Ein Jahrhundert nach Erfindung des Verbrennungsmotors sind Kraftfahrzeuge zu einer Selbstverständlichkeit geworden: 1995 gab es in Schleswig-Holstein insgesamt rund 1.64 Mio. zugelassene Kraftfahrzeuge, von denen 1.4 Mio. Autos waren. Bei einer Einwohnerzahl von 2.7 Mio. heißt dies, dass 1995 fast jeder zweite Schleswig-Holsteiner im Besitz eines Pkws war. Auch Omnibusse im öffentlichen Linienverkehr und Transportfahrzeuge jeglicher Art bei Unternehmen und Einrichtungen gehören mittlerweile ebenso zum gewohnten Bild wie der Traktor als Zugmaschine in der Landwirtschaft.
Als Einstieg zur Untersuchung dient eine Betrachtung der Verkehrsverhältnisse im 19. Jahrhundert, da sich der Verkehr in dieser Zeit erstmals durch den Straßenausbau sowie durch die Einführung der Eisenbahn umfassend veränderte. Außerdem wird in dieser Darstellung die Ausgangssituation vor Augen geführt, als die ersten Kraftfahrzeuge nach Schleswig-Holstein kamen. Themen dieses einführenden Kapitels sind die Verkehrswege und die Verkehrsmittel, die den Menschen vor dem Kraftwagen zur Verfügung standen, Hierbei wird lediglich auf Fuhrwerke und Pferdebahnen eingegangen, auf eine umfassende Schilderung des Phänomens „Eisenbahn“ wird verzichtet, um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen.
Um ein möglichst komplettes, aber dennoch differenziertes Bild von der Motorisierung Schleswig- Holsteins in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu geben, wird sie von zwei Seiten her betrachtet. Zuerst wird der Verlauf dargelegt, daraufhin werden die Auswirkungen untersucht, wobei sich Überschneidungen nicht immer vermeiden lassen. Anfangs wird in wenigen Worten die Entwicklung des Verbrennungsmotors und der ersten Kraftfahrzeuge wiedergegeben, die der Motorisierung zu Grunde liegt. Darauf folgt eine umfassende Darstellung des Verlaufes der Motorisierungsentwicklung, die sich in mehrere Abschnitte gliedert. Zunächst wird der zahlenmäßigen Ausbreitung der Kraftwagen in Schleswig-Holstein nachgegangen, um eine Vorstellung von dem Ausmaß der Motorisierung bis zur Jahrhundertmitte zu gewinnen. Anschließend wird versucht, den Zahlen „ein Gesicht zu verleihen“, d. h. einzelne Gruppen darzustellen, die sich in dem zu untersuchenden Zeitraum motorisiert haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Forschungsstand
2. Verkehrsverhältnisse Schleswig-Holsteins im 19. Jahrhundert
2.1 Verkehrswege
2.1.1 In der vorindustriellen Phase bis 1830
2.1.2 Die ersten Kunststraßen (Chausseen)
2.1.3 Ausbau der Verkehrsinfrastruktur seit 1867
2.2 Verkehrsmittel
2.2.1 Fuhrwerke
2.2.2 Die Pferdebahn von Lübeck
2.3 Die fortschreitende Vernetzung der regionalen Verkehrswege und Verkehrsmittel
3. Die Motorisierung in Schleswig-Holstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
3.1 Voraussetzung: Die Entwicklung des Verbrennungsmotors und der ersten Kraftfahrzeuge
3.2 Verlauf der Motorisierungsentwicklung
3.2.1 Verbreitung der Kraftfahrzeuge in Zahlen
3.2.1.1 Vorbemerkung zu den Statistiken
3.2.1.2 Personenkraftwagen
3.2.1.3 Motorrad
3.2.1.4 Lastkraftwagen
3.2.1.5 Omnibus
3.2.1.6 Traktor
3.2.2 Die ersten Privatbesitzer von Kraftfahrzeugen
3.2.3 Motorisierung des öffentlichen Personenverkehrs
3.2.3.1 Lübeck
3.2.3.1.1 Fernverkehr
3.2.3.1.2 Nahverkehr
3.2.3.2 Kiel
3.2.3.2.1 Fernverkehr
3.2.3.2.2 Nahverkehr
3.2.4 Motorisierung einzelner Einrichtungen und Unternehmen
3.2.4.1 Vorbemerkung
3.2.4.2 Polizei
3.2.4.3 Post
3.2.4.3.1 Vorbemerkung
3.2.4.3.2 Der Postreisedienst mit Kraftpostlinien
3.2.4.3.3 Die Landpostverkraftung
3.2.4.3.4 Die Postfuhrhalterei in Kiel
3.2.4.4 Feuerwehren
3.2.4.4.1 Berufsfeuerwehr Flensburg
3.2.4.4.2 Freiwillige Feuerwehren
3.2.4.5 Molkereien und Meiereien
3.2.5 Motorisierung der Landwirtschaft
3.3 Auswirkungen der Motorisierung
3.3.1 Ausbau des Straßennetzes
3.3.1.1 Die Provinzialstraßen
3.3.1.2 Die RAB Hamburg-Lübeck
3.3.2 Entstehung spezieller Einrichtungen für Kraftfahrzeuge und Halter
3.3.2.1 Vorbemerkung
3.3.2.2 Der S.H.A.C.
3.3.2.3 Kfz-Gewerbe
3.3.2.4 Tankstellen
4. Resümee: Veränderung des Raumes und des Lebens
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Motorisierungsentwicklung in Schleswig-Holstein während der ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es, die Grundlagen und Anfänge der Massenmotorisierung aufzuzeigen, anstatt die ab den 1950er Jahren einsetzende Massenbewegung selbst zu beleuchten. Dabei wird die Ausgangssituation im 19. Jahrhundert betrachtet, der Verlauf der Motorisierung analysiert und deren Auswirkungen auf die Infrastruktur sowie die Entstehung neuer gewerblicher Einrichtungen dargestellt.
- Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur (vom Fuhrwerk zur Chaussee)
- Chronologischer Verlauf der Motorisierung (Pkw, Lkw, Omnibus, Motorrad, Traktor)
- Motorisierung öffentlicher Institutionen (Polizei, Post, Feuerwehr, Meiereien)
- Auswirkungen auf den Straßenbau und das Entstehen eines Kfz-Gewerbes
- Regionalspezifische Fallbeispiele (Lübeck, Kiel)
Auszug aus dem Buch
3.1 Voraussetzung: Die Entwicklung des Verbrennungsmotors und der ersten Kraftfahrzeuge
Bevor die Motorisierungsgeschichte Schleswig-Holsteins in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrachtet wird, soll zunächst ein kurzer Blick auf die Entwicklung des Verbrennungsmotors und auf dessen Erfinder geworfen werden, die damit eine neue Ära in der Fortbewegung einläuteten.
Gottlieb Daimler (1834-1900), Wilhelm Maybach (1846-1929) und Karl Benz (1844-1929) gelten als die Schöpfer des Verbrennungsmotors und damit auch des modernen Kraftfahrzeugmotors. Doch die Idee, ein Automobil zu entwickeln, war nicht neu. Schon Ende des 18. Jahrhunderts experimentierte man in Frankreich mit Fahrzeugen, die durch die von James Watt erfundene Dampfmaschine angetrieben wurden. Doch letztlich trieb es die Reisenden wieder zurück zu den Pferdewagen und zur Eisenbahn, da die Belästigungen durch die Vibrationen und den Geruch des Dampfantriebes zu stark waren.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts arbeiteten die Engländer außerdem an der Verwendung des Dampfantriebes in der Landwirtschaft. So entwickelte Alexander Dean beispielsweise 1841 eine Dampfmaschine, die Dreschmaschinen antrieb. Diese Maschine musste allerdings noch von Pferden gezogen werden.
Zu dieser Zeit wurden viele sogenannte Lokomobile gebaut, die zwar selbst fuhren, aber nicht gleichzeitig dabei eine Maschine ziehen oder antreiben konnten. Doch ihr Aussehen prägte die Schlepperentwicklung nachhaltig. An selbstfahrenden, mit Dampf betriebenen Schleppern wurde fieberhaft gearbeitet, jedoch scheiterte deren Durchbruch am Eigengewicht von bis zu 20 Tonnen. Es schien also unter diesen technischen Voraussetzungen eine Idee ohne Zukunft, selbstfahrende Schlepper für die Landwirtschaft zu konstruieren.
So gab man sich zunächst mit der indirekten Traktion zufrieden, die darin bestand, dass eine und oder zwei Lokomobile ein landwirtschaftliches Gerät antrieben. Auch in Deutschland bestand gerade auf den Großgütern ab 150 ha der Bedarf nach maschineller Hilfe, und so fanden im Deutschen Kaiserreich immerhin 2.239 Betriebe 1907 für eine Dampfpfluglokomobile Verwendung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit setzt sich zum Ziel, die Anfänge der Motorisierung in Schleswig-Holstein vor der Massenmotorisierung der 1950er Jahre zu analysieren.
2. Verkehrsverhältnisse Schleswig-Holsteins im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel beschreibt den Stand der Verkehrswege und -mittel, wie Fuhrwerke und erste Chausseen, vor der eigentlichen Motorisierung.
3. Die Motorisierung in Schleswig-Holstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der Hauptteil erläutert die technischen Voraussetzungen sowie die detaillierte quantitative Verbreitung verschiedener Fahrzeugtypen und deren Nutzung durch Privatpersonen und öffentliche Einrichtungen.
4. Resümee: Veränderung des Raumes und des Lebens: Das Fazit fasst zusammen, wie die Motorisierung die Mobilität und die Wirtschaftsstruktur nachhaltig verändert hat.
Schlüsselwörter
Motorisierung, Schleswig-Holstein, Verbrennungsmotor, Kraftfahrzeug, Chaussee, Omnibus, Personenkraftwagen, Post, Polizei, Feuerwehr, Meierei, Traktor, Verkehrsnetz, Automobil, Infrastruktur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Geschichte und Entwicklung der Motorisierung in Schleswig-Holstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zentrale Themen sind der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, die Verbreitung verschiedener Fahrzeugarten, der Einsatz von Kraftfahrzeugen in öffentlichen Diensten und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft sowie Gewerbe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Grundlagen und Anfänge der Motorisierung zu dokumentieren, die den Weg für die spätere Massenmotorisierung ab den 1950er Jahren ebneten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Untersuchung, die auf der Auswertung von Statistiken, Zeitungsartikeln, Festschriften und spezieller Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die technische Entwicklung, die quantitativen Bestandszahlen verschiedener Fahrzeuge, die Motorisierung öffentlicher Einrichtungen und die baulichen Auswirkungen auf das Straßennetz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Motorisierung, Schleswig-Holstein, Infrastruktur, Kraftfahrzeugtechnik und historische Entwicklung der Verkehrsverhältnisse charakterisiert.
Welche Rolle spielte die Post bei der Motorisierung?
Die Post fungierte als Pionier, indem sie bereits ab 1920 systematisch Omnibuslinien einrichtete und den Landpostdienst durch Kraftfahrzeuge modernisierte.
Warum war die Landwirtschaft erst spät motorisiert?
Aufgrund der kleinen Betriebsgrößen der meisten Höfe in Schleswig-Holstein war der Einsatz teurer Traktoren lange Zeit unrentabel, weshalb das Pferd als Zugtier bis in die Nachkriegszeit dominierte.
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- Wiebke Timm (Author), 1997, Motorisierung in Schleswig-Holstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - Zur Modernisierungsgeschichte der preußischen Provinz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37984