Adverb und Adverbial. Eine Abgrenzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,7

Esther Schelenberg (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Adverb – eine Wortart
2.1 Definition
2.2. Unterformen

3. Das Adverbial – eine syntaktische Funktion
3.1. Definition
3.2. Unterformen

4. Problematiken der Abgrenzung zwischen Adverb und Adverbial

5. Fazit und Ausblick

6. Literatur

1. Einleitung

Einleitend wird ausnahmsweise ein Textausschnitt, der einem prominenten Internet-Lexikon entnommen ist, zitiert:

Mit Adverbial wird eine grammatische Funktion bezeichnet, die von Funktionen wie z. B. Subjekt oder Objekt abzugrenzen ist; mit Adverb wird eine Wortart bezeichnet, die von anderen Wortarten wie z. B. Adjektiv oder Präposition abzugrenzen ist. Das Adverb ist somit eine Wortart, die in der Funktion eines Adverbials verwendet werden kann – oder auch anders. Das Adverbial ist eine grammatische Funktion, die als Adverb realisiert sein kann – oder auch anders.[1]

Abgesehen von der, meines Erachtens nach, umständlichen Formulierung wird anhand dieses Zitats bereits deutlich, wie komplex sich die grammatische Abgrenzung beider Begriffe gestaltet, die zu allem Überfluss auch noch ähnlich benannt wurden. Sowohl die Unterscheidung des Adverbs von anderen Wortarten, als auch die Unterscheidung des Adverbials von anderen syntaktischen Kategorien ist für Menschen, die nicht mit der Thematik vertraut sind, keine einfache Übung. Hinzu kommt, dass sich die jeweiligen Verwendungen bzw. Realisierungen überschneiden, dabei jedoch „auch anders“ realisiert werden können. Wie um sich dieser Problematik zu ergeben behandeln Pafel/Reich in ihrer Grammatik beide Begriffe als Synonyme und gehen nur am Rande, in einer kurzen Einleitung, auf deren Abgrenzung ein. Dass es einer Abgrenzung bedarf, zeigt jedoch allein die große Anzahl an Fragen in Selbsthilfe-Foren, die sich mit ebendieser Problematik konfrontiert sehen. Wohl zurecht, denn selbst angesehene Grammatiken sind sich über die (Sub-)Klassifikation beider Begriffe nicht einig. Dieser Abgrenzungs- und Klassifikationsproblematik widmet sich folgende Hausarbeit, indem zunächst konkretisierend auf die Definition des Adverbs als Wortkategorie und dessen Unterformen eingegangen wird. In einem nächsten Schritt wird derselben Vorgehensweise folgend die syntaktische Kategorie des Adverbials näher beleuchtet. Um ein differenzierteres Bild beider Begriffe zu erlangen, werden hierfür verschiedene Grammatiken hinzugezogen und gegebenenfalls Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede in der Klassifikation aufgezeigt. Im finalen Schritt wird in dieser Arbeit die Problematik der Abgrenzung beider Oberbegriffe untersucht, bevor innerhalb eines Fazits die wichtigsten Aspekte dieser Arbeit komprimiert dargestellt werden und ein Ausblick gegeben wird.

2. Das Adverb – eine Wortart

Folgende Kapitel gibt einen Überblick über die Wortart des Adverbs, beginnend mit einer allgemeineren Definition verschiedener Grammatiken. Weiterführend werden die unterschiedlichen Unterformen des Adverbs, oder der Formenbestand, wie Helbig/Buscha es bezeichnen, erläutert und näher bestimmt, sowie Unterschiede in der Definition und Klassifikation des Adverbs aufgezeigt.

2.1 Definition

„Adverbien stellen eine heterogene und deshalb schwierig zu definierende Wortart dar.“[2] Ihre wenigen Gemeinsamkeiten sind, dass sie unflektierbar und einige wenige komparierbar sind. Außerdem können Adverbien im Vorfeld von Verbzweitsätzen, also vor dem finiten Verb stehen, was die Adverbien von den Nichtflektierbaren abhebt. Abgesehen davon folgt die Wortart der Adverbien nicht zwingend bestimmten syntaktischen Regeln. Der Duden formuliert problematisierend: „Selbst eine Unterscheidung in mehr oder weniger prototypische Adverbien ist nicht einfach.“[3] Schlichter formuliert es Boettcher: „Adverbien sind einfache Wörter wie oft, gern und – in der Überzahl – komplexe Wörter wie möglicherweise, deshalb, wovon,“[4] und fügt hinzu, dass zu den bereits ca. 1.000 bestehenden Adverbien durch Wortbildungsverfahren täglich neue hinzu kommen, was impliziert, dass die Definition und Klassifikation des Adverbs mit der Zeit nicht einfacher, sondern anspruchsvoller zu werden scheint. Dem prototypischen Adverb am nächsten kommen laut Duden wohl nur die Situierungsadverbien, wie hier, dort, heute, immer, welche mit ihrer hohen Frequenz in Texten und gesprochener Sprache den größten Anteil ausmachen. Entgegen der aus morphologischer Sicht naheliegenden Annahme, das Adverb müsse sich stets auf ein Verb im Satz beziehen oder sich in dessen Nähe befinden, können sich Adverbien auch auf Adjektive, andere Adverbien, Substantive und einen ganzen Satz beziehen und ihn modifizieren. Normalerweise bilden sie nicht das Subjekt des Satzes, können jedoch den Satzakzent tragen, oder sind zumindest betonbar.[5] Im Gegensatz zu Artikelwörtern, Präpositionen und anderen Funktionswörtern haben Adverbien Satzgliedwert, ähnlich wie Verben, Substantive und Adjektive, müssen jedoch nicht Satzglied sein.[6] Boettcher ergänzt, dass Adverbien nicht nur satzglied fähig, sondern auch vorfeld fähig sind. Durch diese Festlegung lassen sie sich von Konjunktionen oder Einstellungspartikeln abgrenzen.[7] Trotz der Zuordnungsschwierigkeit der Wortart des Adverbs fassen Helbig/Buscha zusammen, dass das Adverb semantisch die Umstände des Geschehens bezeichnet, der Situierung in Raum und Zeit sowie der Angabe modaler und kausaler Beziehungen dient. Des weiteren ordnen sie in ihrer Grammatik das Adverb drei verschiedenen Wortklassen bzw. Funktionen zu, welche die adverbiale Verwendung, die prädikative Verwendung und die attributive Verwendung (nachgestellt-unflektiert) umschließen. Ihnen zufolge gehören alle Wortklassen dem Adverb an, welche in adverbialer und eventuell in prädikativer und/oder attributiver Verwendung eingesetzt werden können.[8] Als deutliches Identifizierungsmerkmal stellen Pittner/Berman heraus, dass das Adverb als einzige unflektierbare Wortart im Deutschen allein vor dem finiten Verb in Aussagesätzen auftreten kann ([Adverb] kommt Hans).[9] Auch stellen Pittner/Berman explizitere semantische Funktionen fest. So können Adverbien „eine emotionale Stellungnahme des Sprechers zum bezeichneten Sachverhalt“ (leider, hoffentlich, glücklicherweise), „eine Bewertung der Wahrscheinlichkeit des bezeichneten Sachverhalts“ (vielleicht, möglicherweise), und „eine Bewertung anderer Art ausdrücken“ (dummerweise, arroganterweise).[10] Wie zuvor kurz erwähnt, haben Adverbien eine starke Affinität zur Wortbildung und verfügen dadurch oftmals über große Ähnlichkeiten zu anderen Wortarten, aus denen sie entstanden sind:

So berühren sich Konnektoradverbien mit den Junktionen und mit den Präpositionen (wegen). Viele Adverbien versehen pronominale Funktionen und ähneln damit den Pronomen (z.B. darauf, worauf). Manche haben hinweisenden Charakter und kommen hierin den Demonstrativa nahe (darauf habe ich gewartet). Sprachgeschichtlich können Adverbien zu Präpositionen, Konjunktionen, Subjunktionen und verschiedenen Partikeln übergehen, was nicht selten zu Abgrenzungsproblemen führt.[11]

Pafel/Reich unterscheiden in ihrer Grammatik zwar explizit das Adverb vom Adverbial, verwenden in ihrer weiteren Ausführung jedoch beide Begriffe Synonym, da sie sich lediglich auf die „semantische Charakterisierung adverbialer Ausdrücke“ fokussieren,[12] was symptomatisch für die Probleme der Differenzierung zwischen Adverb und Adverbial ist.

2.2. Unterformen

Trotz großer Heterogenität der Wortklasse des Adverbs ähneln sich die Definitionen im vorangegangen Kapitel größtenteils. Anders ist es bei der Klassifikation der verschiedenen Adverb-Unterformen durch unterschiedliche Grammatiken, die ähnlich heterogen sind, wie die zu bestimmende Wortart selbst. Je nach Grammatik wird der Schwerpunkt dabei auf unterschiedliche semantische und morphologische Merkmale gelegt, welche wiederum teilweise unterschiedlich benannt und unterschiedlich stark ausdifferenziert werden. Im Folgenden geht dieses Kapitel besonders auf die Klassifikation der Duden-Grammatik ein, welche am ausführlichsten ist, zieht jedoch auch die Grammatiken von Helbig/Buscha, Boettcher, Pittner/Berman und Dürscheid heran. Aufgrund stärkerer Ausdifferenzierung des Adverbial wird an dieser Stelle die Grammatik Pafel/Reichs nicht berücksichtigt, sondern für das Kapitel zum Adverbial aufgespart.

Die Duden Grammatik unterscheidet in der Kategorie der Komparation zunächst zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen Steigerungsformen, die sich an einigen wenigen Adverbien anwenden lassen. Zu den regelmäßigen gehören oft und wohl, zu den unregelmäßigen zählen bspw. bald – eher – am ehesten, und gern – lieber – am liebsten.[13] Helbig/Buscha gehen ebenfalls vertiefend auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der Komparation des Adverbs ein. Dabei unterscheiden sie erstens Adverbien, „die der Form nach mit den Adjektiven übereinstimmen (Adjektivadverbien)“[14] und daher alle Möglichkeiten der Komparation haben (s ie lernt am besten, das Auto funktioniert sehr gut). Zweitens gibt es bestimmte Adverbien, die mithilfe anderer Wortformen gesteigert werden: bald – eher – am ehesten, gern – lieber – am liebsten. Dritte von Helbig/Buscha definierte Gruppe stellen Adjektivadverbien dar, die zusätzlich Superlativformen mit aufs + -ste, mit -st und mit -stens bilden und damit den absoluten Superlativ, auch Elativ genannt, darstellen: aufs Schönste, baldigst, bestens, wenigstens. Im Kontext der Komparation merkt die Duden-Grammatik zusätzlich an, dass Adverbien grundsätzlich nicht an ihrer Form zu erkennen sind, auch wenn bestimmte Endungen, wie -weise, -wärts, -(er)maßen, -wegen oder -s, häufiger auftauchen.

Zur weiteren Differenzierung des Adverbs geht die Duden-Grammatik auf dessen Funktion und Verwendungskontexte ein und unterscheidet dabei zwischen dem Adverb als Angabe, auch Supplement genannt, und als Ergänzung, auch Komplement genannt. Der Unterschied dabei liegt in der Frage, ob das zu modifizierende Verb einer Ergänzung bedarf oder nicht:

Angabe: Dort wird gefeiert. (Feiern bedarf keiner Ergänzung.)

Ergänzung: Sie wohnt dort. / Dort wohnt sie. (Wohnen bedarf einer lokalen Ergänzung)[15]

Weiter wird auf die Adverbien eingegangen, die andere Adverbien modifizieren (d er Besuch kommt schon morgens), sowie auf solche, die sich auf das Substantiv des Satzes beziehen und dabei als Attribut fungieren (das Konzert gestern war toll). In diesem Kontext tauchen auch Adverbien auf, die adjektivistisch verwendet und in attributiver Stellung flektiert werden. Sie enden meist auf -weise (ein schrittweises Verbessern, das zeitweise Fehlen). Ihre Verwendung sei möglich, jedoch „insgesamt weniger üblich.“ Als letztes bezüglich der Verwendungskontexte wird im Duden das Kommentaradverb genannt, welche sich grundsätzlich auf den gesamten Satz bezieht und ihm meist eine bestimmte semantische bzw. implikative Richtung verleiht: Leider komme ich nicht mehr, vielleicht schaffe ich es doch noch.

Da die Einordnung der unterschiedlichen Klassen der Adverbien je nach Semantik, Funktion, Geltungsbereich, Bildungsweise und Syntax sehr komplex ist, nimmt die Duden-Grammatik im folgenden eine Kreuzklassifikation vor, welche den mehrfachen Überschneidungen der jeweiligen Gruppierungen Rechnung trägt und einen Überblick über die semantische Qualität der Adverbien geben soll: „Gemäß ihrer semantischen Qualität werden lokale, temporale, modale und (im weiteren Sinn) kausale Adverbien unterschieden.“[16] Diese Übersicht dient in der weiteren Beschreibung der jeweiligen Unterformen als Orientierung.[17] Um die größte Hauptgruppe der Adverbien abzudecken, geht die Duden-Grammatik zunächst auf die semantischen Hauptgruppen am Beispiel der Situierungsadverbien ein, welche sich, wie im obigen Zitat bereits erwähnt, in Lokal-, Temporal-, Modal- und Kausaladverb unterteilen. Helbig/Buscha unterteilen diese in ihrer Grammatik identisch, verwenden jedoch den Oberbegriff „semantische Subklassen“ und gehen im Gegensatz zum Duden nicht vertiefend auf deren alltagssprachliche Verwendung(s-Frequenz) ein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Kreuzklassifikation der Adverbien[18]

Helbig/Buscha differenzieren neben den semantischen Subklassen auch noch die syntaktischen Subklassen, die sich wiederum aus Adverbien der Gruppen A bis D zusammensetzen. Unterscheidungskriterien zwischen den Gruppen bilden dabei die Verwendungsmöglichkeiten der Adverbien und ihre syntaktische Wandel- bzw. Anpassungsfähigkeit. Dazu gehören Eigenschaften wie prädikativ oder attributiv, sowie Flektier- oder Komparierbarkeit.[19] Was der Duden unter „Adverbien mit besonderen Funktionen (Verwendungsweisen)“[20] überschreibt, bezeichnen Helbig/Buscha mit „Besondere Gruppen der Adverbien“[21]. Was hier zunächst ähnlich klingt, subsumiert jedoch unterschiedliche Gruppen von Adverbien. Der Duden fasst darunter drei Adverbientypen. Erstens Absolute und phorisch-dektische Adverbien (Situierungsadverbien), welche er wiederum in zwei Untergruppen differenziert. Dabei bezeichnen absolute (oder autonome) Adverbien von Sprecher bzw. Schreiber bzw. Ort und Zeit des Sprechens oder Schreibens relationsunabhängige Adverbien: Sie sprang kopfüber in den See. Er läuft vorwärts. Es ist zeitweise mit Regen zu rechnen. Dagegen bezeichnen phorisch deiktische Adverbien intertextuelle (phorische) oder intersituative (deiktische) Bezüge, dabei können die Adverbien eine ana- bzw. kataphorische (rück- oder vorverweisende) Funktion einnehmen: Hier (in diesem Regal) liegt das Buch (deiktisch). Hier (in dem erwähnten Schwimmbad) fand der Wettkampf statt (phorisch). Der größte Anteil beider Adverbgruppen setzt sich aus Lokal- und Temporaladverbien zusammen, da sie „als prototypisch für absolute und phorisch-deiktische Adverbien“ gelten.[22]

[...]


[1] Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Adverbiale_Bestimmung#Adverbial_und_Adverb

[2] Duden 2016: 581.

[3] Vgl. im folgenden Duden 2016: 581.

[4] Boettcher I 2009: 130f.

[5] Vgl. Duden 2016: 582.

[6] Vgl. im folgenden Helbig/Buscha 2000: 154f.

[7] Vgl. Boettcher I 2009: 133.

[8] Vgl. Helbig/Buscha 2000: 154.

[9] Vgl. Pittner 2013: 21.

[10] Pittner 2013: 22.

[11] Duden 2016: 582.

[12] Pafel/Reich 2016: 165.

[13] Vgl. im folgenden Duden 2016: 582ff.

[14] Vgl im folgenden Helbig/Buscha 2000: 154f.

[15] Vgl. im folgenden Duden 2016: 583.

[16] Vgl. im folgenden Duden 2016: 584.

[17] Vgl. Abb. 1.

[18] Duden 2016: 584.

[19] Helbig/Buscha 2000: 157f.

[20] Vgl. im folgenden Duden 2016: 588f.

[21] Vgl. im folgenden Helbig/Buscha 2000: 155f.

[22] Duden 2016: 589.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Adverb und Adverbial. Eine Abgrenzung
Hochschule
Universität Paderborn  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Grundlagen der Syntax
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V380292
ISBN (eBook)
9783668571044
ISBN (Buch)
9783668571051
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Syntax, Adverb, Adverbial, Abgrenzung, Wortart, Definition, syntaktische Funktion, problematiken der Abgrenzung, Wortklasse, Grundlagen der Syntax, Duden, Grammatik, Dürscheid, Böttcher, kategorial, adverbiale Bestimmung, Semantik, Skopus
Arbeit zitieren
Esther Schelenberg (Autor), 2016, Adverb und Adverbial. Eine Abgrenzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380292

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