Jesus im Judentum

Die Person Jesu als einendes und trennendes Element zwischen Judentum und Christentum


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,0 (sehr gut)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eine spannungsgeladene jüdisch-christliche Geschichte
1.1. Die Rückführung des Antisemitismus auf seine christliche Prägung
1.2. Die Person Jesu als das Bindeglied zwischen Juden und Christen

2. Christlicher Antijudaismus
2.1. Der Erfolg der christlichen Heidenmission und die jüdische Entfremdung
2.2. Christliche Zeugnisse der Judenfeindlichkeit in der frühen Kirche

3. Die Person Jesu aus jüdischer Perspektive
3.1. Unterscheidung zwischen der Person Jesu und der kirchlichen Christologie
3.2. Die Erwähnung der Person Jesu in der jüdischen Schultradition
3.3. Worin besteht das jüdische „Nein“ zu Jesus?

Fazit: Der Glaube Jesu eint uns – der Glaube an Jesus trennt uns

Literaturverzeichnis

1. Eine spannungsgeladene jüdisch-christliche Geschichte

1.1. Die Rückführung des Antisemitismus auf seine christliche Prägung

Die zweitausendjährige Geschichte des jüdisch-christlichen Verhältnisses ist im Großen und Ganzen gesehen geprägt von leidvollen Erinnerungen. Gerade bei uns Deutschen schlägt sich die qualvolle Erinnerung an die für uns heute kaum vorstellbaren Verbrechen und Gräuel-taten zur Zeit des Nationalsozialismus in unserer Geschichte nieder. Die Vorstellung, dass noch vor bis zu siebzig Jahren um die sechs Millionen Menschen in Arbeits- und Vernichtungslagern wie Auschwitz, Birkenau, Buchenwald und an vielen Orten mehr, auf bestialische Weise ums Leben gekommen sind, ist etwas, womit man sich heute noch schwer tut, die Dimension dieses Verbrechens erfassen und damit entsprechend umgehen zu können. Auch wenn für uns heute klar ist, dass die Mörder in den Konzentrationslagern keine bekennenden Christen waren, sondern einem Regime dienten, welches in seinem tiefsitzenden Antisemitismus einst auch die christliche Religion beseitigen wollte, stellt sich dennoch auch aus christlicher Seite die Frage nach der Vorgeschichte und der Wurzel dieses ungeheuren Antisemitismus, der sich dann im Zweiten Weltkrieg entladen hat. Dabei kommt man nicht umhin, sich einzugestehen, dass diese Form des Antisemitismus sich schon immer durch die Geschichte hindurch in der Gesellschaft aufgeladen hat. Dies geschah nicht zuletzt durch den Einfluss der Kirche, welche noch bis zum zweiten Vaticanum, die Juden als vom wahren Glauben abgefallene, ja als Gottesmörder sah und auf theologischer Ebene ausgrenzte. Am deutlichsten wurde dies in der Umgestaltung der (dadurch berühmt gewordenen) Karfreitags-bitte um die Bekehrung der Juden. Erst durch die Öffnung der Kirche hin zu den anderen Religionen war man offen für die Fragen, wer sind denn diese Juden, die im Laufe der Geschichte so verfolgt und denen so viel Leid und Unrecht widerfahren ist? Davon ausgehend erfolgt in Bezug auf die Person Jesu eine Rückbesinnung auf seine Herkunft. Rein historisch gesehen war der Stifter des Christentums und der Kirche selbst ein Jude. Auch die zentralen Gestalten im katholischen Glauben wie Maria, seine Mutter, war ihrer Herkunft nach Jüdin. Joseph, sein Ziehvater stammte direkt aus dem Geschlechte David ab. Die Kette seiner Vorfahren findet sich zu Beginn des Matthäus-Evangeliums (Mt 1, 1-17).

1.2. Die Person Jesu als das Bindeglied zwischen Juden und Christen

Durch diese Rückbesinnung auf die Herkunft Jesu und damit die Herkunft des gesamten Christentums, schauen wir mit neuen Augen auf die Juden. Unter diesem Gesichtspunkt ergibt sich sogleich eine ganz andere Hermeneutik der Schriften des Neuen Testamentes, welche die Juden eher als Brüder und Vorgänger im Glauben und nicht etwa als Verleumder Christi – wie es etwa in der johanneischen Tradition deutlicher zum Ausdruck kommen mag – erscheinen lässt. So weist Paulus in Röm 11, 17f. darauf hin, dass der Glaube an Jesus Christus eng mit Israel verbunden ist, wenn er es als die „Wurzel“ bezeichnet, welche die Kirche trägt.

Diese Rückbesinnung der Christen auf die Juden geht einher mit einer Verinnerlichung der Juden auf die Person Jesu. Das bedeutet, dass sich auch die Juden des „Judeseins“ Jesu neu bewusst werden, das ihn zu einem Teil ihres Volkes und zu ihrem Bruder macht. Der Jude hat aufgrund seiner Tradition eine natürliche Affinität zum Judesein Jesu. Damit eröffnet sich für beide Religionen ein ganz eigener und essentieller Zugang zur Person des Jesus von Nazareth. Es ist so verstanden die Person Jesu selbst, welche zum Bindeglied der beiden Religionen wird – für Juden und für Christen. Bedeutend für diese Ausführung ist nun die Sicht der Juden auf die Person des Jesus von Nazareth. Sie bekennen ihn nicht wie die Christen als den Messias, den eingeborenen Sohn Gottes, dennoch ist er einer von ihnen – ein Bruder.

2. Christlicher Antijudaismus

2.1. Der Erfolg der christlichen Heidenmission und die jüdische Entfremdung

Das Christentum ist – wie bereits in 1.1 erwähnt – in seinem Keim aus dem Judentum heraus entstanden. Der Erfolg und die Ausbreitung der christlichen Religion von einer zunächst jüdischen Sondergruppierung hin zu einer universalen Weltreligion ging einher mit politischen, teils kämpferischen Auseinandersetzungen zunächst mit der heidnischen Umwelt und weiter mit allen anders denkenden Christen.[1] So musste man sich gegen die damals dominierenden heidnischen Kulte behaupten und letzten Endes durchsetzen. Dazu musste der dem christlichen Geiste entgegengesetzte Staatskult entweder ganz eliminiert oder zumindest christianisiert werden. Durch die Christianisierung der Heiden und die erfolgreiche Weiter-verbreitung in der Heidenmission überschritt das Christentum seine Bindung an das jüdische Volk sehr schnell. Der Anteil an Heidenchristen wurde immer höher und verdrängte schließlich den verhältnismäßig immer geringer werdenden Anteil der Judenchristen. Somit kam es auch zu einer Entfremdung der Christen gegenüber dem jüdischen Volk, dem dann zuletzt die Abgrenzung folgte. Dass die Polemik gegen das Judentum schon so alt ist wie das Christentum selbst zeigt sich in immer wiederkehrenden antijüdischen Auszügen aus den Schriften des Neuen Testamentes. So findet sich beispielsweise schon im Ersten Brief an die Thessalonicher – und damit in einer der ältesten neutestamentlichen Schriften – der Vorwurf des Prophetenmordes:

Denn Brüder, ihr seid den Gemeinden Gottes in Judäa gleich geworden, die sich zu Christus Jesus bekennen. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jede von den Juden. Diese haben sogar Jesus den Herrn und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind feinde aller Menschen. Sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Doch der ganze Zorn ist schon über sie gekommen.

1 Thes 2, 14-16

Die Abgrenzung der Christen zu den Juden und Andersdenkenden schlägt sich also schon bereits im Urchristentum nieder. Ähnliche antijüdische im Neuen Testament finden sich etwa bei Mt 27, 25; Joh 8, 44; 2 Petr 2, 12. In der Forschung wird jedoch diskutiert, inwieweit hier das Judentum kollektiv und generell abgelehnt wird.

2.2. Christliche Zeugnisse der Judenfeindlichkeit in der frühen Kirche

Wie schon erwähnt ist das historische Vermächtnis von Christentum und Judentum belastet mit zahlreichen Vorurteilen und Generalverdächtigungen der Juden seitens der Christen. Der Antisemitismus begegnet schon im zweiten Jahrhundert innerhalb der Kirche. Er wird in ihr und durch sie gelehrt und praktiziert. Juden werden an den Pranger gestellt . Ihnen wird vor-gehalten „Jesushass“ zu lehren. Dies wird etwa bei den Aussagen früher christlicher Theo-logen deutlich, wie z.B. bei Melito, dem Bischof von Sardes, auf den die Gottesmord-Theorie zurückgeht, als auch bei Marcion, der generell die Bibel nur auf vereinzelte neutestamentliche Schriften beschränken wollte.[2] Marcion ging so weit, dass er vom „Gott der Juden“ sprach, den er vom Gott Jesu Christi – als ein den Juden fremder Gott – unterschied.[3] Auch der weitere Verlauf der Geschichte ist geprägt von Verurteilungen und Feindseligkeiten gegen das jüdische Volk. Dazu einige Beispiele:

Origenes interpretiert den Vers Mt 27, 35, wo es heißt „da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ folgendermaßen: Das Blut Jesu traf nicht nur die Juden seines Zeitalters, sondern alle Juden bis zum Ende der Welt. (Exegeticon ad loc.)[4]

Chrisostomos, der Goldmund, lehrte: Die Synagoge ist ein Hurenhaus. Was schlimmer ist, die Synagoge ist nicht nur ein Hurenhaus und ein Theater, sondern auch eine Diebeshöhle und ein Hort wilder Tiere … Die juden haben keinerlei Vorstellungen von (geistigen) Dingen, sondern leben für ihre niedere Natur. Nur ein Ding verstehen sie: Sich gierig vollzufressen und trunken zu werden. [5]

Auch die Theologie des Tertullian war von einem Antisemitismus geprägt. In seinen Äußerungen warf er alle Juden in einen Topf: Die ganze Synagoge Israels hat ihn (gemeint ist Jesus) getötet. [6]

Auf diesen Theorien der frühen Theologen aufbauend, entwickelte sich eine antijüdische, ja geradezu judenfeindliche Theologie innerhalb der Kirche. Dieser zunächst antijüdische Geist ging dann in antijüdische Praxis über, als das Christentum unter Kaiser Konstantin zunächst zum privilegierten Kult und unter Kaiser Theodosius im Jahre 380 zur Staatsreligion erklärt wurde. Bereits unter Kaiser Konstantin wurden Gesetze erlassen, welche die rechtliche Stellung von Juden gegenüber Christen herabsetzte. 315 stand der Übertritt vom Christentum ins Judentum sogar unter Todesstrafe.[7] So gelangte nach und nach der Antisemitismus in alle Ebenen der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens. Es häuften sich christlich motivierte Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen wie Synagogen, Friedhöfe und jüdische Viertel. Trotz staatlichem Verbot kam es immer wieder zu derartigen Übergriffen.

Ein bekanntes Beispiel dieser Zeit ist die Brandstiftung der Synagoge von Callinicum und der Reaktion des Hl. Ambrosius: Der örtliche Bischof hetzte Christen auf, die Synagoge in Brand zu stecken. Als Theodosius befahl, dass der verantwortliche Bischof den Wiederaufbau aus eigenen Geldmitteln zu bezahlen habe, setzte sich Ambrosius energisch dafür ein, dass die Brandstifter straffrei ausgingen. Mehr noch: Er identifizierte sich nahezu selbst mit den Brandstiftern. In einem Brief an den Kaiser schreibt er: Ich erkläre, dass ich die Synagoge in Brand gesteckt habe, dass jedenfalls ich es ihnen zu tun befohlen habe, um den Ort zu beseitigen, an dem Christus geleugnet wird. (…) weiter Was hat der Fromme gemein mit dem Ungläubigen? Mit dem Ungläubigen müssen auch die Bezeugungen des Unglaubens ausgerottet werden. [8]

3. Die Person Jesu aus jüdischer Perspektive

3.1. Unterscheidung zwischen der Person Jesu und der kirchlichen Christologie

Die antijüdische Polemik christlicher Theologen und Kirchenväter zieht sich fast über die gesamte Kirchengeschichte durch das Mittelalter hindurch über die Reformation bis weit in die Neuzeit hinein mit der Kulmination im Zweiten Weltkrieg. Erst mit der Erklärung „Nostra aetate“ 1965 wurde dieser uralte Konflikt auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil seitens der Kirche endgültig beigelegt.

[...]

[1] Die anders denkenden Christen wurden auch Häretiker oder „lapsi“ (die vom Glauben Abgefallenen) bezeichnet.

[2] Marcion wollte sich in seiner Theologie vehement vom jüdischen Einfluss distanzieren. So wollte er bei der Kanonisierung der Heiligen Schrift die kursierenden christlichen Texte beschränken auf zehn Paulusbriefe und ein gereinigtes Evangelium, das sog. marcionitische Evangelium. Es orientiert sich am Lukasevangelium, enthält jedoch keinerlei Verweise auf das Alte Testament. .

[3] Vgl. Sattler, Dorothea, Schneider, Schneider, Theodor, Schöpfungslehre, dogmengeschichtliche Entwicklung, in: Schneider, Theodor (Hg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, Düsseldorf4 2009, 173f; Kessler, Hans, Christologie, in: ebd. 327

[4] Lapide, Pinchas, Ist das nicht Josephs Sohn?, Jesus im heutigen Judentum, Stuttgart/München 1976, 49

[5] Chrysostomos c. jud. 1,3,4, zit. nach Ruether 1978, 165, vgl. Schmidt-Leukel, Perry, Gott ohne Grenzen, München 2005, 309

[6] Lapide, Pinchas, Ist das nicht Josephs Sohn?, 48

[7] Schmidt-Leukel, Perry, 308

[8] Vgl. Lapide, Pinchas, Ist das nicht Josephs Sohn?, 49

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Details

Titel
Jesus im Judentum
Untertitel
Die Person Jesu als einendes und trennendes Element zwischen Judentum und Christentum
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0 (sehr gut)
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V379284
ISBN (eBook)
9783668562950
ISBN (Buch)
9783668562967
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jesus, Judentum, Christentum, Hoher Rat, Neues Testament, Evangelium, Bibel, Leben-Jesu, vergleichende Relgionswissenschaft, Religion
Arbeit zitieren
Maximilian Bekmann (Autor), 2017, Jesus im Judentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379284

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