Der Symbolbegriff bei Alfred Schütz


Seminararbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Symboltheorie von Alfred Schütz
2.1. Der Bezug auf Edmund Husserls Begriff der Appräsentation
2.2. Die Anwendung der Theorie Henri Bergsons
2.3. Alfred Schütz` drei Grundsätze des Strukturwandels

3. Die Zentralbegriffe in Alfred Schütz` Symboltheorie
3.1. Anzeichen
3.2. Merkzeichen
3.3. Zeichen
3.3.1. Der Transzendenzbegriff
3.3.2. Typen von Zeichen
3.4. Symbole
3.4.1. Die Besonderheiten des Symbols

4. Die Rezeption Alfred Schütz` Symboltheorie
4.1.Thomas Luckmanns Rezeption der Schützschen Symboltheorie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

„Wer versucht, das Verhältnis von Zeichen und Symbol genauer zu bestimmen, dem zeigt bereits ein erster flüchtiger Blick auf einschlägige Texte, deren Autoren sich um klare Distinktionen bemühen, daß hier keine ´Wahrheit` im Sinn einer richtigen, logisch schlüssigen und einleuchtenden Begriffsbestimmung niedergelegt ist. Zwar finden sich die unterschiedlichsten Abgrenzungen und Modelle, die einen sicheren Umgang mit dem Begriff Symbol und seinen Synonyma, Homonyma und Verwandschaften entfernteren Grades ermöglichen sollen, dennoch läßt sich, trotz zahlreicher Übereinstimmungen im Detail, keine dauerhaft tragfähige oder verbindliche Zuordnungskombination der verschiedenen hier relevanten Bedeutungselemente ausmachen.“[1]

1. Einleitung

Der Begriff des Symbols ist in Bernhard Schäfers Grundbegriffe der Soziologi[2] e auf rund zwei Seiten erklärt. Dabei fallen die Namen verschiedenster Soziologen und ihre individuellen Definitionen des Symbols werden in kürzester Fassung angesprochen. Auch hier fällt auf, dass es in der Soziologie keine einheitliche Definition des Symbols gibt, sondern jeder Autor seinen eigenen Symbolbegriff entwickelt und in seiner Theorie verwendet. Dadurch entsteht die große Fülle unterschiedlicher Definitionen des Symbolbegriffs.

Alfred Schütz ging auf diese Problematik der vielen verschiedenen Symboldefinitionen in seinem Buch Symbol, Wirklichkeit und Gesellschaft sowie in seinem als Lebenswerk geplanten Strukturen der Lebenswelt ein. Das zweite Buch konnte er auf Grund seines plötzlichen Todes jedoch nie selbst fertig stellen, deshalb soll in dieser Arbeit hauptsächlich auf sein früheres Werk eingegangen werden.[3] Schütz stellt fest, dass es „eine Reihe von Begriffen wie ´Merkzeichen`, ´Anzeichen`, ´Zeichen`, ´Symbol`usw., [gibt] die sich jedem Versuch, auch der bedeutendsten Denker, sie genau zu definieren, entziehen.“[4] Einig schienen sich die Soziologen lediglich darüber zu sein, dass der Mensch Symbole nutzt und mit ihnen denkt, jedoch erkannte Schütz bei ihnen keine übereinstimmende Meinung darüber, „wo im menschlichen Denken der so genannte Prozess der Symbolisierung einsetzt.“[5] Eine Untersuchung der verschiedenen Theorien, die sich mit symbolischen Verweisungen befassen, bezeichnet Schütz als verwirrend und er weist darauf hin, dass die Probleme der einheitlichen Behandlung nicht nur in der Terminologie auftreten, sondern auch inhaltlich gegeben sind.

Alfred Schütz entwickelt zahlreiche Fragen zum Symbolbegriff, die er in seinem Buch zu klären versucht. Als erstes will er sich dabei der Frage zuwenden, „wie es dazu kommt, daß in der Umgangssprache wie auch in der philosophischen Diskussion so viele verschiedenartige Ideen sich um eine Reihe von Begriffen gehäuft haben, [...] die alle zeichenhafte oder symbolische Verweisungen erfassen sollen.“[6] Darüber hinaus beabsichtigt Schütz, die gemeinsamen Merkmale der unterschiedlichen Begriffsbildungen fest zu stellen. Außerdem will der Soziologe zeigen, dass der Mensch mittels Zeichen und Symbolen mit den Erfahrungen der so genannten Transzendenz fertig wird. Er stellt die These auf, „daß jeder dieser Formen der Transzendenz auch eine spezifische Form von Appräsentationsbeziehung entspricht [...]. Allen ist eines gemeinsam: sie werden innerhalb der Wirklichkeit des Alltags erfahren.“[7]

In dieser Hausarbeit soll vorgestellt werden, wie Schütz seine eigene Symboltheorie mit der angesprochenen These entwickelt. Es wird darauf eingegangen, welche Soziologen Einfluss auf ihn hatten und auf welche Theorien er sich stützt. Die Zentralbegriffe Schütz` Symboltheorie sollen im weiteren Teil genannt und erklärt werden. Schließlich geht es um die Rezeption der Schützschen Symboltheorie: es soll ein kleiner Einblick gegeben werden, ob beziehungsweise welche Soziologen auf diese Theorie zurückgriffen.

2. Die Entwicklung der Symboltheorie von Alfred Schütz

Alfred Schütz erscheint es, dass verschiedene Deutungsschemata auf das gleiche Grundphänomen angewandt werden und dadurch die zahlreichen strittigen Ansichten zustande kommen. Also setzt er sich zum Ziel, bestimmte Grundsätze zur symbolischen Verweisung zu entdecken, die bei der Diskussion weiterer spezifischer Probleme nützlich sein könnten. Bei dem angesprochenen Grundphänomen handelt es sich nach Schütz` Ansicht „um das von Husserl untersuchte Problem der Appräsentation. Im übrigen sollen Husserls Thesen mit Bergsons Theorie der vielfältigen Bereiche (´Ordnungen`) in Beziehung gesetzt werden.“[8]

2.1. Der Bezug auf Edmund Husserls Begriff der Appräsentation

Als gemeinsamen Nenner der zahlreichen verschiedenen Symboltheorien nennt Schütz, dass der Gegenstand oder die Gegebenheit, die man Zeichen oder Symbol nennt, auf etwas anderes als sich selbst hinweist. Als Beispiel wird hier Rauch genannt. Wird Rauch nicht nur als physisches Ding betrachtet, so steht es als Anzeichen für Feuer. Der Rauch und das Feuer bilden in diesem Fall also ein Paar. Edmund Husserl untersuchte das Phänomen der Paarung und fand heraus, dass es ein allgemeines Merkmal des Bewusstseins ist. Eine besondere Art der Paarung, für die sich auch Schütz interessierte, nannte er Appräsentation, was hier vorläufig mit dem Begriff Mitvergegenwärtigung umschrieben werden kann. „Der einfachste Fall der paarenden Assoziation ist durch die Tatsache gekennzeichnet, daß zwei oder mehrere Daten intiutiv in der Einheit des Bewußtseins gegeben sind, welches hiermit zwei getrennte Phänomene als Einheit konstituiert, unabhängig davon, ob man sich ihnen zuwendet oder nicht.“[9] Im Bezug auf den Rauch und das Feuer würde dies bedeuten, dass diese sich immer in unserem Bewusstsein als Einheit festsetzen - auch wenn man sich ihnen nicht zuwendet. Durch die Appräsentation erfährt der Mensch also etwas so, dass es ein anderes abbilde oder andeute.

Bei diesem Beispiel ist das appräsentierte dem appräsentierenden Glied des Paares mitgegeben. Jedoch ist dies nur ein Sonderfall. Husserl wies darauf hin, dass eine Paarung auch zwischen einer aktuellen Wahrnehmung und einer Erinnerung sowie einer Phantasievorstellung möglich ist. Bei diesen „passive[n] Synthesen der Assoziation“[10] wird das jeweilige appräsentierte Element sozusagen geweckt oder hervorgerufen. Als Beispiel soll hier der Duft eines Parfüms genannt werden, der die Erinnerung an eine bestimmte Person aufsteigen lässt. Auch wenn wir dies gar nicht möchten, passiert es trotzdem, daher spricht Edmund Husserl auch von der passiven Synthese.

Das appräsentierte Glied kann eine Gegebenheit oder ein Ding sein, das von der Person nicht unmittelbar wahrgenommen werden kann, es kann aber auch etwas Geistiges oder Nicht-Materielles sein. Es kann auch eine Phantasievorstellung sein. Das appräsentierte Glied kann dem appräsentierenden vorausgehen oder auch folgen, Husserl bezieht auch die Möglichkeit ein, dass es zeitlos sein kann.

„So weit Husserl. Es scheint uns, daß Husserls Theorie der Appräsentation alle Fälle der zeichenhaften und symbolischen Verweisungen [...] trifft.“[11] Alfred Schütz bezieht sich allerdings nicht nur auf Edmund Husserl, sondern greift zugleich auf die Theorie der vielfältigen Ordnungen von Henri Bergson zurück.

2.2. Die Anwendung der Theorie Henri Bergsons

Alfred Schütz weist darauf hin, dass jeder Gegenstand einer Verweisungsbeziehung nicht als isoliertes Ding begriffen wird, sondern dass er immer einem Bereich (einer Ordnung) angehört. Das bedeutet, dass „die Appräsentationsverweisung eine Beziehung innerhalb oder zwischen zwei (oder mehreren) Ordnungen her[stellt]: die Fahne als physisches Objekt (Tuch) verweist auf den Staat als politischen Gegenstand, eine chemische Formel verweist als mentales Zeichen (H2O) auf die anorganische (oder organische) Natur.“[12] Damit handelt es sich bei der Appräsentationsverweisung immer um ein Verhältnis zwischen mehreren Bereichen (Ordnungen).

Alfred Schütz unterscheidet innerhalb jeder Appräsentationsverweisung zwischen vier verschiedenen Schemata, die im folgenden kurz erläutert werden:

1) Das Apperzeptionsschema: dieser Bereich bezeichnet den Bereich der Gegenstände, zu dem der appräsentierende/symbolisierende Gegenstand gehört. Hier wird er nur als er selbst erfasst und es wird von jeglicher Nebenbedeutung (der Appräsentationsverweisung) abgesehen. Zum Beispiel wird die Fahne als Tuch oder Stoffstück erfasst.
2) Das Appräsentationsschema: Gegenstände in diesem Bereich werden nicht als sie selbst erfasst, sondern als Glied eines appräsentativen Paares. Um auf das Beispiel zurück zu kommen: hier wird die Fahne also nicht als Tuch, sondern als ein Element des Bereichs symbolisierende Tücher erfasst.
3) Das Verweisungsschema: dieser Bereich bezeichnet den Bereich der Gegenstände, die appräsentiert/symbolisiert werden. Als Beispiel sei hier der Staat genannt, der durch die Fahne appräsentiert wird. Der Staat kann zum Beispiel politische oder geographische Bedeutung tragen.
4) Das Rahmenschema: das Verhältnis, das zwischen dem Appräsentations- und Verweisungsschema besteht, stellt das Rahmenschema dar. Genauer gesagt, ist es der Bereich, dem die jeweilige Appräsentationsverweisung selbst angehört. Mit einem Beispiel kann dieses Verhältnis verdeutlicht werden: eine Fahne auf dem Dach eines Regierungsgebäudes zeigt die Anwesenheit oder Abwesenheit eines Regierenden an. In einer anderen Situation, beispielsweise eine Fahne auf Halbmast, unabhängig vom Gebäude, vor dem sie gehisst wurde, steht für die Trauer einer Nation. Die Interpretation des Sinns einer Fahne verändert sich also mit der Situation beziehungsweise Umgebung, in der sie auftaucht.

[...]


[1] Hülst, Dirk 1999: Symbol und soziologische Symboltheorie. Untersuchungen zum Symbolbegriff in Geschichte, Sprachphilosophie, Psychologie und Soziologie, Opladen: Leske + Budrich, S. 53 (Der Text dieser Hausarbeit ist in der neuen Rechtschreibung verfasst, Zitate werden jedoch originalgetreu übernommen)

[2] Schäfers, Bernhard (Hg.) 1995: Grundbegriffe der Soziologie, 4. Auflage, Opladen: Leske + Budrich, S. 356

[3] Thomas Luckmann übernahm die Fertigstellung des Buches durch Schütz` Aufzeichnungen, jedoch war es ihm natürlich nicht möglich, Schütz` Gedankengänge exakt nachzuzeichnen.

[4] Schütz, Alfred 1971: Das Problem der sozialen Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze Band 1, Den Haag: Nijhoff, S. 331

[5] Schütz 1971, S. 332

[6] Schütz 1971, S. 337

[7] Schütz 1971, S. 338f.

[8] Schütz 1971, S. 338

[9] Schütz 1971, S. 340

[10] Schütz 1971, S. 342

[11] Schütz 1971, S. 342

[12] Hülst 1999, S. 259

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Symbolbegriff bei Alfred Schütz
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Klassiker der Soziosemiotik
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V38043
ISBN (eBook)
9783638372329
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Einblick in die Entwicklung und spätere Rezeption seiner Symboltheorie
Schlagworte
Symbolbegriff, Alfred, Schütz, Klassiker, Soziosemiotik
Arbeit zitieren
Angela Köhler (Autor), 2005, Der Symbolbegriff bei Alfred Schütz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38043

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