Die vorliegende Arbeit wird das Konzept des kollektiven Gedächtnisses in Verbindung mit der kulturellen Identität nach Assmann skizzieren und erläutern, wie Assia Djebar im Roman "L’Amour, la Fantasia" von diesem Modell Gebrauch macht.
Als algerische Frau mit französischsprachiger akademischer Bildung kommt ihr die besondere Rolle der Vermittlerin zwischen den beiden Kulturen zu. Mit ihrem Roman überschreibt sie die französische Geschichtsschreibung mit authentischen Berichten von algerischen Frauen.
Im Folgenden soll gezeigt werden, wie Djebar auf diese Weise versucht, das kollektive Gedächtnis des algerischen Volkes nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen wieder zu aktivieren und ihm damit einen wesentlichen Teil seiner Kultur zurückzugeben, wobei den arabischen Frauen eine einzigartige Funktion zukommt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte wird durch die Siegermächte geschrieben.
3. Vom individuellen Gedächtnis zur kollektiven Kultur
4. Wie Kulturen verloren gehen
5. Widerstand durch das Wort
6. Eine Anwältin ohne Gerichtssaal
7. Die Rolle der Frau
8. Mit eigenen Waffen geschlagen
9. Den Opfern eine Stimme geben
10. Warum Französisch?
11. Verschriftlichte Struktur des kollektiven Gedächtnisses
12. Zusammenfassende Betrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Assia Djebars Roman L’Amour, la Fantasia als lieu de mémoire, um aufzuzeigen, wie die Autorin durch die literarische Auseinandersetzung mit historischen Dokumenten und persönlichen Zeugnissen das unterdrückte kulturelle Gedächtnis des algerischen Volkes reaktiviert und eine eigene nationale Identität dekonstruktivistisch konstruiert.
- Analyse des Konzepts des kollektiven Gedächtnisses nach Jan Assmann.
- Untersuchung der Rolle der Frau als Hüterin kultureller Werte unter doppelter Unterdrückung.
- Deutung der literarischen Form als lieu de mémoire zur Überwindung kolonialer Geschichtsschreibung.
- Reflektion der Bedeutung der französischen Sprache als Instrument der emanzipatorischen Aufarbeitung.
- Betrachtung der musikalischen Struktur des Romans als Medium der Gedächtnisarbeit.
Auszug aus dem Buch
3. Vom individuellen Gedächtnis zur kollektiven Kultur
Zunächst besitzt jeder Mensch ein individuelles Gedächtnis, d.h. persönliche Erinnerungen, die im eigenen Bewusstsein die Autobiographie konstituieren. Diese Erinnerungen sind allerdings sozial geprägt. Laut dem französischen Soziologen Maurice Halbwachs sind soziale Bezugsrahmen entscheidend, ohne die kein individuelles Gedächtnis sich konstituieren und erhalten könnte. „[…] Gedächtnis wächst dem Menschen erst im Prozeß seiner Sozialisation zu“ (Assmann 1997, 35). Erst im Austausch mit anderen entwickelt das Individuum also ein Gedächtnis. Das bedeutet, dass ein Mensch sich innerhalb eines sozialen Bezugsrahmens befinden muss, um Erinnerungen speichern und damit eine eigene Autobiographie in sein Gedächtnis „einschreiben“ zu können. Dies erfordert die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, wie beispielsweise einer Familie, einem Freundeskreis, einer Nationalität usw.
„Das Gedächtnis lebt und erhält sich in der Kommunikation“ (Assmann 1997, 36) Assmann unterscheidet daher zwischen kommunikativem und kollektivem Gedächtnis. Dem kommunikativen Gedächtnis entspricht dabei die alltägliche Kommunikation innerhalb einer Gruppe. Was dabei ausgetauscht wird, präsentiert sich zunächst als eine ungeordnete Masse, die in eine gewisse Ordnung übergehen muss. Die Informationen verlassen also die Ebene der alltäglichen Kommunikation und „enter into the area of objectivized culture“ (Assmann 1995, 128). Es muss ein Übergang vom Abstrakten ins Konkrete stattfinden, denn die „Ideen müssen versinnlicht werden, bevor sie als Gegenstände ins Gedächtnis Einlass finden können“ (Assmann 1997, 37). Das Ergebnis dieses Übergangs ist dann das kollektive Gedächtnis, das eine Sammlung solcher konkreter „Fixpunkte“ (vgl. Assmann 1995, 127) darstellt. Pierre Nora spricht dabei von „lieux de mémoire“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der kolonialen Geschichtsschreibung ein und legt dar, wie Assia Djebar mit ihrem Roman versucht, das algerische kollektive Gedächtnis nach dem Unabhängigkeitskrieg zu reaktivieren.
2. Geschichte wird durch die Siegermächte geschrieben.: In diesem Kapitel wird analysiert, wie die französische Kolonialmacht durch die selektive Aufzeichnung der Geschichte die algerische Kultur als minderwertig darzustellen versuchte.
3. Vom individuellen Gedächtnis zur kollektiven Kultur: Das Kapitel erläutert das theoretische Fundament der Arbeit anhand der Gedächtniskonzepte von Jan Assmann und Pierre Nora.
4. Wie Kulturen verloren gehen: Hier wird der Unterschied zwischen Geschichtsschreibung und kollektivem Gedächtnis herausgearbeitet und erklärt, wie Erinnerungen durch Fremdsteuerung verloren gehen können.
5. Widerstand durch das Wort: Dieses Kapitel zeigt, wie Djebar durch das Aufdecken bisher unterdrückter Dokumente und Briefe die koloniale Grausamkeit demaskiert.
6. Eine Anwältin ohne Gerichtssaal: Es wird dargelegt, wie die Autorin durch ihre Kommentierung historischer Texte die vermeintliche Objektivität der kolonialen Geschichtsschreibung entlarvt.
7. Die Rolle der Frau: Die Untersuchung fokussiert sich auf die doppelte Unterdrückung algerischer Frauen und ihre Bedeutung als Hüterinnen kultureller Werte.
8. Mit eigenen Waffen geschlagen: Hier wird analysiert, wie die französische Sprache und Bildung Djebar paradoxerweise halfen, sich zu emanzipieren und die eigene Geschichte aufzuarbeiten.
9. Den Opfern eine Stimme geben: Das Kapitel behandelt die Methode der Autorin, durch die Verschriftlichung von Zeugnissen algerischer Frauen deren bisher verschwiegene Leiden hörbar zu machen.
10. Warum Französisch?: Diese Sektion begründet, weshalb die Nutzung der Sprache der Besatzer aus strategischen und wissenschaftlichen Gründen für die Aufarbeitung der Vergangenheit vorteilhaft ist.
11. Verschriftlichte Struktur des kollektiven Gedächtnisses: Das Kapitel untersucht die komplexe Palimpsest-Struktur des Romans und die Bedeutung der Musik als Medium des Gedächtnisses.
12. Zusammenfassende Betrachtung: Abschließend wird die Funktion des Romans als aktives lieu de mémoire bekräftigt, das die Grundlage für eine neue Identitätsfindung Algeriens bildet.
Schlüsselwörter
Assia Djebar, L’Amour la Fantasia, kollektives Gedächtnis, kulturelle Identität, Postkolonialismus, algerischer Unabhängigkeitskrieg, lieu de mémoire, Jan Assmann, Geschichtsschreibung, Dekonstruktion, weibliche Stimmen, doppelte Kolonisierung, algerische Kultur, kulturelle Werte, Palimpsest.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Assia Djebars Roman L’Amour, la Fantasia hinsichtlich der Frage, wie literarisches Schreiben als Mittel zur Reaktivierung des algerischen kollektiven Gedächtnisses eingesetzt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Kernbereichen gehören das Spannungsfeld zwischen offizieller kolonialer Geschichtsschreibung und kulturellem Gedächtnis, die Rolle der algerischen Frau sowie die Bedeutung von Sprache und Struktur im literarischen Widerstand.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, wie Djebar durch die Dekonstruktion kolonialer Narrative und die Einbindung authentischer arabischer Stimmen zur Aufarbeitung der Identität des algerischen Volkes beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen Ansatz, der sich maßgeblich auf die Gedächtnistheorien von Jan Assmann und Pierre Nora stützt, um die Funktion des Romans als kulturelles Archiv zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Gedächtnisarbeit, die Untersuchung der spezifischen Rolle der Frau als lieu de mémoire sowie eine strukturelle Analyse des Romans, insbesondere seiner Einbettung von Musik und Zeugenaussagen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Postkolonialismus, kollektives Gedächtnis, kulturelle Identität, Dekonstruktion und lieu de mémoire präzise beschreiben.
Inwiefern spielt der Körper der Frau in der Argumentation eine Rolle?
Der Körper der Frau wird als Ort der Einschreibung kolonialer Gewalt sowie als Trägermedium für die orale Tradition verstanden, wodurch die Frau selbst zu einem lieu de mémoire avanciert.
Warum wählt Djebar laut Autorin ausgerechnet Französisch für ihren Roman?
Die Wahl der französischen Sprache wird mit der Notwendigkeit begründet, die koloniale Geschichtsschreibung mit deren eigenen Mitteln zu kritisieren, eine größere Leserschaft zu erreichen und durch die erlangte Bildung der Autorin die Vermittlung zwischen den Kulturen zu ermöglichen.
- Arbeit zitieren
- Michaela Caputo (Autor:in), 2013, Assia Djebars "L’Amour, la Fantasia" als lieu de mémoire für das kulturelle Gedächtnis Algeriens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379362