Filmanalyse zu Mathieu Kassovitz' Film "Hass"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
28 Seiten, Note: 1,7
Jonathan Lock (Autor)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Soziale und politische Hintergründe
Statistische Daten
Assimilation statt Integration
Entstehung der „Banlieues“
Arbeitslosigkeit in den Banlieues
Bandenbildung und Familie
Rassismus

Einordnung in den französischen Film
Zum „Jeune Cinema“
„Cinéma beur“

Filmanalyse
Ästhetische Gestaltung
Handlungsaufbau
Charaktere
Soziale Kategorien
FAMILIE
GESCHLECHTERROLLEN
ARBEIT
„Message“

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat den Film „Hass“ des französischen Regisseurs Mathieu Kassovitz zum Gegenstand. Im Jahre 1995 gedreht, behandelt er die problematische Lebenssituation Jugendlicher in Pariser Vorstädten. Das Werk wurde weit über Frankreichs Grenzen hinweg intensiv diskutiert und verschaffte dem jungen Regisseur die Anerkennung der internationalen Filmszene. Ob seiner brisanten Thematik und der stilistischen Umsetzung gilt der Film heute als einer der wichtigen sozialkritischen Filme des europäischen Kinos der Neunziger Jahre.

Im Folgenden wird zunächst die gegenwärtige Situation in den Vororten unter politischen und soziologischen Gesichtspunkten in ihrer Entwicklung beschrieben. Dabei spielt die Geschichte der Einwanderung eine entscheidende Rolle, um die Ursachen für die Integrationsprobleme und die Entstehung der Problemsiedlungen zu erläutern. Ein Überblick über den aktuellen sozialen Zustand dient als Hintergrund für die später folgende Analyse. Der zweite Teil dieser Arbeit befasst sich mit dem französischen Film der Neunziger Jahre und gibt einen Überblick über die künstlerische Tradition des „Cinema Beur“, an die Kassovitz mit seinem Werk anknüpft. Es folgt eine ausführliche Filmanalyse, die ästhetische, stilistische wie inhaltliche Merkmale berücksichtigt. Im Hinblick auf das Seminarthema gilt dabei den sozialen Kategorien im Film ein besonderes Augenmerk. Abschließend erfolgt eine Untersuchung der „Message“ des Films, in der Motive und Intention des Regisseurs Kassovitz erläutert werden sollen.

Soziale und politische Hintergründe

Statistische Daten

Bevor die Hintergründe der Einwanderungsproblematik in Frankreich beleuchtet werden, zunächst einige statistische Daten:

Die Population der Immigranten in Frankreich wird aufgrund der beiden Kriterien Nationalität und Geburtsort definiert: Immigrant ist jede im Ausland als Ausländer geborene und in Frankreich lebende Person. Diese Population besteht zum größten Teil aus Ausländern, aber auch aus Personen, die die französische Staatsangehörigkeit erworben haben. In diesem Kontext ist nicht jeder Ausländer zwangsläufig auch Immigrant (z. B. in Frankreich geborene Ausländer), und jeder Immigrant ist nicht unbedingt Ausländer (naturalisierte Franzosen).

1990 wurde eine Volkszählung durchgeführt, die eine Zahl von 4,166 Mio. Immigranten hervorbrachte, was 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht; darunter 1,308 Mio. Personen, die durch einen nachträglichen Erwerb der Staatsangehörigkeit Franzosen wurden. Diese Zahl umfasst 50,4 % Europäer, 35,9 % Afrikaner und 11,4 % Asiaten.

Die Zahl der Nachkommen von Immigranten, d. h. die in Frankreich geborenen Kinder eingewanderter Eltern, wird je nach Quelle auf 1,5 Mio. (Institut national des études démographiques INED, demografisches Institut) bzw. 3 Mio. (Institut national de la statistique et des études economiques INSEE, Volkszählung) geschätzt. Inzwischen hat jeder vierte Franzose einen nicht-französischen Eltern- oder Großelternteil.[1]

Assimilation statt Integration

In Frankreich geborene Nachkommen von Einwanderern bekommen automatisch - falls sie dem nicht widersprechen - mit Vollendung des 13., 16. bzw. 18. Lebensjahres (die Altersgrenze wurde sukzessive angehoben) die französische Staatsbürgerschaft; Kinder algerischer Herkunft bereits von Geburt an, erfolgte diese auf französischem Boden. All diese Kinder gelten also statistisch nicht mehr als Ausländer, im Alltagsdiskurs jedoch führt der reine Besitz der gleichen Staatsbürgerschaft nicht gleichzeitig zu einer Anerkennung als vollwertiges Mitglied der französischen Gesellschaft durch die Franko-Franzosen. Die Annahme, dass die Vergabe der französischen Staatsbürgerschaft über sämtlich kulturelle Unterschiede hinwegführe, entspringt der idealtypischen Vorstellung französischer Einwanderungspolitik: eine bis heute auf Assimilation ausgerichtete Politik der kulturellen Integration. Dieses Konzept steht in einem klaren Gegensatz zu angelsächsischen Modellen, die die Zugehörigkeit zu ethischen Gemeinschaften nicht außer Acht lassen und in denen kulturelle Differenzen durchaus ein Thema in der politischen Öffentlichkeit darstellen.[2]

Einwanderer in Frankreich sowie ihre nachgezogenen Familien haben sich einzufügen in das vereinheitlichende französische Nationalmodell, dem die Einheit der Sprache, Kultur und Nation zugrunde liegt. Diese traditionell national geprägte Kultur – und Geschichtsauffassung negiert Fremdes im öffentlichen Raum.

Mit der Gründung eines Nationalen Einwanderungsbüros 1945 verlieh der Staat unter anderem seinem Wunsch Ausdruck, nur Ausländer aufzunehmen, die ein vermeintlich hohes Maß an Assimilierbarkeit mitbrachten.

So schreibt Pierre Bideberry, ehemaliger Leiter des Einwanderungsbüros:

„ Es ging darum, ,den unlauteren Wettbewerb mit der einheimischen Arbeiterschaft in bezug auf Arbeit und Löhne zu vermeiden; die nationale Gemeinschaft durch eine wirksame Auswahl zu schützen, die auf Kriterien der Gesundheit, des Arbeitsmarkte und des moralischen Verhaltens beruhte; [...]’ “[3]

Eine neue Arbeiterschaft, deren Aufbau vor allem auf die Kriterien von ethnischer und kultureller Ausgewogenheit sowie nationalem Zusammenhalt ausgerichtet war, sollte erschaffen werden.

Das schloss theoretisch Nicht-Europäer aus, der Markt verlangte jedoch nach billigen Arbeitskräften und diese waren in Europa nicht zu finden. So gehorchte die Einwanderung mehr ökonomischen Notwendigkeiten, denn theoretischen Einwanderungs-Regularien und es fanden viele Menschen aus dem Maghreb ihren Weg nach Frankreich. Eine Integration in das Wirtschaftssystem und insbesondere in die Arbeiterklasse konnte zunächst erfolgen, denn gezielt angeworbene Arbeiter fanden zu dieser Zeit noch ihren Platz – ökonomisch betrachtet. Eine kulturelle und soziale Distanz existierte von Anbeginn. Denn: Die kulturellen Eigenschaften der ausländischen Gemeinden soll auf die Privatsphäre beschränkt bleiben. Dietmar Loch fasst diese Widersprüchlichkeit folgendermaßen zusammen:

„[...] besteht das Paradox im Einwanderungsland Frankreich darin, dass ethnisch-kulturelle Vielfalt alltägliches Faktum ist, die Anerkennung von kultureller oder religiöser Differenz aber an politische Grenzen, d.h. an Staats- und Nationalverständnis stößt.“[4]

Entstehung der „Banlieues“

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts wandern Menschen aus ökonomischen Gründen in Frankreich ein, für die hier zu bearbeitende Problematik der Einwanderer-Nachkommen ist jedoch die Situation nach 1945 relevant.

Wie überall in Europa bestand auch in Frankreich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein hoher Bedarf an Arbeitskräften für den wirtschaftlichen Wiederaufbau, der nicht aus eigenen Ressourcen gedeckt werden konnte. Dies brachte ausländischer Arbeiter nach Frankreich. Sowohl aus europäischen Ländern – Portugiesen, Italiener, Spanier, Türken und Polen – und auch massiv aus Nordafrika (Maghreb): Allen voran Algerier, Marokkaner und Tunesier. Frankreich wurde so das europäische Land mit den meisten muslimischen und arabischen Migranten. 1945 wurde das staatliche Einwanderungsbüro gegründet, das sich - rein theoretisch - um eine geordnete Anwerbung der benötigten Arbeitskräfte kümmern sollte. In der Praxis jedoch sah es so aus, dass viele Firmen weiterhin jegliche Formalitäten umgangen, nicht zuletzt, um Kosten zu sparen.

Diese Praxis wurde von staatlicher Seite toleriert, wenn nicht sogar unterstützt: so war es z.B. möglich, zunächst illegalen Einwanderern später einen legalen Status zu verpassen. Denn die Einwanderung wurde als notwendiges Element im Zuge des wirtschaftlichen Aufbaus gesehen.

Eine langfristige und nachhaltige Einwanderungsplanung von Seiten der Politik, die sowohl ökonomische als auch gesellschaftliche Auswirkungen bedachte, konnte sich nicht durchsetzen. Eine Folge daraus war es denn, dass sich die meisten angeworbenen Arbeiter in den Randbezirken der großen Städte in unwohnlichen Barackenstädten (sog. Bidonvilles) ansiedelten. Diese räumliche Trennung trug dazu bei, dass die ausländischen Arbeiter zunächst nicht ins Bewusstsein der französischen Öffentlichkeit traten. Einwanderung wurde als randständiges und vorübergehendes Phänomen betrachtet und hauptsächlich unter dem Aspekt wirtschaftlichen Bedürfnisse diskutiert.

Die strukturelle Bedeutung von Einwanderung sollte jedoch hervortreten und somit eine soziale Dimension erlangen: Die Wohnungskrise wurde so schwerwiegend, dass massiver Handlungsbedarf entstand. In den 60er und 70er Jahren wurde in den Peripherien der Großstädte Siedlungen mit billigem Wohnraum errichtet. Geometrisch angeordnete Straßen, große Schlichtbauten und wenig Grünflächen bestimmen damals wie heute das Bild der Banlieues. Das städtebauliche Konzept ging davon aus, dass nicht nur Einwanderer diese Bezirke beziehen sollten, sondern auch viele Franzosen diesen günstigen und modernen Wohnraum Außerhalb dem der Innenstädte vorziehen würden und es somit zu einer Assimilierung der Einwanderer kommen würde. Zunächst schien die französische Mittelschicht diesem Konzept zu folgen, jedoch nach kurzer Zeit verließen diejenigen, die es sich leisten konnten die Siedlungen wieder. So kam es in den 80ern zu einer Abwertung des Wohnraumes. Die freigewordenen Wohnungen, darunter viele Sozialwohnungen, wurden vor allem von Einwandererfamilien bezogen, die in der Folge unter sich blieben. Heute liegt der Anteil an Franko-Franzosen in der Bevölkerung der Banlieues oft unter 10%.[5] Im Laufe der Zeit sind sowohl die zurückgebliebenen „weißen“ Franzosen als auch die Neubürger nichtfranzösischer Herkunft als städtische Unterschichten mit ihrem Wohnsitz in diese nur schwer zu verlassenden Stadtviertel quasi eingesperrt worden. Möchte jemand diese Bezirke verlassen und gibt bei der Wohnungssuche seine Adresse in einer Banlieue an, schwinden seine Chancen. Gleiches gilt für die Suche nach einer Arbeitsstelle.[6]

Arbeitslosigkeit in den Banlieues

Als der Arbeitskräftebedarf wieder zurückging und es 1974 durch eine Verschärfung der Gesetzte fast zu einem Stopp der Einwanderung kam, riss der Strom der Zuwanderer nicht ab: durch die Familienzusammenführung kamen weiterhin Menschen ins Land. Abgesehen von räumlichen Aspekten brachte der Nachzug der Familie neue Probleme mit sich, deren Auswirkungen in die zweite und inzwischen dritte Generation weiter getragen werden: der Staat zeigte kaum Initiativen im Bereich Bildung und Erziehung der nächsten Generation.

Für die gezielt angeworbenen Arbeitskräfte – zumeist junge Männer - war noch Arbeit vorhanden, für die Nachkommen nicht. Ein vordringliches Problem in ist somit die Arbeitslosigkeit. Durch die Tatsache, dass neun von zehn „Beurs“[7] in den Banlieues leben, konzentriert sich die Arbeitslosigkeit und die daraus erwachsenen Probleme in diesen Bezirken, besonders unter Jugendlichen, die 40% der Einwohnerschaft ausmachen.

Kinder und Jungendliche haben kaum Aussicht auf eine hinreichende Schulbildung, geschweige denn auf einen Arbeitsplatz. Für sie besteht zwar auch eine Schulpflicht, oftmals werden die Einwanderer-Nachkommen jedoch lediglich von Klasse zu Klasse „geschleust“, ohne dass sie entsprechende Leistung erbringen. Probleme wie mangelhafte Kenntnisse der französischen Sprache werden nicht weiter verfolgt und am Ende steht ein Schulabschluss, der keine weitern Türen öffnet. 1998 beträgt die Arbeitslosenquote unter Ausländern durchschnittlich 23,7% gegenüber 11,1% unter Franzosen.

Am stärksten betroffen sind Frauen und Jugendliche. Die Situation junger Immigranten unter 26 Jahren ist in Frankreich besonders besorgniserregend, da ihre Arbeitslosenquote im Mittel 47,2 %, gegenüber 24,7 % für ihre französischen Altersgenossen erreichte. Die in Frankreich geborenen Kinder von Immigranten, die zwar die französische Staatsbürgerschaft erlangen, befinden sich hinsichtlich des Arbeitsmarktes in ein Situation, die mit der von in Frankreich lebenden Ausländern vergleichbar ist.

[...]


[1] http://www.eu-employment-observatory.net/ersep/trd32d/00300068.asp, 6.Juni 2003, 15:30 Uhr

[2] Vgl. Loch, Dietmar: Vorstädte und Einwanderung. In: Christadler, M. und Uterwedde, H. (Hrsg.): Länderbericht Frankreich: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Opladen 1999, S. 118-135.

[3] Bideberry, Paul: Immigration et technique de recrutement. In : Economie et Humanisme. 189, S. 19-28. Zitiert nach : Silverman, Maxim: Rassismus und Nation: Einwanderung und Krise des Nationalstaates in Frankreich. Hamburg 1994, S. 49.

[4] Christadler, Uterwedde, S. 120

[5] Mioc, Petra: Das junge französische Kino. Zwischen Traum und Alltag. St. Augustin 2000., S. 123

[6] Vgl. Loch, Dietmar: S.122

[7] „Beur“ = Pariser Slangausdruck für Araber, der Anfang der Achtziger entstand, als Jugendliche der zweiten Generation von Einwanderern solche Fremd-Begriffe wie „Immigranten“ ablehnten und einer neuen Identität Ausdruck verleihen wollten

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Filmanalyse zu Mathieu Kassovitz' Film "Hass"
Hochschule
Universität Lüneburg
Veranstaltung
Die Rückkehr des Sozialen im Film
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V37955
ISBN (eBook)
9783638371605
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Filmanalyse, Mathieu, Kassovitz, Film, Hass, Rückkehr, Sozialen
Arbeit zitieren
Jonathan Lock (Autor), 2003, Filmanalyse zu Mathieu Kassovitz' Film "Hass", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37955

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