Zur Natur der Erstkonstituente bei Verb-Nomen-Komposita im Spanischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale spanischer Verb-Nomen-Komposita

3. Zur Natur der Erstkonstituente spanischer VNK
3.1 Die Imperativthese
3.2 Die Indikativthese
3.3 Die Verbalstammthese
3.4 Imperativ-, Indikativ- und Verbalstammthese im Vergleich
3.5 Erstkonstituente als deverbales Nomen

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der spanischen Wortbildung gehören Verb-Nomen-Komposita, die auch als Verb­Ergänzung-Komposita und Verb-Objekt-Komposita bezeichnet werden, zu den produk­tivsten und damit zu den variantenreichsten Komposita in der spanischen Sprache. Die Erforschung dieses Kompositionstyps hat ihren Ursprung bereits im 19. Jahrhundert. Es gibt eine Reihe von Monographien zur romanischen und spanischen Wortbildung, die sich u. a. mit Komposition im Allgemeinen und mit Verb-Nomen-Komposita im Be­sonderen befassen. So geben etwa Schpak-Dolt (2012) und Rainer (1993) einen groben Überblick über den Forschungsstand u. a. zu den Merkmalen und Funktionen der Verb­Nomen-Komposita sowie der Natur der Erstkonstituente. Während u. a. Bork (1990) einen historischen Überblick über den wissenschaftlichen Diskurs bietet, leisten u. a. Gather (2001), Rainer (1993), Coseriu (1977) und Varela (1989) mit ihren Monogra­phien bzw. Artikeln einen speziellen Beitrag zur Natur der Erstkonstituente.

Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, den kontroversen Diskurs in der Forschung über die Natur der Erstkonstituente romanischer Verb-Nomen-Komposita mithilfe von Beispielen, vor allem aus dem Spanischen, nachvollziehen zu können. Dabei werden wichtige Thesen über die Natur der Erstkonstituente, die den wissenschaftlichen Dis­kurs bestimmen, vorgestellt. Darüber hinaus sollen einige morphologische, syntaktische und semantische Argumente für und wider die Thesen dargelegt und kritisch betrachtet werden. Es soll dabei vor allem deutlich werden, dass sich alle Thesen zwar, mal mehr, mal weniger, nachvollziehbar begründen lassen, jedoch nicht eindeutig in morphologi­scher, syntaktischer und semantischer Hinsicht belegbar sind und infolgedessen ihre Koexistenz wohl auch künftig Bestand haben wird.

Um diesen Kompositionstyp und die Natur seiner Erstkonstituente besser verstehen zu können, wird er zunächst anhand einiger spezifischer Merkmale kurz vorgestellt. Es sei jedoch daraufhingewiesen, dass einige dieser Merkmale, die von den meisten Sprach­wissenschaftlern gestützt werden, allerdings umstritten sind, was im späteren Verlauf der Arbeit beschrieben wird. Es handelt sich also um eine Kurzdarstellung der Mehr­heitsauffassung, auf dessen Grundlage die darauf folgende Argumentation verständli­cher werden soll. Im Anschluss daran werden die wesentlichen Thesen über die Natur der Erstkonstituente kurz skizziert. Daran anknüpfend, werden formale, semantische und syntaktische Argumente aus der Forschung für und wider die Thesen dargelegt und kritisch reflektiert. Schließlich wird die These des deverbalen Nomens in einem eigenen Kapitel dargelegt und einige Argumente ihrer Befürworter kritisch hinterfragt. Im vol­len Bewusstsein darüber, dass die Natur der Erstkonstituente dieses Kompositionstyps kontrovers diskutiert wird und daher keinesfalls geklärt ist, ob es sich um ein Verb oder um eine andere Wortart handelt, wird im Verlauf dieser Arbeit der Begriff der verbalen Erstkonstituente vermieden und stattdessen dieses Phänomen lediglich als Erstkonsti­tuente bezeichnet. Obwohl aufgrund des kontroversen Diskurses auch die Einordnung dieses Kompositionstyps als Verb-Nomen-Kompositum in Zweifel gezogen wird und er infolgedessen ebenfalls als nicht als gesichert gelten kann, wird im Verlauf der Arbeit dieser Begriff dennoch verwendet, da es sich um einen geläufigen Begriff handelt.

2. Merkmale spanischer Verb-Nomen-Komposita

Spanische Verb-Nomen-Komposita sind Zusammenfügungen von flektierten Wörtern und bzw. oder Wortstämmen zu einem neuen Wort, welches sich aus einer verbalen Erstkonstituente und einer nominalen Zweitkonstituente in dieser Reihenfolge zusam­mensetzt (Vgl. Schpak-Dolt 2012: 123). Im Gegensatz zu anderen Kompositionstypen werden spanische Verb-Nomen-Komposita ausnahmslos zusammengeschrieben. Ob­wohl das Gesamtwort aus zwei Konstituenten besteht, verfügt es lediglich über eine Akzentstelle auf der zweiten Konstituente. Auch die Realisierung des Plurals wird, im Gegensatz zu anderen Kompositionstypen, immer am Wortende vollzogen. Damit wei­sen die beiden Konstituenten dieses Kompositionstyps sämtliche Kriterien für den ma­ximalen Integrationsgrad auf (Vgl. Schpak-Dolt 2012: 130-131). In vielen Fällen tritt dieser Kompositionstyp formal lediglich im Plural auf, wird semantisch jedoch sowohl zur Bezeichnung eines Singulars, als auch eines Plurals verwendet. Die meisten Erstelemente gehören der ersten Konjugationsklasse mit dem Themavokal a an, wie z. B. portavoz, sacacorchos, limpiabotas. Die Bildung dieses Kompositionstyps ist in der spanischen Sprache ein äußerst produktives Verfahren und kommt dementsprechend häufig im Vergleich zu anderen Kompositionstypen vor.

In den meisten Fällen lässt sich die Erstkonstituente als Prädikat und die nominale Zweitkonstituente als direktes Objekt interpretieren, sodass man daraus bestimmte Be­zeichnungsfunktionen ableiten kann. Verb-Nomen-Komposita werden zum einen zur Bezeichnung von Personen verwendet, die eine bestimmte Handlung gewohnheitsmä­ßig, z. B. beruflich, ausführen. So ist es die Aufgabe des guardaespaldas Personen vor physischen Angriffen zu schützen. Die nominale Zweitkonstituente espaldas bildet das direkte Objekt der verbalen Erstkonstituente guarda, die die bestimmte Handlung des Beschützen bezeichnet. Diese habituelle Lesart lässt sich zum anderen auch auf jene Verb-Nomen-Komposita heranziehen, die zur Bezeichnung von anderen Lebensformen, wie Vögel, Insekten und Pflanzen dienen. Beispiele hierfür sind picamaderos, sal­tamontes, detienebuey. Dasselbe gilt für jene, die Instrumente für einen bestimmten Zweck bezeichnen, wie sacacorchos oder abrelatas (Vgl. Schpak-Dolt 2012: 130-131).

Formal betrachtet, bestehen spanische Verb-Nomen-Komposita aus einer exozentri- schen Bildung, da sie über keinen morphologischen Kopf verfügen, der die bestimmten Flexionseigenschaften, wie Genus oder Numerus, bestimmt. So ist das Gesamtwort bei­spielsweise i. d. R. maskulin, auch wenn die nominale Zweitkonstituente ein feminines Substantiv ist, wie z. B. el portavoz. Auch semantisch deuten nahezu sämtliche Bei­spiele dieses Kompositionstyps darauf hin, dass es sich um eine exozentrische Kon­struktion handeln dürfte. Dafür spricht, dass sich das Gesamtkompositum in diesen Fäl­len nicht in einer sogenannten Hyponymiebeziehung weder zu seinem Erst- noch zu seinem Zweitelement befindet (Vgl. Schpak-Dolt 2012: 127). So kann abrelatas weder ein Unterbegriff für die verbale Erstkonstituente abre noch für die nominale Zweitkon­stituente latas sein.

Auch Scalise und Bisetto (2009: 45) klassifizieren romanische Verb-Nomen-Komposita als exozentrisch und definieren sie darüber hinaus als subordiniert. Die Einordnung als subordiniertes Kompositum lässt sich in der Tat semantisch plausibel begründen. So kann in dem Verb-Nomen-Kompositum limpiabotas die nominale Zweitkonstituente botas als Ergänzung bzw. als bestimmendes Objekt einer habituellen Tätigkeit für den exozentrischen Kopf, der indirekt in der Erstkonstituente limpia vorkommt, betrachtet werden. Derjenige, der die Schuhe reinigt, bildet den exozentrischen Kopf, während die Erstkonstituente bestimmt, was die habituelle Tätigkeit ist und die nominale Zweitkon­stituente den Tätigkeitsbereich unterordnet, indem sie ihn spezifiziert. Demnach ist der Schuhputzer semantisch ein Unterbegriff desjenigen, der putzt.

3. Zur Natur der Erstkonstituente spanischer VNK

Im Folgenden werden die verschiedenen Thesen vorgestellt, die sich der Frage widmen, welcher Natur die erste Konstituente bei spanischen Verb-Nomen-Komposita im Be­sonderen und Romanischen im Allgemeinen ist.

3.1 Imperativthese

Eine unter Sprachwissenschaftlern weit verbreitete These ist jene, die davon ausgeht, dass es sich bei der Erstkonstituente um eine flektierte Verbform in der zweiten Person Singular des Imperativs handeln würde (Vgl. Bork 1990: 24). Diese These wurde be­reits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts u. a. von Darmesteter vertreten und ihr wurde im Laufe des mittlerweile über hundertjährigen wissenschaftlichen Diskurses, der freilich nicht in gleichbleibender Intensität geführt wurde, ein hoher Stellenwert zuer­kannt (Vgl. Rainer 1993: 265). Aus synchroner Perspektive lässt sich auf formaler Ebe­ne eine Vielzahl an Beispielen finden, die diese These stützen, wie folgende Tabelle beispielhaft zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Formale Übereinstimmung zwischen Erstelement und 2. Ps. Sing. Imperativ

Die Flexionssuffixe der Erstkonstituenten stimmen formal mit denen der 2. Ps. Sing. des Imperativs überein. Dies gilt für sämtliche drei Konjugationsklassen der regelmäßig flektierten Verben. Es gibtjedoch eine Reihe von Gegenbeispielen, die im späteren Ver­lauf dieser Arbeit dargelegt werden. Als Imperativ interpretieren viele Verfechter dieser These die Erstkonstituente bei Verb-Nomen-Komposita allerdings nicht in der Gegen­wartssprache, sondern vielmehr in der diachronen Perspektive. Sie gehen davon aus, dass der Ursprung der Erstkonstituente eine imperativische Funktion beinhaltete, die mit der Zeit verloren gegangen sei und die in der synchronen Perspektive eher als Indikativ oder Verbalstamm zu betrachten sei (Vgl. Gather 2001: 88-89; Scholz 2012: 129). Auch Rainer (1993: 265) weist daraufhin, dass diese Auffassung unter den Befürwortern der Imperativthese vorherrschend ist.

Dieser Auffassung zufolge könnte sich die Erstkonstituente dieses Kompositionstyps aus einer imperativischen Verbalphrase entwickelt haben, wie folgendes Beispiel ver­deutlicht: limpiabotas limpia botasi Diese Interpretation ist in diachroner Perspekti­ve plausibel. Gleiches gilt für die synchrone Perspektive, solange es sich bei dem Sub­jekt um eine Person handelt. Da Verb-Nomen-Komposita nicht nur zur Bezeichnung von Personen, die eine Handlung gewohnheitsmäßig ausführen, verwendet werden, sondern darüber hinaus auch als Bezeichnung für Geräte, Instrumente, Vorrichtungen oder auch andere Lebensformen dienen, wird die Nachvollziehbarkeit erschwert (Vgl. Schpak-Dolt 2012: 131). Beispiele, wie saltamontes und sacacorchos lassen eine impe­rativische Interpretation wenig sinnvoll erscheinen. Dies dürfte ein Grund dafür sein, warum Befürworter der Imperativthese sich auf die diachrone Perspektive beschränken.

3.2 Indikativthese

Eine weitere These mit einer vergleichsweise hohen Anhängerschaft geht davon aus, dass es sich bei der Erstkonstituente um die 3. Ps. Sing. des Indikativ Präsens und somit ebenfalls um eine flektierte Verbform handele (Vgl. Schpak-Dolt 2012: 131). Auch die Entwicklung dieser These fällt ins 19. Jahrhundert zurück und wurde, als mutmaßlich älteste These, bereits von Fernow in einem seiner Werke aus dem Jahr 1815 vertreten (Vgl. Bork 1990: 26). Auch in dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs bildet diese These einen wesentlichen Bestandteil. Ein wichtiger Grund für diese Tatsache dürfte sein, dass die 3. Ps. Sing. des Indikativ Präsens besonders häufig formal mit der Erstkonstituente der Verb-Nomen-Komposita übereinstimmt (Vgl. Rainer 1993: 266). Die folgende Tabelle veranschaulicht dieses Phänomen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Formale Übereinstimmung zwischen Erstelement und 3. Ps. Sing. Indikativ Präsens

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zur Natur der Erstkonstituente bei Verb-Nomen-Komposita im Spanischen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Romanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V380413
ISBN (eBook)
9783668570214
ISBN (Buch)
9783668570221
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erstkonstituente, verb-nomen-komposita, VNK, verb-substantiv-kompositum, Imperativhypothese, Indikativhypothese, deverbales Nomen, Stamm
Arbeit zitieren
Christoph Wünnemann (Autor), 2016, Zur Natur der Erstkonstituente bei Verb-Nomen-Komposita im Spanischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380413

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