Sport und Alkohol. Theoretische Konzepte zum Rausch- und Trinkverhalten im Sport


Bachelorarbeit, 2015

84 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung ... 1
2
Thematische Rahmenbedingungen ... 2
2.1
Der Alkohol ... 2
2.1.1
Der Begriff ,,Alkohol"... 3
2.1.2
Alkohol und seine physiologische Wirkung ... 4
2.1.3
Die Konsumklassen... 6
2.1.4
Wirkungen des Alkohols auf den Sportler ... 7
2.2
Die Konstruktion der Wirklichkeit ... 8
2.2.1
Der (Drogen-) Rausch als Konstrukt ... 9
3
Kulturhistorische Einbettung ... 11
3.1
Die Entdeckung des Alkohols ... 11
3.2
Alkohol und Rauschzustände im Wandel der Geschichte ... 12
3.2.1
(Drogen) Rausch in der Antike ... 13
3.2.2
Der (Drogen-) Rausch im frühen Christentum ... 18
3.2.3
Der (Drogen-) Rausch im Mittelalter ... 19
3.2.4
Der Wandel der Vorstellungen von Rausch im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ..
... 22
3.2.5
Der (Drogen-) Rausch in der frühen Neuzeit ... 23
3.2.6
Der (Drogen-) Rausch im 17. Und 18. Jahrhundert ... 25
3.2.7
Der (Drogen-) Rausch im 19. Jahrhundert und die Erfindung der Sucht ... 27
3.2.8
Der (Drogen-) Rausch im 20. Jahrhundert ... 28
3.3
Zusammenfassende Bemerkungen und die ,,Rauschfeindlichkeit" der westlichen
Industriegesellschaft... 30
4
Rausch ... 32
4.1
Definitionen und Auslöser von Rauschzuständen ... 33
4.1.1
Definitionen - Der veränderte Bewusstseinszustand ... 33
4.1.2
Auslöser und Ablauf von Rauschzuständen ... 37
4.1.3
Das Rauscherleben ... 39
5
Zum (jugendlichen) Risikoverhalten in der Risikogesellschaft ... 44
5.1
Die Risikogesellschaft ... 45
5.2
Das Aufwachsen in der Risikogesellschaft ... 47
5.2.1
Risikoverhalten als Bewältigungsstrategie ... 47
5.2.2
Kompetenzerwerb durch Risikoverhalten ... 48
5.2.3
Der subjektive Nutzen jugendlichen Risikoverhaltens ... 50
5.3
Sport, jugendliche Entwicklung und Alkoholkonsum ... 51
5.3.1
Sport als Sozialisationsfeld ... 51

5.3.2
Die sozial-integrative Kraft des Sports und der Rauschmittelkonsum ... 52
6
Vergemeinschaftung und der Sportverein ... 53
6.1
Der Sportverein und die Geselligkeit ... 54
6.2
Individualsport vs. Mannschaftssport... 56
6.2.1
Unterschiede im Trinkverhalten ... 57
7
Fußball, Vergemeinschaftung und der kollektive Rausch ... 58
7.1
Gemeinschaft und Vergemeinschaftung ... 59
7.1.1
Der Fußball und die Vergemeinschaftung ... 63
7.1.2
Der kollektive Rausch ... 65
8
Fazit ... 69
9
Literaturverzeichnis ... 73

1
1 Einleitung
Sport und Alkohol ­ das gilt in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals als Gegensatz. Doch
insbesondere im Mannschaftssport scheint der Konsum von Alkohol weit verbreitet zu sein, vor allem
der Fußball wird nicht selten im Zusammenhang mit dem exzessiven Konsum von Alkohol genannt.
Bespiele aus dem Bereich der professionellen Spieler finden sich im Fußball allemal. Über Uli
Borowka und Paul Gascoigne gibt es zahllose Anekdoten im Trinkkontext. James ,,Jimmy" Greaves
spritzte sich Wodka in die Orangen, die er mit zum Training nahm. Und George Best sagte einmal
sinngemäß, dass er viel Geld für Alkohol, leichte Mädchen und schnelle Autos ausgegeben habe, den
Rest habe er einfach ,,verprasst".
Doch auch auf Amateurebene scheint sportive Aktivität gepaart mit Alkoholkonsum zu sein. Ob bei
Mannschaftsfeiern, Sportfesten oder der Siegesfeier nach einem gewonnen Spiel. Der obligatorische
,,Kasten Bier" steht bei den meisten Mannschaftssportarten nach dem Spiel im Mittelpunkt der
Kabine und des Interesses.
Die vorliegende Arbeit versucht die einzelnen Komponenten der theoretischen Konzepte des Rausch-
und Trinkverhaltens im Sport zu detektieren und anschließend zusammenzuführen.
Einleitend wird in Kapitel 2 die Terminologie des Alkoholbegriffs grob skizziert, um im Anschluss
die
für
diese
Arbeit
essentielle,
soziologisch-konstruktivistische
Annahme
der
Wirklichkeitskonstruktion zu erläutern. In einem nächsten Schritt, dem Kapitel 3, muss dann eine
kulturhistorische Einbettung des Rausch- und Trinkverhaltens der westlichen Hochkulturen
vollzogen werden, da der Konsum von Alkohol in der europäischen Anthropologie als konstant
erscheint. Kapitel 4 soll als Erklärung des Rauschzustandes in all seinen Merkmalen dienen, um den
menschlichen Drang zum ,veränderten` Bewusstsein erfassen zu können.
Des Weiteren wird in Kapitel 5 das jugendliche Risikoverhalten als eines der zu beleuchtenden
theoretischen Konzeptionen des Rausch- und Trinkverhaltens im Sport skizziert. Ferner wird in
diesem Abschnitt eine zu überprüfende Hypothese gebildet. Nachfolgend stellt das Kapitel 6 eine
Abgrenzung des ,,Setting Sportverein" dar sowie zwischen den Individual- und
Mannschaftssportarten. In der vorletzten Untersuchungsphase, Kapitel 7, wird nun der soziologische
Vergemeinschaftungsansatz publiziert, worunter der Fußballsport subsumiert werden soll. Auch hier
wird eine formulierte Hypothese abgebildet und anschließend bewertet. Das abschließende Kapitel 8
fasst die zentralen Ergebnisse der theoretischen Überlegungen schlussendlich zusammen.

2
2 Thematische Rahmenbedingungen
Für die vorliegende Arbeit sind gewisse Rahmenbedingungen als Abgrenzungen vorzunehmen.
Zunächst wird der Begriff ,Alkohol` in verschiedenen Facetten grob vermittelt. Im Folgenden soll
der
für
diese
Arbeit
wichtige
soziologisch-konstruktivistische
Denkansatz
der
Wirklichkeitskonstruktion illustriert werden.
2.1
Der Alkohol
Der Alkohol ist zum einen das zentrale Rauschmittel dieser Arbeit und zum anderen die bedeutendste
psychoaktive Substanz der westlichen Industrienationen. Vielen Völkern sind alkoholische Getränke
und Nahrungsmittel seit Jahrtausenden bekannt und werden als Nahrungs-, Genuss- und Rauschmittel
eingesetzt. Lebensmittelrechtlich werden vor allem die Großgruppen Bier, Wein und Spirituosen bzw.
Branntweinprodukte unterschieden. Ausgewiesen werden müssen Lebensmittel die einen
Alkoholgehalt von mehr als 0,5 vol.-% haben.
1
Die derzeitigen durchschnittlichen Alkoholgehalte der Großgruppen sind
2
:
- Bier ca. 5 vol.-%
- Wein ca. 11 vol.-%
- Spirituosen ca. 33 vol.-%
Der Konsum von Alkohol ist in unserer Gesellschaft weitestgehend akzeptiert und an einigen Stellen
sogar gefordert. Dagegen werden der unkontrollierte Konsum sowie die Trunkenheit allgemein
negativ konnotiert und abgelehnt.
3
Alkoholische Getränke werden in Deutschland von rund 90% der erwachsenen Bevölkerung zu sich
genommen, wobei der Konsum gesellschaftlich genormt scheint und an Bedingungen geknüpft ist
(siehe folgende Kapitel). Vorzugsweise wird der Alkohol in der Freizeit getrunken und gilt als
Verknüpfungspunkt sozialer Kontakte, ist aber auch Teil geschäftlicher Abschlüsse oder politischer
Verhandlungen. Überdies ist die alkoholische Getränkeindustrie einschließlich ihrer Produktions- und
Vertriebsstrukturen ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor und findet sich auch bei sportlichen
Großveranstaltungen werbewirksam wider.
4
In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Konsum bei ca. 10
Litern pro Jahr und damit im internationalen Vergleich relativ hoch.
5
1
Vgl. : BZgA, Alkohol ­ Materialien für die Suchtprävention in den Klassen 5 ­ 10 S. 21
2
Vgl. : Spode, H., Genussmittel S. 25
3
Vgl. : Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Alkohol ­ Basisinformationen S. 2f
4
Vgl. : Bundesministerium für Gesundheit, Alkoholkonsum und altersbezogene Störungen in Deutschland S. 3
5
Vgl. : Hübner, J., Alkoholkonsum im Fußballsport S. 4f

3
2.1.1 Der Begriff ,,Alkohol"
Der heute verwendete Begriff ,,Alkohol" drang erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die
Umgangssprache ein. Der Begriff ist babylonischen Ursprungs (akkad. guhlu), arabischer Prägung.
Denn durch das arabische Wort ,,al-kuhl", welches in der ursprünglichen Bedeutung ,,feines
Pulver" bedeutete, gelangte es über Spanien in den hiesigen Sprachgebrauch und bezeichnet die
feinen, flüchtigen Bestandteile des Weines.
6
Der Alkohol hat eine Reihe von Eigenschaften: zum einen ist er ein Nahrungsmittel mit hohem
Energiegehalt und gleichzeitig ein Genussmittel, das Getränken oder Essen Geschmack verleiht. Zum
anderen ist er ebenso eine psychoaktive Substanz mit der Fähigkeit, das Bewusstsein und die Gefühle
des Konsumenten zu verändern. Alkohol kann durch seine psychoaktive Wirkungsweise auch
Schäden und Folgeschäden nach sich ziehen. Der häufige und unkontrollierte Konsum kann unter
Umständen in einer pathologischen Sucht enden. Des Weiteren wohnt dem Alkohol noch die
Fähigkeit eines Pharmakons mit der Wirkung als Heilmittel inne (früher häufiger eingesetzt; heute
nur noch im begrenzten Umfang, meist zur Desinfektion).
7
In der Umgangssprache bezeichnet ,,Alkohol" die berauschenden Bestandteile der konsumierten
alkoholischen Getränke und Nahrungsmittel. Der reine Alkohol, der Äthylalkohol oder Äthanol, ist
eine farblose, brennbare und brennend schmeckende Flüssigkeit und wirkt in hoch konzentrierter
Dosis als Zell- und Nervengift. Die im westlichen Kulturkreis etablierten alkoholischen Getränke
(Wein, Bier) werden überwiegend mittels der seit Jahrhunderten bekannten Verfahren der Gärung
oder durch Destillation (Spirituosen) hergestellt.
8
Das spezifische Gewicht von Alkohol liegt bei etwa 0,8/cm³, wonach man den Alkoholgehalt eines
Getränkes wie folgt errechnen kann: Volumen in cm³ x Alkoholgehalt in Vol.-% x 0,8g/cm³.
9
Die Errechnung der Alkoholkonzentration des Blutes erfolgt laut BZgA näherungsweise nach
folgender Formel
10
:
- Bei Männern: Konsumierter Alkohol in Gramm / Körpergewicht in kg x 0,7
- Bei Frauen : Konsumierter Alkohol in Gramm / Körpergewicht in kg x 0,6
6
Vgl. : BZgA, Alkohol ­ Materialien für die Suchtprävention in den Klassen 5 ­ 10 S. 15
7
Vgl. : Hübner, J., Alkoholkonsum im Fußballsport S. 5
8
Vgl. : Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Alkohol ­ Basisinformationen S. 4f
9
Vgl. : Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Alkohol ­ Basisinformationen S. 4f
10
Vgl. : BZgA, Alkohol ­ Materialien für die Suchtprävention in den Klassen 5 ­ 10 S. 21

4
2.1.2 Alkohol und seine physiologische Wirkung
Die Wirkungen im Metabolismus können ein etwaiges Argument für den historisch weit
zurückreichenden Alkoholkonsum des Menschen bieten, die Spode wie folgt beschreibt:
,, Die Leber produziert Enzyme ­ Alkoholdehydrogenase (ADH) und Aldehyddehydrogenase (ALDH)
- , die einzig dem Zweck dienen, Alkohol in seine chemischen Bestandteile zu zerlegen: Der im
Verdauungstrakt resorbierte Alkohol wird in Acetaldehyd und dann in Essigsäure gewandelt, die
wiederum in Kohlendioxid und Wasser gespalten werden.
physiologischen
Daneben, zu mindestens
3%, dient auch das mikrosomale Ethanol-oxidierende System (MEOS) dem Alkoholabbau in der Leber;
anders als das ADH/ALDH-System nimmt dessen Aktivität mit der Blutalkoholkonzentration (BAK)
zu. Ebenso der Anteil des unverändert mit Atemluft, Urin und Schweiß ausgeschiedenen Alkohols (2%
bis über 5%).
Da das variable MEOS maximal nur rund ein Zehntel des konsumierten Alkohols abzubauen vermag,
ist die Leistungsfähigkeit des Alkoholstoffwechsels ceteris paribus (s.u.) genetisch festgelegt.
Säuglinge und Kleinkinder können Alkohol noch nicht metabolisieren, Erwachsene maximal fast 200g
pro Tag".
11
Gravierende Unterschiede bestehen hinsichtlich des metabolisierten Alkohols aber auch bei
Erwachsenen. Zum einen bei Männern und Frauen; denn letztere weisen bei gleicher Trinkmenge
eine höhere (ca. 1/3) BAK auf beziehungsweise eine niedrigere Abbaurate und somit ein höheres
Risiko für Alkoholfolgekrankheiten. Die empirisch belegte Annahme, dass Frauen im Durchschnitt
weniger trinken als Männer und weibliche Trunkenheit gesellschaftlich stärker sanktioniert wird, hat
scheinbar eine biologische Grundlage. Zum anderen variiert die Alkoholverträglichkeit mit der
ethnischen Zugehörigkeit. In diesem Zusammenhang scheint die Verteilung leistungsfähiger ADH-
Varianten eine wichtige Rolle zu spielen.
12
Die biologisch bedingten individuellen Varianzen der Alkoholverträglichkeit und Abbaurate sind sehr
groß und nicht zuletzt spielen die konkreten Umstände des Konsums eine gewichtige Rolle: die
Gewöhnung, Getränkeart, das Setting und die Stimmungslage sind weitere abhängige Variablen der
Verträglichkeit von alkoholischen Getränken.
13
,,Selbst der durch das Acetaldehyd und die Dehydrierung bewirkte ,,Kater" ist abhängig von kulturellen
und psychischen Faktoren. Psyche und Physis ­ plakativ gesprochen: Kultur und Natur ­ zeigen beim
Alkoholkonsum ein vielfältiges und noch recht wenig erforschtes Zusammenspiel".
14
11
Zitat : Spode, H., Genussmittel S. 27
12
Vgl. : Spode, H., Genussmittel S. 27f
13
Vgl. : Spode, H., Genussmittel S. 28
14
Zitat: Spode, H., Genussmittel S. 28

5
Die physiologischen Wirkungen des Alkohols beeinträchtigen nicht nur den Stoffwechsel sondern
ebenso die Informationsübertragung durch das Gehirn. Je nach Dosierung wirkt der Alkohol entweder
stimulierend oder hemmend, durch den Neurotransmitter Dopamin. In geringeren Dosen ruft der
chemische Botenstoff erregende Effekte und ,,Enthemmung" hervor. Bei mittleren und starken
Dosierungen treten hemmende Effekte an den Synapsen hervor.
15
Da Alkohol ein Zellgift ist, welches
sowohl wasser- als auch fettlöslich ist, durchdringt es leicht die Zellmembranen und führt zu
Veränderungen der Zellfunktion. Alkohol ist eine vergleichsweise stark psychotrop wirkende
Substanz und gilt heute als ,,Droge". Nach dem Übertritt durch die Blut-Hirn-Schranke und die
dadurch erfolgte Anreicherung von Ethanol in den Nerven- und Gehirnzellen bewirkt Alkohol, unter
dem Begriff des ,,Rausches" (siehe folgende Kapitel) zusammengefassten Veränderungen in der
Motorik und des Denkens und Fühlens eines jeden Konsumenten.
16
In Abhängigkeit von der Blutalkoholkonzentration werden die kurzzeitigen Wirkungen des
Alkoholkonsums in den Kategorien von ,,Angeheitert" bis hin zur ,,Volltrunkenheit" unterteilt.
17
Bei einem leichten bis mittleren Rausch (zwischen 0,5 und 2,5 Promille) ergeben sich folgende,
zumeist subjektiv empfundene Anzeichen: über ein gewisses Enthemmungsgefühl und gesteigertem
Selbstbewusstsein kommt es zu einer Gefäßerweiterung (täuschendes Wärmegefühl),
Gesichtsfeldeinschränkung (Tunnelblick) und Verminderung der motorischen Fähigkeiten. Bei
mittleren Dosen steigt indes das Erregungsniveau, das sich in gesteigertem Redefluss, sexueller
Appetenz oder Aggressionsbereitschaft zeigen kann. Bei einem schweren Rausch (über 2,5 Promille)
kommt es zu weiteren Orientierungsverlusten und gelegentlich zum Gedächtnisverlust, er mündet ab
3,5 Promille in der Volltrunkenheit. Die Volltrunkenheit geht mit einer schweren Alkoholvergiftung
einher und erhöht das Risiko eines alkoholbedingten Unfalles immens.
18
Ein langfristiger, unkontrollierter Alkoholkonsum führt zu beträchtlichen körperlichen und
psychischen Konsequenzen. Vor allem sichtbar an Leber, dem Magen-Darm-Trakt, dem Herzen und
dem Nervensystem. Im schlimmsten Fall führt der Konsum zu einer physischen und psychischen
Abhängigkeit, die im pathologischen Kontext als Alkoholismus bezeichnet wird. Die Alkoholsucht
ist ein vergleichsweise ,,neues" Krankheitsbild und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts definiert
(siehe folgende Kapitel).
15
Vgl. : Hübner, J., Alkoholkonsum im Fußballsport S. 8f
16
Vgl. : Spode, H., Genussmittel S. 28f
17
Vgl. : BZgA, Alkohol ­ Materialien für die Suchtprävention in den Klassen 5 ­ 10 S. 21
18
Vgl. : Spode, H, Genussmittel S. 29f & Hübner, J., Alkoholkonsum im Fußballsport S. 8f

6
2.1.3 Die Konsumklassen
Laut dem Bundesministerium für Gesundheit gliedert sich der Alkoholkonsum in fünf
Konsumklassen:
19
- Abstinenz: Beschreibt diejenigen Personen, die lebenslang keinen Alkohol trinkt. Diese
Gruppe liegt bei 7-12% der Bevölkerung; das sind in etwa 3,4 Mio. 18-bis 59-Jährige und 8
Mio. über 14-Jährige Personen. Frauen sind häufiger abstinent als Männer. Mit steigendem
Alter nimmt die lebenslange Abstinenzrate ab.
- Risikoarmer Konsum: Illustriert den Alkoholkonsum bei etwa 75% der 18-bis 59-Jährigen
(etwa 36,3 Mio.) und bei ca. 60% der über 14-Jährigen (etwa 40,8 Mio.). Mit steigendem Alter
zeigen sich bei Männern der Altersgruppe 18-bis 59-Jahren die Tendenz zu höherem Konsum,
bei Frauen im Alter zwischen 30- und 39-Jahren. Die Trinkmenge liegt bei 30g bis 40g
Reinalkohol pro Tag für Männer, bis 20g/Tag für Frauen.
- Riskanter Konsum: Liegt vor, wenn die Trinkmenge bei Männern zwischen 40g bis 60g
Reinalkohol pro Tag liegt und bei Frauen bei 20g bis 40g/Tag. In diese Kategorie fallen 10,3%
der 18-bis 59-Jährigen (ca. 5 Mio.) und 11,9% der mindestens 14-Jährigen (ca. 8,3 Mio.). Die
Geschlechterunterschiede sind hier am deutlichsten zu erkennen. Bei den Männern der
jeweiligen Altersgruppe weisen 15,2% bzw. 17,9 riskanten Konsum auf, während nur 5,5%
bzw. 6,5% der Frauen dieser Klasse zugeordnet werden können.
- Gefährlicher Konsum: Skizziert wird hier der Konsum bei einer Trinkmenge von 60g bis 120g
Reinalkohol pro Tag für Männer und mehr als 40g bis 80g pro Tag für Frauen. Ein gefährlicher
Konsum tritt bei etwa 2,9% (1,4 Mio.) bzw. 4,9% (3,4 Mio.) auf. In beiden Fällen liegen hier
die Prävalenzwerte der Männer wenigstens doppelt so hoch wie die der Frauen.
- Hochkonsum: Bei einem Reinalkoholkonsum von mehr als 120g/Tag für Männer und mehr
als 80g/Tag für Frauen. Hochkonsumenten waren insgesamt 0,5% der 18-bis 59-Jährigen (ca.
350.000 Personen) und 0,9% der mindestens 14-Jährigen (etwa 440.000 Personen). Auch hier
sind die Prävalenzwerte für Männer deutlich höher als bei Frauen.
19
Vgl. : Bundesministerium für Gesundheit, Alkoholkonsum und alkoholbedingte Störungen in Deutschland S. 147f

7
2.1.4 Wirkungen des Alkohols auf den Sportler
Die Ausführungen über die Beeinträchtigungen des Alkoholkonsums vor oder während sportlichen
Leistungen sollen in dieser Arbeit nicht Gegenstand der Fragestellung sein. Dennoch ist es für die
weitere Bearbeitung von Nöten, die Wirkungsweise des Alkohols im sportlichen Kontext kurz zu
erwähnen.
Nachdem die Wirkungsmechanismen des Alkohols im menschlichen Organismus ganz allgemein
beschrieben wurden, betrachtet dieser Absatz nun grob die Wirkungen des Alkohols in Bezug auf
sportliche Unternehmungen.
In Bezug auf die Muskelarbeit herrscht durch verschiedene wissenschaftliche Erhebungen Einigkeit
darüber, dass sich Alkohol nachteilig auswirkt. Nach der Alkoholaufnahme werden viele
unzweckmäßige Mitbewegungen durchgeführt, weswegen die Muskeln frühzeitig ermüden. Das
Zusammenspiel der Muskelgruppen wird gestört, Bewegungsmuster werden eckig, unökonomisch
und minderwertig ­ die Muskelkoordination unterliegt einer Störung. Insgesamt kann festgestellt
werden, dass eine verminderte koordinative Leistungsfähigkeit ebenso entsteht, wie ein
Schnelligkeits- bzw. Schnellkraftdefizit.
20
Auch auf den Stoffwechsel sowie die Herzkreislauftätigkeit kann sich der Alkoholkonsum vor oder
während des Sportes negativ auf den Sportler auswirken. Da der Alkohol die Herabsetzung der
biomechanischen Verbrennungsvorgänge bewirkt, kann es infolge dessen zu einer erhöhten
Anforderung an die Herzkreislauftätigkeit kommen. Da der Alkohol besonders fettaffin ist, wirkt er
bei fettarmen, muskulären Sportlern schneller in Muskeln und Hirn (bei adipösen Personen wird der
Alkohol über die Fettzellen absorbiert). Speziell die Wärmeabgabe nach außen wird durch die
Blutgefäßerweiterung erhöht. Es kann zu einer Verminderung der Körpertemperatur führen, was
ebenfalls durch höhere Herztätigkeit kompensiert werden müsste.
21
Des Weitern führt der Alkohol zu einer höheren Atemfrequenz, da die Verbrennung des Alkohols im
Körper einen Mehrverbrauch an Sauerstoff erfordert. Alkohol in Kombination mit einer sportlich zu
erbringenden Leistung wirkt sich demnach direkt auf die Allgemeinausdauer und die lokale
Muskelausdauer aus. Ferner verschlechtert der Alkohol das Zusammenspiel zwischen
Befehlszentrale (Gehirn) und Ausführungsorgan (Skelettmuskel). Dies beeinflusst die Sinnesorgane
und die Nerventätigkeit. Die Reaktionszeit wird verringert, ebenso die Sehleistung (Tunnelblick),
Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Orientierung.
22
20
Vgl. :Weineck, J., Sportbiologie S. 561f
21
Vgl. : Hübner, J., Alkoholkonsum im Fußballsport S. 31
22
Vgl. : Weineck, J., Sportbiologie S. 561

8
2.2 Die Konstruktion der Wirklichkeit
In diesem Abschnitt soll vorab geklärt werden, was Menschen als Wirklichkeit ansehen und wie sie
diese konstruieren, um einen Anhaltspunkt darzustellen zu können, warum Menschen ein
rauschhaftes Verhalten eingehen.
Die Menschen streben danach, der Wirklichkeit eine bestimmte Ordnung und einen bestimmten Sinn
zuzuweisen. Sobald der Mensch seine Welt wahrnimmt, beginnt er, dieser eine Ordnung durch
Bewertungen und Sinnzusammenhänge zuzuschreiben. Andernfalls wäre seine Welt regellos und
chaotisch.
23
Die Funktion, die dieser Ordnungsprozess dabei übernimmt, nämlich das Leben in der Welt
vorhersagbar und überschaubar zu machen, wird auch die Interpunktion der Wirklichkeit genannt.
Diese macht es möglich, dass Wahrnehmungen zu einer Ordnung zusammengefasst werden und
gleichzeitig Wahrnehmungen ausgeklammert, umgedeutet oder abgelehnt werden, welche nicht in die
akzeptierte Ordnung hineinpassen.
24
Der Mensch befindet sich als soziales Wesen, indem er auf das soziale Leben ausgerichtet ist, im
permanenten Interaktions- und Kommunikationsprozess mit seiner Umwelt. Somit lebt der Mensch
durch seine Umweltbeziehung also nicht (nur) in seiner eigenen subjektiven Wirklichkeit, sondern
befindet
sich
im
permanenten
wechselseitigen
Prozess
der
Abgleichung
von
Wirklichkeitswahrnehmungen mit seiner Umwelt. Innerhalb dieses Prozesses entsteht die
intersubjektive Wirklichkeit, aus geeinigtem Wissen, welches somit objektiviert wurde.
25
Entscheidend dabei ist, dass der Großteil unseres kulturellen Wissens im Prozess der Sozialisation
erlernt und angeeignet wird. Die Sozialisationsinstanzen, oder ,,Signifikant Anderen", vermitteln dem
jeweiligen Individuum Werte und Normen, dass diese zu internalisieren versucht.
,,Dabei muss der Mensch im Prozess der Sozialisation diese Ordnung der Welt, die ihm die
signifikant Anderen vermitteln, stets mit der eigenen Wahrnehmung der Welt in Einklang bringen
und abgleichen und es kommt Schritt für Schritt zur Aneignung dieser Welt".
26
Der Zusammenhang zwischen Wissen und Handeln spielt für das Verständnis, der Konstruktion von
gesellschaftlicher Wirklichkeit, eine entscheidende Rolle. Zum einen wird das Wissen von der Welt
durch den kommunikativen Austausch mit anderen vermittelt und somit eine intersubjektive
Wirklichkeit hergestellt. Zum anderen bedingt die Internalisierung von Wissen, die Übernahme der
jeweiligen bestehenden kulturellen Wirklichkeit.
23
Vgl. : Korte, S. , Rauschkonstruktion S. 20
24
Vgl. : Watzlawick, P. , Wie wirklich ist die Wirklichkeit? S. 138ff.
25
Vgl. : Berger, L. / Luckmann, T. , Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit S. 25ff.
26
Zitat: Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 20

9
Und damit auch das Handeln nach diesen vorgegebenen Wirklichkeitskonstruktionen, welches
wiederum Wirklichkeit konstruiert. Im ständigen interagieren miteinander konstruieren Menschen
Wirklichkeit, wobei die Individuen sowohl Produkt als auch Produzent kultureller Wirklichkeit
sind.
27
Für Korte steht demnach fest, dass:
,,[...] die eine Wirklichkeit nicht existiert sondern es lediglich ,,objektivierte"
Wirklichkeitskonstruktionen gibt, auf die sich Menschen in einem konsensuellen Prozess
geeinigt haben."
28
Zusammengefasst lässt sich in diesem Abschnitt aus konstruktivistischer Sicht festhalten, dass
zumindest die Möglichkeit der Veränderung von Wirklichkeitskonstruktion besteht. Denn
Wirklichkeit ist als menschliches und gesellschaftliches Produkt potentiell gestalt- und veränderbar
und bleibt nur bestehen, solange sie sich in Interaktionen und Handlungen produziert.
29
,,Jede Kultur stirbt in dem Moment, wo niemand mehr ihren Regeln (...) folgt, Fußball gibt es nur,
solange jemand spielt, jede Sprache, die nicht gesprochen wird, stirbt; [...]"
30
2.2.1 Der (Drogen-) Rausch als Konstrukt
Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit wird die konstruktivistische Perspektive angenommen, die im
vorigen Abschnitt skizziert wurde. Anderen theoretischen Ansätzen zur Definition von
gesellschaftlichen Wirklichkeitstheorien wird keine Beachtung geschenkt.
Somit folgt für den (Drogen-) Rausch, die grundlegende Annahme, dass er nicht unabhängig vom
menschlichen Subjekt existiert, sondern vielmehr als ein ,,subjektiver Zustand" verstanden werden
kann. Der Rausch wird also subjektiv wahrgenommen und erlebt, es existiert demnach keine
allgemeingültige ,,Wahrheit des Rausches". Der Rausch wird durch das Subjekt erfahren und ist mit
ihm untrennbar verknüpft, wodurch er gedeutet und geordnet wird. Die Rauscherfahrung wird durch
die Interpunktion der Wirklichkeit in eine sinnhafte Ordnung gebracht. Es entsteht subjektives
Rauschwissen und subjektive Rauschwirklichkeit. Wie vorausgehend schon erwähnt, ist der Mensch
ein soziales Wesen und lebt nicht nur in seiner subjektiven Wirklichkeit, sondern befindet sich im
permanenten Abgleichungsprozess von Wirklichkeitswahrnehmungen. Bezogen auf den Rausch wird
nun also intersubjektives Rauschwissen objektiviert und somit intersubjektive Rauschwirklichkeit
geschaffen.
31
27
Vgl. : Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 22
28
Zitat: Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 23f
29
Vgl. : Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 24
30
Zitat: Simon, F.B. Innen und Außenperspektive S. 147
31
Vgl. : Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 26

10
,,Überdies wird bereits objektiviertes Drogenrauschwissen als ,,Jedermannwissen" im Prozess der
Sozialisation vermittelt, bevor eigentliche subjektive Rauscherfahrung stattfinden.
Das
kann
bedeuten, dass die aus dem internalisierten Wissen resultierende subjektive Erwartungshaltung im
Sinne von ,,selbsterfüllender Prophezeiungen" die tatsächliche Rauscherfahrung prägt".
32
Allgemein lassen sich unterschiedliche Einflussfaktoren für die Ausgestaltung der Drogenwirkung
darstellen. Das von Norman Zinberg (1984) entwickelte Konzept des ,,Drug, Set und Setting",
beschreibt diese Faktoren. Dieses Konzept wird in einem anderen Abschnitt dieser Arbeit noch von
Bedeutung sein und soll an dieser Stelle nur kurz erwähnt bleiben. ,,Drug" bezeichnet die bestimmte
pharmakologische Wirkung einer Substanz. ,,Set" beschreibt die intrinsischen Faktoren, also die
individuellen physiologischen und psychologischen Eigenschaften des Konsumenten (aber auch
seine subjektiven Erwartungen, Stimmung und Gefühlslage). Die extrinsischen Faktoren werden als
,,Setting" dargestellt und skizzieren die Atmosphäre, die räumlich-zeitlich sowie soziales Umfeld des
Konsums. Des Weiteren aber auch den soziokulturellen Hintergrund.
33
,,Welche Substanzen wann, von wem, wie oft und in welcher Dosierung, wo, mit wem und warum
verwendet werden, und auch, welche Einstellungen damit verbunden sind und welche Erfahrungen
gemacht werden, hängt zu großen Teilen von der kulturellen Zugehörigkeit eines Benutzers ab.
Durch diese kulturellen Prägungen wird der Rausch unterschiedlich erfahren und ausgelebt".
34
Vor dem Hintergrund der Annahme, dass die Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert wird, lässt sich
feststellen, dass auch das Rausch- und Drogenwissen als kulturelle Produkte anzusehen sind, die der
einzelne internalisiert und mit der eigenen subjektiven Erfahrung in Einklang bringt. Die daraus
resultierenden Handlungen produzieren/konstruieren Wirklichkeit, die wiederum das Wissen
bestätigen bzw. beeinflussen.
35
Somit ist vorab geklärt, unter welchen Rahmenbedingungen sich diese Arbeit mit dem Rausch- und
Trinkverhalten im Sport auseinandersetzt. Denn unter der Grundannahme der konstruktivistischen
Interpretation von Wirklichkeit, indem der Mensch sowohl Produkt als auch Produzent seiner eigenen
Wirklichkeit ist, lassen sich Rückschlüsse auf die verschiedenen Rausch-Realitäten und Bedingungen
ziehen. Des Weiteren spielt die Sozialisation und die Interaktion mit Anderen eine wesentliche Rolle
im Prozess der Wirklichkeitskonstruktion. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird dahingehend noch
weiter auf die Sozialisation, speziell in der Lebensphase Jugend, und auf die Interaktion mit Anderen
in Form von ,,Vergemeinschaftung" eingegangen.
32
Zitat: Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 26
33
Vgl. : Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 27
34
Zitat: Schneider, W., Drogenmythen. S. 37
35
Vgl. : Quensel, S. Drogenlügen? S. 7

11
3 Kulturhistorische Einbettung
Der Konsum von psychoaktiven Substanzen veränderte sich im weltgeschichtlichen Verlauf
zunehmend. Die Folge aus diesen Veränderungen ist die Wandelbarkeit der Vorstellungen,
Bedeutungen und Funktionen des Rausches in den einzelnen historischen Epochen. Für die
vorliegende Abhandlung kommt dem Alkohol (-konsum) eine bedeutende Rolle zu, nicht zuletzt da
Alkohol das primäre Rauschmittel der abendländischen Kultur ist. Demzufolge bedarf es einer
knappen Illustration der Veränderungen von Bedeutungsmustern des Alkoholkonsums und
Rauschkonstruktionen im kulturgeschichtlichen Verlauf.
Es sei vorab darauf hingewiesen, dass sich das folgende Kapitel weitestgehend mit der europäischen
Kulturgeschichte beschäftigen wird und ob des begrenzten Umfanges dieser Arbeit kein Anspruch
auf Vollständigkeit erhoben wird. Es geht lediglich um die ,,hermeneutische Plausibilisierung".
Aldo Legnaro beschreibt die Wichtigkeit des kulturellen Kontextes, wie folgt:
,,die Einstellungen gegenüber Rausch und Ekstase im allgemeinen und gegenüber Drogen im
besonderen werden nur verständlich, sieht man sie vor dem Hintergrund der generellen Prämissen,
die die spezifische Weltsicht, die ,,Weltanschauung" einer Kultur ausmachen. Aufgrund dieser
Prämissen, die als kulturelle Axiome anzusehen sind, also einen Konsens über die Inhalte eines
symbolischen und wahren Universums bilden, werden Erfahrungen als wirklich oder unwirklich
betrachtet. Das ist keine Aussage über ihren ontologischen Status: Wirklichkeit ist eine kulturelle
Konstruktion"
36
3.1 Die Entdeckung des Alkohols
Das gängige Rauschmittel im abendländischen Kulturkreis, von der Antike bis zur heutigen Zeit, ist
der Alkohol. Die Entdeckung des Alkohols durch die Menschen ist nicht abschließend geklärt.
Vermutlich ahmten die Menschen das Verhalten der Tiere nach, welche vergorene Früchte aßen (ca.
10000 ­ 8000 v. Chr.).
37
Mit der Entstehung der Landwirtschaft beginnt auch die gezielte Verwendung von Alkoholika. Den
Ackerbaukulturen wird gemeinhin die Erfindung der Braukunst nachgesagt (ca. 8000 v. Chr.), vor
allem im vorderen Orient wurde aus Gerste Bier gebraut.
38
Die Kelten als Bodenbauer gemäßigter Landzonen vergoren Honigwasser zu Met, die Skythen als
Viehzüchter kannten vergorene Stutenmilch.
39
36
Zitat: Legnaro, A., Ansätze zu einer Soziologie des Rausches S. 46
37
Vgl.: Petry, J., Ein schematischer Überblick über die Kulturgeschichte des Alkohols S. 18
38
Vgl. : Spode, H. Genussmittel ­ Ein kulturgeschichtliches Handbuch S. 34f
39
Vgl. : Petry, J., Ein schematischer Überblick über die Kulturgeschichte des Alkohols S. 19

12
Auch in Ägypten und Mesopotamien wurde, in Zeiten des Bewässerungs- und Städtebaus der
Priesterkönigtümer, die Bier- und Weinproduktion kommerziell. Der Alkohol hatte zu dieser Zeit vor
allem eine Funktion: als Nahrungsmittel. Denn alkoholische Getränke hatten einen hohen
Nährstoffgehalt und die konservierenden Eigenschaften des Alkohols waren wichtig für die
Vorratshaltung. Zum anderen dienten sie aber auch als Rauschmittel.
40
,,Die Veralltäglichung des Konsums bedeutete zugleich eine Entzauberung des Rauschtrankes.
Dessen magisch-entgrenzende Qualitäten lebten jedoch am Festtag wieder auf, der die archaische
Institution des Gelages in einer veränderten Welt aufbewahrte".
41
Im Mittelalter und der frühen Neuzeit hatte das Bier im abendländischen Kulturkreis sogar eine
lebenserhaltende Funktion. Da in manchen Regionen die Wasserqualität als mangelhaft anzusehen
war, war es wesentlich ungefährlicher Bier und Wein zu sich zu nehmen als Wasser.
42
Von der Antike bis zum ca. elften Jahrhundert n. Chr. konnten alkoholische Getränke lediglich einen
15 ­ 18 % Alkoholanteil enthalten. Dies änderte sich mit der Entdeckung der Destillation.
,,Der Gärprozeß stoppt, wenn in der Flüssigkeit ein Alkoholgehalt von 14 bis 20 Vol.-% erreicht ist;
um stärkere Mischungen zu erhalten, muß das Wasser vom Alkohol getrennt werden. Eine Methode
stellt das Einfrieren dar. [...] Effektiver und präziser lassen sich die unterschiedlichen Siedepunkte
nutzen: Beim Destillieren bzw. Brennen steigt der Alkohol ­ idealiter ­ in einen Kühler auf (Helm,
Alembik), während das Wasser in dem auf 78 C erhitzen Kolben verbleibt (Blase, Cucurbita)".
43
Zunächst diente die Destillation lediglich der Herstellung von Duftwässern und Augenpuder, woher
auch der Begriff Alkohol stammt (arabisch alkul = das Feinste, arrak = das Destillat).
44
Anfänglich
wurde der so hergestellte Alkohol ausschließlich zu medizinischen Zwecken verwendet (aqua vitae)
und war sehr teuer. Kommerziell wurde die Destillation zur Branntweinherstellung erst Ende des 15.
Jahrhunderts und der Schnaps somit allgemein erhältlich. Neben der berauschenden Wirkung des
Alkohols, war seine Verwendung als Heilmittel charakteristisch für diese Zeit
45
:
3.2 Alkohol und Rauschzustände im Wandel der Geschichte
Nicht nur die Verwendungsart des Alkohols änderte sich im Verlauf der Geschichte. Über den Zweck
als Nahrungsmittel und Heilmittel hinweg, diente der Alkohol in einer Vielzahl der frühen
Hochkulturen konstant auch als Rauschmittel.
40
Vgl. : Petry, J., Ein schematischer Überblick über die Kulturgeschichte des Alkohols S. 19
41
Zitat: Spode, H., Genussmittel ­ Ein kulturgeschichtliches Handbuch S. 37
42
Vgl. : Spode, H., Genussmittel ­ Ein kulturgeschichtliches Handbuch S. 37
43
Zitat: Spode, H., Genussmittel ­ Ein kulturgeschichtliches Handbuch S. 52
44
Vgl. : Feuerlein, W., Alkoholismus ­ Mißbrauch und Abhängigkeit S. 13
45
Vgl. : Austin, G., Die Revolution im europäischen Drogengebrauch des 16. Jahrhunderts (Tee, Kaffee, Tabak) im
Vergleich

13
Doch vor allem die Bedeutung des Alkoholkonsums und den damit einhergehenden Rauschzuständen
änderte sich im Laufe der Zeit fundamental.
46
An dieser Stelle soll ein Überblick über die Alkohol-
und Rauschzustände in den frühen (abendländischen) Hochkulturen gegeben werden. Dieser
Überblick soll lediglich beispielhaft den Wandel des Alkoholkonsums im geschichtlichen Kontext
vorstellen.
Der kulturgeschichtliche Hintergrund ist vorwiegend deshalb erwähnenswert, da er die Wandelbarkeit
der Vorstellungen, Bedeutungen und Funktionen des Rausches in den einzelnen historischen Epochen
verdeutlichen kann. Insofern dient dieser Abschnitt, unter anderem, zur Hinführung der heutigen
modernen, anglo-europäischen Interpretation von Rausch und seinen Deutungsmustern. Gerade die
medizinisch-psychologische Problematisierung des Konsums von Alkohol ist erst Ende des 18. bzw.
zu Beginn des 19. Jahrhunderts festzustellen.
47
Beleuchtet wird die Zeit zwischen den frühen antiken,
abendländischen Kulturen und der Neuzeit, um vor allem die Implikationen einer allgemeinen
,,Rationalisierung der Lebensführung" darzustellen.
48
Die Begrifflichkeiten des Alkoholrausches und des Alkoholkonsums sind nicht als Synonyme
anzunehmen. Sie grenzen sich in ihrer Funktion klar voneinander ab. Der Konsum beschreibt
lediglich den Verzehr alkoholhaltiger (Getränke bzw.) Nahrungsmittel. Dagegen ist der
Alkoholrausch der übermäßige Konsum alkoholhaltiger Nahrung. Der Begriff des ,,Rausches" wird
im Verlauf der Arbeit noch klar definiert.
3.2.1 (Drogen) Rausch in der Antike
Das gängige Rauschmittel der Antike war der Alkohol. Im südlichen Europa bei den Griechen und
Römern der Wein und im Norden bei Germanen und Kelten Met und Bier. Der Konsum war bei einer
Vielzahl von Anlässen gegeben und der damit einhergehende Rausch erschien in seiner Ambivalenz
akzeptiert.
49
In der frühen jüdischen Gesellschaft war der Alkohol als Genussmittel akzeptiert, aber übermäßige
Trunkenheit wurde gemeinhin abgelehnt. Die Effekte des übermäßigen Alkoholkonsums wurden mit
einer Bloßstellung in Verbindung gebracht, welche starke, gesellschaftliche Sanktionen nach sich
ziehen konnte.
50
Insgesamt wurde der Alkoholrausch im Alten Testament mit einer Entfernung von
Gott in Verbindung gebracht und gilt daher als religiös und moralisch zweifelhaft.
51
46
Vgl. : Reinhardt, J.D., Alkohol und Soziale Kontrolle S. 17
47
Vgl. : Reinhardt, J.D., Alkohol und Soziale Kontrolle S. 17
48
Vgl. : Reinhardt, J.D., Alkohol und Soziale Kontrolle S. 18
49
Vgl. : Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 50
50
Vgl. : Reinhardt, J.D., Alkohol und Soziale Kontrolle S. 18ff
51
Vgl. : Legnaro, A., Ansätze zu einer Soziologie des Rausches S. 45

14
Im antiken Griechenland sind der Alkoholgebrauch und der Alkoholrausch wesentlich ambivalenter
zu bewerten. Zum einen stellte der mit Wasser verdünnte Wein die bedeutsamste Alltagsdroge sowie
ein wichtiges Nahrungsmittel dar, zum anderen diente er in verschiedener Funktion als Rauschmittel.
Der Unterschied zwischen dem antiken Griechenland und der frühen jüdischen Gesellschaft in Bezug
auf die ambivalente Rauschbewertung könnte sich in dem Fehlen eines verbindlichen religiösen
Regelkanons auf griechischer Seite finden. Dies stellt eine mögliche Erklärung für die Diskrepanz
von Dionysuskulten einerseits und ambivalenter bis kritischer Haltung der Oberschicht anderseits
dar.
52
Wie schon angedeutet erscheint der Rausch im antiken Griechenland am deutlichsten in seiner
unterschiedlichen Funktionalisierung. Er wurde als Medium der Annäherung an die Göttlichkeit
innerhalb religiöser Rituale eingesetzt, diente der philosophischen Erkenntnis und hatte überdies auch
eine soziale, alltägliche Funktion.
Die religiös-spirituelle Seite des griechischen Alkoholrausches erlangt in den ,,Dionysien" große
Bedeutung. Einmal im Jahr wurden diese, zu Ehren des Weingottes Dionysos, ,,Gott des Weines, aber
auch Herr der Seelen, Gott der Fruchtbarkeit und der immer neu erblühenden Vegetation"
53
,
abgehalten.
54
,,Bei diesen Festlichkeiten tranken die oft verkleideten und maskierten Teilnehmer begleitet von
Musik und Tanz häufig mehrere Tage lang unbegrenzte Mengen an Wein und aßen rohes Fleisch."
55
Diese Kulte basierten auf zwei Grundlehren: zum einen galt der Wein als heilige Gabe des Gottes,
der Gott ist im Wein existent und wirkt durch ihn. Der Rausch gewinnt somit die Bedeutung von
Besessenheit durch den Gott. Zum anderen sollte der Wein die Menschen von den Zwängen befreien,
die ihm das Leben auferlegt. Dadurch erhält der Rausch zusätzlich die Funktion, das Individuum von
gesellschaftlichen Zwängen zu befreien und diese Funktion sozial zu integrieren.
56
Neben der religiös-spirituellen Funktionalisierung des Rausches war der Wein ein alltägliches
Genussmittel der profanen Welt und auch der Rausch spielte eine Rolle im sozialen Leben. Eine
besondere Bedeutung nimmt dabei das Symposium, ein mit philosophischen Gesprächen
verbundenes Trinkgelage, ein. Der Rausch, der mit dem Symposium einherging, war akzeptiert und
Teil des sozialen Ereignisses.
52
Vgl. : Reinhardt, J.D., Alkohol und Soziale Kontrolle S. 20
53
Vgl. : Geschwantler, K., Dionysischer Kreis und Antike Geselligkeit. S. 57
54
Vgl. : Korte, S., Rauschkonstruktionen S. 50
55
Zitat: Korte, S. Rauschkonstruktionen S. 50
56
Vgl. : Korte, S. Rauschkonstruktionen S. 50f

15
Dabei diente er in erster Linie der Befreiung des Intellekts, also der intellektuellen Inspiration, die
auf die philosophischen Diskussionen im Zuge des Symposiums anregend wirkte.
57
Im antiken Griechenland gab es aber auch den Rausch in Tavernen und Wirtshäusern: hier war es
auch anderen Bevölkerungsschichten gestattet zu trinken und betrunken zu werden. Denn Frauen,
Sklaven und Ausländer hatten keinen Zugang zur geselligen Berauschung im Symposium. Der
Unterschied zwischen der Berauschung im Symposium und in den Tavernen lag hauptsächlich in der
Funktion des Rausches. Denn der Rausch in den Tavernen nahm lediglich eine soziale Funktion ein
und wurde um seiner selbst willen aufgesucht.
58
Da der Wein im sozialen, philosophischen und religiösen Leben eine große Rolle einnahm, wurde
sein Konsum sowie die Berauschung innerhalb des philosophischen Diskurses thematisiert. Für
Platon sind die körperlichen Lüste und physischen Freuden (Sex, Essen und Rausch) dem geistigen
Leben unterzuordnen, haben jedoch im Leben des Menschen seinen Platz.
,,So bestimmt die Platonische Philosophie eine Vorstellung vom maßvollen, ausgewogenen Leben,
das sowohl das Prinzip des geistigen und sittlich tugendhaften Leben als auch das der Begierde und
Lust vereint, ersteres aber moralisch höher bewertet."
59
Anders stellt sich dieses Verhältnis bei Epikur dar. Der Epikureismus als eigenständige Schule vertritt
die Ethik des Hedonismus. Die Lust steht im Zentrum und wird als Prinzip des Guten verstanden.
Somit beschreiben die genannten Philosophen beispielhaft, die schon genannte Diskrepanz zwischen
Vernunft und Lust im antiken Rauschverhalten.
Insgesamt dominiert in der griechischen Antike eine Haltung zum Rausch, die auf einen maßvollen
Umgang mit dem Zustand ausgerichtet ist, nicht aber maßvoll im Umgang mit dem Gebrauch einer
,,Droge". Der Rausch ist in seiner ganzen Ambivalenz in die Kultur integriert, wobei beide Facetten
des Rausches, das ekstatisch-freudige als auch das aggressive und unmäßige Element thematisiert
werden. Allerdings scheint die Würdigung der Freuden des Rausches deutlich zu überwiegen.
60
Ähnlich wie in Griechenland diente der Wein in der römischen Antike zum einen als Nahrungsmittel
als auch als Rauschmittel. Zunächst hatte auch der römische Rausch eine duale Bedeutung in Religion
und sozialem Leben.
Die Römer verehrten den Weingott Bacchus, welcher dem griechischen Dionysos entspricht, in den
sogenannten Baccanalien (ca. 5 Jahrhundert v. Chr.). Der Bacchus-Kult war zunächst weniger
orgiastisch als das griechische Pendant. Des Weiteren galt der durch den konsumierten Wein
57
Vgl. : Walten, S. Out of it. S. 34ff
58
Vgl. : Korte, S Rauschkonstruktionen S. 53
59
Zitat : Korte, S. Rauschkonstruktionen S. 54
60
Vgl. : Korte, S. Rauschkonstruktionen S. 54f
Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Sport und Alkohol. Theoretische Konzepte zum Rausch- und Trinkverhalten im Sport
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Sportwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
84
Katalognummer
V380308
ISBN (eBook)
9783668619081
ISBN (Buch)
9783668619098
Dateigröße
1248 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Alkohol, Trinkverhalten, Rausch
Arbeit zitieren
Lasse Ahl (Autor), 2015, Sport und Alkohol. Theoretische Konzepte zum Rausch- und Trinkverhalten im Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380308

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