Die Doppelgänger in Plautus Amphitruo und Heinrich von Kleists Amphitryon im Vergleich


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Plautus Amphitruo
2.1 Die Gattungsfrage
2.2 Komische Doppelgänger – Sosia und Mercur
2.3 Tragische Doppelgänger – Amphitruo und Iuppiter
2.4 Die Geburt von Doppelgängern

3. Heinrich von Kleists Amphitryon
3.1 Fokus des Werkes
3.2 Doppelgänger Sosias und Merkur
3.3 Doppelgänger Amphitryon und Jupiter

4. Vergleich der Doppelgänger

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Die Doppelgänger in Plautus Amphitruo und Heinrich von Kleists Amphitryon im Vergleich

1. Einleitung

Mit ihren Werken Amphitruo und Amphitryon haben sich Plautus und Heinrich von Kleist einem Stoff angenommen, der schon viele Generationen von Schriftstellern beschäftigt hat. Erstmals wird der, in der Literatur sehr oft rezipierte Stoff[1], im elften Gesang von Homers Odysse erwähnt. Die Rezeptionsgeschichte ist sehr reich und kann bis in die Gegenwart verfolgt werden. Jeder der Autoren, die sich mit diesem Mythos beschäftigt haben, sind mit unterschiedlicher Herangehensweise mit den Texten und Quellen umgegangen. Die zwei bereits erwähnten Adaptionen von Plautus und Kleist, sollen in dieser Arbeit untersucht und verglichen werden. Sie werden anhand der, in beiden Stücken auftretenden Doppelgängerkonstellationen sowie deren Entwicklung, analysiert. Es soll ein Vergleich der Doppelgänger erstellt werden, der demonstriert, wie die jeweiligen Autoren die Doppelgänger nutzen, um den Amphitryon-Stoff auf ihre Art und Weise zu deuten und zu präsentieren.

Beide Werke werden zunächst unabhängig voneinander analysiert. Zuerst wird Plautus Amphitruo untersucht. Die Gattung des Textes und seine Ausrichtung sind als erstes Teil der Untersuchung. Danach werden die Doppelgängerpaare Sosia – Mercur und Amphitruo – Iuppiter differenziert, bevor am Schluss des Kapitels, die Geburt des Herkules und seines Zwillingsbruders als letztes Doppelgängerpaar, auseinander gelegt wird. Um eine Analogie der Ausrichtungen der Werke anhand der Doppelgängerkonstellationen zu erhalten, ist im nächsten Kapitel Heinrich von Kleists Amphitryon das Thema. An erster Stelle steht auch hier die Analyse des Fokus des Werkes. Anschließend folgt die Aufgliederung der Doppelgängerpaare Sosias – Merkur und Amphitryon – Jupiter. Die Analyse gipfelt in einem finalen Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Doppelgänger in beiden Werken. So wird zum einen die historische Entwicklung des mythischen Amphitryon-Stoffes gezeigt, auf der anderen Seite aber auch, wie die jeweiligen Autoren die Doppelgänger nutzen, um die Stücke unterschiedlich zu gestalten.

2. Plautus Amphitruo

2.1 Die Gattungsfrage

Die Analyse des Prologes bietet sich an, um zu verstehen, warum Plautus die Doppelgänger so angelegt hat, wie sie in seinem Stück vorzufinden sind. Abgesehen davon, dass der Prolog die Funktion hat, dem Zuschauer Informationen zum besseren Verständnis des Stückes vor der Aufführung zu vermitteln, erfüllt er in diesem besonderen Fall eine weitere Aufgabe. Mercur, der später selber als Charakter auftritt, fungiert als Sprecher des Prologes und spricht noch vor Beginn über die Frage der Gattung des Stückes:

Erst sage ich nun den Wunsch, mit dem ich kam, erzähle euch dann den Stoff der Tragödie.

Wie, eure Stirn gerunzelt, weil es hieß:

>>Tragödie<<?[2]

(vgl. S. 11 V. 50-53)

Zuerst spricht Merkur von einer Tragödie, aber diesen Ausdruck verwirft er schnell wieder und führt seine Betitelung an:

Ich bin Gott, ich ändre es gleich:

Dies Stück laß ich nach Wunsch mit gleichem Text

Komödie werden aus Tragödie!

Nun, wollt ihr oder nicht? Ich bin doch dumm,

daß ich als Gott nicht weiß, ihr wollt es gern.

Es ist mir klar, wonach das Herz euch steht

Ich mische sie euch als Tragikomödie!

Denn daß sie ganz und gar Komödie wird,

wo Gott und König spielen, geht nicht an.

Was also? Da ein Sklave auch erscheint,

sei frisch kreiert die Tragikomödie.

(vgl. S.11 V. 53-63)

Er übt seine Fähigkeiten als Gott aus und wandelt die Tragödie in eine Tragikomödie um. Außerdem rechtfertigt er die Schaffung dieser neuen Gattung dadurch, dass keine reine Komödie daraus werden kann, da in diesem Stück Könige und Sklaven gleichzeitig mitspielen und es so der damals noch vorherrschenden Ständeklausel von Aristoteles[3], zu sehr widersprechen würde.

Durch diese Argumentation entsteht ein weiter Punkt, der nicht explizit erwähnt wird, aber für das Auftreten der Doppelgänger von enormer Wichtigkeit ist. Die Szenen, in denen die Götter und Könige auftreten, sind der Tragödie zuzuordnen, während die Szenen, in denen die Sklaven auftreten, der Komödie zuzuordnen sind. Interessant wird diese thematische Zuordnung nun, wenn der Gott Mercur in der Gestalt des Sklaven Sosia auftritt und damit in die vorherrschende Ordnung zu intervenieren scheint. Dass die Doppelgängerkonstellation in enger Verbindung zu der neu kreierten Gattung der „Tragikomödie“ steht, wird sich bei genauerer Analyse der Doppelgänger in den folgenden Kapiteln zeigen.

2.2 Komische Doppelgänger – Sosia und Mercur

In diesem Abschnitt sollen die beiden komischen Doppelgänger, Sosia und Mercur, analysiert werden. Ihre wichtigste Szene und gleichzeitig auch die einzige, in der sie aufeinander treffen, ist direkt im Anschluss an den Prolog angesiedelt. Sosia kehrt vom Hafen zurück und hat den Auftrag von seinem Herrscher Amphitruo, seiner Frau Alcumena Bericht zu erstatten. Mercur, der die Gestalt von Sosia angenommen hat, wartet vor der Burg auf Sosia, um diesen vom Eintreten abzuhalten. Diese Szene bietet mehrere komische Aspekte, die zu der Belustigung der Zuschauer dienen. Zum einen, möchte der Sklave zuerst seinen Bericht, den er Alcumena überbringen soll, einüben:

Jetzt will ich einstudieren, wie ich’s der Frau berichte, komme ich an.

Erzähle ich ihr ein Lügenmärchen, wär es ganz nach meinem Brauch.

Denn als die Schlacht am höchsten ging, bin ich mit höchster Kraft – geflohn.

(vgl. S. 21 V. 196-199)

Nach dieser Aussage erwartet der Zuschauer nun einen erfundenen Bericht, jedoch bringt Sosia einen ausgefeilten Vortrag vor, was eine Art Komik erzeugt, da er sich eine Zeile zuvor, selber als unzuverlässig und unglaubwürdig charakterisiert hat. Der nächste, auffallende, komische Aspekt, schließt sich nun an. Im Prolog wurde bereits erwähnt, dass Iuppiter die Nacht gedeht hat um länger bei Alcumena sein zu können (vgl. S.15 V.113f). Sosia wiederum scheint dieser Umstand aufzufallen und er liefert seine ganz eigene Erklärung, die, für den bereits informierten Zuschauer, sehr amüsant ist. Seiner Meinung nach „schläft Nocturnus betrunken“ (vgl. S. 27 V. 272) und wenig später ergänzt er: „Ja, ich glaube, die Sonne schläft und ist ganz ordentlich berauscht.“ (vgl. S. 29 V. 282). Da der Zuschauer in die Vorgänge innerhalb des Hauses eingeweiht ist, erzeugt auch sein letzter Kommentar zu diesem Thema „Teure Dirnen müd zu machen, ist die Nacht ganz wunderbar.“ (vgl. S. 29 V. 288) Komik, insbesondere durch die nachfolgende Bestätigung der Ereignisse durch Mercur in Vers 289.

Der letzte und wahrscheinlich größte komische Umstand, ist die direkt Konfrontation der beiden Doppelgänger, die ab Vers 341 beginnt. Während in den Abschnitten vorher die Prügel nur sprachlich zum Ausdruck gekommen ist und nur angedroht wurde, verwirklicht sich diese in Zeile 372 und 373. Nun folgt, die erste, wirkliche Auseinandersetzung der Doppelgänger, bei der Mercur selbstverständlich problemlos gewinnt. Als Sosia sich seiner Ähnlichkeit mit Mercur bewusst wird, sieht er nur einen Weg, um den vermeintlichen Betrüger zu überführen:

Seine Beweise sint frappant. Einen anderen Namen such ich mir!

Oder hat er mich belauscht? Jetzt greife ich zu einem Trick:

Denn was ich alleine vollbrachte, ohne daß es jemand sah- drin im Zelte!-, das zumindest weiß er sicher keinesfalls.

(vgl. S. 43 V. 423-426)

Dies wirkt sehr komisch für den Zuschauer, da ihm bewusst ist, dass Sosia es mit einem allwissenden Gott zu tun hat und seine List völlig sinnlos ist. Er gibt sich geschlagen und unter erneuter Androhung von Prügel verlässt er das Gelände, um zu seinem Herren zurückzukehren.

Sosia spielt in zwei späteren Szenen noch eine größere Rolle. In der ersten dieser beiden, berichtet er seinem Herren von dem „Zwilling-Sosia“ (vgl. S. 61 V. 615). Amphitruo glaubt ihm nicht und wirft ihm vor, dass er alles nur geträumt habe (vgl. S. 61 V. 619). Sosia beteuert weiterhin, dass sein Doppelgänger existiert und möchte Amphituro persönlich von dessen Existenz überzeugen. Dieser Umstand deutet dem Zuschauer an, dass er in naher Zukunft mit erneuten komischen Verwicklungen zu rechnen hat, da in der vorherigen Szene Iuppiter und Mercur die Stadt verlassen haben und Amphitruo sich so, nicht von der Existenz der Doppelgänger überzeugen kann.

Die anschließende Szene ist Sosias letzter komischer Auftritt. Es findet ein Streitgespräch zwischen Amphitruo und Alcumena statt, welches immer wieder, durch unangebrachte Kommentare von Sosia, unterbrochen wird:

SOS: Besser ist’s Amphitruo, wir gehen zum Schiff zurück. AMPH: Warum?

SOS: Weil daheim bei unsrer Heimkehr niemand und bewirten wird.

AMPH: Und wie kommst du auf den Einfall jetzt? SOS: Wir kommen viel zu spät.

AMPH: Wie? SOS: Ich sehe, Alcumena, die vorm Haus steht, ist schon satt.

(vgl. S. 65 V. 664-667)

In diesen Szenen zeigt sich, was Plautus mit seiner Gattung der Tragikomödie meint. Er sucht sich gezielt die Doppelgänger Sosia und Mercur als komisches Kernstück für Amphitruo aus. Zum einen Sosia, den Sklaven, der für gewöhnlich in einer Komödie zu finden ist und gleichzeitig Mercur, der zwar ein Gott ist, sich hier aber in der Rolle eines Sklaven manifestiert und somit die Grenze der Ständeklausel überwindet.

2.3 Tragische Doppelgänger – Amphitruo und Iuppiter

Im Gegenteil zu den Doppelgängern Sosia und Mercur, stellen sich Amphitruo und Iuppiter als tragische Doppelgänger dar. Das Amphitruo den tragischen Figuren zuzuordnen ist, kann man bereits im Streitgespräch zwischen ihm und seiner Frau feststellen. Als er aus dem Krieg wiederkehrt, rechnet er mit einem liebevollen Empfang seiner Frau. Da diese aber Iuppiter, in der Gestalt ihres Mannes, bereits in der Nacht zuvor empfangen hat, scheint ihr seine schnelle Rückkehr als unlogisch und verwirrend. Da er nun nicht das bekommt, was er sich erwünscht hat, wird er wütend und es entwickelt sich ein existenzieller Streit zwischen den beiden. Dieser wirkt für den Zuschauer nicht komisch, sondern beklemmend und mitleiderregend, da beide theoretisch im Recht sind und sich niemand von ihnen etwas zu Schulden kommen gelassen hat. Somit wird auch ein, für die Tragödie typischer Punkt, dargelegt. Das Schicksal des Menschen und seine Existenz als „Spielball der Götter“.

An einigen Stellen im Werk wirkt Amphitruo durchaus lächerlich und würdelos, dies geschieht aber nur in den Szenen, in denen er mit der Doppelgängerkonstellation Sosia – Mercur in Berührung kommt. Der tragische Teil des Stückes wird immer dann deutlich, wenn Amphitruo mit dem Verwechslungsspiel von Iuppiter in Kontakt steht. Iuppiter sorgt durch sein Auftauchen und seine Taten auf der Erde, für Probleme und Identitäskrisen bei den Menschen. Das Iuppiter den tragischen Figuren zuzuordnen ist, scheint sich bereits aus dem Prolog als textimmanent herauszustellen. In Vers 93 sagt Mercur zum Publikum:

[...]


[1] Paulsen, Thomas: Kindler Kompakt Literatur der Antike. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2017

[2] Plautus: Amphitruo.Hrsg: Jürgen Blänsdorf, Reclam Stuttgart 1986. Im Folgenden werden Zitate mit Seiten- und Versangaben versehen.

[3] Aristoteles: Poetik. Hrsg: Manfred Fuhrmann, Reclam Stuttgart 1982. S. 9

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Doppelgänger in Plautus Amphitruo und Heinrich von Kleists Amphitryon im Vergleich
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Proseminar Doppelgänger
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V379691
ISBN (eBook)
9783668566828
ISBN (Buch)
9783668566835
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit wurde im Proseminar "Doppelgänger" für das Sommersemester 2017 geschrieben.
Schlagworte
Plautus, Amphitruo, Heinrich von Kleist, Amphitryon, Komparatistik, Doppelgänger
Arbeit zitieren
Karsten Klein (Autor), 2017, Die Doppelgänger in Plautus Amphitruo und Heinrich von Kleists Amphitryon im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379691

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