Der Rollenkonflikt in Ludvig Holbergs "Jeppe vom Berge" oder "Der verwandelte Bauer". Die Macht der sozialen Rolle


Hausarbeit, 2015
12 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1) Die Bauern Skandinaviens
1.1) Die Bauerntradition Dänemarks und Norwegens
1.2) Die Unterdrückung der Bauern

2) Der Konflikt sozialer Rollen
2.1) Die soziale Rolle Jeppes
2.2) Die Macht der Situation
2.3) Das Stanford-Prison-Experiment
2.4) Ein Vergleich zwischen Jeppe und dem Stanford-Prison-Experiment

Nachwort

Bibliographie

Vorwort

Ludvig Holbergs Stück Jeppe vom Berge oder Der verwandelte Bauer wurde 1723 verfasst. Es handelt sich hierbei um eine Tragikomödie, bei welcher der Kontrast zwischen "Komik und Tragik" vorbildlich angewendet wird.[1] Dieses Werk dreht sich um die komische wie auch tragische Figur des Bauern Jeppe. In dieser tragischen Komödie wird das Bauern-Dasein des frühen 18. Jahrhunderts durch den Protagonisten personifiziert. Charakteristisch für Jeppe ist zum einen, dass er zu dem großen Kreis der armen Bauern dieser Zeit zählt und noch dazu von seiner Frau mit dem Küster betrogen wird. Diese prekäre Situation Jeppes weist darauf hin, dass die "Amtsinhaber auf dem Lande, die sich bereichern, die Armut der Bauern verursachen und sogar die Ehre der Bauernfamilie bedrohen"[2]. Zum anderen zeichnet sich Jeppe dadurch aus, dass sein Leben von starkem Alkoholkonsum geprägt ist. Damit spiegelt Holberg das damalige Problem des hohen Alkoholismus am Land durch die Person von Jeppe wider.[3]

So können soziale Rollen, welche man damals bei der Geburt bereits auferlegt bekam, wie eben jene des Bauern, zu ernsten Auseinandersetzungen führen.[4] Diese Auseinandersetzungen führten in der damaligen Zeit gelegentlich zu Frustration, welche die gemeine Gesellschaft, insbesondere jene am Land, mit Alkohol aus dem Weg schaffen oder zumindest für einen Tag vergessen machen wollte.

Neben diesem geschichtlich sozialen Aspekt dieser Komödie, welcher sehr ausführlich in Hermann Engsters 'Der Januskopf des Bürgers' besprochen wird, ist der (scherzhafte) Rollentausch - vom Bauern zum Baron für einen Tag - sehr relevant zu analysieren. Denn als Jeppe glaubhaft gemacht wird, er sei tatsächlich der Baron und er träume nicht nur, läuft dieser Spaß des Barons und seiner Diener aus dem Ruder. So führt dieser Streich so weit, dass Jeppe sogar zwei seiner angeblichen Diener hängen lassen würde.

Da in der Literatur über diese Tragikomödie meist dieselben Themen wie etwa die Mittel, welcher sich Holberg bedient, um dieses Werk tragisch aber gleichzeitig komisch wirken zu lassen, oder das Verhältnis zwischen Sein und Schein, welches Helmut Prang anhand des Rollentausches Jeppes zum Baron anschneidet, diskutiert werden, soll dieser Text vor allem die soziale Wirkung des Rollentausches auf Jeppe unter die Lupe nehmen.

Mein Bestreben besteht daher nun darin, die Analyse dieses Rollentausches, warum Jeppe derart größenwahnsinnig wird, mit Hilfe von verschiedenen Theorien vorzunehmen. Des weiteren wird die Frage diskutiert, inwiefern die geschichtlich sozialen Aspekte des Lebens als Bauer im frühen 18. Jahrhundert in Skandinavien zu Jeppes aggressivem Verhalten als Baron beitragen. Außerdem wird die Unterdrückung, welche Jeppe zu Hause von seiner Frau widerfährt, miteinbezogen. Zu guter Letzt wird ein Vergleich mit dem berühmten Standford-Prison-Experiment herangezogen, um die Macht der Situation besser zu erörtern.

1) Die Bauern Skandinaviens

Die Bauern Skandinaviens haben eine lange Vergangenheit. Bekanntheit erreichten sie vor allem als Wikinger. Diese bestanden vorwiegend aus Jungbauern und Händlern. Später im Mittelalter kam es allmählich zur Abhängigkeit des Bauern von Adel und Kirche, da diese sämtliche Gutshöfe aufkauften. Grund für die Bauern, deren Besitz an Adel und Kirche zu verkaufen, war das Wegfallen der Steuern. Schließlich führte diese Abhängigkeit jedoch zur Unterdrückung der Bauern, welche auch noch im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Entstehung von Jeppe vom Berge, anhielt.

1.1) Die Bauerntradition Dänemarks und Norwegens

Wie bereits erwähnt, gibt es in den skandinavischen Ländern, vor allem aber in Norwegen, eine weit zurückreichende bäuerliche Tradition. Ein Teil der Bauern gegen Ende des ersten Jahrtausends nach Christi Geburt sind unter dem Namen "Wikinger" bekannt. Die Wikinger waren Bauern Norwegens, die sich auf abenteuerliche Schifffahrten begaben. Der Grund dieser Reisen war der Platzmangel Norwegens, welcher aufgrund des raschen Bevölkerungswachstums entstand.

Einige Bauern ließen sich bei den Schiffsfahrten auf unbewohntem Land nieder und so wurden unter anderem die Färöer wie auch Island von den Wikingern, den norwegischen Bauern, besiedelt und bewirtschaftet.

1.2) Die Unterdrückung der Bauern

Etwa ab der Zeit der Personalunion zwischen Dänemark und Norwegen im 14. Jahrhundert kamen noch schwerere Zeiten auf das traditionelle Bauerntum zu. So führten die hohen Steuern, welche vor allem von den Bauern zu leisten waren, da der Adel und die Kirche steuerfrei waren, dazu, "daß sehr viele freie Bauern in dem Bestreben nach Entlastung von den hohen staatlichen Steuern ihr Eigentum aufgaben und sich zu Zinspflicht Adel oder Kirche unterstellten"[5].

Im Jahre 1650 wurden schließlich nur noch 6% der Bauernhöfe von freien Bauern bewirtschaftet.[6] Diese mussten weiterhin Steuern an den König zahlen. Die zinspflichtigen Bauern hingegen mussten stattdessen dem neuen Grundbesitzer jährlich eine festgelegte Landgilde abgeben.[7]

Im 15. Jahrhundert wurde in einigen Teilen Dänemarks die Schollenpflichtigkeit eingeführt. Dies bedeutete nun, dass die Bauernsöhne an deren Geburtsort gebunden waren und so vom Grundherrn dazu bestimmt werden konnten, einen freistehenden Hof zu bewirtschaften. Die Zeit der Schollenpflichtigkeit fand 1702 ein Ende, wurde aber bereits 1733 erneut eingeführt, bis hin zur endgültigen Auflösung 1788.[8]

Somit zeigt sich also, dass das norwegisch-dänische Bauernvolk eine lange Phase der Unterdrückung erdulden musste. Erst im späteren 18. Jahrhundert wurde den Bauern mehr Freiheit zuerkannt.

Hermann Engster bringt diese Jahrhunderte andauernde Unterdrückung auf den Punkt:

"Die Geschichte der dänischen Bauern bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ist eine Geschichte des ökonomischen Niedergangs, der sozialen Deklassierung und der wachsenden Unfreiheit. Der ehemals freie und unabhängige dänische Bauer wurde seit dem späten Mittelalrter zum Objekt einer Ausbeutung degradiert, an der sich Königtum, Adel, Kirche und schließlich auch das Bürgertum beteiligten."[9]

Diese Unterdrückung der Bauern spielte für Holberg in dieser tragischen Komödie eine sehr zentrale Rolle, so wird schließlich das Bauernvolk von der Hauptfigur Jeppe personifiziert. Damals war es auch üblich, wie bereits oben angemerkt, dass am Lande sehr viel Alkohol getrunken wurde, was auf die Unfreiheit der Bauern zurückzuführen ist. Daher ist es auch charakteristisch, dass Jeppe den Alkohol braucht, um seiner Unzufriedenheit mit seiner sozialen Stellung entgegenzuwirken. So wird er unter anderem zurecht auch als einer, der "in seiner traurigen wirtschaftlichen Lage zum Tröster Branntwein greif[..t]"[10] beschrieben.

2) Der Konflikt sozialer Rollen

Wie es also schon bereits angemerkt wurde, beschäftigt sich Holberg in dieser Komödie mit der Unterdrückung der Bauern und somit also auch mit dem Konflikt der sozialen Rollen in der Gesellschaft. Als Bauer hatte man es eben vor allem in dieser Zeit schwer, da man auch in der Gesellschaft allgemein keinen hohen Stellenwert besaß. Da "soziale Positionen [...]einige allgemeine Eigenschaften [enthüllen]", wurden die Bauern stets in ein und dieselbe Schublade gesteckt und ausgenutzt. So muss auch Jeppe mit diversen Vorurteilen leben. Unter anderem ist er in der Region als Trinker bekannt. "Aber warum Jeppe trinkt, das sagen sie nicht"[11].

Aber nicht nur die Rolle der Bauernschaft wird in diesem Werk Holbergs erwähnt.

2.1) Die soziale Rolle Jeppes

In dieser Komödie vereint Holberg jegliche soziale Rollen dieser Zeit - den Adel, die Kirche, das Bürgertum und das Bauerntum. Der Baron vertritt hierbei den Adel, seine Diener sowie der Wirt das Bürgertum. Die Kirche wird in diesem Werk vom Küster, mit welchem Nille Jeppe betrügt, vertreten. Und zu guter Letzt repräsentiert Jeppe mit seiner Nille das ärmliche Bauernvolk. Doch Jeppes Unterdrückung ist nicht nur gesellschaftlich geprägt, sondern er wird auch zu Hause von seiner Frau Nille unterdrückt und gedemütigt.

Diese hat ihren Mann als faulen Versager in jeglicher Hinsicht abgestempelt. Darüber hinaus bedient sie sich aller Mittel, um Jeppe zum Arbeiten anzutreiben: "Ich glaub' kaum, daß es im ganzen Bezirk einen so faulen Schlingel gibt wie meinen Mann. Ich kann ihn kaum wach kriegen, selbst wenn ich ihn an den Haaren aus dem Bett zerre."[12] Mit diesem Zitat beginnt Holberg sein Werk und zeigt uns hiermit die wesentlichsten Charakterzüge dieser Personen. Jeppe wird als fauler Bauer, den man kaum zum Arbeiten bewegen kann, und Nille als eine Furie dargestellt. Sie beschimpft ihn nicht nur ständig, sondern schlägt ihn auch regelmäßig mit der Peitsche Meister Erich. Um diesen daraus resultierenden Ärger und der Frustration zu entfliehen, bedient sich Jeppe dem Alkohol, wo er nur kann.

Jedoch bekommt Jeppe eine andere Möglichkeit, seine Frustration zu kompensieren. Als Jeppe nämlich eines Tages beim Nachhausegehen sturzbetrunken auf einem Misthaufen einschläft entschließen sich der Baron und seine Diener kurzerhand ihn mitzunehmen und ihm weis zu machen, Jeppe sei der Baron. Der sonst unterdrückte Bauer nutzt diese scheinbar neugewonnene Macht natürlich sofort aus.

[...]


[1] Guthke, Karl S.: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. In: Neophilologus 43/1 1959, S. 98. (Werk geht von 89-108).

[2] Māra, Grudule: Holbergs Jeppe vom Berge in der lettischen Theatergeschichte. In: Bosse, Heinrich u.a. (Hg.): Baltische Literaturen in der Goethezeit. Würzburg: Königshausen & Neumann 2011, S. 303.

[3] Ebd. S. 304.

[4] Prang, Helmut: Geschichte des Lustspiels. Von der Antike bis zur Gegenwart. Stuttgart: Alfred Kröner 1968, S. 115.

[5] Engster, Hermann: Der Januskopf des Bürgers. Eine gesellschaftsgeschichtliche Analyse von Ludvig Holbergs Komödie "Jeppe paa Bierget". Frankfurt am Main (u.a.): Lang 1978, S 20.

[6] Nielsen, Axel: Dänische Wirtschaftsgeschichte. In: Brodnitz, Georg (Hg.): Handbuch der Wirtschaftsgeschichte. Jena: Verlag von Gustav Fischer 1933, S. 149.

[7] Engster, Hermann: Der Januskopf des Bürgers, S. 21.

[8] Ebd. S. 21-24.

[9] Ebd. S. 20.

[10] Haff, K.: Bauernvolk, Schicksal und Bedeutung des dänischen Bauern in der Geschichte und Literatur Dänemarks (Book Review). In: Historische Zeitschrift, 1 January 1941, Vol.163/1, S.176.

[11] Holberg, Ludvig: Jeppe vom Berge. von der Ahé, Karl-Rainer u.a. (Hg.). Übersetzt von Bernd Kretschmer. Bochum: Sammlung Scandica 1979 (Neuere Skandinavische Literatur Band 2), S. 28.

[12] Ebd. S. 27.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Rollenkonflikt in Ludvig Holbergs "Jeppe vom Berge" oder "Der verwandelte Bauer". Die Macht der sozialen Rolle
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V380310
ISBN (eBook)
9783668570955
ISBN (Buch)
9783668570962
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rollenkonflikt, ludvig, holbergs, jeppe, berge, bauer, macht, rolle, stanford-prison-experiment
Arbeit zitieren
BA Daniel Hödl (Autor), 2015, Der Rollenkonflikt in Ludvig Holbergs "Jeppe vom Berge" oder "Der verwandelte Bauer". Die Macht der sozialen Rolle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380310

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