Die Segregation der Geschlechter am Arbeitsmarkt ist nicht nur in Österreich eine konstante Größe. So arbeiten in vielen Berufsfeldern entweder überwiegend Männer oder überwiegend Frauen. Sprachlich wird das teilweise zwanghaft aufrechterhaltene binäre Geschlechtermodell durch Begriffe wie „Frauenberufe“ und „Männerberufe“ abgebildet und durch performative Akte des „Doing Gender“ wiederkehrend konstituiert und legitimiert.
Dieses Phänomen bildet sich auch in der vorausgehenden Lehrausbildung ab. Das zeigen Auswertungen von Gruppendiskussionen mit Lehrlingen, die in Fokusgruppen zum Einfluss auf Geschlecht bei der Berufswahlentscheidung befragt wurden. Gendersensible Bildungs- und Berufsberatung hat im Sinne des Gleichstellungsauftrags die Aufgabe, bei der Überwindung von Bildungsbarrieren zu helfen, um gleiche Chancen zu gewährleisten. Dazu müssen Berater/innen einerseits ihre eigenen Zugänge und Werte offenlegen und andererseits personenzentriert den individuellen Lebensentwurf des/der Einzelnen wahr- und wichtig nehmen. Entsprechend der sich daraus ergebenden Bedürfnisse des/der zu Beratenden gilt es, den Beratungsprozess und das Beratungsangebot zu gestalten.
Inhaltsverzeichnis
Erkenntnisinteresse und Stand der Forschung
Sozialisation und das Habituskonzept nach Bourdieu
Geschlechtsbezogene Rollenanforderungen an jungen Menschen
Forschungsfragen
Methodischer Zugang
Fokusgruppe
Diskussionssetting
Interpretation der Ergebnisse
Ausblick
Berufs- und Bildungsberatung – Qualitätsanforderungen an die Profession
Gendersensible Beratung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die anhaltende Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt und in Ausbildungsverläufen, wobei insbesondere der Einfluss von Sozialisationsprozessen und des Habituskonzepts nach Pierre Bourdieu auf die individuelle Berufswahlentscheidung analysiert wird, um Anforderungen an eine gendersensible Beratung abzuleiten.
- Analyse der Ursachen für die Geschlechtersegregation am österreichischen Arbeitsmarkt.
- Anwendung des Habituskonzepts auf geschlechtsspezifische Berufsentscheidungen.
- Untersuchung von Rollenbildern bei Jugendlichen mittels Fokusgruppen und Interviews.
- Herausarbeitung von Qualitätsstandards für eine gendersensible Bildungs- und Berufsberatung.
Auszug aus dem Buch
Der Geschlechtshabitus Bourdieus
In der vorherrschenden Frauen- und Geschlechterforschung spielt die Sozialisationstheorie Bourdieus eine geringe Rolle. Zumeist wird sein Ansatz auf Begriffe wie „Habitus“ und „Kapital“ reduziert. Steffani Engler betont in ihrem Aufsatz „Habitus und sozialer Raum: Zur Nutzung der Konzepte Bourdieus in der Frauen- und Geschlechterforschung“, dass sich die gedanklichen Werkzeuge Bourdieus zur Sichtbarmachung, Analyse und Reflexion von Dominanz- und Herrschaftsverhältnissen eignen (vgl. Engler 2008). Außerdem bezog Bourdieu mit seiner Studie „Die männliche Herrschaft“ (1997) Position in der Diskussion zur Geschlechterordnung in unserer Gesellschaft.
Die Praktiken des vergeschlechtlichten „Habitus“ bezeichnet er als „Doing Gender“. Dabei arbeitet der Habitus mit den der sozialen Ordnung immanenten Schemata, die rückwirksam auf die soziale Welt angewendet werden können. Entsprechend ist ein vermeintlicher Dualismus von objektiv-sozialer und individuell-mentaler Struktur aufgehoben; keine Subjektivität vor der sozialen. Der sozialisierte Körper des Individuums stellt die Existenzform der Gesellschaft dar. Er vereint in sich Werte, Denkmuster und Körperlichkeit, die auf die sozialen Bedingungen abgestimmt, als natürlich verstanden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Erkenntnisinteresse und Stand der Forschung: Dieses Kapitel erläutert die vertikale und horizontale Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt und deren Auswirkungen auf Erwerbsbiografien und Alterssicherung.
Sozialisation und das Habituskonzept nach Bourdieu: Hier wird der theoretische Rahmen durch Bourdieus Habituskonzept und die Analyse der geschlechtsbezogenen Sozialisation aufgespannt.
Forschungsfragen: Dieser Abschnitt definiert die zentralen wissenschaftlichen Fragen zur geschlechtsstereotypen Berufswahl und den Anforderungen an die Beratungspraxis.
Methodischer Zugang: Das Kapitel beschreibt die qualitative Vorgehensweise mittels Fokusgruppen und Einzelinterviews zur Datenerhebung.
Interpretation der Ergebnisse: Hier werden die empirischen Befunde aus den Diskussionsrunden analysiert und in den theoretischen Kontext gesetzt.
Ausblick: Das abschließende Kapitel formuliert Anforderungen an die professionelle Bildungsberatung und fordert eine gendersensible Ausrichtung.
Schlüsselwörter
Geschlechtersegregation, Arbeitsmarkt, Berufsorientierung, Berufswahlentscheidung, Bourdieu, Habitus, Sozialisation, Doing Gender, Gender Pay Gap, Bildungsberatung, Gendersensible Beratung, Jugendliche, Rollenbilder, Ausbildung, Qualifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, warum Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen trotz bildungspolitischer Bemühungen weiterhin existiert und wie soziale Mechanismen diese Strukturen zementieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verbindet die Themenbereiche Bildungs- und Berufsberatung mit soziologischen Theorien über Sozialisation, Geschlechterrollen und die Machtstrukturen am Arbeitsmarkt.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, welche Faktoren die geschlechtsstereotypische Berufswahl steuern, wie das Habituskonzept von Bourdieu dies erklärt und welche Anforderungen daraus für eine gendersensible Beratungspraxis resultieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin wählt einen qualitativen Forschungsansatz, der Fokusgruppen-Diskussionen mit Lehrlingen und ergänzende Einzelinterviews umfasst, um subjektive Sichtweisen und Rollenverständnisse transparent zu machen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Sozialisation und Habitus) erläutert, gefolgt von einer empirischen Untersuchung, die den Einfluss von Peers, Familie und Lehrern auf die Berufsentscheidung junger Menschen beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geschlechtersegregation, Berufsberatung, Habitus, Doing Gender, Berufswahlentscheidung und Gendersensible Beratung.
Wie beeinflusst das Habituskonzept von Bourdieu die Berufswahl laut der Arbeit?
Das Konzept verdeutlicht, dass Jugendliche dazu neigen, Berufe zu wählen, die ihrem verinnerlichten Habitus und den gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Geschlecht entsprechen, wodurch individuelle Interessen oft zweitrangig werden.
Welche Rolle spielen Beraterinnen und Berater bei der Überwindung von Segregation?
Beraterinnen und Berater sind gefordert, ihre eigenen Rollenbilder zu reflektieren und den Beratenden aktiv Handlungsalternativen aufzuzeigen, die über traditionelle geschlechtsspezifische Erwartungen hinausgehen.
- Arbeit zitieren
- Michaela Rischka (Autor:in), 2017, Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379844