Anarchismus als Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
31 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ideale des Anarchismus

3. Strömungen des Anarchismus
3.1. Individual-Anarchismus
3.2. Sozial-Anarchismus
3.3. Anarcho-Kommunismus
3.4. Anarcho-Pazifismus
3.5. Anarcho-Sozialismus
3.6. Anarcho-Syndikalismus
3.7. Anarcho-Liberalismus

4. Geschichte des Anarchismus
4.1. Die Anfänge
4.2. Die Internationale
4.3. Die Zeit der Propaganda durch die Tat
4.4. Anarchismus nach 1890
4.5. Der spanische Anarchismus
4.6. Der Anarchismus nach dem Zweiten Weltkrieg

5. Bedeutende Anarchisten
5.1. William Godwin
5.2. Max Stirner
5.3. Pierre Proudhon
5.4. Michael Bakunin
5.5. Peter Kropotkin
5.6. Johann Most

6. Schluß: Anarchismus - soziale Utopie oder Hoffnungsschimmer?

7. Literaturverzeichnis

Die Oberfläche glättete sich, und die Strudel verschwanden einer nach dem andern, während wunderliche Schaumbänder an Stellen zutage traten, wo man bisher keine Gischt gesehen hatte. Diese Bänder dehnten sich allmählich zu großer Länge aus, flossen ineinander, nahmen die drehende Bewegung der besänftigten Strudel in sich auf und schienen den Kern eines neuen, weit umfassenderen Strudels zu bilden. Plötzlich, ganz plötzlich nahm dieser Strudel in einem Kreise, der mehr als eine Meile Durchmesser hatte, deutliche und bestimmte Gestalt an. Der Rand dieses Wirbels wurde durch einen breiten Gürtel von schimmernden Wasserstaub gebildet; aber nicht ein Atom davon glitt in den Schlund des fürchterlichen Trichters, dessen Inneres, soweit das Auge ihn ergründen konnte, eine glatte, glänzende, jettschwarze Wasserwand bildete, die sich, gegen den Horizont in einem Winkel von etwa fünfundvierzig Grad geneigt, in schwindelnder Hast im Kreis drehte und in die Winde hinaus eine schaurige Stimme, halb Schrei, halb Brüllen, warf, wie sie nicht einmal der gewaltige Katarakt des Niagara in seinen Kämpfen zum Himmel schickt.

Edgar Allan Poe1

1. Einleitung

Was ist eigentlich Anarchismus? Die Antwort auf diese Frage wird häufig so gefaßt, daß der Begriff des Anarchismus als Bezeichnung für gefährliche, abwegige, die Zivilisation bedrohende Ideologien schlechthin dienen kann. „In jeder Tasche eine Bombe, angefüllt mit Dynamit, den Mordstahl in der einen, die Brandfackel in der anderen Hand - so stellt sich ein Gegner des Anarchismus in der Regel einen Anarchisten vor. Er erblickt in ihm einen Menschen, der, halb Narr, halb Verbrecher, nichts weiter im Sinn hat als die Ermordung eines jeden, der nicht seiner Meinung ist, und dessen Ziel der allgemeine Wirrwarr, das Chaos ist.“2 Diese Worte des Anarchisten Johann Most scheinen immer noch die Vorstellung dessen, was ein Anarchist ist zu prägen.

Deshalb soll im folgenden erörtert werden, was Anarchismus wirklich bedeutet. Da man sich zum Verständnis des Anarchismus nicht auf eine Strömung innerhalb der Theorie-Richtungen beschränken kann, werden hier die verschiedenen Strömungen kurz vorgestellt. Außerdem wird die Geschichte des Anarchismus beschrieben und es werden einige der bekanntesten Anarchisten kurz vorgestellt.

2. Ideale des Anarchismus

Beim Anarchismus handelt es sich um eine Philosophie der Freiheit. Anarchismus und Anarchie sind begrifflich dahingehend zu unterscheiden, daß sich „Anarchie“ meist auf einen gesellschaftlichen Zustand bezieht und „Anarchismus“ mehr auf die Ideen und die Bewegung3. Die Grundidee des Anarchismus ist die herrschaftsfreie Gesellschaft. Das Ziel der Abschaffung des Staates beinhaltet die Idee der absoluten Freiheit4. Im Anarchismus wird eine Gesellschaft als ideal angesehen, die durch ein Fehlen von Autorität und Macht gekennzeichnet ist. Durch freie Vereinbarungen von Gruppen und Organisationen soll die Nutzung der Produktion und Konsumption zur Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse der Menschen garantiert werden5.

Der Anarchismus unterscheidet sich von anderen geistigen Strömungen dadurch, daß er das Autoritätsprinzip als solches in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stellt und bekämpft. Es soll eine Welt aufgebaut werden, in der Autorität, Macht und Zwang als zusammenhaltende Kräfte ersetzt werden durch Solidarität als verbindende Kraft6. Anarchismus ist auch eine Strömung, für die Sozialismus und Freiheit ein Ganzes bilden. Der anarchistische Freiheitsbegriff ist also ein sozialer Begriff, den man als ein Verhältnis zwischen Menschen definieren kann, daß auf Gleichheit beruht7. Der Anarchismus übt auch Kritik am Parlamentarismus, da man nach anarchistischer Auffassung es nicht anderen (auch nicht gewählten Vertretern) überlassen darf, Beschlüsse im Namen des Volkes zu fassen. Es wird nicht gefordert, daß jeder mit den gefaßten Beschlüssen übereinstimmt, aber alle Menschen, die von den Folgen eines Beschlusses betroffen werden, sollen einen eigenen Beitrag zu seinem Zustandekommen leisten8.

In einigen Punkten gibt es innerhalb der verschiedenen Strömungen des Anarchismus unterschiedliche Auffassungen: So hat die Rolle des Individuums ein sehr unterschiedliches Gewicht: Dies reicht von der radikalen Sicht des Individuums als Einzelnem bei Stirner, über die Varianten des individualistischen Anarchismus, bei denen die Individuen den Staat durch freiwillige Zusammenschlüsse ad absurdum führen, bis hin zu Vorstellungen einer revolutionären Individualität, die im Grunde in Kollektiven aufgeht9. Unterschiedliche Auffassungen gibt es auch hinsichtlich des Bezuges des Menschen zur Natur: So wird versucht, den Anarchismus als vollkommenste Gesellschaftsordnung naturgesetzlich herzuleiten. Bei anderen Ansätzen ist die anarchistische Gesellschaft nicht ohne ein harmonisches Leben in der Natur (Landkommunen) denkbar. Bei wieder anderen Ansätzen spielt die „Naturfrage“ gar keine Rolle10. Sehr unterschiedlich ist auch die Einstellung zu Gewalt innerhalb der verschiedenen Strömungen: Diese reicht vom Bekenntnis zur völligen Gewaltlosigkeit bis hin zur begeisterten Zustimmung zu terroristischen Gewaltakten als Vorbedingung zur Ermöglichung revolutionärer Umwälzungen! Stark unterschiedliche Auffassungen gibt es auch hinsichtlich des notwendigen Organisationsgrades und der Zusammenarbeit mit anderen politischen Gruppen, also mit Sozialisten und Kommunisten11.

3. Strömungen des Anarchismus

3.1. Individual-Anarchismus

Die bedeutendsten Vertreter diese Schule waren William Godwin(1756-1846) und Max Stirner (1806-1856).

Godwins Ziel war eine Einheit von sozialer Gerechtigkeit und individuellem Glück. Er nahm die Formbarkeit des Individuums durch Ideen an und lehnte jeden Zwang und jede Gleichmacherei ab. Die Freiheit sei so unlösbar an das Individuum gebunden, daß mit diesem auch die Gesellschaft in Fesseln liegt. Er lehnte die Staatsgewalt ab nicht ohne zu begreifen, daß sie sich nur in einer mündigen Gesellschaft erübrigen kann. Jede Zusammenarbeit über das Notwendige hinaus ist seiner Meinung nach freiheitsbeschränkend. Alle zwischenmenschlichen Beziehungen sollten auf ein Minimum beschränkt werden, um ihren Konfliktstoff maximal zu entschärfen. Selbst die Familie sollte aufgelöst werden. In seinem Hauptwerk „Untersuchung über politische Gerechtigkeit“ (1793) erwog er die Abschaffung des Privateigentums, aber nicht zur gemeinschaftlichen Nutzung, sondern nur um es den sozial Bedürftigen zugänglich zu machen: „Alles, was man gewöhnlich unter Kooperation versteht, ist in gewissem Maße von Übel... Wir können nicht in den Gleichklang von Uhren gezwungen werden.“12.

Max Stirner trieb den Individual-Anarchismus noch weiter. Nur der zum einzigen gesteigerte Einzelne könne sein eigener Schöpfer statt nur ein Geschöpf sein. Statt sich für eine fremde Sache aufzuopfern soll der Mensch lieber ein Egoist sein, der jenseits von Gut und Böse steht. Jede äußere Herrschaft sei von einer inneren Herrschaft und jeder Zwang von freiwilliger Knechtschaft begleitet und nur wenn die Knechtschaft überwunden wird, läßt sich auch die Herrschaft abwälzen. Er kritisiert, daß das eigentlich Persönliche zur reinen Privatsache gemacht wird: „Das Bürgertum ist nichts anderes als der Gedanke, daß der Staat, alles in allem, der wahre Mensch sei, und des Einzelnen Menschenwert darin bestehe, ein Staatsbürger zu sein.“13. Der Individual-Anarchismus war am weitesten in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, Frankreich und Deutschland verbreitet und 1919/20 bildete sich weitgehender Organisationsfeindlichkeit zum Trotz eine individualanarchistische Internationale, die zwei europäische Konferenzen durchführte14.

3.2. Sozial-Anarchismus

Der bedeutendste Vertreter dieser Strömung ist Pierre Proudhon (1809-1865). Er meinte, daß Eigentum Diebstahl sei, wollte aber nicht den Besitz an sich, sondern nur den privilegierenden Eigentumstitel vernichten. Er vertrat die Ansicht, daß die freie Organisation der Arbeit nötig sei und die Vorraussetzungen dafür der Sturz des Kapitals und der politischen Macht seien. Die Aufhebung des Staates sei auch wichtig zur Beseitigung des Militarismus. Das Prinzip der Revolution, die Freiheit, ist das einzige, woraus die Revolution ihr Recht zur Gewalt bezieht. Die revolutionäre Aktion ist aber nicht als Mittel zur sozialen Umgestaltung der Gesellschaft geeignet. Nicht das Chaos sollte das Ziel sein, sondern ein neuer Gesellschaftsaufbau geprägt durch Anarchie und Ordnung auf föderativer Basis: „Immer diesselbe Sucht, regiert zu werden, immer derselbe Kommunismus. Wer endlich wird zu sagen wagen: alles für das Volk und alles durch das Volk, selbst die Regierung?“15.

3.3. Anarcho-Kommunismus

Vertreter dieser Richtung des Anarchismus sind Michael Bakunin (1814-1876) und Peter Kropotkin ( 1842-1921).

Bakunin sah im Gottesbegriff die Wurzel aller Autorität und auch die Wurzel des Staates. Gott und Freiheit waren für ihn völlig unvereinbar weswegen er eine „zweite Schöpfung“ anstrebte, einen völligen Neubeginn der Menschheit, der durch restlose Zerstörung der bestehenden Verhältnisse ermöglicht werden sollte. Er bekannte sich zur materialistischen Weltanschauung, lehnte aber die Leugnung der Willensfreiheit ab. Bakunin war gegen eine Herrschaft der Wissenschaft: „Eine Herrschaft der Wissenschaft und der Männer der Wissenschaft, selbst wenn sie sich Positivisten, Schüler August Comtes, nennen, oder selbst Schüler der doktrinären Schule des deutschen Kommunismus, kann nur lächerlich, unmenschlich, grausam, unterdrückend, ausbeutend und verheerend sein.“16.

Im Gegensatz zu Bakunin, der sich mehrfach deutlich vom Kommunismus distanzierte, bejahte Kropotkin diesen grundsätzlich. Kropotkin verstand darunter aber etwas anderes als Marx, nämlich eine Tendenz in der bestehenden Gesellschaft, die zur sozialen Gleichheit aller dränge und der nur noch die Abschaffung des Privateigentums zur vollen Entfaltung fehlt. Kropotkin versuchte auch die Schaffung eines wissenschaftlichen Anarchismus auf der Basis der gegenseitigen Hilfe. Die kommunistische Tendenz der damaligen Zeit wird nach Kropotkin von einer anarchistischen begleitet, die sich in der Bildung von zahlreichen freien Gruppierungen zu sozialen Zwecken zeigt. Die Verzahnung von Anarchie und Kommunismus wird von Kropotkin als Vereinigung von individueller Freiheit und sozialer Gleichheit gesehen: „Die Anarchie führt zum Kommunismus, und der Kommunismus zur Anarchie...“17.

Kropotkins Richtung setzte sich ab 1876 bis nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Anarcho-Kommunismus in vielen Ländern wieder hinter andere Vorstellungen zurückgedrängt wurde, in weiten Teilen der anarchistischen Bewegung durch. Von 1954 bis 1956 gab es eine eigene anarcho-kommunistische Organisation, die „Internationale des freiheitlichen Kommunismus“18.

3.4. Anarcho-Pazifismus

Vertreter dieser Richtung ist Leo Tolstoi (1828-1910). Seine anarchistische Haltung ging zum Teil aus der Wurzel des Antimilitarismus hervor. Die Hauptursache von Unterdrückung und Unrecht wurde nicht im Kapital oder Bürgertum, sondern in der Existenz von zum Krieg bereitstehenden Heeren gesehen. Tolstoi war christlichen Glaubens und maß dem Gebot der Nächstenliebe große Bedeutung zu. In Tolstois Verständnis des Anarchismus ist das Gottesreich nur durch eine staatenlose Ordnung des Zusammenlebens auf den Grundlagen der Selbstverleugnung, des Gemeineigentums an Grund und Boden, der sozialen Gerechtigkeit und der Gewaltlosigkeit zu erreichen. Gewalt ist für Tolstoi (im Gegensatz zu Kropotkin und Bakunin) ein untaugliches Mittel, welches nur zur weiteren Stärkung des Staates führt19.

3.5. Anarcho-Sozialismus

Diese Strömung des Anarchismus ging aus den sozialistischen Parteien hervor und wurde von Gustav Landauer (1870-1919) begründet. Die sozialistische Idee der Genossenschaft sollte mit den Gedanken der Herrschaftslosigkeit und Selbstbefreiung verknüpft werden. Die Anarchie wurde als Überbau der sozialistischen Ordnung gesehen. Landauer propagierte den Austritt aus dem Bestehenden und rief zur Bildung von Initiativgruppen auf. Diese Gruppen sollten Land erwerben, siedeln und Genossenschaften bilden und durch diesen Aufbau freiheitlicher Genossenschaften sollte die soziale Umwälzung eingeleitet werden. Auf anderem Wege würde diese Umwälzung niemals kommen. Für Landauer bedeutete die Anarchie eine von unten geschaffene Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit auf der wirtschaftlichen Grundlage von gleichzeitigen Produktiv- und Konsumgenossenschaften. Landauer war ein Todfeind des Marxismus: „ Was der Nationalbourgeois aus dem deutschen Studenten gemacht hat, haben die Marxisten aus weiten Schichten des Proletariats gemacht: feigherzige Leutchen ohne Jugend, ohne Wildheit, ohne Wagemut, ohne Lust am Versuchen, ohne Ketzerei, ohne Originalität und Absonderung.“20.

Anarchosozialistische Gedanken flossen z.B. bei der Besiedlung Israels in die Kibbuz-Bewegung ein.

3.6. Anarcho-Syndikalismus

Diese Strömung bildete sich um die Idee des Generalstreiks und wurde theoretisch und praktisch vor allem durch Ferdinand Pelloutier (1867-1901) ausgearbeitet. Pelloutier wollte den Anarcho-Syndikalismus zum Hauptmittel der sozialen Revolution machen.

Die Gewerkschaft wurde nicht nur als Institution des Klassenkampfes angesehen, sondern auch als Grundorganisation einer neuen und herrschaftslosen Gesellschaft. Es wurde davon ausgegangen, daß die Gewerkschaft die bisher vom Staat ausgeübten Funktionen wegen ihrer Nähe zum Volk viel besser und ohne Machtapparat ausüben könne. Die Gewerkschaft sollte außerdem die Leitung der Wirtschaft übernehmen und für eine gerechte Verteilung der Produkte sorgen21. Der revolutionäre Generalstreik sollte also das Ende der kapitalistischen und den Anfang einer sozialistischen Gesellschaft bewirken22.

Mit dem Anarcho-Syndikalismus, der sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte, wurde der Anarchismus in einer ganzen Reihe von Ländern (vor allem Spanien, Italien und Frankreich) zu einer Massenbewegung. In der „Internationalen Arbeiterassoziation“, die 1922 gegründet wurde, waren zeitweise mehrere Millionen Arbeiter vereinigt23.

3.7. Anarcho-Liberalismus

Der Anarcho-Liberalismus mit seiner Hauptrichtung, dem Freiwirtschaftlertum, wurde von Silvio Gesell (1862-1930) begründet. Physiokratische und proudhonistische Einflüsse wurden mit Varianten des Stirnerschen Eigennutzes vermischt. Freiwirtschaft meinte die Forderungen nach freiem Geld und frei zugänglichem Boden, da im Geld- und Bodenmonopol das Grundübel gesehen wurde. Die Wirtschaft sollte noch freier als im klassischen Liberalismus werden, dessen ökonomische Richtung für schuldig an der kapitalistischen Entartung befunden wurde. Es wurde jedoch zu einer Sozialisierung des Bodens gedrängt, der verpachtet aber niemals kollektiviert werden sollte. Damit sollte sozusagen ein dritter Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus gefunden werden. Nur Großgrundbesitzer sollten enteignet werden, um eine Rente an alle Mütter zahlen zu können. Die Freiwirtschaftler bildeten auch mehrfach politische Parteien, um die öffentliche Meinung besser beeinflussen zu können. Statt einer Weltrevolution wollten sie eine Weltevolution. Gewaltanwendung wird von dieser Strömung des Anarchismus verworfen ohne das sich ausdrücklich zum Pazifismus bekannt wird.

Die Freiwirtschaftsbünde verschiedener Länder vereinigten sich 1948 auf ihrem zweiten internationalen Kongreß zu einer „Internationalen Freiwirtschaftlichen Union“24.

4. Geschichte des Anarchismus

4.1. Die Anfänge

Eine nähere Beschreibung der anarchistischen Gesellschaft findet sich bereits in der alt-hellenistischen Philosophie. Zeno (340-270 v.Chr.), Stifter der stoischen Schule, wies das Ideal von Platos Republik zurück, in der der Staat alles regelte. Zeno war der Meinung, daß Staat und Gesetz abgeschafft werden müßten, auch die Nationalität sei nicht wichtig, so daß er von einem „kosmopolitischen Bürgertum“ sprach. Zenos Ideal für die Zukunft ist die freie staatenlose Gemeinschaft, denn er meint, daß die größte Tugend und Sittlichkeit nur in der Freiheit erreicht werden kann25.

1577 wurde das Buch von Etienne de la Boétie „Discours sur la servitude voluntaire“ (Über die freiwillige Knechtschaft) veröffentlicht. Kerngedanke dieses Buches war die Überlegung, daß Unterdrückung nicht aufgehoben werden kann, indem die Macht übernommen wird. Die Freiheit sei dem Menschen angeboren und man müsse lediglich nein gegenüber jeglichen Unterdrückungsversuchen sagen, um frei zu sein. Dieses Buch von de la Boétie wurde während der Französischen Revolution neu aufgelegt26.

Im 1703 erschienenen Buch „Dialogues curieux entre l’auteur et un sauvage“ des Franzosen Baron de Lahotan wurde erstmals das Wort Anarchie als Benennung einer staatenlosen Gesellschaft benutzt. 1787 schrieb Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, daß eine Gesellschaft ohne Regierung vielleicht die bestwählbarste Form einer Gesellschaft sei, weil dann die Menschen glücklicher seien27. Seit der Französischen Revolution werden die anarchistischen Theorien konkreter. 1793 finden sich erstmals anarchistische Gedanken der direkten Demokratie, die in den sich selbstverwaltenden Communes, z.B. der Commune von Paris (1792-1793), deutlich wurden. Die Commune strebte den föderalistischen Aufbau des Landes an und praktizierte dieses föderalistische Prinzip auch während der 18 Monate ihres Bestehens bis die Communes von der zentralistischen Diktatur Robespierres zerstört wurden. 1871 wurde der Gedanke der Communes von der Commune von Paris wieder aufgenommen.28

1793 erschien auch das erste große anarchistische Werk „Untersuchung über politische Gerechtigkeit und deren Einfluß auf die allgemeine Tugend und das allgemeine Glück“ von William Godwin, in welchem er sich mit den Möglichkeiten auseinandersetzte, wie eine Gesellschaft ohne Staat existieren kann. Shelley, ein Schüler Godwins, machte den Anarchismus durch seine Poesie zu einem Thema der Weltliteratur. Der französische Enzyklopädist Diderot faßte die anarchistischen Gedanken folgendermaßen zusammen: „Je ne veux ni donner, ni recevoir des lois.“ (Ich will weder befehlen, noch gehorchen.)29

4.2. Die Internationale

Die anarchistische Bewegung war Teil der sozialistischen Arbeiterbewegung und lehnte sich gegen die sozialen und politischen Verhältnisse der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auf30. 1856-1862 erfolgte ein allgemeiner Aufschwung der radikalen Ideen in Europa und den Vereinigten Staaten31.

Die Internationale Arbeiter-Assoziation war das Resultat einer Zusammenkunft französischer Arbeiter, die 1862 als Delegierte zur zweiten Weltausstellung nach London gekommen waren, mit Vertretern der englischen Berufs-Gewerkschaften. 1863 wurden die bei diesem Besuch angeknüpften Beziehungen aus Anlaß einer Sympathiekundgebung für Polen fester geknüpft und 1864 wurde die Assoziation dann offiziell gegründet. Innerhalb der Internationale standen sich allerdings entgegengesetzte sozialistische Strömungen gegenüber32.

[...]


1 zit. nach: Haug/Wilk (1995): Der Malstrom, S. 9

2 Diefenbacher(1996): Anarchismus -die verlorene Utopie?, S. 9. , dort zit. nach: Most (1889): Der communistische Anarchismus. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchismus

3 Lehning (1977): Anarchismus, S. 10. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

4 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 41

5 Lehning (1977): Anarchismus, S. 11. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

6 de Jong (1977): Stirbt Marx als Anarchist?, S. 78. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2

7 de Jong (1977): Stirbt Marx als Anarchist?, S. 79/80. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2

8 de Jong (1977): Stirbt Marx als Anarchist?, S. 82. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2

9 Diefenbacher (1996): Anarchismus-die verlorene Utopie?, S. 11. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchismus

10 Diefenbacher (1996): Anarchismus-die verlorene Utopie?, S. 11/12. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchis- mus

11 Diefenbacher (1996): Anarchismus-die verlorene Utopie?, S. 12. In: Diefenbacher (Hrsg.): Anarchismus

12 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 42, dort zit. nach Godwin (1793): Untersuchung über politische Gerechtigkeit

13 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 43, dort zit. nach: Stirner (1845): Der Einzige und sein Eigentum.

14 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 43

15 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 43, dort zit. nach: Proudhon (1849): Bekenntnisse eines Revolutionärs.

16 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 44, dort zit. nach: Bakunin (1871): Gott und der Staat.

17 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 45, dort zit. nach: Kropotkin (1921): Die Eroberung des Brotes.

18 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 45

19 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 45

20 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 46, dort zit. nach: Landauer (1911): Aufruf zum Sozialismus.

21 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 46/47

22 de Jong (1977): Entstehung und Entwicklung des Anarchismus, S. 62. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2

23 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 47

24 Bartsch (1975): Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus, S. 47/48

25 Lehning (1977): Anarchismus, S. 17/18. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

26 Lehning (1977): Anarchismus, S. 24. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

27 Lehning (1977): Anarchismus, S. 17. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

28 Lehning (1977): Anarchismus, S. 20/21. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

29 Lehning (1977): Anarchismus, S. 21-23. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus- Band 2

30 de Jong (1977): Entstehung und Entwicklung des Anarchismus, S. 35. In: Lehning/ de Jong/ Bourdet: Marxismus und Anarchismus-Band 2

31 Kropotkin (1997): Der Anarchismus. Ursprung, Ideal und Philosophie, S. 73

32 Kropotkin (1997): Der Anarchismus. Ursprung, Ideal und Philosophie, S. 72/73

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Anarchismus als Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Fachbereich Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Politische Philosophie
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
31
Katalognummer
V37969
ISBN (eBook)
9783638371704
ISBN (Buch)
9783638654227
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anarchismus, Idee, Gesellschaft, Politische, Philosophie
Arbeit zitieren
Jasmin Becker (Autor), 2004, Anarchismus als Idee der herrschaftsfreien Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37969

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