Die Rezeption des Widerstands gegen Hitler im Westdeutschland der Nachkriegszeit


Seminararbeit, 2017
18 Seiten, Note: 2,0
Verena Binder (Autor)

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Rezeption des Widerstands gegen Hitler im Westdeutschland der Vierziger- und Fünfzigerjahre
2.1 Die Rezeption des Widerstands im Allgemeinen
2.1.1 In der Politik
2.1.2 In Gesetzgebung und Rechtsprechung
2.1.3 In geschichtswissenschaftlicher und populärer Literatur
2.1.4 Im Schulunterricht
2.2 Die Rezeption des Attentats vom 20. Juli 1944
2.2.1 In der Politik
2.2.2 In der öffentlichen Meinung und auf Gedenkveranstaltungen
2.2.3 In den Medien
2.2.4 In Büchern
2.3. Die Rezeption der Widerstandsgruppe Weiße Rose
2.3.1 In der Politik
2.3.2 In der öffentlichen Meinung und auf Gedenkveranstaltungen
2.3.3 In Zeitungen
2.3.4 In Büchern

3 Fazit

II Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Unsere Gegenwart ist der Schlüssel zur Deutung unseres Widerstandsbildes.“[1] Diesen Satz schrieb der Historiker Peter Steinbach. Das Ziel der vorliegenden Arbeit soll die Beantwortung der Frage sein: Wie wurde der Widerstand gegen Adolf Hitler in der frühen Nachkriegszeit rezipiert, als die Gegenwart von Kriegszerstörungen, dem politischen Umbruch auf dem Weg zur Demokratie und dem verbleibenden Einfluss des Nationalsozialismus geprägt war?

Die Arbeit beschränkt sich auf die Rezeption in der Bundesrepublik beziehungsweise in den entsprechenden Besatzungszonen. Die Erinnerung an den Widerstand in der DDR bleibt ebenso außen vor wie Ansichten des Auslands. Der zeitliche Rahmen „frühe Nachkriegszeit“ meint die Vierzigerjahre ab der Kapitulation Deutschlands im zweiten Weltkrieg und die kompletten Fünfzigerjahre.

Diese Arbeit befasst sich zunächst mit der Rezeption des Widerstands gegen Hitler im Allgemeinen und behandelt im Anschluss die Erinnerung an das Attentat vom 20. Juli 1944 und an die Studentengruppe Weiße Rose. Diese beiden Formen des Widerstands wurden deshalb ausgewählt, weil sie sich während der Recherche als diejenigen herausgestellt haben, die in der frühen Nachkriegszeit am breitesten rezipiert wurden. Das jeweils erste Unterkapitel stellt die Rezeption in der Politik dar. Die restlichen drei Unterkapitel beinhalten die Darstellung des Widerstandes in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens, zum Beispiel in Büchern, Zeitschriften und im Schulunterricht.

Für den Teil dieser Arbeit, der sich mit der Erinnerung an den 20. Juli 1944 befasst, ist Das ungeliebte Erbe. Ein Vergleich der zivilen und militärischen Rezeption des 20. Juli 1944 im Westdeutschland der Nachkriegszeit [2] von Tobias Baur der wichtigste Literaturtitel. Für das Kapitel über die Rezeption der Weißen Rose ist Simone Königs Buch Die Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose an der Ludwig-Maximilian-Universität München von 1945-1968 [3] besonders relevant.

2 Die Rezeption des Widerstands gegen Hitler im Westdeutschland der Vierziger- und Fünfzigerjahre

2.1 Die Rezeption des Widerstands im Allgemeinen

2.1.1 In der Politik

Wolfgang Benz hielt fest, dass „Die Erinnerung an den Widerstand […] früh einen festen Platz in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland“ bekam.[4] Das Gedenken erfolgte jedoch sehr selektiv. Eckhart Conze führte als Beispiel dafür den Fall des Diplomaten Rudolf von Schlehiha an. Dieser wurde von den Nationalsozialisten aufgrund seines Widerstands gegen Hitler zum Tode verurteilt, doch erst seit den Neunzigerjahren erinnert im Auswärtigen Amt ein Schild an ihn.[5] 1954 wurde ihm ein solches noch versagt, weil er fälschlicherweise dem kommunistischen Widerstand zugerechnet wurde. Ein zweiter Grund war die nationalsozialistische Urteilsbegründung, die Schlehiha als Landesverräter einstufte.[6]

Der Widerstand gegen Hitler wurde in der frühen Nachkriegszeit nicht in seiner gesamten Breite geehrt. Die Anstrengungen, die die Sozialdemokraten, die katholische Kirche und die Zeugen Jehovas gegen das Regime unternommen hatten, wurden als nahezu wirkungslos herabgewürdigt. Ebenso wenig wurde dem Attentat des Georg Elser gedacht. Dieses wurde als eine nationalsozialistische Inszenierung angesehen, die dazu gedient hätte, die Beliebtheit des knapp dem Tode entronnenen Führers zu steigern. Außerdem hätte eine Würdigung der Tat des einfachen Handwerkers eine Reflexion über den erst spät begonnenen Widerstand der hochrangigen Militärs erfordert.[7]

Die einzelnen Oppositionsbewegungen wurden in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten in die Kategorien demokratisch und undemokratisch eingeordnet.[8] Der letzten Gruppe gehörte der kommunistische Widerstand an, dessen Ziele nicht dem Geist des Grundgesetzes folgten, was in den Fünfzigerjahren gegen eine Ehrung sprach.[9] Der Kalte Krieg und die daraus resultierende Aversion gegen den Kommunismus kamen erschwerend hinzu.[10] Besonders die Mitglieder aller Parteien, die sich im politischen Spektrum rechts von der SPD befanden, sprachen sich vehement gegen eine Ehrung des kommunistischen Widerstands aus.[11] Auch jede Opposition gegen Hitler, die nicht durch bürgerliche Gruppen erfolgte, wurde tendenziell nicht in das Gedenken eingeschlossen.[12]

Das Attentat vom 20. Juli 1944 und die Studentenbewegung Weiße Rose gehörten ebenso wie der Kreisauer Kreis, die Goerdeler-Gruppe und der Widerstand durch Militärs und Diplomaten zum demokratischen Widerstand, an den bereits in der frühen Nachkriegszeit erinnert wurde.[13] Das Gedenken erfolgte jedoch nur zweckgebunden und mit der Hoffnung auf eine nationale und internationale Signalwirkung. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus sollte eine Brücke von der Demokratie der Weimarer Republik hin zur Nachkriegsdemokratie schlagen und letztere somit legitimieren.[14] Der Hinweis auf die Widerstandstätigkeiten sollte zudem Deutschlands internationales Ansehen aufwerten und die Hinwendung zum Westen erleichtern.[15] Trotz dieser zielorientierten Erinnerung fanden in den Vierzigerjahren nur wenige Gedenkveranstaltungen statt. Die Anzahl erhöhte sich erst ab den frühen Fünfzigern.[16]

2.1.2 In Gesetzgebung und Rechtsprechung

Der Alliierte Kontrollrat beschloss schon im Herbst 1945, dass alle Urteile, die die Nationalsozialisten aufgrund der politischen Einstellung des Angeklagten gefällt hatten, nichtig seien. Der Präsident des Oberlandesgerichts ließ darauf einen entsprechenden Erlass folgen. Die Verurteilungen blieben auf dem Papier jedoch bestehen; den Betroffenen wurde lediglich die Strafe erlassen.[17]

Erst 1946 wurde in der amerikanischen Besatzungszone der Widerstand gegen das Hitler-Regime per Gesetz legitimiert. Zur offiziellen Rehabilitierung mussten die Verurteilten jedoch einen Antrag stellen. Dies musste in den meisten Fällen bis spätestens 1950 erfolgen. Die SPD setzte sich deshalb im Bundestag vergeblich dafür ein, den Widerstand gegen Hitler gänzlich von der Strafbarkeit zu befreien.[18]

Die Verfassungen von Bremen und Berlin sprachen der Bevölkerung ein Recht auf Widerstand zu und Hessen ging mit der Festlegung einer allgemeinen Pflicht zur Opposition gegen illegitime Regierungen noch einen Schritt weiter.[19] Laut Baur waren „die Festschreibungen als juristischer Niederschlag einer positiven Beurteilung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu verstehen“.[20] Dieser Ansicht widersprach jedoch Andreas Wöll, der feststellte: „Die Frage nach der Legitimität des Widerstandes ist bis in die höchsten Gerichte des westdeutschen Nachkriegsstaates tendenziell negativ beantwortet worden.“[21] Das Recht auf Widerstand wurde trotz eines entsprechenden Vorschlages nicht im Grundgesetz festgeschrieben, weil die Sorge bestand, dass ein solcher Artikel zu Aufständen gegen die demokratische Regierung führen könnte.[22]

Die Gerichte erkannten nur Formen des Widerstands an, die dem nationalsozialistischen Regime tatsächlich Schaden zufügten oder bei denen eine realistische Chance dazu bestand, dass sie zu einem Umsturz hätten führen können.[23] 1956 fällte der Bundesgerichtshof ein entsprechendes grundsätzliches Urteil.[24]

2.1.3 In geschichtswissenschaftlicher und populärer Literatur

Die Widerstandsforschung befasste sich in den Vierziger- und Fünfzigerjahren nahezu ausschließlich mit dem Attentat vom 20. Juli 1944, sowie der Opposition der Weißen Rose und des Bischofs Clemens August Graf von Galen. Diese drei Formen des Widerstands wurden als positiv angesehen. Den Widerstand der Kommunisten übergingen die Historiker angesichts des Kalten Krieges hingegen weitgehend beziehungsweise zweifelten an seiner Berechtigung.[25] Die frühe Widerstandsforschung war insgesamt stark von politischen und ethischen Überzeugungen bestimmt.[26] Die Marschrichtung bestimmte vor allem Hans Rothfels,[27] der die Darstellung Die deutsche Opposition gegen Hitler verfasste.[28]

In den frühen Fünfzigerjahren schrieb Günther Weisenborn das Buch Der lautlose Aufstand, in dem er – untypisch für diese Zeit – versuchte, den Widerstand gegen Hitler in seiner ganzen Breite festzuhalten.[29] Insgesamt glaubten die Autoren der in den Vierziger- und Fünfzigerjahren erschienenen Literatur, durch ihre große zeitliche Nähe zum Nationalsozialismus in der Lage zu sein, die oppositionellen Bestrebungen korrekt einzuschätzen. Benz zufolge teilten die Leser diese Auffassung.[30]

Allerdings gingen mit dem geringen zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen auch Probleme für die Widerstandsforscher einher. Das Thema löste Emotionen aus, die einem unvoreingenommenen Blick im Wege standen. Des Weiteren waren viele wichtige Quellen noch nicht zugänglich.[31]

2.1.4 Im Schulunterricht

Die ersten Geschichtsbücher der Nachkriegszeit enthielten teilweise eklatante Fehldarstellungen des Widerstands gegen Hitler. Beispielsweise wäre laut dem Unterrichtswerk Wege der Völker von 1946 der Großteil der deutschen Bevölkerung im Widerstand aktiv gewesen.[32]

Ab 1954 gab das Kultusministerium ausführliche Lehrpläne für alle westdeutschen Schulen heraus. Unterrichtsstunden zum Thema Widerstand gegen Hitler waren darin nicht eingeplant.[33] In den Schulbüchern, die in den Fünfzigerjahren erschienen, kamen die oppositionellen Bestrebungen allerdings zur Sprache. Der militärische Widerstand fand sogar in jedem Werk für den Geschichtsunterricht seinen Platz. Der Umfang der Darstellungen nahm dabei immer weiter zu. Dabei wurde vermehrt auch auf die bisher weniger beachteten Formen der Auflehnung gegen den Nationalsozialismus jenseits vom 20. Juli 1944 und der Weißen Rose eingegangen.[34]

2.2 Die Rezeption des Attentats vom 20. Juli 1944

2.2.1 In der Politik

Die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 wurden in der frühen Nachkriegszeit häufig als Landesverräter diffamiert.[35] Ein scharfer Kritiker war anfänglich der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer. Als er 1946 dem Zonenbeirat der Briten angehörte, sprach er sich vehement dagegen aus, den Familien der Attentäter Geld zukommen zu lassen.[36] Dies begründete er damit, dass die Männer des 20. Juli Anhänger des Nationalsozialismus gewesen seien und sich erst angesichts der drohenden militärischen Niederlage des Dritten Reiches dem Widerstand zugewandt hätten.[37] Noch strikter waren die Ansichten, die Wolfgang Hedler als Abgeordneter der Deutschen Partei 1949 im Bundestag äußerte. In einer Rede feindete er die Männer des 20. Juli derart ungezügelt an, dass ein Gericht ihn dafür zu einer Bewährungsstrafe verurteilte.[38]

[...]


[1] Peter Steinbach, Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung, online erschienen, URL: <http://www.gdw-berlin.de/fileadmin/bilder/publ/beitraege/BSteinbach.pdf> (eingesehen am 15.06.2017), S.8.

[2] Tobias Baur, Das ungeliebte Erbe. Ein Vergleich der zivilen und militärischen Rezeption des 20. Juli 1944 im Westdeutschland der Nachkriegszeit, Frankfurt am Main 2007.

[3] Simone König, Die Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose an der Ludwig-Maximilian-Universität München von 1945-1968, München 2017.

[4] Wolfgang Benz, Der deutsche Widerstand gegen Hitler, München 2014, S.114.

[5] Vgl. Eckhart Conze, „Es wurde ganz wacker Widerstand geleistet“. Geschichtsbilder und Personalpolitik im Auswärtigen Amt nach 1945, in: Jan Erik Schulte, Michael Wala (Hrsg.), Widerstand und Auswärtiges Amt. Diplomaten gegen Hitler, München 2013, S.270-285, hier S.271.

[6] Vgl. Ebd., S.282f.

[7] Vgl. Benz, Widerstand, S.116f.

[8] Vgl. Steinbach, Auseinandersetzung, S.46.

[9] Vgl. Steinbach, Auseinandersetzung, S.34.

[10] Vgl. Conze, Geschichtsbilder, S.283.

[11] Vgl. Baur, Erbe, S.101.

[12] Vgl. Andreas Wöll, ‚Wegweisend für das deutsche Volk‘. Der 20. Juli 1944: Öffentliche Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik, in: Helmut König, Michael Kohlstruck, Andreas Wöll (Hrsg.), Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, Opladen u.a. 1998, S.17-37, hier S.24.

[13] Vgl. Benz, Widerstand, S.115.

[14] Vgl. Steinbach, Auseinandersetzung, S.46.

[15] Vgl. Peter Steinbach, Darf der pluralistische Staat ‚Geschichtspolitik‘ betreiben?, in Eckhard Jesse, Konrad Löw (Hrsg.), Vergangenheitsbewältigung, Berlin 1997, S.79-88, hier S.82-84.

[16] Vgl. Steinbach, Auseinandersetzung, S.41.

[17] Vgl. Baur, Erbe, S.57.

[18] Vgl. Baur, Erbe, S.57.

[19] Vgl. Ebd., S.58.

[20] Ebd., S.58.

[21] Wöll, Wegweisend, S.26f.

[22] Vgl. Baur, Erbe, S.98.

[23] Vgl. Peter Reichel, Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater, Frankfurt am Main 2007, S.63f.

[24] Vgl. Steinbach, Auseinandersetzung, S.46.

[25] Vgl. König, Gedenkveranstaltungen, S.25.

[26] Vgl. Steinbach, Auseinandersetzung, S.46.

[27] Vgl. Benz, Widerstand, S.115.

[28] Vgl. Reichel, Erinnerung, S.62.

[29] Vgl. Baur, Erbe, S.110.

[30] Vgl. Benz, Widerstand, S.115.

[31] Vgl. Baur, Erbe, S.125f.

[32] Vgl. Ebd., S.111f.

[33] Vgl. Ebd., S.126.

[34] Vgl. Baur, Erbe, S.136.

[35] Vgl. Wöll, Wegweisend, S.20.

[36] Vgl. Baur, Erbe, S.140.

[37] Vgl. Ebd., S.56.

[38] Vgl. Ebd., S.140f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption des Widerstands gegen Hitler im Westdeutschland der Nachkriegszeit
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V380392
ISBN (eBook)
9783668571105
ISBN (Buch)
9783668571112
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeption, widerstands, hitler, westdeutschland, nachkriegszeit
Arbeit zitieren
Verena Binder (Autor), 2017, Die Rezeption des Widerstands gegen Hitler im Westdeutschland der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380392

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