Die Bibliothek als Labyrinth in Umberto Ecos "Der Name der Rose"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
16 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bibliothek in „Der Name der Rose”

3. Die Bibliothek als Labyrinth
3.1 Labyrinthische Architektur
3.2 Gefahr im Labyrinth – der subtile Grusel Ecos
3.3 Die Mitte des Labyrinthes – des Rätsels Lösung?

4. Detektieren am Ariadnefaden

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[…] Ecos Romane sind genau in dem Maße Trivialliteratur, wie sie sich dieser verweigern. Vielmehr bestehen sie aus mehrfach ineinander verschachtelten Ebenen, die sich gegenseitig reflektieren, aus Strukturen über Strukturen, die sich überlagern oder durchkreuzen und damit jede unschuldige Lektüre wieder unmöglich machen.“[1]

Das Zitat von Dieter Mersch besagt, dass die Werke des berühmten italienischen Autors Umberto Eco sogenannte „Meta-Texte“ sind, das heißt man liest zwar einerseits die eigentliche Geschichte, um die es überhaupt geht, andererseits ist diese Geschichte dann aber „ineinander verschachtelt“ und kann auf jeden Leser anders wirken und von diesem anders interpretiert werden.

Auch eines seiner berühmtesten Werke ist ein „Meta-Text“: sein erster Roman „Der Name der Rose“. Das Buch wurde 1980 unter dem Originaltitel „Il nome della rosa“ in Italien veröffentlicht. Es ist ein Kriminalwerk, welches in einer Abtei spielt, in der Mönche auf geheimnisvolle Weise ums Leben kommen. Bruder William von Baskerville und sein Gehilfe Adson von Melk versuchen diese aufzuklären und geraten dabei immer mehr in den Bann der Bibliothek des Klosters. Dieser Roman und vor allem die geheimnisvolle Bibliothek sollen im Folgenden hauptsächlich behandelt werden.

Zuerst wird die Bibliothek allgemein untersucht und dann werde ich vor allem darauf eingehen wie das Labyrinthische vor allem in der Bibliothek, aber auch in der Abtei wiedergespiegelt wird - durch ihre verwirrende Architektur beziehungsweise den Aufbau, die Gefahr, die in ihr lauert sowie die Mitte des Labyrinthes. Es wird außerdem einen Bezug zu der griechischen Mythologie um Dädalus, Theseus und den Minotaurus geben.

Im Weiteren geht es dann um den Altmeister des Kriminalromans: Arthur Conan Doyle. An diesem hat Eco sich bei der Schöpfung seines Hauptcharakters William von Baskerville stark orientiert, was sein Nachname schon anklingen lässt. Somit soll das Detektieren anhand eines „Ariadnefaden“ behandelt werden, welches dann mithilfe der griechischen Mythologie zu einem geschlossenen Kreislauf führt.

2. Die Bibliothek in „Der Name der Rose”

Als Adson und William die Abtei bei ihrem Aufstieg das erste Mal erblicken, ist Adson besonders überrascht von der „Massigkeit dessen, was sich später als das Aedificium herausstellen sollte.“[2] Man kann hier schon herauslesen, dass dem Aedificium später eine wichtige Rolle zukommt. Dass Adson die Abtei nur kurz anschneidet und dann direkt das Aedificium mit sehr gewählten Worten beschreibt, hebt die Wichtigkeit noch mehr hervor, da es das Gebäude ist, welches schon von Anfang an in das Auge springt. Es wirkt wie ein Fremdkörper inmitten des Klosters, obwohl es doch eigentlich eine Hauptrolle spielt. Er fährt mit seiner Beschreibung fort, unter anderem beschreibt er das Aedificium noch als „mächtigen Turm“ und „ein Werk von Riesenhand“, von dem er sehr beeindruckt, aber gleichzeitig auch etwas eingeschüchtert ist.[3]

Schon kurze Zeit nach ihrer Ankunft stellt Adson fest, dass das Aedificium wohl älter als die anderen Gebäude ist und sich auch mit seiner Architektur von den anderen unterscheidet.[4] Wieder sticht es heraus und übt eine gewisse Faszination auf ihn aus, ohne dass er die Bibliothek je vorher betreten hätte.

Der Aufbau des Aedificium wird ihnen erstmals von Abt Abbo erläutert, der William über die Umstände des Todes von Bruder Adelmus aufklärt: „Aber die Sache hat sich im Aedificium zugetragen. Im Aedificium befinden sich, wie ihr vielleicht schon wißt, zwar unten die Küche und das Refektorium, aber in den beiden Obergeschossen das Skriptorium und die Bibliothek.“[5]

Er fügt außerdem hinzu, dass das ganze Gebäude nach dem Abendessen abgeschlossen werde und es streng verboten sei, es danach zu betreten und die meisten wahrscheinlich auch zu viel Angst hätten, das Gebäude zu betreten.[6] Man wird also schon am Anfang der Geschichte gewissermaßen über die Gefahr des gesamten Gebäudes aufgeklärt, wobei man natürlich erst im Laufe des Romans versteht, worin diese Gefahr wirklich besteht. Man könnte argumentieren, dass Abbo mit seiner Warnung auch besonders an Adson appelliert, da dieser noch ein Novize ist und vor allem diese in den Augen des Abts gehorchen müssen und das Aedificium nicht zu betreten haben.

William äußert in seiner Ermittlung den Wunsch, die berühmte Bibliothek zu besichtigen, da diese „[…] mehr Bücher als jede andere Bibliothek der Christenheit hat.“[7] Es ist zudem interessant zu erfahren, dass die Bibliothek durch ihren Reichtum an Schriften Mönche aus der ganzen Welt angelockt hat und diese dann oft auch ihr Leben lang in der Abtei bleiben und forschen, weil sie nur dort aufgrund der Vielzahl an Literatur die Möglichkeit dazu haben.[8]

Der Abt erklärt ihnen außerdem, dass selbst die Erbauer der Bibliothek nie den genauen Plan der selbigen gekannt haben und bis jetzt keiner der Mönche ihn kennt, bis auf die Bibliothekare – sie sind die einzigen, die sich dort bewegen dürfen und wissen, wo die Bücher stehen.[9] Diese gesamte Konversation dient dazu, die Einzigartigkeit der Bibliothek noch mehr herauszustellen. Außergewöhnlich ist auch der Fakt, dass niemand außer dem Bibliothekar sie betreten darf. Es wird so von besonderer Vorsicht gegenüber den Büchern selbst gezeugt, aber auch gegenüber denjenigen, die sie ausleihen wollen. Man kann deshalb sagen, dass sie von Anfang an vor allem durch die Vielfalt an Schriften, das Verbot sie zu betreten und das gut gehütete Geheimnis ihres Aufbaus eine große Faszination, sowohl auf den Leser, als auch auf die Protagonisten ausübt.

Rolf Köhn fasst in seinem Essay << „Unsere Bibliothek ist nicht wie die anderen…“>> alles perfekt zusammen, was man zunächst über die Bibliothek wissen muss: „Auch ihr Buchbestand ist umfangreicher und kostbarer als der anderer Bibliotheken, das Gebäude massiger, weitläufiger und beeindruckender als andere Bibliotheksbauten.“[10]

3. Die Bibliothek als Labyrinth

Im folgenden Hauptteil dieser Arbeit soll es um die labyrinthischen Eigenschaften der Bibliothek gehen. Eco unterscheidet drei wichtige Arten von Labyrinthen:

1. Das klassische, lineare Labyrinth: Bei dieser Art von Labyrinth hat man keine andere Wahl, als den Mittelpunkt zu erreichen und von dort aus wieder zum Startpunkt zu gelangen.
2. Der Irrgarten: Hier hat man die Wahl zwischen verschiedenen Wegen, bei denen man mit viel Glück die richtigen auswählt und somit den Weg herausfindet. Bei dieser Art gibt es auch Wege, die in einer Sackgasse enden.
3. Das Netz: Logischerweise sind hier alle Punkte auf die eine oder andere Weise netzartig miteinander verbunden.[11]

Als Labyrinth bezeichnet wird die Bibliothek schon ziemlich früh im Buch und auch im Verlauf des Romans immer wieder. Es ist nicht so, dass erst der Leser selbst sie als solche wahrnimmt.

Auf Seite 54 sagt der Abt: „Die Bibliothek verteidigt sich selbst. Unergründlich wie die Wahrheit, die sie beherbergt, trügerisch wie die Lügen, die sie hütet, ist sie ein geistiges Labyrinth und zugleich ein irdisches.“ [12] Man sieht hier, wenn man die Geschichte kennt, dass der Abt unwissentlich viele Geheimnisse der Bibliothek preisgibt, die William später zu entschlüsseln versucht. Mit irdischem Labyrinth meint Abbo hier vor allem den verwirrenden Aufbau der Bibliothek und mit dem geistigen Labyrinth ist wohl das gesamte Wissen gemeint, das dort verborgen ist und an welches man erst durch Überwindung mehrerer Hürden gelangt (zum Beispiel durch die Erlaubnis des Abts und des Bibliothekars). Hierzu meint Dieter Mersch: „Ähnliches gilt für die in beiden Romanen ebenso reichlich vorhandenen Schauerelemente: im Namen der Rose der nebelverhangene Schauplatz auf einem Berggipfel, das Geheimnis in Form einer verrätselten Architektur, nächtliche Szenen auf einem Friedhof usw.;“[13] Diese Schauerelemente sind einer der drei Hauptgründe, weshalb man die Bibliothek und auch in gewisser Weise die gesamte Abtei in „Der Name der Rose“ als labyrinthisch bezeichnen kann: die Architektur, der Horror-Aspekt und die Lösung in der Mitte des Labyrinths.

3.1 Labyrinthische Architektur

Der erste zu behandelnde Aspekt ist die Architektur beziehungsweise der verwirrende Aufbau der Bibliothek. Aus Erklärungsgründen werde ich zuerst kurz den Grundaufbau der Bibliothek erläutern: von 56 Räumen sind vier siebeneckig und 52 quadratisch. Acht davon haben keine Fenster, 28 sind nach außen gerichtet und 16 nach innen. In den vier Ecktürmen befinden sich je fünf Räume, die in ihrer Mitte einen siebeneckigen Raum einschließen. Drei dieser Mittelräume sind betretbar, der vierte jedoch ist die „Mitte des Labyrinths“, worauf ich in 3.3 zu sprechen komme.[14] Außerdem befinden sich über den Türbögen verschiedene lateinische Inschriften, hauptsächlich mit schwarzer, einige auch mit roter Farbe, ausgemalt.[15]

Dieses Modell hört sich anfänglich schon sehr verwirrend an und auch William und Adson sind sehr irritiert und verirren sich im Labyrinth.

Nachdem Adson halluzinogene Kräuter eingeatmet hat, möchten sie natürlich so schnell wie möglich wieder heraus finden: „Hinausgehen hatte William gesagt. Das war freilich leichter gesagt als getan! Wir wußten, daß der einzige Ausgang im Ostturm war, aber wo befanden wir uns in diesem Moment? Wir hatten völlig die Orientierung verloren. Das lange Herumirren, daß sich nun anschloß, mit der wachsenden Angst, nie wieder aus diesem Labyrinth hinauszufinden, […]“ [16] Während ihrer verzweifelten Suche nach dem Ausgang überlegen sie sich beide schon Methoden, wie sie das nächste Mal nicht die Orientierung verlieren könnten. William schlägt vor, die Durchgänge durch die man schon gelaufen ist, jeweils dreimal zu markieren, damit man weiß, durch welchen man schon gelaufen ist und keinen davon doppelt benutzt. Adson ist leicht skeptisch, vor allem als William erwähnt, er sei kein „Experte in Labyrinthen“, sondern habe die Idee lediglich aus einem Buch.[17] Auch die Tische und Bücherschränke helfen keineswegs bei der Orientierung. „In jedem fanden wir die gleiche Art von Bücherschränken und Tischen, und die säuberlich aufgereihten Bände sahen allesamt gleich aus, was uns ein Wiedererkennen schon betretener Räume nicht gerade erleichterte.“ [18]

[...]

[1] Dieter Mersch: Umberto Eco, zur Einführung, Hamburg 1993, S. 14f.

[2] Umberto Eco: Der Name der Rose, München 1982, S.31

[3] Vgl. ebd., S.31

[4] Vgl. ebd., S.38

[5] Ebd., S.48

[6] Vgl. ebd. S.48

[7] Eco: Der Name der Rose, S. 49

[8] Vgl. ebd., S.50

[9] Vgl. ebd., S.52

[10] Rolf Köhn: „Unsere Bibliothek ist nicht wie die anderen…“. Historisches, Anachronistisches und Fiktives in einer imaginären Bücherwelt, in: „…eine finstere und fast unglaubliche Geschichte“? Mediävistische Notizen zu Umberto Ecos Mönchsroman >Der Name der Rose<, hgg. von Max Kerner, 3. unveränderte Auflage, Darmstadt 1988, S.81

[11] Vgl. Michael Franz und Stefan Richter (Hgg.): Umberto Eco - Im Labyrinth der Vernunft, Texte über Kunst und Zeichen, 3.Auflage Leipzig 1995, S.105

[12] Eco: Name der Rose, S.54

[13] Mersch: Umberto Eco – zur Einführung, S.15

[14] Vgl. Köhn: „Unsere Bibliothek ist nicht wie die anderen…“, S.93

[15] Vgl. Eco: Der Name der Rose, S.215ff.

[16] Ebd. S.223

[17] Vgl. ebd. S.223f.

[18] Vgl. Eco: Der Name der Rose, S.217

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bibliothek als Labyrinth in Umberto Ecos "Der Name der Rose"
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V379319
ISBN (eBook)
9783668562509
ISBN (Buch)
9783668562516
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bibliothek, umberto eco, eco, umberto, labyrinthe, bibliothekslabyrinth, italienisch, labyrinth
Arbeit zitieren
Teresa Ruß (Autor), 2017, Die Bibliothek als Labyrinth in Umberto Ecos "Der Name der Rose", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379319

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