Neue Technologien bei Extrem- und Actionsportaufnahmen und ihre mimetischen Implikationen


Essay, 2016

8 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Die in den letzten Jahren um technische Innovationen bei Sportaufnahmen herum ent-standenen Formen des Videos und deren massenhafte Verfügbarkeit auf YouTube haben die Risikobereitschaft selbst zum Helden zu werden für viele nahe ans Maß des Unend-lichen getrieben. Noch nie waren das Teilen von Videos und das Erlernen von Extrem- und Actionsportarten so „einfach“ und zugleich so riskant wie durch GoPro & Co.

1. Das Zeitalter der Bilderflut

Forscher von Xerox Park vermuteten bereits in den 90er-Jahren, dass die Computer-nutzung und die Durchdringung in der Gesellschaft im 21. Jahrhundert so selbstver-ständlich sein würden, wie die Wasser- und Stromversorgung. Spätestens seit 2013, wo „Selfie“ vom Oxford Dictionary zum »Wort des Jahres«[1] ernannt wurde, stehen wir an dem Punkt, an dem vom digitalen Ich und einer regelrechten Netzkultur die Rede ist.[2] Im Zuge der Omnipräsenz von Vernetzung und Selbstinszenierung erkennen darin manche eine neue Form des Narzismus‘ und vertreten aufgrund dessen eine äußerst medienkritische Position, wie das Museum of Modern Art in New York oder das Getty Center in Los Angeles, bei denen z.B. Selfie-Sticks verboten sind.[3] Während Mark Zuckerberg meint: »Facebook is really about communicating and telling stories«, sagte Günter Grass kurz und schmerzlos: »Facebook ist Scheißdreck«.[4]

Die Technologie, die damit verbunden ist, ist die Kamera, das kaum noch weg-zudenkende Spielzeug der Selfie-Generation. Mit dem Sinn technische Zeugin des Lebens zu sein, gilt in manchen Köpfen der Menschen nur das als real, was aufgezeichnet und geteilt wird. Nach dem Blogger Sascha Lobo ist das Problem dabei, dass »Selfieness niemals ans Ziel [gelangt], weil jedes Posting nur Momentaufnahme sein kann«[5], und zitierte dabei den Publizisten Karl Scheffler. Man sei im Netz dazu verdammt: »immerfort zu werden und nie zu sein«[6]. Dabei liegt eine andere Auffassung von Identität zugrunde als sie alltagsgebräuchlich verstanden wird. Denn Personen werden nicht als Ganzes wahrgenommen, sondern durch ein Profil, bestehend aus einer (überwiegend positiven) nicht-linearen Auswahl an Bildern. Als Folge stehen zwar Begriffe wie „Authentizität“ und „Konsistenz“ unter hartem Bewährungsdruck, und dennoch neigt der Mensch dazu, ist er einmal von Dingen fasziniert, sie zu glauben – möglicherweise sogar völlig ohne sie zu hinterfragen.

Für immer mehr Menschen ist immer mehr von dem, was sie für wirklich halten, aus der Betrachtung von Bildern entstanden. Dieser Umstand lenkt unweigerlich den Blick auf das Bild als einen der prägenden Faktoren gegenwärtiger Lebensformen.[7]

Bei der Produktion eines Bildes spielen wiederum (un)bewusst Kriterien der Rezeption eine Rolle und durch neue Technologien, wie Actionkameras, werden die Grenzen und Möglichkeiten erweitert und verschärft. Da wäre z.B. der von Red Bull gesponserte und mit sieben GoPros ausgestattete Sprung aus der Stratosphäre von Felix Baumgartner im Oktober 2012, dessen Werbewert von Experten auf über eine Mrd. Euro geschätzt wird. Egal ob in schwindelerregenden Höhen, in den Tiefen des Meeres, oder Stunts mit Bikes, Boards oder Brettern – so nah wie die GoPro war bisher keine Kamera. »Wie ein drittes Auge« filmt sie in HD-Qualität aus unmittelbarer Perspektive des Nutzers und hat damit »die Möglichkeiten der Selbstdarstellung in der Fotografie revolutioniert wie zuvor wohl nur der Selbstauslöser«.[8]

Erfunden und entwickelt worden ist die GoPro-Kamera aus Eitelkeit. Von sich selbst einen Film zu erstellen, so Nick Woodman (CEO), mache den Nutzer »kreativer, es stärkt sein Ego. Und es macht ihn süchtig nach neuen Aufnahmen«[9]. Es klingt nach der Beschreibung einer neuen Droge. So erklärt sich auch die von Adweek verliehene Auszeichnung der Kamera im April 2014 als eine der zehn besten Markenkanäle auf YouTube (basierend auf Views, Shares und Comments). Mit dem Slogan »Be a hero« wirbt GoPro, der inzwischen weltweite Marktführer im ansonsten zusammengebrochenen Markt für digitale Videokameras.

Kameras sind keineswegs Auslöser des Phänomens der Selbstinszenierung, doch sie tragen in hohem Maße zur Professionalisierung von Selbstinszenierungspraktiken bei. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch eine verstärkte Planung und Reproduzierbarkeit, was durch die kinderleichte Handhabung der Kamera gegeben ist. Aus der Idee einer Marktlücke heraus – Amateuren ohne tiefgreifende Kenntnis in Videografie hochwertiges und spektakuläres Bildmaterial anhand preislich akzeptabler Kameras zu ermöglichen – leitet sich auch der Name „GoPro“ ab, was auf Deutsch so viel heißt wie „Werde professionell!“. Aufgrund ihrer Eigenschaften wasserfester und robuster als herkömmliche Videokameras zu sein, gilt sie – im Gegensatz zu ihren Nutzern – als unzerstörbar. Gerade diese Eigenschaft wurde dem Unternehmen beinahe zum Verhängnis als es nach dem Skiunfall von Michael Schumacher im Dezember 2013 zuerst ins Blickfeld der Medien geriet und daraufhin ein Börsenfiasko erlitt.[10] Denn während der Helm von Schumacher in zwei Teile zerbrach, trug die daran befestigte GoPro keinen Schaden davon. Dies entfachte die Diskussion, ob die Kamera seine schweren Verletzungen erst verursacht haben könne.

Ebenso sind Todesfälle keine Seltenheit. Da wäre z.B. Wingsuitflyer Mark Sutton, der am 14. August 2013 zu seinem letzten Sprung ansetzte und dabei den Sturz in seinen eigenen Tod filmte.[11] Auch Red Bull, die zurzeit rund 600 Athleten unter Vertrag haben, verzeichnet sechs Tote, die von ihnen gesponsert worden sind. In einer ARD Reportage Die dunkle Seite von Red Bull wird dies kritisch beleuchtet. Ein Zitat von dem Freund eines Toten: »Extremsportler sind ein nachwachsender Rohstoff«[12]. Wolfgang Fürweger schreibt in seinem Buch Die Red Bull Story: »Red Bull hat eine große Verantwortung, denn durch spektakuläre Bilder von Risikosportarten werden Sportler inspiriert. Red Bull vernachlässigt die Verantwortungsrolle und tut zu wenig, zu sagen, man sollte es nur machen, wenn man es wirklich kann«. Der stellvertretende Chefredakteur und Regional-Leiter der Tageszeitung Österreich fügt hinzu: »Verantwortung ist eine Dimension, in der Red Bull nicht denkt«.[13]

Das Interesse der Werbe- und Entertainmentindustrie hinsichtlich Extrem- und Actionsportarten ist groß. Weshalb? Weil sie sich abheben vom typischen Vereinssport und einen Lifestyle repräsentieren, »die einige Firmen gerne auf ihre Marken projizieren«. So sind aus einstigen Subkulturen, wie der Skater- und Surfszene, letztlich ganze Branchen geworden, die laut einer Studie der Surf Industry Manufacturers Association 2012 zu-sammen rund sechs Mrd. US-Dollar umgesetzt hat. Cadenbach bemerkt: »Nach Tony Hawk, dem berühmtesten Skater, ist eine erfolgreiche Computerspielreihe benannt. Mit so etwas kann kein Tennisspieler prahlen«. So meint auch Wingsuitflyer Seppänen, dass seine Szene irgendwann diese Qualität von Heldentum erreichen wird, da sie gerade erst am Anfang stehen, so wie die Skater in den 80er-Jahren.[14]

Es begeben sich immer mehr auf die Jagd nach der besten Aufnahme eines heißen Manövers, die vor allem immer ein Kriterium erfüllen muss, um viele Klicks zu be-kommen: Es muss das alles bisher Gefilmte übertreffen, was die Sportler bzw. Showmaster wiederum pusht. So geben einige auch zu, dass sie manche Dinge nicht riskiert hätten, hätte die Kamera nicht alles dokumentiert. Oft quält sie vor dem Manöver die Frage: Würde ich es wagen, selbst wenn die Kamera nicht laufen würde? Die steigende Notwendigkeit sich demzufolge mit den Folgen der Selbstdarstellung zu beschäftigen, ist im Zeitalter der Bilderflut, Selfie-Sticks und Verfügbarkeit des Internets „für jedermann“ unübersehbar. In der Geschichte hat niemals zuvor eine Technik so schnell vom Alltag Besitz ergriffen. Auch wenn Auswirkungen zurzeit nur auf Beobachtungen und Erwartungen gründen können, ist es trotzdem umso wichtiger, diese in den Blick zu nehmen.

2. Das neue Normal: Wie Actionkameras den Extremsport und die Gesellschaft verändern Extrem- und Actionsport ist Trend. Und wie auch in vielen anderen Bereichen schreitet die Entwicklung fortan in Richtung: »Was heute extrem ist, kann morgen schon zur Normalität gehören«[15]. Noch vor wenigen Jahrzehnten galten Marathonläufe oder Langdistanz-Triathlons wie der Ironman als Veranstaltungen unvorstellbarer Länge mit der Zielgruppe „Wahnsinnige“. Heute sind solche Veranstaltungen fester Bestandteil unserer Gesellschaft, wie stetig wachsende Teilnehmerzahlen bestätigen. Tausende von Social Media-Accounts zeigen Fotos von Siegertypen bei einer obskuren Sportart mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.

Weil gleichzeitig Social Media wie Facebook und YouTube den Zeitgeist prägen, eignet sich die GoPro perfekt, um die exhibitionistische Web-Generation auszustatten. Dabei droht der Trend zur positiven Selbstmitteilung uns allerdings gegenüber dem selbst Erlebten, das oft als gewöhnlich empfunden wird, abzustumpfen. Wie steht es um unsere Lebenszufriedenheit, wenn aus dem Netz stets noch mal eins drauf gesetzt wird? Das ist eine ernst zunehmende Problematik, die vor allem um die Auswirkungen von Social Media-Plattformen herum entsteht.

Der Drang das durch die Augen des Sportlers Gesehene – gefilmt mit GoPro und Co. – über die mediale Vermittlung hinaus in die Tat umzusetzen, scheint stetig zu steigen. Was dabei jedoch oft unterschätzt wird, ist die umfangreiche Erfahrung, die stark ausgebildeten körperlichen und mentalen Fähigkeiten und die akribische Vorbereitung, die man für Extremsport mitbringen muss – verbunden mit einer nicht zu geringen Wahrscheinlichkeit an schweren Verletzungen bis hin zum Tod.

Doch die GoPro würde nicht auf soviel Zuspruch stoßen, gäbe es nicht auch gravierende Vorteile. In dem Film The Search For Freedom wird aufgezeigt, wie nachfolgende Generationen durch die technischen Quantensprünge der GoPro das Erlernen von Tricks und Feinheiten ihrer Sportarten immer weiter professionalisieren. Vorherige Sportlegenden in der Surf- und Skaterszene werden heutzutage schneller als je zuvor von ihnen überholt. Grund dafür ist u.a. dieses Besondere der GoPro, dass sie alles aus der Ego-Perspektive des Sportlers zeigt, wie eben ein drittes Auge. Man schaut somit nicht mehr von außen auf die Dinge, sondern sieht das Gefilmte so, als wäre man selbst derjenige, der gerade einen Berg erklimmt oder mit einem Spezialanzug durch die Lüfte fliegt.

Das Schauen eines Videos bleibt damit nicht ausschließlich auf das Sehen beschränkt, sondern wird zum medialen Eigenerlebnis, wobei mehrere Sinne gleichzeitig beansprucht werden. Die passive Position rückt in die Nähe einer aktiven und revolutioniert damit das Wissen über jede erdenkliche Art von Sportart, da die Dokumentation aus neuen Perspektiven auch neue Erkenntnisse bedeuten. Der Zuschauer wird in die Lage versetzt, sich besser in das Gesehene hineinzuversetzen, was ihm neben dem „Learning by doing“ zusätzliche Informationen – sozusagen „Learning by Watching“ – liefert.

3. GoPro und YouTube – eine Gefahr für die Menschheit? »Ich denke schon, dass die You-tube-Kultur und die vielen Toten zusammenhängen«[16], sagt Ludovic Woerth, ein Wingsuitflyer. Seiner Meinung nach würden gerade Jüngere zu schnell zu große Risiken eingehen. Die Frage, ob neue technologische Erfindungen wie Actionkameras in Verbindung mit der YouTube-Kultur eine Gefahr für die jüngeren Generationen darstellt, ist schwer zu beantworten.

[...]


[1] Vgl. Selfie is Oxford Dictionaries´ word of the year (2013)

[2] Vgl. STIEGLER (2015)

[3] Vgl. WAGNER (2015)

[4] JEGES (2014), 41.

[5] Vgl. ÁLVAREZ (2014)

[6] Im Original SCHEFFLER (1910): „Berlin ist dazu verdammt: immerfort zu werden und nie zu sein.“

[7] WIESING (1997), 23.

[8] Vgl. ÁLVAREZ (2014)

[9] Vgl. Ebd.

[10] Zur jetzigen Situation des Börsenstands siehe STRATHMANN (2016)

[11] PATALONG (2013): Aktuell verzeichnet die Base Fatality List des Basejumping-Magazins Blinc 221 Tote.

[12] ARD Reportage (2013)

[13] Vgl. HELD (2015)

[14] Vgl. CADENBACH (2013)

[15] HADBAWNIK (2011), 26.

[16] CADENBACH (2013)

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Neue Technologien bei Extrem- und Actionsportaufnahmen und ihre mimetischen Implikationen
Hochschule
Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
8
Katalognummer
V379495
ISBN (eBook)
9783668564688
ISBN (Buch)
9783668564695
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
GoPro, Selfie, Red Bull, Facebook, YouTube, Wingsuitflyer, Netzkultur, Selbstinszenierung, Skaterszene, Surfszene, Ironman, The Search for freedom, Kreativität, Pippi Langstrumpf, Exhibitionismus, Voyeurismus, Das dritte Auge, Generation Maybe, Bilderflut, Medienkritik, Be a hero, Droge
Arbeit zitieren
Julia Heese (Autor), 2016, Neue Technologien bei Extrem- und Actionsportaufnahmen und ihre mimetischen Implikationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379495

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