In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wurde Bundeskanzler Gerhard Schröder die Frage gestellt, ob er glaube, dass die sich USamerikanische Regierung bei ihren Entscheidungen zu sehr nach religiösen Wertvorstellungen richte. Worauf der Bundeskanzler antwortete, dass er sich sicher sei, dass auch die Bush-Administration ihre Entscheidungen rein rational treffe.1 Er wird es nicht so gemeint haben, trotzdem könnte man ihm unterstellen, er gehe davon aus, dass alle politischen Entscheidungen rationale sind – rationale im Sinne des Rational-Choice-Ansatzes. Dieser Rational-Choice-Ansatz beschreibt einen theoretischen Vorgang, nach welchem der dazu gehörig typologisierte Mensch, der sogenannte Homo Oeconomicus, Entscheidungen fällt. Bei diesem Ansatz handelt es sich um den im Allgemeinen und in der Politikwissenschaft im Besonderen am meisten und heftigsten diskutierten. Wie es in der Natur viel diskutierter Themen liegt, haben diese nicht nur Befürworter, sondern auch Kritiker, die ihre Richtigkeit bezweifeln.
So verhält es sich auch mit dem Rational-Choice-Ansatz: Wie von Beyme erläutert, wird dem Ansatz vor allem vorgeworfen, sich empirisch schlecht belegen zu lassen und nur in Situationen mit sehr beschränkter Anzahl von Handlungsoptionen zufrieden stellende Aussagen liefern zu können. In Bezug auf Cox führt er an, dass sich die Kritik des Ansatzes vor allem gegen seine rigorosesten Verfechter wende und außerdem kein anderer Ansatz so scharfen Tests unterworfen werde wie der des Rational Choice.2
Doch es wird auch oft darauf hingewiesen wird, dass sich diese Auseinandersetzungen nicht durch Meinungsverschiedenheiten begründen, sondern vielmehr auf Missverständnissen beruhen. 3 Aus diesem Grund möchte diese Hausarbeit einen objektiven Blick auf den Rational- Choice-Ansatz werfen; das heißt zunächst ohne jegliche Wertung und anschließend sowohl Gründe für seine Befürwortung als auch für seine Ablehnung. So sollen im ersten Teil zunächst die Grundannahmen und die Methodik des Rational-Choice- Ansatzes vorgestellt und anschließend im zweiten Teil dann die Hauptbefürwortungs- und -kritikpunkte angesprochen werden. Obwohl es verschiedene Theoriezweige dieses Ansatzes gibt, wird im Rahmen der Arbeit der Rational-Choice-Ansatz dennoch als ein allgemeiner Überbegriff für die verschiedenen Teilbereiche verwendet, und der Auffächerung durch eine kurze Vorstellung dieser genüge getan sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Rational-Choice-Ansatz
2.a. Grundannahmen
2.b. Entscheidungsmethodik
3. Die Kritik am Rational-Choice-Ansatz
3.a. En Gros
3.a.i. Der Vorwurf der Unmoral
3.a.ii. Der Vorwurf der Nutzlosigkeit
3.b. En Detail
3.b.i. Angefallene Kosten
3.b.ii. Die Präferenz der Sicherheit
3.b.iii. Vermeidung von Verlusten
3.b.iv. Umkehrung der Präferenzen
3.b.v. Entscheidungen in Low-Cost-Situationen
3.b.vi. Entscheidungen aus Gewohnheit
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine objektive und wertfreie Analyse des Rational-Choice-Ansatzes vorzunehmen. Dabei soll zunächst das theoretische Fundament des Ansatzes erläutert werden, um anschließend die zentralen Kritikpunkte und Befürwortungen aus wissenschaftlicher Sicht kritisch zu beleuchten.
- Grundlegende Prinzipien des methodologischen Individualismus
- Die Logik des Homo Oeconomicus und Nutzenmaximierung
- Differenzierung zwischen parametrischer und strategischer Wahl
- Kritik an der empirischen Anwendbarkeit und moralischen Implikationen
- Analyse von Entscheidungsverhalten außerhalb strikter Rationalitätsmodelle (z.B. Gewohnheit)
Auszug aus dem Buch
Die Grundannahmen
Es sind vor allem drei Grundannahmen, auf die in den Sozialwissenschaften der Rational-Choice-Ansatz fußt: Das ist a) der methodologische Individualismus: Soziale Situationen begründen sich durch individuelle Handlungen. Das ist b) die Entscheidung nach rationaler Wahl: Die oben genannte individuelle Handlung beruht auf einer Entscheidung, die rational getroffen wurde. Und das ist c) die nutzenmaximierende Handlung: Die individuelle rational getroffene Entscheidung ist dann rational, wenn alle Handlungsalternativen unter Berücksichtigung aller dadurch auftretenden Vor- und Nachteilen mit den Präferenzen des Akteurs abgewogen wurden und sich der Akteur für diejenige Handlungsalternative entscheidet, die seinen Nutzen maximiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des Rational-Choice-Ansatzes in der Politikwissenschaft ein und skizziert das Ziel der Arbeit, den Ansatz objektiv zu betrachten.
2. Der Rational-Choice-Ansatz: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundannahmen, wie den methodologischen Individualismus und die Nutzenmaximierung, sowie die Entscheidungsmethodik dar.
3. Die Kritik am Rational-Choice-Ansatz: Hier werden zentrale Kritikpunkte diskutiert, die von moralischen Vorwürfen bis hin zu empirischen Schwächen des Modells in konkreten Alltagssituationen reichen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die heuristische Bedeutung des Ansatzes trotz seiner theoretischen Grenzen.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist das Quellenverzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Rational-Choice, Homo Oeconomicus, Politikwissenschaft, Nutzenmaximierung, methodologischer Individualismus, Entscheidungstheorie, Spieltheorie, Handlungsalternativen, Präferenzen, empirische Kritik, strategische Wahl, Heuristik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine kritische Auseinandersetzung mit dem theoretischen Konzept des Rational-Choice-Ansatzes und dessen Anwendung in der Politikwissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Grundannahmen rationalen Handelns, die methodische Vorgehensweise der Nutzenmaximierung sowie eine breite Palette an Kritikpunkten an diesem Modell.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist eine objektive, wertfreie Vorstellung des Ansatzes und die anschließende kritische Diskussion seiner Stärken und Schwächen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die verschiedene wissenschaftliche Positionen und spieltheoretische Grundannahmen gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Homo Oeconomicus, Handlungsmodelle) erläutert und anschließend sowohl allgemeine als auch spezifische Kritikpunkte detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Rational-Choice, Nutzenmaximierung, methodologischer Individualismus, Entscheidungstheorie und politische Theorie.
Warum spielt das Konzept des RREEMM eine Rolle?
Das RREEMM-Modell bietet eine differenziertere Sicht auf den Akteur, der zwar nutzenmaximierend handelt, aber durch Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten in seiner Umwelt beschränkt ist.
Inwiefern beeinflussen "angefallene Kosten" eine rationale Entscheidung?
Die Arbeit zeigt, dass Akteure oft irrationale Entscheidungen treffen, weil sie bereits investierte Kosten (Sunk Costs) nicht als verloren betrachten wollen, was das klassische Rational-Choice-Modell herausfordert.
Was bedeutet der Vorwurf der "Low-Cost-Situationen"?
In manchen Situationen sind die Kosten der Informationsbeschaffung höher als der Nutzen der Entscheidung, weshalb Akteure oft aus Gewohnheit statt durch rationale Abwägung handeln.
- Quote paper
- Tilman Scheipers (Author), 2005, Rational Choice - Eine kritische Betrachtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37972