Technik ist in unserer heutigen Welt allgegenwärtig, von der Waschmaschine und dem Kühlschrank über das Auto bis hin zum Computer. Es gibt kaum einen Lebensbereich, der in unserem Alltag nicht von Technik durchsetzt ist. Besonders zu betonen ist hierbei sicherlich das Smartphone, der universelle Helfer in allen Lebenslagen, auf dem sich zusätzlich für viele, vor allem jüngere Personen mittlerweile auch ein Großteil sozialer Kommunikation abspielt.
Warum sich eine Gesellschaftswissenschaft mit Bereichen der Technik auseinandersetzen sollte, bringt Weyer gut auf den Punkt: "Die zunehmende Technisierung und Informatisierung aller Bereiche der Gesellschaft wirft Fragen nach den sozialen Ursachen und Folgen dieser Prozesse, aber auch nach der Gestaltbarkeit und Steuerbarkeit von Technikentwicklung auf." Grund genug also für die Soziologie, gegenseitige Abhängigkeiten und Einflüsse zwischen Technik und Gesellschaft genauer zu betrachten. Unter dem Begriff Technik wird in der Soziologie größtenteils eine Technik im engeren Sinn verstanden, d.h. sogenannte Realtechniken. Sie grenzen sich von Techniken im weiteren Sinn, die eher im psychisch oder mentalen Bereich anzusiedeln sind (wie z.B. Rede- oder Verführungstechniken) ab. Eine der Grundfragen der Techniksoziologe ist, ob technische Entwicklungen die Gesellschaft prägen (Technikdeterminismus) oder eher Technik durch gesellschaftliche Faktoren geprägt wird (Sozialkonstruktivismus). Zu unterscheiden ist des Weiteren, ob der Verwendungs- oder der Herstellungskontext von Techniksoziologie im Fokus der Betrachtung steht. Bezüglich letzterem werden im Kontext der Innovationsforschung gegenwärtig besonders Pfadkonzepte kontrovers diskutiert. Diese charakterisieren sich dadurch, dass davon ausgegangen wird, dass technische Entwicklungen ab einem gewissen Punkt einen selbstverstärkenden Prozess in Gang setzten. Dieses sog. Momentum kann Innovationen zu einem generellen Standard werden lassen bzw. eingeschlagene technische Pfade verschließen. Die Pfadkonzepte gelten daher als einer technikdeterministischen Perspektive nahestehend.
Aufgrund der nach wie vor gegebenen Kontroverse und damit verbundenen Relevanz sollen in der vorliegenden Arbeit die verschiedenen Pfadkonzepte dargestellt, miteinander verglichen und diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Verortung der Pfadkonzepte in einer Soziologie der Technik
2 Pfadabhängigkeit nach David (1985) und Arthur (1990)
3 Pfadkreation nach Garud und Karnøe (2001)
4 Pfadkonstitution nach Meyer und Schubert (2005)
5 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht und vergleicht theoretische Modelle der Technikgenese, um die Entstehung, Verfestigung und Steuerung von Pfaden innerhalb komplexer sozio-technischer Systeme zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit soziale Akteure in der Lage sind, Pfadentwicklungen aktiv zu beeinflussen, oder ob diese Prozessen der Pfadabhängigkeit unterliegen.
- Vergleich der Modelle Pfadabhängigkeit, Pfadkreation und Pfadkonstitution
- Analyse der Rolle von Akteuren bei der Gestaltung technologischer Pfade
- Untersuchung der Mechanismen von Momentum und Lock-in-Effekten
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen Technikdeterminismus und Sozialkonstruktivismus
- Bewertung der Anwendbarkeit der Konzepte auf ökonomische und technologische Entwicklungen
Auszug aus dem Buch
Pfadabhängigkeit nach David (1985) und Arthur (1990)
Paul David und Brian Arthur gelten als die Entwickler des ursprünglichen Konzepts der Pfadabhängigkeit. Nach David können ökonomische Veränderungen einen pfadabhängigen, sequentiellen Verlauf annehmen. Die letztendlichen Resultate eines solchen Prozesses können durch zeitlich weit zurückliegende Ereignisse und zufällige Geschehnisse beeinflusst werden und folgen somit nicht immer einer bestimmten Systematik oder Logik. Er betont daher, dass die Betrachtung der Wirtschaftsgeschichte für ökonomische Analysen wichtig ist. Blendet man diese aus, ist es häufig schwer ökonomische Entwicklungen und Veränderungen vollends nachvollziehen zu können. David veranschaulicht diese Gedanken anhand des Siegeszuges des Tastatur-Standards QWERTY (benannt nach den ersten sechs Buchstaben in der oberen Reihe der englischen Tastatur). Obwohl es sich dabei nicht um die beste, weil nicht effizienteste, Tastaturanordnung handelt, setzte sie sich gegen diesbezüglich überlegene Varianten, wie z.B. DSK (Dvorak Simplified Keyboard) durch (David 1985: 332).
Die weniger effiziente Tastenanordnung QWERTY wurde von den Erfindern bzw. Herstellern der ersten Schreibmaschine Sholes und Remington Anfang der 1870er Jahre überhaupt nur deshalb ins Leben gerufen, da die ersten Modelle das Problem aufwiesen, dass beim schnellen Tippen zweier benachbarter Tasten diese oftmals verhakten. Dies hatte zur Folge, dass im Anschluss daran bei jedem weiteren Tastenanschlag immer nur der verhakte Buchstabe geschrieben wurde. Im Zusammenhang mit dem Nachteil, dass man erst nachdem man das Papier aus der Maschine zog sehen konnte, was man tatsächlich geschrieben hatte, ergab sich ein schwerwiegender Qualitätsmangel. Um dieses Problem zu lösen wurden daraufhin, verbunden mit einem Effizienzverlust, die Tasten, die häufig direkt nacheinander angeschlagen wurden, möglichst weit voneinander entfernt platziert (David 1985: 333). Damit war der bis heute verwendete Tastaturstandard QWERTY geboren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Verortung der Pfadkonzepte in einer Soziologie der Technik: Einleitung in die Techniksoziologie und die Relevanz von Pfadkonzepten für das Verständnis der gegenseitigen Beeinflussung von Technik und Gesellschaft.
2 Pfadabhängigkeit nach David (1985) und Arthur (1990): Darstellung des ursprünglichen Modells, das ökonomische Pfadverläufe primär durch Zufälle, steigende Erlöse und Lock-in-Effekte erklärt.
3 Pfadkreation nach Garud und Karnøe (2001): Vorstellung eines Gegenentwurfs, der die aktive, strategische Gestaltungsmacht von Akteuren zur Abweichung von bestehenden Pfaden betont.
4 Pfadkonstitution nach Meyer und Schubert (2005): Integration der vorangegangenen Konzepte in ein Modell, das Pfade in drei Phasen unterteilt und zwischen emergenten und planvollen Prozessen differenziert.
5 Zusammenfassung und Fazit: Zusammenführung der Kernpunkte und kritische Reflexion der Stärken und Schwächen der betrachteten Pfadmodelle.
Schlüsselwörter
Pfadabhängigkeit, Pfadkreation, Pfadkonstitution, Techniksoziologie, Technikgenese, QWERTY, Lock-in, Momentum, steigende Erlöse, soziale Akteure, Innovation, Wirtschaftsgeschichte, Pfadpersistenz, Pfadextension, Sozio-technische Systeme
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert theoretische Pfadmodelle, um zu verstehen, wie technische Entwicklungen und industrielle Standards entstehen, sich verfestigen und ob sie gezielt beeinflusst werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Konzepte der Pfadabhängigkeit, der Pfadkreation und der Pfadkonstitution im Kontext der Techniksoziologie und Innovationsforschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Darstellung, der Vergleich und die kritische Diskussion verschiedener Pfadmodelle, um deren Erklärungsgehalt für die Technikgenese zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die eine Literaturanalyse durchführt, um die unterschiedlichen Konzeptionen der Pfadbildung gegenüberzustellen und zu integrieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich nacheinander den Konzepten von David und Arthur (Pfadabhängigkeit), Garud und Karnøe (Pfadkreation) sowie Meyer und Schubert (Pfadkonstitution) und deren jeweiliger theoretischer Einordnung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere "History matters", Lock-in-Effekt, Momentum, Aktive Gestaltungsmacht, Emergenz und Sozio-technische Einbettung.
Wie unterscheidet sich die Pfadkreation von der Pfadabhängigkeit?
Während die Pfadabhängigkeit den Menschen eher als passiven Beobachter sieht, der sich einem zufälligen Ereignisstrom unterwirft, räumt das Modell der Pfadkreation sozialen Akteuren eine aktive Rolle bei der Gestaltung und Modifikation von Pfaden ein.
Was ist die Kernaussage des Modells der Pfadkonstitution?
Meyer und Schubert argumentieren, dass sich die Ansätze vereinen lassen. Sie betonen, dass sich Pfade in ihrer Entstehungsphase unterscheiden können, nach ihrer Etablierung jedoch alle ein Momentum entwickeln, das zu einer Verriegelung führt.
- Arbeit zitieren
- Thomas Beer (Autor:in), 2017, Pfadabhängigkeit, Pfadkreation und Pfadkonstitution. Darstellung, Vergleich und Diskussion verschiedener Pfadmodelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379235