Übertragung und Gegenübertragung bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übertragung

3 Gegenübertragung

4 Die Bedeutung des Dialogs für eine gesunde Entwicklung
4.1 Dialog als Grundlage kindlicher Entwicklung
4.2 Die Bedeutung des Dialogs für die Zone der nächsten Entwicklung

5 Entwicklungspsychologische Bedingungen bei der Entstehung von Verhaltensstörungen

6 Auswirkungen für die pädagogische Tätigkeit

7 Zusammenfassung

8 Praxisreflektion

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das studienbegleitende Praktikum unter dem Aspekt der „Dialogischen Annäherung“ habe ich an der „Schule für Kranke“ in Ludwigsburg absolviert. Bei dieser Schule handelt es sich um eine selbstständige öffentlich-rechtliche Schule mit dem Förderschwerpunkt „Schüler in längerer Krankenhausbehandlung“. Unterrichtet werden alle schulpflichtigen Kinder, die sich überwiegend in psychosomatisch oder psychiatrisch stationärer Behandlung befinden. Während ihrer Behandlung, die in der Regel 12 Wochen beträgt, werden die Kinder und Jugendlichen von einem multidisziplinären Team aus ÄrztInnen, TherapeutInnen, SonderpädagogInnen, HeilpädagogInnen, u.v.m. betreut.

Während meinem Praktikum war ich jeden Montag in einer Klasse mit 6 Kindern. In dieser Klasse wurden Kinder der 1. bis zur 4. Klassenstufe von einer Sonderpädagogin gemeinsam unterrichtet. Die Kinder wirkten auf mich immer sehr unruhig und überlastet, wenn sie nach den Wochenenden zurück in die Klasse kamen. Als ich die Sonderpädagogin darauf ansprach, sagte sie mir, dass die Kinder sich vor allem montagsmorgens auffällig verhalten würden. Sie würden nach dem Wochenende immer wie „geladen“ wirken. Ihr gegenüber würden sie sich besonders provokant und manipulativ verhalten. In meinen nachfolgenden Beobachtungen sind mir in sehr konfliktbeladenen Situationen vermehrt Aussagen der Kinder aufgefallen, wie zum Beispiel „Sie sind wie meine Mutter!“ oder „Sie sind nicht besser als meine Klassenlehrerin!“. Während meiner Literaturrecherche, kam mit der Gedanke, dass es sich dabei womöglich um ein Übertragungsgeschehen handeln könnte, über den die Kinder ihre unbewältigten Konflikte innerhalb ihrer Familien zu verarbeiten versuchen.

Daher möchte ich in meiner nachfolgenden Arbeit die Prozesse der Übertragung und Gegenübertragung darstellen und der Frage nachgehen, wie PädagogInnen in diesem Zusammenhang Verhaltensauffälligkeiten neu deuten können, um die Entwicklung des Kindes in der pädagogischen Tätigkeit zu fördern?

2 Übertragung

Siegmund Freud entdeckte die Übertragungsvorgänge erstmals bei seiner Suche nach psychotherapeutischen Behandlungsmethoden für psychisch Kranke in seinen „Studien über Hysterie“ (vgl. Nagera und Freud 1977: 484-485; Buch). Übertragung stellt sich in allen menschlichen Beziehungen spontan her. Dabei umfasst sie „alle Phänomene der subjektiven Bedeutungszuschreibung innerhalb einer Begegnung von mindestens zwei Personen“.

In der Übertragung werden unbewusst gewordene Einstellungen aus der Vergangenheit wiederbelebt und wiederholt. Sie erscheinen dabei nicht als der Vergangenheit angehörig, sondern beziehen sich auf eine Person in der Gegenwart. Auf diese gegenwärtige Person werden Gefühle und Reaktionen aus der Vergangenheit übertragen, die damals einer wichtigen Bezugsperson gegolten haben (vgl. Nagera und Freud 1977: 484 ff.). Somit belebt die Übertragungsbeziehung die Beziehung zu einem früheren Objekt. Durch die Neuinszenierung kommt es folglich zu der Reproduktion einer negativen Erfahrung (vgl. Gerspach 1998: 149). Körner definiert Übertragung als Versuch, „einen unmöglichen inneren Dialog in einen Dialog mit uns zu verwandeln“ (vgl. Körner 1998: 363, zitiert in Gerspach 1998: 153). Laut Freud gelten für die Definition von Übertragung zwei Kriterien: die Wiederholung der Vergangenheit und die Verzerrung der Realität. Zudem unterschied Freud zwischen positiver und negativer Übertragung. In der positiven Übertragung werden unbewusste zärtliche Gefühle auf die gegenwertige Person übertragen. Diese positiven Regungen gehen laut Freud auf die ursprünglichen infantilen Sexualobjekte zurück. Bei der negativen Übertragung werden negative, bzw. feindselige Regungen auf das Gegenüber übertragen, die einst einer primären Bezugsperson gegolten haben (Nagera und Freud 1977: 492 ff.). „Trescher stellt sieben Merkmale von Übertragungsreaktionen heraus:

1. Es handelt sich um ein intrapsychisches Geschehen.
2. Die Übertragung stellt eine wiederbelebte Objektbeziehung dar, die aktualisiert wird.
3. Übertragungen sind an Regression geknüpft und 4. Folgen unbewussten infantilen Beziehungsmustern. 5. Das zugrunde liegende Erleben wird nicht bewusst erinnert, sondern unbewusst in Handlungen umgesetzt. 6. Übertragungsreaktionen basieren auf Ersetzungen des früheren Objekts durch Stellvertreter. 7. Weil Übertragung eine Wiederholung darstellt, ist sie der Realität des aktuellen Beziehungskontextes gegenüber unangemessen“ (Gerspach 2014: 180). Bei der Übertragung handelt es sich folglich um eine Wahrnehmungsverzerrung - „Sie sind wie meine Mutter“ - wodurch entsprechende Abwehrmechanismen ausgelöst werden, welche dann zu szenisch sich ergänzenden Gegenübertragungsreaktionen führen (vgl. Gerspach 2014: 179-180).

3 Gegenübertragung

Die Gegenübertragung wiederum „ manifestiert sich in Phantasien, Stimmungen, Impulsen und Verhaltensweisen, die sich analog zu den Übertragungen verhalten können und so einen indirekten Indikator darstellen, der Rückschlüsse auf den Inhalt der Übertragung zulässt“ (Gerspach 2014: 180). Das heutige Verständnis der Gegenübertragung umfasst die Gesamtheit der Einstellungen der AnalytikerInnen gegenüber dem Analysanden. Darunter fallen alle bewussten, unbewussten, reaktiven und genuinen Einstellungen, die sich auf den Analysanden beziehen. Die AnalytikerInnen gestalten den analytischen Prozess durch viele subjektive Faktoren, unteranderem durch ihre eigene Übertragung aktiv mit. Daher ist ein umfassendes Verständnis der Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik Voraussetzung für eine gelingende psychoanalytische Therapie (vgl. Gerspach 2014: 181).

Gegenübertragungsprozesse werden entweder als objektiv oder als subjektiv angesehen. Objektive Gegenübertragungen sind kognitive und affektive Antworten von TherapeutInnen, die als angemessen gelten und in der therapeutischen Arbeit erwartet werden. Subjektive Gegenübertragungen beziehen sich auf unangemessene Antworten den KlientInnen gegenüber, welche in ungelösten Konflikten aus der Vergangenheit der TherapeutInnen herrühren. Therapie ist daher als interaktiver Prozess zu verstehen, „in dem sich Übertragung immer in Verbindung mit Gegenübertragung entfaltet“ (Faber 1995: 69).

Es werden zwei Formen der Gegenübertragung unterschieden. Die „konkordante Identifizierung“ beruht auf der Resonanz, dass fremde Anteile des anderen zu einem zu uns gehörigen Teil werden. Durch empathische Prozesse übernehmen wir das Fremde im eigenen Erleben. Bei der „komplementären Identifizierung“ überwiegt die Identifikation mit den Objektanteilen jenes früheren Objektes, welches die kindlichen Impulse unterdrückte (Gerspach 1998: 149).

In der Gegenübertragung werden also die unbewältigten Konflikte des Analysanden im Analytiker betrachtet. In der Kohutschen Selbstpsychologie wird die Gegenübertragung als ein Medium der Empathie genutzt, wobei „gleichzeitig ein betont abwartender, nichtkonfrontativer Interventionsstil ein Korrektiv gegenüber traumatisierenden Vorerfahrungen darstellt“ (Kohut 1997, zitiert in Gerspach 2014: 181). „Die Absicht, den Patienten zu verstehen, fördert die Identifikation mit ihm, was die Vorrausetzung für das Verstehen ist“ (Gerspach 2014: 181).

In diesem Zusammenhang ist es unumgänglich, auf mögliche „Empathiefallen“ einzugehen. Im Zuge der Gegenübertragung können laut Farber (1995), zwei Reaktionsstile unterschieden werden. Eine Gegenübertragung die auf Überidentifikation beruht, ist gekennzeichnet durch empathische Unausgeglichenheit im objektiven Bereich und Verwickeltsein im subjektiven Bereich. Ein Beispiel hierfür wäre die Faszination der TherapeutInnen im objektiven Bereich, bei gleichzeitiger Identifikation mit der Opferrolle im subjektiven Bereich. Gegenübertragungsreaktionen, welche auf vermeidende Reaktionen beruhen, sind gekennzeichnet durch empathischen Rückzug im objektiven Bereich und empathische Verdrängung im subjektiven Bereich. Beispielsweise Ärger und Wut im objektiven Bereich und Distanzierung von affektiv belastenden, instabilen Anteilen der Persönlichkeit im subjektiven Bereich (vgl. Faber Okt. 1995: 70).

4 Die Bedeutung des Dialogs für eine gesunde Entwicklung

4.1 Dialog als Grundlage kindlicher Entwicklung

Um den Prozess der Übertragung in der pädagogischen Arbeit nachvollziehen und Verhaltensauffälligkeiten neu deuten zu können, ist das Verständnis wichtig, dass es für die kindliche Entwicklung essentiell ist, psychische Bindungen über dialogische Beziehungen aufzubauen. Gerspach schreibt hierzu, dass der Mensch eines zufriedenstellenden Dialoges mit seinen primären Bezugspersonen bedarf, um sich gedeihlich zu entwickeln. Im Nachfolgenden soll dieser Prozess in der kindlichen Entwicklung ausführlich erläutert werden.

Um physisch und psychisch überleben zu können, ist das Kind vollständig auf die affektive Resonanz und Beziehungsfähigkeit seiner primären Bezugspersonen angewiesen. Affekte bilden die Grundlage für die kindliche Entwicklung sowie die Entwicklung von Objektbeziehungen im menschlichen Miteinander. Sie werden als psychische Strukturen definiert, „(…) die sich aus motivationalen, somatischen, expressiven, kommunikativen, sowie emotionalen Komponenten zusammensetzen und an eine bestimmte Vorstellung oder einen bestimmten kognitiven Inhalt gebunden sind (…)“ (Tyson/Tyson, 1997, zitiert in Gerspach, 1998: 141). Das Affekterleben des Kindes entsteht durch den wechselseitigen Dialog mit seiner Bezugsperson. Dieser beruht ausschließlich auf Spiegelung und Reziprozität (vgl. Gerspach 1998: 137–140, 145). In einer neuen Situation gibt der Affektausdruck auf dem Gesicht der Bezugsperson dem Kind Orientierung. Das Kind liest den Affektzustand der Bezugsperson ab, indem es deren Gesichtsausdruck prüft. Somit bestimmt die Reaktion der Bezugsperson den sich entwickelnden Affekt des Kindes. Daher können Affekte auch als emotionale Bewertung einer neuen Erfahrung beschrieben werden (vgl. Gerspach 1998: 139–142). Von Beginn an sucht das Kind aktiv nach Reizen, initiiert Kommunikation und versucht Affektabstimmungen herzustellen. Um mentale Funktionen und Aktivitäten erweitern zu können, bedarf das Kind der „Spiegelung“ seiner Selbst durch die Bezugsperson. Sie verstärkt oder kommentiert die kindlichen Regungen, wodurch das Kind nicht nur Informationen über sein aktuelles Befinden erhält, sondern auch angeregt wird etwas Neues zu entwickeln (Gerspach 1998: 140–142). Dadurch, dass die Bezugsperson einfühlsam auf die kindlichen Bedürfnisse eingeht und ihm seine innere Befindlichkeit widerspiegelt, hilft sie ihm, mit seinem Selbstempfinden vertraut zu werden. Das Kind baut durch die permanente Kommunikation und Verfügbarkeit der Bezugsperson ein affektives Kern-Selbst auf und lernt sein affektives Gleichgewicht zu regulieren. Der affektive Austauschprozess beeinflusst somit die Stimulusaktivität des Kindes, hierbei wird laut Gerspach, das Gefühl der Kohärenz für selbstregulierende Erfahrung allein in Anwesenheit eines „self-regulating-other“ gebildet (vgl. Gerspach 1998: 141–145).

Damit das Kind ein Gefühl der Sicherheit aufbauen kann, bedarf es nach heutiger Auffassung der Spiegelung, Kommunikation sowie dem Körperkontakt und Affektaustausch innerhalb der Beziehung zu seiner Bezugsperson. Dabei entscheidet die Qualität dieser frühen Beziehung, darüber, ob das Kind lernt mit störenden Einflüssen der Umgebung zurecht zu kommen und ein kohärentes Ich aufzubauen (vgl. Gerspach 1998: 144–146).

Somit ist die erste Funktion der empathischen Zuneigung einer Bezugsperson, dass Kind zu beruhigen und zu stabilisieren. Der Bewältigung von Konflikten kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Indem durch die dialogische Beziehung mit der Bezugsperson, „(…) die Bewältigung emotionaler Unlustzustände (…) sowie die Unterstützung beim Andauern emotional positiver Zustände gelingt“ (Jantzen 2000, zitiert in Kutscher 2000: 281). Dieses „Containing“ oder „Containment“ bedeutet, dass die Mutter die noch nicht bewussten Affekte und Empfindungen des Kindes eine Zeitlang in sich bewahrt und stellvertretend verarbeitet, um das Kind vor einer Übererregung durch seine Affekte zu schützen und ihm ein Gefühl der Kontinuität in seiner Existenz mit seiner Umwelt zu ermöglichen. „Diesem Verständnis nach wird eine Mutter die projektiv vermittelten Gefühlszustände ihres Kindes nicht abwehren, sondern über dessen Erleben solange emotional nachdenken, bis in ihr eine Ahnung über sein Befinden aufkommt“ (Gerspach 1998: 152). Es ist zentraler Teil früher strukturbildender Interaktionserfahrungen, durch welche das Kind gebräuchliche Umgangsformen nachvollzieht und das Wissen um die eigene Wirksamkeit erhält, mit der es Personen und Gegenstände in einer bestimmten Weise zu behandeln versteht (vgl. Kutscher 2002: 288). Durch diese Erfahrung wird das Kind später in der Lage sein, „soziale wie kognitive Kompetenzen zu entfalten und sich in neuen Situationen angemessen und sozial verträglich zu stabilisieren“ (Gerspach 1998: 146).

4.2 Die Bedeutung des Dialogs für die Zone der nächsten Entwicklung

PädagogInnen stehen in ihrer Tätigkeit der Aufgabe gegenüber, „das Niveau der Anforderungen zu finden, auf dem sich der andere entwickelnd bewegen kann“ (Kutscher 2002: 279). Dies sollte unter dem Aspekt erfolgen, an jeden Menschen möglichst hohe Anforderungen zu richten und ihm gleichzeitig mit hoher Achtung zu begegnen, um ihn in seiner Entwicklung bestmöglich zu fördern. Dieses Niveau an Anforderungen ist eine sich über emotionale Bewertungen ständig wandelnde Organisationstruktur des Psychischen. Bei der Suche nach dem höchsten Organisationsniveau interessieren uns schon die Übergänge zum nächsthöheren. Hierbei spielen die inneren Wechselbeziehungen der motivationalen Linien in der Gesamtheit der menschlichen Entwicklung eine wichtige Rolle. „Insoweit kann man Förderung als Anforderung auf dem höchsten Organisationsniveau des Psychischen beschreiben, weil sich darin das psychologische Profil höher differenziert“ (Kutscher 2002: 280).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Übertragung und Gegenübertragung bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V379731
ISBN (eBook)
9783668567603
ISBN (Buch)
9783668567610
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Übertragung, Gegenübertragung, Verhalten, Kinder, Jugendliche, Verhaltsauffällig
Arbeit zitieren
Vanessa Hark (Autor), 2016, Übertragung und Gegenübertragung bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379731

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