Schillers Dramentheorie. Von der Moral auf der Bühne zum ästhetischen Erziehungsprogramm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Moraldidaktik Schillers
2.1 Von der Autonomie der Kunst
2.2 Von der schönen Seele
2.3 Von den Anforderungen an das Drama

3. Ausblick

Vorwort

In seinem literarischen Werk ist Friedrich Schiller nicht auf eine Gattung zu beschran- ken. Ebenso falsch ware es, ihn nur einer Literaturepoche zuzuordnen. Wahrend sein Erstlingswerk Die Rauber noch eindeutig der Epoche des Sturm und Drang mit seiner bedeutenden Wichtigkeit zu subsumieren ist, so zahlen spatere Werke wie Wilhelm Tell oder auch die Wallensteintrilogie zu den hochkaratigsten und namenhaftesten Vertretern der Weimarer Klassik. Im Schaffen Schillers ist eine gravierende Entwicklung erkenn- bar. Die Reifung seiner Person ist durch seine theoretische Schaffensphase begünstigt. Wahrenddessen beschaftigt er sich mit der Philosophie der griechischen Antike, mit den Traktaten Kants und jüngst den Werken von Moritz. In Auseinandersetzung mit diesen Theorien entwickelt Schiller eigene philosophische Gedanken, die er in zahlreichen Schriften über die Dramentheorie und in Anlehnung an Moritz und Kant über die Ästhe- tik zum Ausdruck bringt. In zahlreichen philosophischen Briefen, setzt er sich mit der asthetischen Erziehung des Menschen auseinander.

Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf das theoretischen Schaffen Schillers. Es soll ana- lysiert werden, welchen Einfluss seine Vorbilder auf Schiller nehmen konnten und in- wiefern seine Entwicklung seine dramentheoretischen Ansichten revolutioniert haben. Zum Schluss wird die gegenwartige Relevanz [von]Schillers Theorien in einem Aus- blick zusammengetragen.

2. Die Ästhetische Erziehung des Menschen

Neben Goethe ist es vor allem Schiller, der sich in vielen Schriften und Briefen mit der klassizistischen Ästhetik befasst. Insbesondere in seinen Schriften Über naive und senti- mentalische Dichtung, Über die tragische Kunst, Kallias, Über Anmut und Würde, Über die asthetische Erziehung des Menschen und über die Schönheit und Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenstanden prasentiert Schiller das Konzept einer Äs- thetik, das sich an Bildungs- und Kunstidealen der griechischen Antike orientiert und das anhand moderner rationalistischer sowie idealistischer Philosophen entwickelt wird. Im Folgenden will ich mich auf drei Themen konzentrieren: Die Autonomie der Kunst, Schillers Weiterentwicklung der Konzeption der schönen Seele und seine daraus resul- tierenden Anforderungen, die er an die Kunstform des Dramas als Erziehungsmittel stellt.

2.1 Von der Autonomie der Kunst

In der klassizistischen Ästhetik andert sich der Hauptzweck der Kunst. An die Stelle der antiken Mimesiskonzeption tritt das Vergnügen. In dem Dialog Politieia entwickelt Pla- ton den Begriff der Mimesis als Nachahmung natürlicher Erscheinungen.[1] Dem Men- schen wird die Mimesis als Grundeigenschaft zugeordnet. Durch sie erschließe er sich die Natur und sei in den Stand versetzt, sich Dinge anzueignen und zu praktizieren. Die Deduktionen, die sich daraus für das Theater entwickeln, beziehen sich insbesondere auf die Nachahmung moralischer Handlungen. Es wird die Aufgabe der Kunst didaktisch zu wirken.

Moritz untersucht das Vergnügen im Hinblick auf das Schöne und das Nützliche. In An- lehnung an Kant unterscheidet er zwischen außerer und innerer Zweckmaßigkeit. Moritz gesteht dem Kunstwerk erstmals ein eigenes Recht zu und löst es somit von jeglicher Forderung nach einem Zweck. Das Kunstwerk ist also nur um seiner selbst willen schön, nicht weil es wie auch immer gearteten Zwecken genügt:

„Bei dem Schönen ist es umgekehrt. Dieses hat seinen Zweck nicht außer sich, und ist nicht wegen der Vollkommenheit von etwas anderem, sondern wegen seiner eigenen inneren Vollkommenheit da. Man betrachtet es nicht, in so fern man es brauchen kann, sondern man braucht es nur, in sofern man es betrachten kann“.[2]

Das Schöne wird als solches vorgestellt, das um seiner selbst willen besteht.Dieser Objektivismus trennt ihn von Kant. Nur weil das Schöne wirklich schön ist, können wir uns in ihm verlieren. Für die Dauer dieses Erlebnisses können wir von uns selbst absehen, um die Eigenart des Schönen in seiner Unvergleichbarkeit mit Natur und anderem Schönen und Schlechten zu fassen.

Das Schöne ist also nicht nur objektiv am und im Gegenstand, es hat auch noch die Kraft und Gewalt, jemanden in den Bann dieser Schönheit zu ziehen und in den Bereich der Schönheit selbst zu versetzen. Das Schöne steht nicht im Belieben des Betrachters, es schlagt ein und macht alles andere vergessen.

1790 definiert Kant in seiner Kritik der Urteilskraft Schönheit als das, was ohne Begriffe als Objekt des allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird.[3] Das Vermögen der Beurteilung des Schönen, die asthetische Urteilskraft, rückt hier als vermittelndes, aber gleichberechtigtes Vermögen zwischen den theoretischen Verstand und die praktische Vernunft. Damit wird die Autonomie des Schönen in die Welt gesetzt, obgleich das Schöne noch, dem transzendental- philosophischen Gesamtkonzept der Kantschen Philosophie folgend, an ein menschliches Be- urteilungsvermögen gebunden bleibt. Die Beschreibung des Schönen im Hinblick auf etwas Angenehmes ist immer auf ein privates Gefühl zurückzuführen, das den Grund für ein asthe- tisches Urteil liefert.[4] Wahrend Erkenntnisurteile unter einen allgemeinen Verstandesbegriff subsumiert werden, kommt es beim asthetischen Urteil zu einem fortlaufenden Spiel zwischen Sinnlichkeit und Verstand. Die asthetische Erfahrung mündet nicht in einen bestimmten Sinn sondern in einen Prozess der Sinnbildung. Kants Kritik der Urteilskraft ist jedoch primar eine Urteilsheorie, keine Theorie der Kunst.

Schiller setzt an dieser Stelle mit seinen Überlegungen zur Autonomie der Kunst ein. Er revidiert, was er noch 1784 in seiner berühmten Schaubühnenrede vertreten hatte:

„Die Gerichtsbarkeit der Bühne fangt an, wo das Gebiet der weltlichen Geseze sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet, und im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Machtigen ihrer Ohnmacht spotten, und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwerd und Waage, und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl“.[5]

In den Denkmustern des Sturm und Drang, hatte er hier der Bühne die Aufgabe zugeteilt, dort für Gerechtigkeit zu sorgen, wo die weltliche Gerichtsbarkeit versagt hatte. Die Kunst wird innerhalb dieser Überlegungen auf seine Zweckmaßigkeit reduziert. Sie hat die pragmatische Aufgabe als verbessernde, moralisierende Instanz ihre Wirkung zu tun und den Menschen durch ihre Wirkung zu korrigieren. Nach seiner Beschaftigung mit Moritz und Kant verwirft Schiller diesen Ansatz und gesteht der Kunst einen Autonomieanspruch in der folgenden Formel zu:

„Schönheit ist also nichts anders, als Freiheit in der Erscheinung“.[6]

Selbstbestimmung an einem Dinge bedeutet nichts anderes als Autonomie. Es zeigt sich also der Wechsel, der sich im Denken Schillers seit seiner Schaubühnenrede vollzogen hatte. Die Kunst wird von ihrer unmittelbar gesellschaftsverbessernden Funktion befreit und es wird ihr ein Eigenrecht zugestanden. Dieser Wandel wird auch in seinen Briefen über die asthetische Erziehung des Menschen deutlich. Schiller erkennt einen Widerspruch in dem Versuch der zweckgerichteten Kunst, das Gemüt zu verandern. Schönheit sei nicht ein Prinzip, das den Zweck verfolge, das Gemüt der Menschen zu lenken. Schönheit ist per se schön und bewirkt durch Erkenntnis dessen eine Versöhnung im Inneren des Menschen. Kunst ist also losgelöst von jedwedem Zweck zu betrachten. Schiller geht in seiner Autonomiebestimmung noch weiter:

„Das innere Prinzip der Existenz an einem Dinge, zugleich als der Grund seiner Form betrachtet; die innere Notwendigkeit der Form. Die Form muß im eigentlichsten Sinne zu- gleich selbstbestimmend und selbstbestimmt sein; nicht bloße Autonomie, sondern Heauto- nomie muß da sein.“[7]

Das Prinzip der sinnlichen Freiheit, das bei Kant als Heautonomie für die Reflexion über jene selbst, dem Menschen ein Gesetz vorschreibt[8], wird bei Schiller gerade in der Heautonomie, der selbstgesetzgebenden Freiheit in der Erscheinung verwirklicht. Damit kommt Schiller zu einem außerst anspruchsvollen Definitionsansatz für Autonomie. Autonomie der Kunst be- deutet einerseits die Kunst von allen gesellschaftlichen Zwecken und Zwangen zu lösen, aber es bedeutet nicht, dass der Künstler in der Ausübung seiner Kunst willkürlich vorgehen kann. Vielmehr ist es das Kunstwerk selbst, das dem Künstler die Regeln aufstellt, an die er sich halten muss. Natur in der Kunstmaßigkeit ist eine Regel, die von dem Dinge selbst zugleich befolgt und gegeben ist.[9] In der Sinnenwelt sei das Schöne nur ein Symbol des in sich Vollen- deten oder des Vollkommenen, weil es nicht wie das Zweckmaßige auf etwas außer sich be- zogen zu werden brauche, sondern sich selbst zugleich gebiete. Es wird deutlich, dass Schiller eine klare Abgrenzung zwischen Künstler und Kunstwerk vornimmt. Es ist das Kunstwerk, dem Schiller Autonomie zugesteht. Die Aufgabe des Künstlers ist es, sein Kunstwerk so zu erschaffen, dass dieses seine Heautonomie bewahrt. Gelingt es ihm, kann kann die Kunst den- noch einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen:

„Ein Kunstwerk darf moralische Folgen haben, aber es darf nicht selber von moralischen Absichten bestimmt sein.“ [10]

Was zunachst paradox klingt, liegt begründet in Schillers komplexer Definition von Schönheit und in seiner Gegenwartsdiagnose. Im homo technicus sieht Schiller einen defizitaren Men- schen. Er betrachtet ihn als kleinen, unvollstandigen Teil in einem großen Komplex. Schiller diagnostiziert einen Verlust der Kultur, die für den Menschen das Höchste sei. Nur die Kultur vermöge es den Staatsbürger zu veredeln. Wenn von Kultur die Rede ist, meint Schiller vor allem die Kunst. In ihr lassen sich Ideale finden, die für den moralischen Menschen als unver- zichtbar gelten. Der Mangel an theoretischer Kultur sei eine Ursache für die Verwilderung des Menschen.[11] Diesen Mangel versucht Schiller mit seinem asthetischen Erziehungsprogramm zu kompensieren. Im zweyten Brief konstatiert Schiller die wichtigsten Entscheidungen, die auf der politischen Weltbühne fallen, wo das Schicksal der Menschheit entschieden wird. Das Schicksal der Menschheit werde nach Schiller durch die Vernunft des Menschen entschieden. Schiller fordert die Umsetzung der kantschen Formel sapere aude, um den Menschen in den Stand der Mündigkeit und Kreativitat des Verstandes zu versetzen. Schillers Überlegungen zufolge ist die gesamte Natur vernünftig. Der Mensch unterscheidet sich davon, weil er ver- nünftig dank eigenem Bewusstsein und Willen handeln kann. Der Wille als Motivation für Menschliches Handeln ist aber gleichsam der Herd für irrationales Bestreben. Der Wille wird beflügelt von zwei Momenten: Dem Begehrenden und dem Berechnenden. Obwohl jedes Mo- ment für sich unvereinbar mit dem anderen wirkt, folgen dennoch beide in Wechselwirkung miteinander einem oberen Prinzip. Der Mensch ist ein Wesen, das nach Freiheit strebt. Dabei soll ihm die Kultur helfen. Absolut frei kann Schiller zufolge nur ein moralisch orientierter Mensch sein. Schiller appelliert an die Selbstverantwortlichkeit des Bürgers als eine Vernunft- person. Am Ende des zweiten Briefes nimmt Schiller die Hauptthese seiner asthetischen Er- ziehungsschrift vorweg:

„Um das politische Problem in der Erfahrung zu lösen, muss man durch das asthetische den Weg nehmen, weil der Mensch nur durch Schönheit zur Freiheit gelangt. Darum ist die Phil osophie des Sch ö nen auch vom gegenw ä rtigen politischen Augenblick aus eine dringende und verpflichtende Aufgabe.“[12]

[...]


1 Platon: Politeia S.506ff

2 Karl Philipp Moritz: Versuch einer Vereinigung aller schönen Künste und Wissenschaften unter dem Begriff des in sich selbst Vollendeten S. 228

3 Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft S. 51

4 Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft S. 52

5 Friedrich Schiller: Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet

6 Friedrich Schiller: Über die asthetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen S. 271

7 Friedrich Schiller: Kallias [415]

8 Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft S.24

9 Friedrich Schiller: Kallias [415]

10 Friedrich Schiller: Ueber den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenstanden S. 171

11 Friedrich Schiller: Über die Ästhetische Erziehung usw. S. 235

12 Friedrich Schiller: Über die Ästhetische Erziehung usw. S. 251

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Schillers Dramentheorie. Von der Moral auf der Bühne zum ästhetischen Erziehungsprogramm
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V379225
ISBN (eBook)
9783668559752
ISBN (Buch)
9783668559769
Dateigröße
1148 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ästhetik, dramentheorie, moritz, kant, kategorischer imperativ, schiller
Arbeit zitieren
Lukas Treiber (Autor), 2017, Schillers Dramentheorie. Von der Moral auf der Bühne zum ästhetischen Erziehungsprogramm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379225

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