Die Frage nach der Technik bei Heidegger


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

19 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1. Charakterisierung der Technik als menschliches Tun
2.1 Unterscheidung zwischen richtig und wahr
2.2 Die vier Weisen des Verschuldens
2.3 Das hervorbringende Entbergen

3. Das Wesen der Wahrheit
3.1 Die moderne Technik als herausforderndes Entbergen
3.2 Das Gestell - Die Wesensbestimmung der Technikbegriffes
3.3 Die Gefahr und das Rettende

4. Schlussfolgerungen

1. Einleitung

Ausgehend von der allgemein ublichen Bestimmung der Technik als instrumentum ver- sucht Heidegger durch einen Weg des Fragens, das Wesen der Technik zu erfassen und schlieBt daraus, dass das Wesentliche nicht in der instrumentalen Vorstellung liegt, die bislang von Philosophen einheitlich untersucht wurde. Heideggers methodischer Denk- weg besteht darin, die Kausalitat umzudenken. Das Novum seiner Technikkonzeption ist, dass er den Technikbegriff, der von Ernst Kapp jungst als Organprojektion aufgefasst wurde, wodurch Kapp die artifizielle gegennaturliche Dimension der Technik durch eine naturchlich-organische erganzt beziehungsweise ersetzt hat, aufspalltet. Heidegger lost das Wesen der Technik aus der trivialen Technikvorstellung und gleichsam aus dem ak- tuell vertretenen wissenschaftlichen Diskurs. Das Wesen der Technik sei es, dass die Technik als Ganzes erfasse und im Stande sei, die Schlusselfrage der philosophischen Moderne, die Frage nach der Technik, neu zu beantworten. Heideggers neue Perspekti- ve ist sicherlich der Verortung der Technik im Seinsgeschichtlichen Kontext seines eige- nen philosophischen Diskurses geschuldet.

Die folgende Arbeit setzt sich mit Heideggers Technikkonzeption auseinander und analysiert mit kontinuierlichem Blick auf den Text ,,Die Frage nach der Technik" die In­novation. Wahrenddessen halte ich mich an die chronologische Vorgehensweise Hei­deggers und richte mein Augenmerk zunachst auf die Charakterisierung der Technik als menschliches Tun und demnachst auf das Wesen der modernen Technik, dass im Kontrast zu der Technik der Antike zu sehen ist; insbesondere im Hinblick auf die Er- weiterung des Wirkungsradius der Technik und der Umbewertung der Natur. Letztlich soil herausgestellt werden, worin Heidegger Moglichkeiten sieht, der Gefahr der Tech­nik zu entgehen, die er nicht in der Technik selbst sieht, sondern in einer Entfernung gegenuber der Unverborgenheit und von der Vergessenheit des Seins. die Charakterisierung der Technik als ein menschliches Tun Indem Heidegger nach der Technik fragt, zielt er darauf herauszufinden, was die Tech­nik ihrem Wesen nach ist.

Die Technik ist das, was uns uberall umgibt als das, worin wir leben und von dem wir abstandslos befangen sind. Sie durchdringt unser Denken und Handeln, ist angesie- delt in den Gegenstanden, die uns umgeben, die unsere Tatigkeiten vorgeben und be- dingen. Diese Technik der Umwelt ist geschaffen, aus dem Denken hervorgebracht und daher radikal gegenstandlich. Das Wesen der Technik dagegen ist etwas, das wir nirgends einfach vorfinden und auf das wir uns auch nicht unmittelbar beziehen kon- nen. Das Wesen ist uns verborgen, denn es ist radikal ungegenstandlich. Auf dieses Wesen aber geht das Fragen und eigentliche Denken zu, denn das Wesen meint das Ganze der Technik und nicht nur partiell Erfahrenes. Durch die Entzweiung des Tech- nikbegriffs der Moderne, gelingt es Heidegger, einen neuen Zugang zu dem Phano- men Technik zu ermoglichen. Dieser Zugang hat eine Voraussetzung. Denn der Sinn der Frage nach dem Wesen der Technik ist die freie Beziehung zur Technik. Als Aus- gangspunkt dieses Fragens bestimmt Heidegger die selbstverstandlichen Annahmen, konventionell ubernommene Meinungen, die es zunachst als solche aufzuweisen gilt.

Der erste Schritt in diesem fragenden Freilegen des Wesens der Technik will Heideg­ger also die Antworten, mit denen wir uns fur gewohnlich abspeisen lassen, hinterfra- gen, urn sich uber die Selbstverstandlichkeiten hinauszuheben. Als eine solche Selbstverstandlichkeit nennt er die Charakterisierung der Technik als ein menschli­ches Tun, das geleitet von Zwecken und unter Verwendung von Mitteln, geschieht. Das Instrumental scheint uns demnach die Technik zu sein. Doch sie scheint es nur. Sie bleibt hier noch zu auGerlich gedacht und ihr Wesen verhullt. Heidegger unter- sucht die instrumentale Vorstellung der Technik:

„Denn Zwecke setzen, die Mittel dafur beschaffen und benutzen, ist ein mensch­liches Tun. Zu dem, was die Technik ist, gehort das Verfertigen und Benutzen von Zeug, Gerat und Maschinen, gehort dieses Verfertigte und Benutzte selbst, gehoren die Bedurfnisse und Zwecke, denen sie dienen. Das Ganze dieser Ein- richtungen ist die Technik. Sie selber ist eine Einrichtung, lateinisch gesagt: ein instrumentum.“[1]

Heidegger erkennt die instrumental Vorstellung der Technik zwar als richtig an, aber gleichzeitig weist er auf ihre Irrefuhrung hin, da sie den Glauben bestarke, die Technik als etwas Technisches, von Menschen und Maschinen herzu verstehen.

Wenn die Technik als Mittel und menschliches Tun betrachtet wird, dann erscheint der Mensch als Herr der Technik, der alles Technische handhabt und beherrscht. Diese Vorstellung verleiht jedoch den falschen Eindruck, dass die Menschen die technische Entwicklung steuern konnen. Spater wird deutlich werden, warum der Mensch von Heidegger nicht als Meister der Technik angesehen werden darf.

Die instrumental-anthropologische Beschreibung der Technik reicht nicht aus, wenn man das Wesen der Technik erfahren will. Somit gilt es, die instrumental Interpretati­on der Technik zu uberwinden und ihr Wesen an einem anderen Ort suchen.

Heidegger deutet die Technik im Kontext seines Diskurses und verortet sie in der Seinsgeschichte und der Seinsvergessenheit. Diese Verortung kann als Versuch inter- pretiert werden, das Phanomen der Technik in die Gesamtkonzeption der Seinsge­schichte einzuordnen.

Zunachst muss Heideggers Verstandnis der Wahrheit erlautert werden, urn einsichtig zu machen, warum das Kriterium der Richtigkeit, nicht ausreicht urn das Wesen der Technik zu verstehen.

2.1 Unterscheidung zwischen richtig und wahr

In Bezug auf den Begriff der Wahrheit unterscheidet Heidegger zwischen opBoTp^, dem Konzept der Richtigkeit des Vorstellens und aApBeia im Sinne von Unverborgen- heit. Nach Heidegger ist die Wahrheit in der gesamten Geschichte der Metaphysik nur als Richtigkeit verstanden. Mit Platon fand ein Wandel in dem Wesen der Wahrheit statt und von dem ursprunglichen Verstandnis der Wahrheit als Unverborgenheit ging er zu der Auffassung der Wahrheit als Richtigkeit uber:

,,Die aAgQeia kommt unter das Joch der idea. Indem Platon von der idea sagt, sie sei die Herrin, die Unverborgenheit zulasse, verweist er in ein Ungesagtes, da& namlich fortan sich das Wesen der Wahrheit nicht als das Wesen der Unverbor­genheit aus eigener Wesensfulle entfaitet, sondern sich auf das Wesen der idea verlagert. Das Wesen der Wahrheit gibt den Grundzug der Unverborgenheit preis.“[2]

Der Ubergang von ibsa als Unverborgenheit zur Wahrheit verstanden als „Richtigkeit des Vernehmens und Aussagens"[3] kennzeichnet nach Heidegger den Anfang der Ver- gessenheit des Seins in der Metaphysik und den Beginn des Zeitalters des Humanis- mus. Dieses Fundamentalverstandnis ist auch fur die Technikuberlegungen von Be- deutung. Der Mensch betreibt die Technik als herausforderndes Entbergen verfugt je- doch nicht uber die Unverborgenheit.[4] Eine Beurteilung Heideggers, die fur die Bewer- tung der Technik eine Rolle spielen wird.

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] bezieht sich auf die klassische Adaquationstheorie der Wahrheit von Thomas von Aquin. In den Quaestiones disputatae de veritate findet sich die klassische Formu- lierung der ontologischen Korrespondenztheorie der Wahrheit als „adaequatio rei et in- tellectus.“[5] Der Begriff betrifft die Richtigkeit zwischen dem Vorstellen und der Aussage, wahrend diese als Unverborgenheit und als Entbergen konzipiert wird. Heidegger greift dabei ethymologisch fragwurdig auf den griechischen Begriff der [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] zuruck, der sich aus AqBs das heiBt vergessen und dem Alpha privativum, der die Verneinung ausdruckt, zusammensetzt. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] bedeutet demnach das Herausholen aus der Ver- gessenheit Oder das Entbergen[6].

Die [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ist die Unverborgenheit nicht im Sinne des offen Zuganglichen sondern ist der ProzeG des Entbergens. Das Hervorbringen wird von Heidegger nicht als kreativen Akt aufgefasst. Die Verborgenheit ist etwas, das auGermenschlich vorgeht. Urn die Un­verborgenheit als Wahrheit zu deuten, verschleiert Heidegger den Unterschied von Er- kennen und Gestalten.[7] Obschon er die Verborgenheit weder nur materialistisch noch nur idealistisch deutet, glaubt er nicht an die Kreativitat des Menschen. Kreativitat bleibt fur Heidegger immer gebunden an ein Praexistierendes, das entborgen wird.

In dem Text „Die Frage nach der Technik" unterscheidet Heidegger zwischen dem Richtigen und dem Wahren folgendermaGen:

,,Das Richtige stellt an dem, was vorliegt, jedesmal irgend etwas Zutreffendes fest. Die Feststellung braucht jedoch, um richtig zu sein, das Vorliegende keines- wegs in seinem Wesen zu enthullen. Nur dort, wo solches Enthullen geschieht, ereignet sich das Wahre. Darum ist das blo& Richtige noch nicht das Wahre.“[3]

Wahrend das Wahre die Technik in ihrem Wesen enthullt, stellt das Richtige nur eine zutreffende Feststellung uber das Betrachtete dar. Das Richtige streift immer nur einen Aspekt der Wahrheit und kann nur in der Summe sich dem Wesen annahern. Deshalb kann die instrumental Bestimmung der Technik nicht den Anspruch erheben, das Wesentliche uber die Technik auszusagen. Dennoch will Heidegger Durch das Richti­ge hindurch das Wahre, Ungegenstandliche, suchen.

Es gilt unbefangen und sachgerecht danach zu fragen. Grundlage dafur ist zunachst die Untersuchung der Zwecksetzung der Technik. Heidegger erlautert deren instru- mentale Kausalitat anhand Aristoteles' 4-Ursachenlehre.

2.2 Die vier Weisen des Verschuldens

„Wo Zwecke verfolgt, Mittel verwendet werden, wo das Instrumental herrscht, da wal- tet Ursachlichkeit, Kausalitat."[8] [9] Zusammen mit der Unterscheidung von Richtigem und Wahrem eroffnet Heidegger mit der Thematisierung der 4 Ursachenlehre, die er im Ruckgang auf das aristotelische Modell bespricht, ein Begriffsfeld, darin er seine eige- ne phanomenologische Position hineinlesen wird.

Er analysiert die Beziehung zwischen dem Begriff des Instrumentalen und dem der Kausalitat. Das Instrumental verweist auf das Einsetzen von Mitteln fur die Erreich- barkeit eines Zwecks. Die vier Aristotelischen Ursachen sind die Grunde des Seienden und des Erkennens. Die causa materialis ist der Stoff woraus ein Ding verfertigt wird, die causa formalis ist die Form in der ein Ding erscheint, die causa efficiens ist die Wir- kursache, und die causa finalis verweist auf die Zweckursache. Im Anschluss an Aristoteles erlautert Heidegger diese Struktur am Beispiel einer Silberschale.

[...]


[1] Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik, S. 7f

[2] Heidegger, Martin: Wegmarken, S. 201-236

[3] Ebd. S. 208

[4] Vgl. ebd. S. 209

[5] Vgl. Thomas von Aquin: Quaestiones disputatae de veritate q.l.a.l.

[6] Beier, Brigitte: Die Frage nach der Technik bei Arnold Gehlen und Martin Heidegger, S. 142

[7] Ropohl, Gunter: Technologische Aufklarung, S. 65

[8] Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik, S. 9

[9] Ebd. S. 9

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Frage nach der Technik bei Heidegger
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,5
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V379229
ISBN (eBook)
9783668559813
ISBN (Buch)
9783668559820
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, technik, heidegger
Arbeit zitieren
Lukas Treiber (Autor), 2017, Die Frage nach der Technik bei Heidegger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379229

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