Die Wirkung der sprachlichen Mittel in Wolfgang Borcherts "Die Küchenuhr"


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 1,70

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Inhalt

Einleitung

1 Inhaltsangabe der Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“

2 Bewusstheits- und Aufmerksamkeitsgrad des Textes
2.1 Ebene der Bewusstheit bei der Textproduktion
2.2 Ebene der Bewusstheit bei der Textrezeption
2.3 Ebene der Aufmerksamkeit

3 Traumatisierung der Hauptfigur
3.1 Unpersönlichkeit, emotionale Kälte und Distanziertheit
3.2 Soziale Isolation
3.3 Verlegenheit, Angst vor Ablehnung und mangelndem Verständnis der Mitmenschen
3.4 Zuneigung zur Küchenuhr als Ersatz für zwischenmenschliche Nähe
3.5 Unfähigkeit, die Vergangenheit loszulassen
3.6 Fassungslosigkeit in Bezug auf das traumatische Erlebnis
3.7 Verdrängen des traumatischen Erlebnisses
3.8 Fragmentarisches Denken

4 Reaktionen der anderen Figuren auf die Traumatisierung der Hauptfigur

5 Andere sprachliche Mittel erzielen eine andere Wirkung beim Leser

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

Einleitung

Šklovskij schreibt, dass beim Verfassen eines literarischen Textes darauf geachtet werde, diesen so zu gestalten, dass er verfremdet wirke. Ein literarischer Text müsse anders im Sinne von ungewöhnlich konstruiert werden, damit er von den Rezipienten bewusst wahrgenommen werde. Künstlerisch/“künstlich“ müsse er geschrieben sein, so dass wichtige Textstellen nicht im automatisierten Lesemodus übersehen werden, sondern bewusst die Aufmerksamkeit auf sie gerichtet werde. (Vgl. Šklovskij 1994: S. 3-35.) Dieses Verfahren nennt Šklovskij „Verfremdung“. (Ebd.)

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird untersucht, welche sprachlichen Mittel der Autor Wolfgang Borchert in seiner Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“ einsetzt, um die Traumatisierung der Hauptfigur und die Reaktionen der Nebenfiguren auf diese zu veranschaulichen.

Anschließend wird analysiert, ob durch eine Veränderung der sprachlichen Mittel eine veränderte Wirkung beim Rezipienten des Textes erzeugt wird. Grundlage für diese Untersuchung ist eine von mir geschriebene neue Version von Borcherts Text, die dieser Arbeit angehängt ist.

1 Inhaltsangabe der Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“

Die Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“ wurde im Jahr 1947 von Wolfgang Borchert veröffentlicht.

Ein junger Mann, dessen Gesicht auffällig alt wirkt, setzt sich zu einigen anderen Menschen auf eine Bank. Er zeigt ihnen seine Küchenuhr.

Um Punkt drei Uhr nachts sei diese stehengeblieben. Um diese Uhrzeit sei er früher immer heimgekommen. Seine Mutter habe dann bereits auf ihn gewartet und ihm sein Abendessen aufgewärmt. Nun aber seien diese Zeiten, die der Mann als „Paradies“ bezeichnet, vorbei. Er habe seine gesamte Familie verloren. Lediglich die Küchenuhr sei übriggeblieben.

Während der Mann erzählt, wiederholt er sich oft. Die anderen Menschen hören ihm zwar zu und stellen gelegentlich Fragen, aber sie wenden ihre Augen von ihm ab, so dass das gesamte Gespräch über kein Blickkontakt entsteht. (Vgl. ebd.)

2 Bewusstheits- und Aufmerksamkeitsgrad des Textes

Bei jedem Text kann zwischen verschiedenen Bewusstheits- und Aufmerksamkeitsgraden differenziert werden. (Vgl. Müller 2013.) Je höher die Grade der Bewusstheit und Aufmerksamkeit sind, desto besser ist einem Autor das in der Einleitung dieser Arbeit beschriebene Verfahren der Verfremdung nach Šklovskij gelungen.

2.1 Ebene der Bewusstheit bei der Textproduktion

Die erste Bewusstheitsebene ist die der Textproduktion. In diesem Bereich kann der Autor entweder automatisiert und mit geringer Bewusstheit schreiben oder gezielt sprachliche Muster in seinen Text einbauen, was einem hohen Bewusstheitsgrad entspricht. (Vgl. ebd.) In der Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“ hat Borchert bewusst zahlreiche Formulierungen und sprachliche Stilmittel eingebaut, um die Hauptfigur, den jungen Mann, traumatisiert wirken zu lassen. Auf die einzelnen Stilmittel und ihre jeweilige Wirkung wird im dritten Kapitel dieser Arbeit noch detailliert eingegangen. Somit ist der Bewusstheitsgrad im Bereich der Textproduktion von Borchert hoch.

2.2 Ebene der Bewusstheit bei der Textrezeption

Bezüglich der Textrezeption kommen zwei mögliche Bewusstheitsmodi in Betracht. Zum einen kann ein Textrezipient einen Text automatisiert verarbeiten. „Er ist sich nicht der Tatsache bewusst, dass die sprachliche Gestaltung des Textes den Rezeptionsprozess beeinflusst.“ (Ebd.) Der Text erzeugt in im Leser einen bestimmten Eindruck, jener weiß jedoch nicht, durch welche sprachlichen Mittel dieser zustande kommt. Die zweite Möglichkeit der Bewusstheit beim Lesen eines Textes ist die entautomatisierte. Hierbei ist sich der Rezipient darüber im Klaren, „dass die sprachliche Gestaltung des Textes den Rezeptionsprozess beeinflusst. Er untersucht gezielt sprachliche Muster, um herauszufinden, auf welche Weise der Text beim Leser [welche Wirkung entfaltet.]“ (Ebd.)

2.3 Ebene der Aufmerksamkeit

Ein Text, der den üblicherweise an seine Textsorte geknüpften Erwartungen entspricht, bietet einen niedrigen Aufmerksamkeitswert, d. h., es ist relativ einfach, ihn zu lesen und zu verstehen. Wenn ein Text hingegen anders gestaltet ist, als man es von der betreffenden Gattung erwarten würde, erfordert seine Rezeption einen hohen Aufmerksamkeitsgrad, um ihn verstehen zu können. (Vgl. ebd.) Letzteres ist bei Borcherts Kurzgeschichte der Fall, denn in „Die Küchenuhr“ befinden sich zahlreiche sprachliche Auffälligkeiten, wie im nächsten Kapitel dieser Arbeit gezeigt wird.

3 Traumatisierung der Hauptfigur

Die Hauptfigur aus Borcherts „Die Küchenuhr“ ist ein 20-jähriger Mann, der wegen seines Gesichts älter wirkt, als er tatsächlich ist. Die Art, wie er spricht, als er den anderen Figuren die Geschichte seiner Küchenuhr berichtet, deutet darauf hin, dass er traumatisiert ist. Weitere Indizien für diese Deutung sind in Form von sprachlichen Besonderheiten im gesamten Text zu finden. Da dies eine linguistische und keine psychologische Arbeit ist, wird darauf verzichtet, einzelne Symptome bzw. Merkmale einer Traumatisierung zu erklären. Diese Symptome werden im Folgenden lediglich genannt und die sprachlichen Konstrukte beschrieben, welche sie versinnbildlichen.

3.1 Unpersönlichkeit, emotionale Kälte und Distanziertheit

Die Figuren in der Geschichte haben keine Namen. Der junge Mann, der die Hauptfigur ist, wird lediglich durch Pronomen bezeichnet: „Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, dass er erst zwanzig war.“ (Borchert 1947: S. 52.) Diese unpersönliche Bezeichnung der Figuren, insbesondere der Hauptfigur, erzeugt einen Eindruck von Distanziertheit und emotionaler Kälte.

3.2 Soziale Isolation

Der junge Mann versucht im Lauf der Geschichte wiederholt, eine Verbindung zu seinen Zuhörern aufzubauen. Er spricht die anderen Figuren direkt an („Denken Sie mal […] denken Sie mal!“ (Ebd.: S. 53.)) und versucht, Blickkontakt herzustellen: „Er sah die anderen an […]“ (Ebd.) Dies gelingt ihm jedoch nicht, denn „die [anderen] hatten ihre Augen von ihm weggenommen.“ (Ebd.) Der junge Mann ist von der Gesellschaft isoliert und kann nicht einmal während der Kommunikation Verbundenheit mit ihr herstellen, was typisch für eine Traumatisierung ist. Als Traumatisierter bräuchte der junge Mann in erster Linie die Empathie der anderen Menschen, doch diese scheinen nicht zu verstehen, was in ihm vorgeht. Deutlich wird das an der Textstelle, an der der Herr auf der Bank über die Bomben spricht. (Vgl. ebd.) Er rationalisiert, verkennt jedoch dabei, dass die Hauptfigur durch ihre Kommunikation vor allem emotionale Nähe zu den anderen aufzubauen versucht und nicht sachlich über Fakten des traumatischen Erlebnisses sprechen möchte.

3.3 Verlegenheit, Angst vor Ablehnung und mangelndem Verständnis der Mitmenschen

Die Hauptfigur schämt sich für ihre durch die Traumatisierung hervorgerufene Schwäche und empfindet Unsicherheit gegenüber den anderen Figuren: „Er lächelte sie verlegen an.“ (Ebd.: S. 54.) Erkennbar wird die Unsicherheit des jungen Mannes auch an seiner Art, zu sprechen. Wenn er etwas sagt, bekräftigt oder rechtfertigt er das Gesagte durch Kommentarglieder, Adverbiale und Wiederholungen. Ein Beispiel dafür ist folgende Textstelle: „Jetzt, jetzt weiß ich, daß es das Paradies war. Das richtige Paradies.“ (Ebd.) Da der junge Mann ohnehin bereits von der Gesellschaft isoliert ist, bemüht er sich umso mehr darum, von den anderen Figuren verstanden und angenommen zu werden. Er fürchtet Ablehnung und mangelndes Verständnis, die ihm durch das Verhalten der anderen Figuren auch zuteilwerden. (Vgl. Kapitel 3.2 dieser Arbeit.)

3.4 Zuneigung zur Küchenuhr als Ersatz für zwischenmenschliche Nähe

Weil er von den anderen Figuren keine zwischenmenschliche Nähe bekommt, wendet der junge Mann sich mit dem Bedürfnis danach an seine Küchenuhr. Beim Erzählen nickt er der Uhr zu. (Vgl. Borchert 1947: S. 53.) Dass die Uhr als Ersatz für menschliche Zuneigung dient, wird aus dieser Personifikation ersichtlich: „Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue runde Gesicht […]“ (Ebd.: S. 54.) Ferner ist die Küchenuhr das einzige Erinnerungsstück an die Mutter des jungen Mannes, weshalb sie ihm sehr viel bedeutet. Ihr Erinnerungswert ist besonders hoch, da die Uhr genau um die Zeit stehengeblieben ist, um die früher die Mutter des jungen Mannes in die Küche kam, um ihm sein Abendbrot aufzuwärmen: „Da war es dann fast immer halb drei. Und dann, dann kam nämlich meine Mutter.“ (Ebd.)

3.5 Unfähigkeit, die Vergangenheit loszulassen

Wie viele Traumatisierte hat auch die Hauptfigur aus Borcherts Geschichte die Tendenz, an der Vergangenheit festzuhalten. Einerseits geschieht dies unbewusst, was sich in Gestalt zahlreicher Parallelismen, Anaphern und Wiederholungen im Text zeigt, z. B.: „So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: So spät wieder.“ (Ebd.) Andererseits ist die Unfähigkeit zum Loslassen der Vergangenheit auch darin begründet, dass die Hauptfigur sich bewusst an die Erinnerung an die Zeit, in der ihre Mutter noch gelebt hat, klammert. Der junge Mann berichtet jedes noch so kleine Detail dieser Erinnerung, um auch bloß keines zu vergessen:

Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte, ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie da in ihrer Wolljacke und mit einem roten Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon geschlafen. Es war ja Nacht. (Ebd.)

3.6 Fassungslosigkeit in Bezug auf das traumatische Erlebnis

Der wiederholte Gebrauch absoluter Worte wie „immer“ und „nie“ (Ebd.) veranschaulicht die Fassungslosigkeit der Hauptfigur in Bezug auf ihr traumatisches Erlebnis, nämlich den Verlust ihres bisherigen geordneten Lebens, v. a. aber den Verlust ihrer Mutter durch den Krieg. Die absoluten Ausdrücke zeigen, dass es für den jungen Mann völlig unvorstellbar gewesen ist, dass sein angenehmes Leben in Gemeinschaft mit seiner Mutter sich einmal ändern könnte. Sogar jetzt kann er noch nicht fassen, dass es sich trotzdem zum Negativen geändert hat.

3.7 Verdrängen des traumatischen Erlebnisses

Während der junge Mann unfähig ist, die Erinnerung an die schöne Zeit vor seiner Traumatisierung loszulassen (Vgl. Kapitel 3.5 dieser Arbeit.), versucht er, Gedanken an die Traumatisierung selbst zu verdrängen. So bittet er den Herrn, der auf der Bank sitzt: „Sie müssen nicht immer von den Bomben reden.“ (Borchert 1947: S. 53.)

3.8 Fragmentarisches Denken

Auffällig ist, dass in der gesamten Kurzgeschichte Ellipsen auftauchen: „Das richtige Paradies.“ (Ebd.: S. 54.) Nebensätze stehen getrennt von ihren Hauptsätzen im Text: „Er sah die anderen an. Aber er fand sie nicht.“ (Ebd.) Diese sprachlichen Konstruktionen stehen für die für Traumatisierungen typische Fragmentierung und Spaltung. Weil der junge Mann ein Trauma erlitten hat, ist er vorübergehend unfähig, beide Gehirnhälften zugleich zu nutzen, was dazu führt, dass sein Denken und seine Sprache fragmentiert sind. Dasselbe gilt für seine Erinnerungen. Traumatische Erinnerungen werden in einem anderen Teil des Gehirns gespeichert als normale. Da sie außerhalb des biografischen Gedächtnisses gespeichert sind, ist es für den Traumatisierten unmöglich, sie in einen korrekten zeitlichen Zusammenhang zu bringen und chronologisch von ihnen zu erzählen.

4 Reaktionen der anderen Figuren auf die Traumatisierung der Hauptfigur

Die anderen Figuren aus „Die Küchenuhr“ reagieren auf die Traumatisiertheit der Hauptfigur folgendermaßen: Zwar sprechen sie mit ihr, aber sie vermeiden dabei jeglichen Blickkontakt, wie in Kapitel 3.2 dieser Arbeit geschildert wurde. Dadurch erfolgt eine Abgrenzung von der Hauptfigur und deren Emotionen. Auf diese Weise schützen sich die anderen Figuren davor, sekundär traumatisiert, d. h. durch den Kontakt zu dem Traumatisierten selbst traumatisiert, zu werden. Empathie wird vermieden. Der Mann auf der Bank, der über die Bomben spricht, kommuniziert rational über sachliche Aspekte des Krieges: „Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.“ (Ebd.: S. 53.) Das Rationalisieren, wie er es anwendet, ist ein Schutzmechanismus der Psyche, der es ihm ermöglicht, über den schrecklichen Krieg zu sprechen, ohne dabei Emotionen wie Angst oder Schock zu empfinden. Am Ende der Geschichte dringen die Worte der Hauptfigur trotz der Abgrenzungsversuche des Mannes auf der Bank zu diesem durch. Er versucht, sich auf seine Schuhe zu konzentrieren, ist mit seinen Gedanken aber bei den Worten des jungen Protagonisten. (Vgl. ebd.: S. 54.)

5 Andere sprachliche Mittel erzielen eine andere Wirkung beim Leser

Im Anhang dieser Arbeit befindet sich eine von mir geschriebene Fassung von „Die Küchenuhr“.

Die veränderte Fassung wurde von mir mit einem hohen Bewusstheitsgrad auf der Ebene der Textproduktion geschrieben. Für die Rezeption des Textes sind jedoch – anders als bei Borcherts Version – nur ein geringer Bewusstheits- und Aufmerksamkeitsgrad erforderlich, da der neue Text vom Schreibstil her dem von modernen Kurzgeschichten entspricht. Es ist nicht schwierig, ihn zu verstehen.

Diese Fassung unterscheidet sich dadurch von Borcherts, dass die in den vorigen Kapiteln beschriebenen sprachlichen Mittel, mit denen Borchert Traumatisierung zum Ausdruck bringt, in meiner Version nicht vorkommen oder durch andere sprachliche Strukturen ersetzt worden sind:

Die Figuren werden nicht mehr durch Pronomen bezeichnet, sondern haben Namen. So wirken sie nicht mehr distanziert. Die „anderen“ aus Borcherts Version heißen hier Rosie und Georg.

In meiner Version wird auch geschildert, wie das Innenleben dieser beiden aussieht: „Rosie war unwohl zumute.“ und „Georg fixierte seine Schuhe, weil er nicht wusste, was er zu dem jüngeren Mann sagen sollte.“ (Veränderte Fassung von „Die Küchenuhr“.) Sie wirken nicht mehr unnahbar, sondern reagieren innerlich emotional auf Peters Erzählung.

Peter erzählt selbstbewusst seine Geschichte, ohne sich von dem anfänglichen Desinteresse seiner Zuhörer beirren zu lassen. (Vgl. ebd.) Diese wenden sich ihm im Verlauf seiner Erzählung zu, sehen ihn an und gehen auf seine Worte ein. Rosie versteht auch die emotionale Komponente seiner Worte, wie aus ihrer Antwort erkennbar ist: „,Und diese Erinnerung kann Ihnen niemand nehmen. Die wird für immer in Ihrem Herzen bleiben.‘“ (Ebd.) Die Hauptfigur bekommt also die gewünschte Empathie und kann sich deshalb der Gesellschaft zugehörig fühlen.

In meiner Fassung wird die Küchenuhr nicht personifiziert. Sie dient dem Protagonisten hier nur als Erinnerung an seine Mutter und sein glückliches Leben vor dem Krieg („,Und diese Uhr wird mich immer an meine Familie erinnern.‘“ (Ebd.)), aber er hat es nicht nötig, sich an sie zu klammern, wie er es in Borcherts Version tut, denn er bekommt Empathie von Rosie.

Peter berichtet das Erlebte chronologisch, geordnet und ohne unnötige Wiederholungen. Das zeigt, dass er nicht oder nicht mehr vom Krieg traumatisiert ist, sondern das Erlebte verarbeitet hat und nun in der Lage ist, ohne Fragmentierung daran zu denken und darüber zu sprechen.

Aus den Sätzen „Peter lächelte traurig. ,Die Bomben zerstörten unser Haus.‘“ (Ebd.) wird deutlich, dass er nicht fassungslos ist, sondern das Geschehene als die Realität erkennt und anerkennt. Was geschehen ist, hat ihn zwar traurig gemacht, aber er versucht nicht, es zu leugnen oder zu verdrängen. Da Peter den Verlust seiner Eltern verkraftet hat, kann er problemlos das Wort „Bomben“ aussprechen. (Vgl. ebd.)

6 Fazit

Wie aus den Analyseergebnissen hervorgeht, kann man durch den gezielten Einsatz sprachlicher Muster in einem Text verschiedene Wirkungen und Eindrücke beim Rezipienten erschaffen. Variiert man die Sprache, dann verändert sich auch die Wirkung des Textes.

Der Autor Wolfgang Borchert nutzt dieses Wissen, um durch sprachliche Variationen eine „Verfremdung“ im Sinne von Šklovskij für seine Kurzgeschichte „Die Küchenuhr“ zu erreichen. Die sprachlichen Besonderheiten im Text fallen dem Rezipienten ins Auge, lenken seine Aufmerksamkeit auf sich und entfalten so eine umso stärkere Wirkung.

Vor diesem Hintergrund ist auch interessant, dass ein und derselbe Sachverhalt auf so unterschiedliche Art und Weise sprachlich ausgedrückt werden kann, dass in einem Fall, hier beispielhaft in Borcherts Originalgeschichte, eine Figur traumatisiert und von der Gesellschaft isoliert wirkt und im zweiten Fall, meiner veränderten Version dieser Geschichte, nicht. Im zweiten Fall wirkt dieselbe Figur integriert, gefasst und stabil, also das Gegenteil von ihrer Wirkung im ersten Fall.

Die Analyseergebnisse begründen die Ansicht, dass nicht nur der faktische Inhalt einer sprachlichen Äußerung wichtig ist, sondern auch und womöglich sogar noch mehr die Art und Weise, wie die Äußerung präsentiert wird.

7 Literaturverzeichnis

Primärtext

Borchert, Wolfgang 1947: Die Küchenuhr. In: Wolfgang Borchert: An diesem Dienstag. Neunzehn Geschichten. Rowohlt, Hamburg/Stuttgart, S. 52–54.

Sekundärliteratur

Šklovskij, Viktor 1994: Die Kunst als Verfahren. In: Striedter, Jurij (Hrsg.): Russischer Formalismus. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa. 5. Auflage. München.

Müller, Christoph 2013: Der literarische Text – Bewusstheitsgrad und Aufmerksamkeitshie[r]archie. Arbeitsblatt.

8 Anhang

Von mir veränderte Fassung von „Die Küchenuhr“

Peter schlenderte die Straße entlang und nahm neben Georg, Rosie und deren kleiner Tochter auf einer Holzbank Platz. Mit seinem besorgten Gesicht wirkte der Zwanzig-jährige älter, als er tatsächlich war. Er zeigte den anderen eine Uhr, die er in der Hand trug, und begann, die damit verbundene Geschichte zu erzählen. Davon, dass ihm nie-mand Beachtung schenkte, ließ er sich nicht beirren. „Als wir noch Frieden hatten, habe ich zusammen mit meinen Eltern gelebt. Ich kam jede Nacht um halb drei von der Arbeit nach Hause. Papa schlief um diese Zeit schon, aber Mami kam dann runter in die Küche und wärmte mir mein Essen auf.“ Er lächelte. „Das war eine herrliche Zeit, und ich bin glücklich darüber, sie erlebt zu haben.“

Rosie war unwohl zumute. Sie wollte das, was Peter zu erzählen hatte, nicht hören. Höf-licherweise fragte sie ihn aber: „Und jetzt?“

Peter lächelte traurig. „Die Bomben zerstörten unser Haus.“

Georg fixierte seine Schuhe, weil er nicht wusste, was er zu dem jüngeren Mann sagen sollte.

Dieser fuhr fort: „Ich habe später in den Trümmern unseres Hauses die alte Küchenuhr gefunden. Und die ist genau um halb drei stehengeblieben, also um die Zeit, als mich Mama immer zu Hause begrüßte.“ Er sah die anderen an. „Und diese Uhr wird mich immer an meine Familie erinnern.“

Nun war Rosie doch gerührt. Sie sah Peter an. „Und diese Erinnerung kann Ihnen nie-mand nehmen. Die wird für immer in Ihrem Herzen bleiben.“

„Ja, das stimmt“, gab Peter zurück.

Georg betrachtete den jungen Mann stumm und dachte noch lange über seine Geschich-te nach.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Die Wirkung der sprachlichen Mittel in Wolfgang Borcherts "Die Küchenuhr"
Hochschule
Universität Kassel  (Germanistik)
Veranstaltung
Dem Autor auf der Spur
Note
1,70
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V379315
ISBN (Buch)
9783668574175
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Küchenuhr, Wolfgang Borchert, Sprachliche Mittel
Arbeit zitieren
Varia Antares (Autor), 2016, Die Wirkung der sprachlichen Mittel in Wolfgang Borcherts "Die Küchenuhr", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379315

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