Zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist, ob und inwiefern der Begriff des Staatsbürgers, der selbst immer wieder neu gedacht worden ist, in den Begriffen Consumer Citizen und Corporate Citizen aufgehen kann. Ziel einiger Autoren, die diesen Weg gehen, scheint es zu sein, Konsumenten und Unternehmen eine größere moralische Verpflichtung zuzuschreiben, indem die starke Bindungswirkung von Bürgerpflichten genutzt wird, das moralische Sollen zu verstärken.
Es ist die Frage, ob eine solche Verstärkung auf diesem Weg gelingen kann und ob sie wünschenswert ist. Und weiterhin, in welchen Bereichen eine solche Übertragung des Bürgerbegriffs auf Akteure der Wirtschaft wie Unternehmen und Verbraucher Chancen hat und in welchen Bereichen diese Übertragung die begrifflichen Grenzen von Staatsbürgerschaft überfordert.
Verbunden mit diesen Fragen ist auch die Auslotung von Spannungsfeldern innerhalb des Begriffs Staatsbürgerschaft, die Grundlage vieler Debatten um eine Erweiterung oder Verengung der Bedeutung von Staatsbürgerschaft waren und immer noch sind und die auch für die Anwendung auf Konsumenten und Unternehmen eine große Rolle spielen könnten. Allen voran sind hier die Spannungsfelder zwischen öffentlichem und privatem Raum zu nennen, aber auch die Frage nach nationalen Grenzen und Zugehörigkeit zu einer Nation sowie die grundsätzliche Vergleichbarkeit von traditionellen Partizipationsformen wie Wahlen und privaten Konsumentscheidungen.
Es wird jedoch nicht darum gehen, die Erfolgsaussichten von ethischem oder politischem Konsum zu bewerten, sondern einzig darum, die Wahl des Begriffs mit offenen Augen zu prüfen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufbau der Arbeit
I. Fragestellung
II. Methode
3. Das Phänomen – Marktversagen und eine Antwort
I. Marktversagen als Ausgangspunkt
II. Der politische Konsument
III. Das „gute“ Unternehmen
IV. Moderierende Faktoren
V. Akteure
VI. Zwischenfazit
4. Bürgerbegriff – Was ist ein Staatsbürger?
I. Antike – der Mensch als zoon politikon
II. Mittelalter – von Ständen und Städten
III. Neuzeit – die Aufspaltung in Staats- und Wirtschaftsbürger
IV. Die Moderne – die Genealogie des Staatsbürgers
V. Das 19. und 20. Jahrhundert – der moderne Staatsbürger
VI. Die Citizenship-Debatte
VII. Zwischenfazit
5. Consumer Citizen
I. Definition
II. Analyse
a) Der Verbraucherbürger ist global, der Staatsbürger ist es nicht
b) Die große Chance: Partizipation durch Konsum?
c) Gleichheit
d) Privates (Gemein-)wohl?
e) Der Konsument als politischer Akteur
III. Zwischenfazit
6. Corporate Citizen
I. Definition
II. Analyse
a) Können Unternehmen Verantwortung übernehmen?
b) Der Bürger als Handlungsarena?
c) Unternehmen sind den Menschen (nicht) gleich
d) Globales Handeln?
e) Gemeinwohl als Grundlage bürgerlicher Praxis
III. Zwischenfazit
7. Alternative Ansätze
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch, inwieweit der moderne Staatsbürgerbegriff auf Konsumenten (als Consumer Citizen) und Unternehmen (als Corporate Citizen) übertragen werden kann. Dabei wird analysiert, ob diese begriffliche Ausweitung eine sinnvolle moralische Verpflichtung schafft oder zu einer problematischen Überdehnung und Verwässerung des Konzepts der Staatsbürgerschaft führt, insbesondere hinsichtlich der Abgrenzung von privatem und öffentlichem Raum sowie der geforderten nationalen Bindung.
- Ethischer und politischer Konsum als Instrument zur Bewältigung globaler Problemlagen.
- Historische und ideengeschichtliche Herleitung des modernen Staatsbürgerbegriffs.
- Kritische Bewertung der Begriffe Consumer Citizen und Corporate Citizen.
- Untersuchung der Spannungsfelder zwischen globalem Handeln und nationalstaatlicher Identität.
- Vorstellung alternativer Modelle zur Begründung von Verantwortung (Iris Marion Young, Thomas Pogge).
Auszug aus dem Buch
II. Der politische Konsument
Konsum, im Sinne des Kaufs nicht lebensnotwendiger Güter, ist ein sehr modernes Phänomen und auch ein räumlich begrenztes. Diese Form des Konsums hat eine Prämisse: Überfluss. Wenn alle grundlegenden Bedürfnisse gestillt sind und noch Geld oder andere Tauschmittel übrig sind, kann darüber nachgedacht werden, hochwertigere Lebensmittel oder zusätzliche Produkte zu kaufen. Gleichzeitig wurden große politische Ereignisse der Geschichte von politischem Konsum begleitet oder gar initiiert. Die berühmte Boston Tea Party, die später die Unabhängigkeit einleitete, wurde begleitet von Boykotten gegen britische Produkte.
Die Konsumforscherin Sheryl Kroen zeigt in ihrer Darstellung der wechselvollen Geschichte des Konsums, dass der Konsument, gleich einer Pendelbewegung wahlweise als Symbol der Trennung von öffentlichem und privatem Raum, aber im „New Deal“ auch als Hüter der Demokratie gesehen wurde. Die aktuelle Phase, die Kroen ganz im Sinne von Lizbeth Cohen als das „Zeitalter des Bürger-Konsumenten in einer Verbraucher-Republik“ bezeichnet, ist geprägt von einem Ideal des Konsumenten, in dem er gleichzeitig seine privaten Konsumleidenschaften erfüllt und seinen Pflichten als Bürger nachkommt. Wachstum ist daher das zentrale Kriterium, an dem die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates und damit auch die Stabilität der modernen Demokratie gemessen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen des ethischen Konsums am Beispiel von Leo Hickmann und der Debatte um die politische Rolle von Konsumenten und Unternehmen.
2. Aufbau der Arbeit: Darstellung der Fragestellung nach der Übertragbarkeit des Staatsbürgerbegriffs auf Wirtschaftsakteure und Erläuterung der politikwissenschaftlichen Methodik.
3. Das Phänomen – Marktversagen und eine Antwort: Analyse von Marktversagen als Ausgangspunkt für politisches Handeln und Vorstellung der Strategie der „Moralisierung der Märkte“.
4. Bürgerbegriff – Was ist ein Staatsbürger?: Ideengeschichtliche Untersuchung der Entwicklung des Staatsbürgerbegriffs von der Antike bis zur Moderne zur Klärung zentraler Spannungsfelder.
5. Consumer Citizen: Kritische Analyse des Konzepts, ob Konsumenten tatsächlich kohärent als Staatsbürger agieren können oder ob dies eine begriffliche Überforderung darstellt.
6. Corporate Citizen: Untersuchung, ob Unternehmen als politische Akteure oder „Bürger“ verstanden werden können, und welche Probleme diese Zuschreibung für den modernen Staatsbürgerbegriff aufwirft.
7. Alternative Ansätze: Diskussion von Modellen (Young, Pogge), die Verantwortung außerhalb des Staatsbürgerbegriffs begründen können.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass die Konzepte Consumer und Corporate Citizen den Begriff der Staatsbürgerschaft eher verwässern als stärken.
Schlüsselwörter
Staatsbürgerschaft, Consumer Citizen, Corporate Citizen, politischer Konsum, ethischer Konsum, Moral, Marktversagen, Politische Philosophie, Gesellschaftsvertrag, Gemeinwohl, Verantwortung, Politische Teilhabe, Globalisierung, Bürgerbegriff, Institutionen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Begriffe Consumer Citizen und Corporate Citizen den modernen Staatsbürgerbegriff sinnvoll erweitern können, oder ob diese Konzepte das Verständnis von Staatsbürgerschaft verwässern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Ansätze aus der Politikwissenschaft und politischen Philosophie, um die Rolle von Konsumenten und Unternehmen als Akteure im öffentlichen Raum und deren ethische Verantwortung zu analysieren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Berechtigung der neuen Begriffe (Consumer Citizen, Corporate Citizen) zu prüfen und dem oft inflationären Gebrauch des Bürgerbegriffs in diesem Kontext kritische Nachdenklichkeit entgegenzusetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einem politikwissenschaftlichen Ansatz, insbesondere aus der Perspektive der politischen Philosophie, wobei ideengeschichtliche und analytische Methoden genutzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Beschreibung des Phänomens ethischer Konsum, eine detaillierte ideengeschichtliche Herleitung des Staatsbürgerbegriffs und die anschließende kritische Analyse der Anwendbarkeit dieses Begriffs auf Verbraucher und Unternehmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlüsselwörter umfassen Staatsbürgerschaft, Consumer Citizen, Corporate Citizen, politischer Konsum, Verantwortung, Gemeinwohl und politische Philosophie.
Warum ist die Unterscheidung zwischen dem citoyen und dem bourgeois wichtig?
Diese Unterscheidung ist für die Arbeit entscheidend, da sie die historische Trennung zwischen dem politisch handelnden Staatsbürger (citoyen) und dem ökonomisch motivierten Wirtschaftsbürger (bourgeois) verdeutlicht, deren Vermischung durch die neuen Begriffe diskutiert wird.
Welche Rolle spielen die Ansätze von Iris Marion Young und Thomas Pogge?
Young und Pogge dienen als alternative theoretische Ansätze, um Verantwortung zu begründen, ohne zwangsläufig auf den überdehnten Staatsbürgerbegriff zurückgreifen zu müssen.
- Arbeit zitieren
- Jana Trampert (Autor:in), 2009, Konsumenten und Unternehmen als Staatsbürger. Ethischer Konsum, Consumer Citizen, Corporate Citizen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380260