Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen

Ein wiederkehrender Blick auf scheinbar Unveränderbares


Seminararbeit, 2017

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Erkenntnisinteresse und Stand der Forschung
Sozialisation und das Habituskonzept nach Bourdieu
Geschlechtsbezogene Rollenanforderungen an jungen Menschen

Forschungsfragen

Methodischer Zugang
Fokusgruppe
Diskussionssetting

Interpretation der Ergebnisse

Ausblick
Berufs- und Bildungsberatung – Qualitätsanforderungen an die Profession
Gendersensible Beratung

Zusammenfassung

Die Segregation der Geschlechter am Arbeitsmarkt ist nicht nur in Österreich eine konstante Größe. So arbeiten in vielen Berufsfeldern entweder überwiegend Männer oder überwiegend Frauen. Sprachlich wird das teilweise zwanghaft aufrechterhaltene binäre Geschlechtermodell durch Begriffe wie „Frauenberufe“ und „Männerberufe“ abgebildet und durch performative Akte des „Doing Gender“ wiederkehrend konstituiert und legitimiert. Dieses Phänomen bildet sich auch in der vorausgehenden Lehrausbildung ab. Das zeigen Auswertungen von Gruppendiskussionen mit Lehrlingen, die in Fokusgruppen zum Einfluss auf Geschlecht bei der Berufswahlentscheidung befragt wurden.

Gendersensible Bildungs- und Berufsberatung hat im Sinne des Gleichstellungsauftrags die Aufgabe, bei der Überwindung von Bildungsbarrieren1 zu helfen, um gleiche Chancen zu gewährleisten. Dazu müssen Berater/innen einerseits ihre eigenen Zugänge und Werte offenlegen und andererseits personenzentriert den individuellen Lebensentwurf des/der Einzelnen wahr- und wichtig nehmen. Entsprechend der sich daraus ergebenden Bedürfnisse des/der zu Beratenden gilt es, den Beratungsprozess und das Beratungsangebot zu gestalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erkenntnisinteresse und Stand der Forschung

Männer und Frauen sind in das Erwerbssystem sehr unterschiedlich eingebunden. Denn trotz einer zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen, die auf den ersten Blick unter Umständen eine zunehmende Gleichstellung der Geschlechter suggeriert, ist die vertikale und horizontale Segregation am Arbeitsmarkt nicht nur in Österreich eine wirkungsvolle Größe.

Die vertikale Segregation ordnet Männern und Frauen schwerpunktmäßig unterschiedliche hierarchische Ebenen zu. Charakteristisch dafür ist die unterschiedliche Repräsentanz von Männern und Frauen in Führungsebenen und Vorstandsetagen. In der horizontalen Segregation wird die Verteilung von Männern und Frauen in verschiedenen Berufen sichtbar. Dabei ist eine höhere Entlohnung in Sparten, die von Männern dominiert werden, auffällig.

In vielen Berufsfeldern sind entweder überwiegend Frauen oder Männer tätig.

Deutliche Disparitäten zwischen Männern und Frauen bestehen auch in der Verteilung nach Branchen und Betriebsgrößen. So sind Frauen überwiegend im Dienstleistungssektor wie Handel oder Tourismus tätig. Wenn Frauen im industriegewerblichen Bereich arbeiten, dann zumeist in der Konsumgüterproduktion. Auch wenn die Segregationsmuster europaweit grundsätzlich ähnlich sind, ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt in Österreich die Segregation nach Berufen stärker (Biffl 2006, S. 94). Die Ursachen für diese innereuropäischen Unterschiede sind multifaktoriell. So wirkt sich der Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen eher als eine Verstärkung der horizontalen Segregation aus, weil die dadurch entstehende Nachfrage am Arbeitsmarkt sich stark auf betreuerische bzw. pflegende Berufe konzentriert, die gemäß den prävalenten Rollenbildern immer noch überwiegend von Frauen ausgeübt werden. Entsprechendes Datenmaterial weist darüber hinaus auch daraufhin, dass die Minderung der Bildungssegregation in Österreich langsamer voranschreitet als in anderen europäischen Ländern.

Zwar ist das Bildungsniveau von Frauen gestiegen, aber besonders in berufsbildenden Schulen findet eine geschlechtsspezifische Durchmischung nur sehr langsam statt (Leitner & Dibiasi 2015, S. 95).

Auch der Gender Pay Gap bei gering bzw. unqualifizierten Arbeitnehmer/innen ist in Österreich höher als in den meisten anderen EU-Staaten. Wobei die Verteilung in den einzelnen Berufsbranchen europaweit unterschiedlich ausfällt (vgl. Achatz 2008; Geisberger & Glaser 2014)2.

Der Nationale Bildungsbericht aus dem Jahr 2012 weist aus, dass eine Segregation der Geschlechter bereits in der Sekundarstufe II auffällig ist (vgl. Bruneforth et al. 2013). Als Querschnittsthema setzt sich diese Kategorisierung selbstverständlich auch in den der Berufstätigkeit vorausgehenden (Lehr)ausbildungen bestimmend fort. So absolvieren viele Mädchen eine Ausbildung in einem sogenannten „Frauenberuf“ und die meisten Burschen erlernen einen „Männerberuf“.3

Dabei ist das Wahlverhalten von jungen Frauen zwar einerseits flexibler, aber andererseits auch eingeschränkter als das junger Männer (vgl. Luttenberger 2016).

Allgemein zeigen einschlägige Studien, dass weibliche Jugendliche in der Lehrlingsausbildung traditionellerweise unterrepräsentiert sind, da sie sich zu einem hohen Maße für weiterführende mittlere und höhere Schulen entscheiden. Einerseits weil die Lehrausbildung an sich eher in technisch-produzierenden Branchen verortet ist, die immer noch mehr männliche Jugendliche anzieht und andererseits, weil Berufsausbildungen, die überwiegend von Frauen/Mädchen absolviert werden, wie zum Beispiel Berufe im Sozial- und Gesundheitsbereich eher in berufsbildenden Schulen vermittelt werden. (Dornmayr/Nowak 2013, S. 27)

Die Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt hat nachhaltige Folgen für den Verlauf individueller Erwerbsbiografien4 und der damit verbundenen wirtschaftlichen Situation von Männern und Frauen.

Denn nicht allein, dass Arbeit, die von Frauen geleistet wird, ein weit geringerer Marktwert zugeschrieben wird, so gilt die in der Familie zu erbringende sogenannte Reproduktionsarbeit als Frauensache, die nicht sichtbar gemacht wird und ökonomisch als wertlos gilt. So werden zum Beispiel Kindererziehung und Pflege von Angehörigen nicht monetär abgegolten und sind auch nicht in irgendeiner Form ins Lohnsteuersystem eingebunden. Eine Folge davon ist, dass viele Frauen vermeintlich nur einen Teil ihres Erwerbslebens arbeiten und die Pensionsbeiträge für diese anerkannte Leistung oftmals die Grundlage für Altersarmut bilden.

Zum Beispiel beschreibt die Studie „Frauentypische Erwerbsbiografien und ihre Auswirkungen auf die Alterspension“ im Auftrag des Frauenreferats der Arbeiterkammer Steiermark, welche Faktoren eine idealtypische Erwerbsbiografie ausmachen. So zeichnet sich eine idealtypische Erwerbsbiografie dadurch aus, dass sie ein durchgehendes Beschäftigungsausmaß von vierzig Wochenstunden aufweist. Denn dieser Faktor und ein mittleres, im Idealfall ein höheres Einkommen sind die Grundlage für die Berechnung einer durchschnittlichen Pension. Doch dieses Beispiel ist überwiegend männlichen Arbeitnehmern vorbehalten, die 45 Jahre der Erwerbstätigkeit inklusive aller Abgaben an die Pensionsversicherung nachweisen können. Frauen weisen hingegen tendenziell unterbrochene bzw. unregelmäßige Erwerbsbiografien auf, die hin und wieder auch als prekär einzustufen sind. Denn in den letzten Jahren kam es zu einem massiven Anstieg an flexibilisierten und prekären Beschäftigungsverhältnissen wie geringfügigen Beschäftigungen, Teilzeitjobs, befristeten Anstellungen oder freien Dienstverträgen. Frauen sind in einem weitaus höheren Maße in solchen atypischen Beschäftigungsverhältnissen vertreten.

In der Studie „Gender und Arbeitsmarkt. Geschlechtsspezifische Informationen nach Berufsbereichen“, die 2013 im Auftrag des Arbeitsmarktservices Österreich veröffentlicht wurde, fassten die AutorInnen die Ergebnisse ihrer qualitativen Interviews zu geschlechtsspezifischen Unterschieden am Arbeitsmarkt mit ArbeitsmarktexpertInnen folgendermaßen zusammen:

Die Erwerbstätigenquote bei Frauen ist weiter angestiegen. Allerdings kann dieser Trend nicht unbedingt als positive Entwicklung betrachtet werden, da die Zunahme vor allem im Teilzeitsegment zu verzeichnen ist. Teilzeitstellen sind in einem hohen Maße in von Frauen dominierten Branchen wie dem Handel üblich. In diesen Branchen sind Bezahlung und Absicherung in der Regel schlechter als zum Beispiel im IT-Bereich. Denn je nach Branchen sind deutliche Unterschiede in der Qualität der Teilzeitarbeit festzustellen.

So sind die Bedingungen im Handel schlechter als die Bedingungen in der IT-Branche.

Hand in Hand mit der Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt bzw. bereits in der vorausgehenden Berufsausbildung geht der sogenannte Gender Pay Gap.

Dieser inzwischen häufiger diskutierte Ausdruck bezeichnet die Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Erwerbseinkommen. Österreich zählt in der EU zu jenen Staaten mit dem größten genderspezifischen Lohnunterschieden. (Vorarlberger Studie) So lag der Gender-Pay-Gap in Österreich 2010 bei 24% während der Durchschnitt aller EU- Mitgliedstaaten bei 16,2% liegt. (Häferle 2015, S. 28)

Eine Reihe von Faktoren sind bestimmend dafür, dass Frauen einen durchschnittlichen Bruttoverdienst haben, der ungefähr um ein Viertel niedriger ist, als der ihrer männlichen Kollegen.

Eine Studie der Statistik Austria aus dem Jahr 2014 basierend auf Datenmaterial aus dem Jahr 2010 weist einen kleineren Teil von 9,1 Prozentpunkten dieser Lohnunterschiede der Branchen- und berufsspezifischen Segregation der Arbeitswelt zu. Weitere Faktoren, die messbaren Einfluss ausüben, sind das Niveau der Ausbildung, das Alter, die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit, das Beschäftigungsausmaß oder auch die Art des Beschäftigungsverhältnisses (freie DienstnehmerIn, Angestellte, ArbeiterIn) (vgl. Geisberger & Glaser 2014).

Auch eine gute bzw. bessere (Fach)Ausbildung zahlt sich für Frauen im wahrsten Sinne des Wortes nicht unbedingt aus:

So stärkte die Bildungsexpansion, die bereits in den siebziger Jahren startete, besonders Frauen. Mehr Frauen als je zu vor sind qualifiziert. Allerdings führt die große Anzahl an gut ausgebildeten Arbeitskräften zu einem Lohndruck im jeweiligen Bereich. Das heißt, für ihre bessere Qualifikation werden Frauen schlechter entgolten. Denn die jeweilige Qualifikation verändert nicht die Repräsentanz in prekären Beschäftigungsverhältnissen. So gibt die AMS- Studie an: „Cirka vier Fünftel der Beschäftigten in Teilzeit, zwei Drittel der geringfügig Beschäftigten und etwas mehr als die Hälfte der freien DienstnehmerInnen sind Frauen.

Lediglich bei der Leiharbeit stellen Frauen nur ein Drittel der Arbeitskräfte, denn Leiharbeit betrifft zum Großteil Stellen in der Industrie und im Baugewerbe, wo überwiegend Männer arbeiten.“(Prokopp & Schranz 2013, S. 14).

So ist zwar die Frauenerwerbsquote gestiegen, aber auch die Zahl der teilzeitbeschäftigten Frauen. 14,9 Prozentpunkte lassen sich nicht durch diese Faktoren erklären und es liegt der Schluss nahe, dass sich 62% der Lohndifferenz durch die Zuordnung zum weiblichen bzw. männlichen Geschlecht ergeben (vgl. Geisberger & Glaser 2014, S. 1).

Das alles macht die Ansammlung von berechnungsrelevanten Pensionszeiten schwierig. Teilzeitarbeit, geringe Aufstiegschance, die Unterbrechung vom Erwerb von Versicherungszeiten und noch weitere Faktoren wirken sich zumeist negativ auf die Pensionshöhe von Frauen aus. Denn für die Pensionsberechnung relevant ist das lohnsteuerpflichtige Einkommen, das über den gesamten Zeitraum der Erwerbstätigkeit erzielt wurde. Die Regelpension orientiert sich an einer Pension im Ausmaß von 80% des durchschnittlichen Einkommens aus den angefallenen Versicherungsjahren. Diese Pension sollte in der Regel von Menschen im Alter von 65 Jahren in Anspruch genommen werden können. Eine Folge davon ist, dass Frauen trotz eines gesetzlich festgelegten Pensionsantritts, der um fünf Jahre differiert, in den letzten Jahren kaum früher als Männer in Pension gegangen sind. So weist eine Statistik aus dem Jahr 2008 das Pensionsantrittsalter von unselbstständig erwerbstätigen Frauen mit durchschnittlich 57 Jahren aus und das von Männer mit 59 Jahren (vgl. Mairhuber/Papouschek 2010).

Da diese Entwicklung auch volkswirtschaftliche Nachteile mit sich bringt, gibt es eine Vielzahl an Programmen und Initiativen, die die Berufswahlorientierung von Männern und Frauen erweitern und geschlechterstereotype Verhalten verändern sollen. Ein Blick auf die Statistik der beliebtesten Ausbildungsberufe zeigt nach wie vor ein geschlechtsstereotypes Verhalten bei der Berufswahl. Denn die Berufswahlorientierung von jungen Männern und Frauen basiert auf einem komplexen Zusammenspiel von (sozio)kulturellen, institutionellen, familiären, individuellen und nicht zuletzt strukturellen Faktoren. Diese Faktoren sind maßgeblich von Geschlechterstereotypen geprägt und haben einen maßgeblichen Einfluss auf die finale Entscheidung für den individuellen Beruf.

Trotz erheblicher bildungspolitischer Bemühungen in den letzten Jahrzehnten, die Segregation am Arbeitsmarkt auszugleichen und deshalb verstärkt für junge Frauen technisch/naturwissenschaftliche Tätigkeiten und für junge Männer soziale/pflegerische Berufe attraktiv zu machen, sind atypische Bildungsverläufe immer noch die Ausnahme. Das zeigt auch ein Blick auf das Zahlenmaterial zur Verteilung von LehranfängerInnen nach Geschlecht und Berufen.

Laut einer Statistik der Wirtschaftskammer Österreich, die 2015 veröffentlicht wurde, wurden 2014 mehr als die Hälfte aller männlichen Lehrlinge in zehn Lehrberufen ausgebildet. An der Spitze der beliebtesten Ausbildungen lagen Modulberufe in der Metalltechnik5. Bei den weiblichen Lehrlingen absolvieren mehr als zwei Drittel in einem von zehn Berufen ihre Ausbildung6. Neun von zehn dieser Berufe sind in der Dienstleistungsbranche. Fast die Hälfte der weiblichen Auszubildenden hat sich für die Berufe Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Friseurin entschieden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lehrlingsstatistik 2015: Anzahl weiblicher und männlicher Lehrlinge im jeweiligen Ausbildungsjahr

Im Rahmen einer Reihe von außerschulischen Initiativen, die Projekte wie „Girls Days“ oder „Boys Days“ umgesetzt haben und bei denen die Teilnehmenden für eine kurze Zeitspanne für unterschiedlichste erwerbsbiografische Verläufe sensibilisiert werden sollten, (vgl. Luttenberger 2016) wurde bisher versucht Jugendliche für sogenannte geschlechtsuntypische Berufe zu interessieren. Allerdings konnten diese Maßnahmen geschlechtsuntypische Berufsentscheidungen bei den Teilnehmenden nicht nachhaltig positiv beeinflussen (vgl. Rahn und Hartkopf 2016). Nicht zuletzt deshalb, weil es sich zumeist um punktuelle Maßnahmen zur Sensibilisierung handelte. Darüber hinaus ist Berufs- orientierung an sich eine schwierige und komplexe Aufgabe.

Basiert die Berufswahlentscheidung doch auf einer Verschränkung von (sozio)kulturellen, strukturellen, familiären und individuellen Faktoren, die einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, wer welchen Beruf wählt und wie (stark) die Wahl durch Geschlechterstereotypen geprägt ist.

Die Anforderungen an die Berater/innen sowie an die jungen Menschen, die sich entscheiden müssen, sind enorm. Mädchen und Burschen stehen formell bei der Berufswahl alle Möglichkeiten offen. Die berufliche Bildung in Österreich bietet ein breites Spektrum an möglichen Ausbildungswegen. Dennoch wählen junge Mädchen und Burschen nach wie vor sehr eingeschränkt aus. Trotz vieler Bemühungen verlaufen die Berufsbiografien österreichischer junger Erwachsenen nach wie vor geschlechtstypisch.

2015 waren in Österreich 2015 110.460 Jugendliche in einer Lehrausbildung. Davon waren 37.810 (34 %) weiblich. Von diesen ist, wie in nachstehender Tabelle ersichtlich, der Großteil in Lehrberufen mit kurzen Ausbildungszeiten. Die Lehrberufe mit den kurzen Ausbildungszeiten sind zum Beispiel im Einzelhandel oder im Tourismus zu finden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Lehrlingsstatistik WKO (Stichtag 31.12.2015)

Abbildung 2: Anzahl der weiblichen und männlichen Lehrlinge nach Ausbildungsdauer der gewählten Ausbildungsberufe

Betrachtet man Zahlen aus anderen europäischen Ländern wie zum Beispiel der Schweiz, so ist die Situation vergleichbar, wie eine Studie der Universität Basel belegt, die in einer repräsentativen nationalen Längsschnittuntersuchung den Übergang Jugendlicher von der Schule in das Erwerbsleben in der Schweiz untersucht hat. Die Stichprobe umfasst rund 6000 Jugendliche. Nur 3% derjenigen, die als 16-jährige einen Beruf ergreifen, in dem ihr Geschlecht weniger als 30 % der Beschäftigten ausmacht, sind sieben Jahre später noch in diesem geschlechtsuntypischen Berufsfeld tätig (vgl. Maihofer et al., 2013).

Folgen der Geschlechtersegregation in vielen Berufsbranchen: Frauen und Männer können ihr Potenzial nicht ausschöpfen, Ungleichheiten verfestigen die traditionelle Arbeitsteilung. Ursachenforschung über das Verharren in diesen Mustern fehlt.

Vorbildern wird in der Jugendforschung eine große Bedeutung zugeschrieben. Vorbilder dienen als Orientierungshilfe und als Hilfestellung bei der Selbstfindung. Mädchen und Burschen mit Interesse an nicht geschlechtstypischen Berufen haben kaum berufliche Vorbilder und werden wenig durch ihr Umfeld unterstützt.

Zumeist fehlen für die Wahl eines nicht geschlechtstypischen Berufs auch vorangegangene Lernerfahrungen, die für die Entwicklung entsprechender persönlicher Fähigkeiten erforderlich sind (vgl. Luttenberger, 2016).

Auch die Ergebnisse eines Projektes, das Bestandteil des nationalen Forschungsprogramms in der Schweiz war und dessen Ergebnisse unter anderem im Artikel „Warum sind Pflegefachmänner und Elektrikerinnen nach wie vor selten? Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen junger Erwachsener in der Schweiz“ (Schwiter et al., 2014) zeigen, dass die Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt „äußerst traditionell entlang den geschlechtsspezifischen Demarkationslinien“ (Leemann/Keck 2005, S. 121) verlaufen und auch in der Schweiz Frauen in einigen wenigen Berufen überrepräsentiert sind.

Sozialisation und das Habituskonzept nach Bourdieu Geschlechtsbezogene Rollenanforderungen an jungen Menschen

Eine einheitliche Sozialisationstheorie existiert nicht. Vielmehr hat eine Vielzahl an beteiligten Disziplinen sich jeweils um eigenständige Blickwinkel auf ausgewählte Aspekte bemüht. Eine Ursache dafür mag die Flüchtigkeit des Untersuchungsgegenstandes sein.

„Sozialisation ist ein real existierender, aber in der Realität nicht dinghaft greifbarer Untersuchungsgegenstand. Eine Modellvorstellung, die als Kristallisationspunkt für erkenntnisleitende Orientierungen und Annahmen dient, macht diesen komplexen Untersuchungsgegenstand gewissermaßen begrifflich verfügbar“ (Hurrelmann 2001, S. 18).

Darüber hinaus liegen den einzelnen Theorien jeweils unterschiedliche Menschenbilder zugrunde, die die Wahrnehmungen leiten (Hurrelmann 2001, S. 20ff).

[...]


1 Unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten bzw. Barrieren ergeben sich durch Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft, Alter, sexuelle Orientierung, besondere körperliche oder geistige Bedürfnisse und oftmals durch eine Verschränkung mehrerer dieser Faktoren miteinander.

2 Aktuelles Zahlenmaterial aus dem Jahr 2017, das Österreich an vierter Stelle ausweist, wurde von eurostat veröffentlicht. Abrufbar unter: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics- explained/index.php/Gender_pay_gap_statistics

3 Eine Trennung von Männern und Frauen ist auch in der schulischen Berufsausbildung in Form von spezifischen Berufsausbildungsinstitutionen angelegt (Krüger, 2001).

4 Korrespondieren die individuellen Fähigkeiten nicht mit der Berufswahl, steigt die persönliche Unzufriedenheit und die Verbleibedauer im jeweiligen Beruf sinkt. Darüber hinaus liegen Potenziale brach, wenn ein technisch begabtes Mädchen den Beruf der Bürokauffrau erlernt und ein soziale kompetenter Junge eine Ausbildung zum Werkzeugschlosser absolviert.

5 Abzurufen unter: http://wko.at/statistik/wgraf/2015_02_Lehrlinge_Burschen_2014.pdf.

6 Abzurufen unter: http://wko.at/statistik/wgraf/2015_03_Lehrlinge_Mädchen_2014.pdf.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen
Untertitel
Ein wiederkehrender Blick auf scheinbar Unveränderbares
Hochschule
Universität Wien  (Gender Studies)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V379844
ISBN (eBook)
9783668569676
ISBN (Buch)
9783668569683
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Berufswahlentscheidung, Geschlechtersegregation, Arbeitsmarkt, Jugendliche, Berufsorientierung, Auszubildende
Arbeit zitieren
Michaela Rischka (Autor), 2017, Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379844

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