kleist; Sembdner (1993), S. 626.

[15] Vgl. Amann (2011), S. 25.

[16] Ebd., S. 27.

[17] Sembdner, Helmut (Hrsg.): Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. München: Carl Hanser Verlag (1996), S. 27.

[18] Vgl. Amann (2011), S. 17.

[19] Ebd.

[20] Ebd., S. 28.

[21] Ebd., S. 50.

[22] Amann (2011)., S. 40.

[23] Schulz, Gerhard: Kleist - Eine Biographie. München: Beck (2007), S. 119.

[24] Vgl. Amann (2011), S. 41f.

[25] Vgl. Ebd., S. 56.

[26] Kleist; Sembdner (1993), S. 872.

[27] Sembdner (1996), S. 445.

[28] Amann (2011), S. 58.

[29] Ebd., S. 17.

[30] Vgl. Müller, Titus: Berlin Feuerland. München: Blessing (2015), S. 413.

[31] Kleist; Sembdner (1993), S. 749.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Ebd.

[35] Schulz (2007), S. 326.

[36] Ebd., S. 121.

[37] Ebd., S. 149.

[38] Kleist; Sembdner (1993), S. 526.

[39] Kleist; Sembdner (1993), S. 528.

[40] In der Kleistforschung oftmals als „Kant-Krise“ bezeichnet, wird diese Bezeichnung hier vermieden, scheint doch die Lektüre der Kantschen Philosophie als zentraler Grund für Kleists Lebenskrise zu diesem Zeitpunkt zu ungenau. Zimmermann plädiert vielmehr für ein Konglomerat von Gründen (u.a. Ziellosigkeit, Erfolglosigkeit, Einsamkeit), wobei für letztere der Verlust von Brockes eine entscheidende Rolle gespielt haben soll. Vgl. Zimmermann, Hans D.: Kleist, die Liebe und der Tod. Frankfurt a. M.: Athenäum (1989), S. 119-131.

[41] Schulz (2007), S. 262.

[42] Von Festenberg (17.04.1989).

[43] Schulz (2007), S. 260.

[44] Ebd., S. 262.

[45] Ebd.

[46] Frickel (2003), S. 21.

[47] Amann (2011), S. 19f.

[48] „Wärst Du ein Mann gewesen – o Gott, wie innig ich dies gewünscht! – […] so hätte ich diesen Freund nicht so weit zu suchen gebraucht […].“ Kleist; Sembdner (1993), S. 514.

[49] Vgl. Amann (2011), S. 37.

[50] Kleist; Sembdner (1993), S. 488.

[51] Ebd., S. 627.

[52] Ebd., S. 742.

[53] Vgl. Frickel (2003), S. 47.

[54] Kleist; Sembdner (1993), S. 740.

[55] Vgl. Frickel (2003), S. 47.

[56] Kleist; Sembdner (1993), S. 693.

[57] Vgl. Amann (2011), S. 21.

[58] Ebd., S. 21.

[59] Vgl. Frickel (2003), S. 35 & 41.

[60] Kleist; Sembdner (1993), S. 495..

[61] Frickel (2003)., S. 24.

[62] Ebd.

[63] Ebd., S. 39.

[64] Kleist; Sembdner (1993), S. 674.

[65] Ebd.

[66] Männerkleidung war um 1800 ein gängiges Mittel, um als Frau Zugang zu öffentlichen Veranstaltungen zu erhalten. Vgl. Frickel (2003), S. 41.

[67] Kleist; Sembdner (1993), S. 491.

[68] Frickel (2003), S. 28.

[69] Kleist; Sembdner (1993), S. 791.

[70] Vgl. Amann (2011), S. 47.

[71] Amann (2011), S. 20.

[72] Vgl. Sembdner (1996), S. 35.

[73] Ebd., S. 39.

[74] Amann (2011), S. 20.

[75] Ebd.

[76] Vgl. Zimmermann (1989), S. 123f.

[77] Kleist; Sembdner (1993), S. 514.

[78] Ebd., S. 726.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Gender- und Liebeskonstruktionen in ausgewählten Werken Heinrich von Kleists
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2.3
Autor
Jahr
2016
Seiten
56
Katalognummer
V379192
ISBN (eBook)
9783668560277
ISBN (Buch)
9783668560284
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Heinrich von Kleist, Gender, Liebe, Ulrike von Kleist, Henriette Vogel, Kleists Leben, Gesellschaft 1800, 1800, Penthesilea, Kätchen von Heilbronn, Verlobung in St. Domingo, Die Marquise von O..., Michael Kohlhaas
Arbeit zitieren
Jens Stuhlemer (Autor), 2016, Gender- und Liebeskonstruktionen in ausgewählten Werken Heinrich von Kleists, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379192

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