Die Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden in Bulgarien zur Zeit des Holocausts


Projektarbeit, 2010
7 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Die Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden in Bulgarien zur Zeit des Holocausts

Eine Geschichte ohne Gegenwart IVAYLO NAYDENOV*

Tis article offers a short view on historical facts related to the role of the Bulgarian Orthodox Church in saving the Jews. In its efforts to protect them, the Bulgarian Orthodox Church acts in the virtue of the fundamental Christian principles. Te representatives of the Church were against the attempt to consider Jews as a “ security risk ” and defended the people ’ s friendly attitude towards them, which they considered completely justified. After 70 years since the salvation of Abraham ’ s children from the extermination camps, the dialogue between the two theological factors - church and synagogue - is missing.

Keywords: Holocaust, Bulgarian Orthodox Church, salvation of the Jews, ChurchSynagogue dialogue.

Über die Rettung bulgarischer Juden in der Zeit des II. Weltkrieges ist in Bulgarien, besonders nach der Wende, sehr viel geschrieben worden. Und es ist so, weil es einfach und angenehm ist, über etwas Positives und Heldenhaftes zu berichten. Man schreibt leicht über die „gute Geschichte“. Traurig ist aber, dass die gute Geschichte heute nicht mit einem neuen Inhalt gefüllt oder neu interpretiert wird, sondern bloß wiederholt erzählt wird, um leere Felder unserer Gegenwart zu füllen.

In diesem Vortrag biete ich eine Zusammenfassung historischer Fakten im Zusammenhang mit der Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden in Bulgarien sowie persönliche Beobachtungen darüber, was heute zwischen zwei traditionell befreundeten religiösen Gesellschaften in Bulgarien - der christlichen und der jüdischen - passiert oder nicht passiert.

Das bulgarische Volk bekannte sich in seiner tausendjährigen Ge- schichte stets zum Glaubensbekenntnis der Orthodoxen Kirche, welcher es sein Überleben und die Bewahrung seines Volkscharakters verdankt. Am Vorabend des II. Weltkrieges ist die Bulgarische Orthodoxe Kirche die einzige rechtmäßige Institution außerhalb des staatlichen Organisationsapparates, die breite Volksschichten erfassen konnte. Die Kirchen waren voll und die Kirchenleitung konnte mit der Unterstützung der Gläubigen rechnen. Trotz des vom Patriarchat von Konstantinopel ausgesprochenen Schismas genoss die Bulgarische Kirche internationale Anerkennung1. So kann man für die Haltung der bulgarischen Kirche in dieser Zeit feststellen: Die Kirche war für ihr Volk da. Viel ausgeprägter als die bulgarische Regierung hat die Kirche eine weitgehende Unabhängigkeit Bulgariens gewahrt2.

Bulgarische Christen und Juden lebten innerhalb der Landesgrenzen seit Jahrhunderten in Frieden und Eintracht miteinander. So entstanden in den Städten keine Ghettos, sondern in jüdischen Wohnvierteln lebten auch bulgarische Christen und umgekehrt. Für die christlichen Bulgaren war ihre Heimat zugleich auch die Heimat der Juden, die ihrerseits dasselbe empfanden. So beteiligten sich auch die Juden an den Kämpfen zur Wie- dervereinigung Bulgariens, mit dessen Schicksal sie sich eng verbunden fühlten. Die beste Bezeichnung dieser Situation bietet die Aussage Bischof Paisijs, des Metropoliten von Vraza, im Plenum des Heiligen Synods vom 2. April 1943:

„Die Juden verlassen unser Land, das für sie Heimat bedeutet. Sie übersiedeln in einen für sie fremden Staat, wo sie weder Zuflucht und Beistand, noch weniger Mitgefühl finden werden, wo es keine geregelten Rechtsverhältnisse gibt und die jüdische Minderheit eine gefühllose und ungerechte Behandlung zu erwarten hat.“3

Bei seinen Bemühungen um den Schutz der bulgarischen Juden ließ sich der Heilige Synod, als oberste Instanz der Bulgarischen Orthodoxen Kirche, von den grundlegenden Prinzipien des christlichen Glaubens und der christlichen Ethik leiten. Die Vertreter der Kirche stellten sich gegen den Versuch, die Juden als „Sicherheitsrisiko“ zu betrachten, und verteidigten die freundliche Haltung des Volkes ihnen gegenüber als voll gerechtfertigt. Am 3. April 1941 erklärte Metropolit Paisij seitens des Heiligen Synods: „Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die weltliche Macht von den Ursprüngen der Lehre Jesu abbringe.“4

Die Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden

Die bulgarische Regierung arbeitete an einer Variante der Nürnberger Rassengesetze, die als „Gesetz zum Schutz der Nationen“ in Bulgarien ver- lautbart werden sollte. Noch in der Vorbereitungsphase gerieten Staat und Kirche aneinander. Entgegen den Vermutungen des Staates nahm die Bul- garische Orthodoxe Kirche nicht gegen die Juden Stellung. In jener Zeit be- stand keine Trennung von Kirche und Staat, und so betrachtete die Regierung die Kirche trotz ihres speziellen Status als staatliche Einrichtung, die juristisch und finanziell dem Ministerrat und dem Parlament untergeordnet war. Aus diesem Grund hatte die Regierung mit der vollen Unterstützung der Kirche gerechnet, umso mehr, als das vorbereitete Rassengesetz ja bulgarische Bürger anderer Konfession betraf. Man versprach sich eine große Wirkung davon, die verschiedenen Konfessionen einander zu entfremden und Misstrauen zwischen ihnen zu säen5. Täuschung! Angefangen vom Heiligen Synod stimmte die Kirche als Ganzes dem Regierungsvorhaben nicht zu und vertrat sogar einen gegensätzlichen Standpunkt. Der Heilige Synod sah im neuen Gesetz eine Untergrabung der christlichen Ethik sowie der Tradition der Kirche und des Volkes. Deshalb bereitete der Heilige Synod eine offizielle Erklärung (15. November 1940) mit folgenden Forderungen vor: Alle Personen jüdischer Abstammung und bulgarischer Staatsangehörigkeit, die sich bereits zum christlich-orthodoxen Glauben bekennen, sind allen übrigen orthodoxen Bulgaren gleichzustellen, und gegen Juden als ethnische Minderheit sind keine Verfügungen zu treffen6. Am 6. Dezember 1940 veröffentlichte der Sekretär des Heiligen Synods, Bischof Nikodim, späterer Metropolit von Sliven, das Referat „Das Los des jüdischen Volkes“, wo er mit Nachdruck hervorhob, dass die Judenverfolgung nicht sinnvoll zu begründen sei und jeder von uns den Juden christliche Nächstenliebe entgegenbringen solle. Trotz dieser klaren Position der Kirche und ihrer Mitglieder ging die Regierung schließlich doch daran, das „Gesetz zum Schutz der Nation“ im Parlament durchzusetzen.

Trotz der Durchführungsverordnung zum „Schutzgesetz“ hat die Bul- garische Kirche neue Aktionsmöglichkeiten gesucht. Durch Taufe und Trau- ung nach christlich-orthodoxem Ritus bestand für Juden eine gute Mög- lichkeit, ihren Namen zu ändern und sich formell zum Christentum zu be- kennen. Damit war es ihnen leichter möglich, sich der Verfolgung nach dem geltenden „Schutzgesetz“ zu entziehen. Das Innenministerium beauftragte die Standesämter, Namensänderungen zu erschweren und nach Möglichkeit überhaupt zu unterbinden. In dieser Situation spielten die Pfarrer eine wichtige Rolle. Sie entdeckten immer wieder neue Möglichkeiten, Auswege zu finden. Sie spendeten nicht nur weiter das Taufsakrament, sondern stellten auch vordatierte Taufscheine aus. In diesem Vorhaben hatten sie natürlich die Unterstützung des Heiligen Synods, beziehungsweise des Metropoliten.

Die Regierung bahnte rasch Maßnahmen an, um alle von der Kirche unternommenen Schritte zur Rettung der bulgarischen Juden zu vereiteln. Die Tage, an denen der Ministerrat seinen Beschluss „die Taufscheine der im Jahre 1943 getauften Juden nicht anzuerkennen und diese Personen außer Landes zu verwiesen“ verlautbarte, sind von großer Dramatik geprägt. Diese Vorgehensweise stützte sich keineswegs auf einen Konsens bezüglich der Gültigkeit der drei Jahre früher ausgestellten Taufscheine; vielmehr lässt dieser Regierungsbeschluss deutlich die Absicht zur Verletzung des Kirchenrechtes erkennen.

In der Sondersitzung der vollzähligen Besetzung des Heiligen Synods der Bulgarischen Orthodoxen Kirche am 2. April 1953 berichteten die Metropoliten, was jeder von ihnen inzwischen gegen das Schutzgesetz unternommen und organisiert hatte7. Nach den persönlichen Berichten der Metropoliten erging ein Protestschreiben des vollständigen Heiligen Synods an den Ministerpräsidenten Filov, in dem es heißt:

„Das Prinzip des Rassismus, demzufolge gewisse Mitglieder der Ge- meinschaft verfolgt, eingeschränkt und ihrer Rechte beraubt werden können, nur weil sie einer bestimmten Rasse angehören, in diesem Falle der jüdischen Rasse, kann vom Standpunkt der christlichen Ethik aus nicht gerechtfertigt werden Unser Volk mit seiner Seele und seinem Gewissen, mit seinem Bewusstsein und seiner Überzeugung, kann keinerlei Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Gewalt gegenüber irgendjemandem dulden Gottes Gesetz, welches alle menschlichen

Die Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden

Gesetze übersteigt, verpflichtet uns unbedingt, dass wir den Leiden eines unschuldigen Volkes, gleich welcher Rasse, nicht indifferent gegenüberstehen dürfen Die Bulgarische Orthodoxe Kirche ist der Ansicht, dass sie den Verfolgten und Unterdrückten ihre Hilfe nicht versagen kann. Würde sie diese Hilfe verweigern, so würde sie sich selbst untreu werden.“8

Mehrere Metropoliten äußerten sich diesbezüglich von der Kanzel. Metropolit Stefan von Sofia verbarg den Oberrabiner bei sich, Metropolit Kiril von Plovdiv, der spätere Patriarch, heftete sich, so heißt es, den Judenstern an den Talar. Er gewährte Juden in seinem Hause Schutz, erklärte seinen Ungehorsam gegenüber dem Staat und rechnete mit seiner Verhaftung. Er erzählt in seiner Selbstbiographie:

„Als in Plovdiv, wo ich damals Metropolit war, die Juden verhaftet wurden und aus Bulgarien abtransportiert werden sollten, habe ich mich an den hochwürdigen Metropoliten Neofit (damals Vorsitzender des Heiligen Synods) und an noch einige Metropoliten, unter denen sich auch Metropolit Paisij befand, gewendet und sie alle wissen lassen, dass ich von diesem Augenblick an aufhöre, ein loyaler Bürger zu sein. Möge geschehen, was wolle. Dies solle der Heilige Synod noch zur Kenntnis nehmen. Von meinen älteren Brüdern (Bischöfen) erhielt ich volle Ermunterung“9.

Die Machthaber konnten aber nicht einfach untätig verharren und zusehen, wie ihre „legitime Gewalt“ unterminiert wurde. So leitete man eine Kampagne zur Diffamierung jener kirchlichen Würdenträger ein, die sich bei der Bekämpfung des „Schutzgesetzes“ am weitesten vorgewagt hatten. Man erließ anonyme Flugblätter gegen die Metropoliten von Sofia, Stefan, und Plovdiv, Kiril. In dieser Situation beschloss der Heilige Synod, rigorose Schritte zu unternehmen, um diesen Provokationen und Hetzaktionen gegen die Kirche ein für allemal ein Ende zu bereiten.

[...]


*Dieser Text ist erstmals erschienen in: "REVISTA ECUMENICA SIBIU (RES), anul II, numarul 1, martie 2010, "Der jüdisch-christliche Dialog im orthodoxen Raum", S. 83-91.

1 Nikolaj Chivarov, „Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche und die Rettung der bulgarischen Juden“, in Ö sterreichische Osthefte, 2000, Heft 1, S. 36.

2 Hans-Dieter Döpmann, Kirche in Bulgarien von den Anf ä ngen bis zur Gegenwart, Neue Folge Bd. 11, München 2006, S. 70.

3 Protokol Nr. 4 ot 02.04.1943 ot izwanrednata sesia na palnia sastav na sw. Sinod na BPC srestu opitite na prawitelstwoto za izselwane na ewreite ot razlichni gradowe w stranata. (Protokoll Nr. 4/2.04.1943 von der Sondersitzung der vollzähligen Besetzung des Hl. Synods der Bulgarischen Orthodoxen Kirche gegen die Versuche der Regierung für die Aussiedlung der Juden von verschiedenen Städten des Landes) - in Glasowe w zastita na grajdanskoto ob- stestwo. Protokoli na sw. Sinod na BPC po ewrejskiq wypros (1940-1944). Sofia 2002, S. 80-81.

4 Protokol Nr.2 ot 03.04.1941 na palnia sastav na sw. Sinod na BPC za blagoslowenie brakowe mejdu hristiani ot ewreiski proizhod I lica ot bylgarski proizhod pri nalitchieto na zabranata im ot zakona za zastita na naciata. (Protokoll Nr. 2/3.04.1941 von der Sondersitzung der vollzähligen Besetzung des Hl. Synods der Bulgarischen Orthodoxen Kirche für das Segnen von Ehen zwischen Christen jüdischer Herkunft und Personen bulgarischer Herkunft bei dem Vorhandensein vom Verbot gemäß des Gesetzes zum Schutz der Nation) - in Glasowe w zastita na grajdanskoto obstestwo …, S. 47-53.

5 N. Chivarov, Die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche … S. 40.

6 Protokol 13/15.11.1940 ot izwynrednata sesia na palnia sastav na sw. Sinod na BPC za priemane teksta na izlojenieto do predsedatelia na NS po zakona za zastita na naciata. ((Protokoll Nr. 12/15.11.1940 von der Sondersitzung der vollzähligen Besetzung des Hl. Synods der Bulgarischen Orthodoxen Kirche für die Annahme des Textes der Deklaration an den Vorsitzenden der Volksversammlung über das Gesetz zum Schutz der Nation) in Glasove w zastita na grajdanskoto obstestwo... S. 35-41; Carkoven vestnik (Kirchenzeitung), Nr. 44, 22.11.1940.

7 David Koen, Ewreite w Balgaria (Die Juden in Bulgarien) (1878-1949), Sofia, 2008, S. 247; Bar-Zoar Mihael, Izwyn hwatkata na Hitler (Au ß erhalb des Griffes von Hitler), Sofia 1999, S. 164-174.

8 Glasove w zastita … Protokoll vom 2.04.1943…. S. 87-88; H.-D Döpmann, „Aus der Bulgarischen Orthodoxen Kirche “ , in Kirche im Osten, Bd. 39, Göttingen 1996, S. 149-166

9 Auszug aus der Autobiographie des Patriarchen Kiril. Deutsche Übersetzung in D. Slijepcevic, Die Bulgarische Orthodoxe Kirche 1944-1956, München 1957, S. 5 f.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden in Bulgarien zur Zeit des Holocausts
Hochschule
Sofia University St. Klimment Ohridski
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V379439
ISBN (eBook)
9783668571945
ISBN (Buch)
9783668571952
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Holocaust, Bulgarische Kirche
Arbeit zitieren
Ivaylo Naydenov (Autor), 2010, Die Rolle der Bulgarischen Orthodoxen Kirche bei der Rettung der Juden in Bulgarien zur Zeit des Holocausts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379439

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