Zum Beginn des neuen Schuljahres 2017/18 will der Freistaat Sachsen 1.400 Lehrer neu einstellen, um den steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden. Das Problem: die Anzahl der Bewerbungen grundständig ausgebildeter Lehrer liegt bei nur 1.062 und reicht damit nicht aus, um die offenen Stellen zu besetzen. Da die Anzahl der Einstellungen und Bewerbungen je nach Schulart stark schwankt, ergeben sich allein für den Grundschulbereich rund 320 offene Stellen, die nicht mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden können. Gleichzeitig ist die Zahl der Bewerbungen von Seiteneinsteigern so hoch wie nie: mit rund 1.800 Bewerbungen in allen Schularten übersteigt sie die Gesamtzahl der Bewerbungen grundständig ausgebildeter Lehrkräfte für den Schuldienst.
Die Seiteneinsteiger sind an den sächsischen Schulen präsent und deren Integration bezeichnet Staatsministerin Kurth als „eine Herausforderung“. Diese Herausforderung können die Seiteneinsteiger nur gemeinsam mit den Mentoren, Schulleitern und Lehrerkollegien bewältigen.
Die Perspektive der Seiteneinsteiger ist dabei der zentrale Fokus dieser Arbeit. In qualitativen Leitfadeninterviews wurden Seiteneinsteiger, die an sächsischen Grundschulen unterrichten, gebeten ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Wünsche zu beschreiben. Da bisher wenig empirisch gesicherte Erkenntnisse über diese, vermutlich in Zukunft größer werdende, Gruppe von Lehrkräften vorliegen, soll diese Arbeit einen Überblick über einige Hauptaspekte von Seiteneinsteigern in den Grundschulbereich zusammentragen. Da eine Vielzahl an zu untersuchenden Aspekten denkbar ist, die unmöglich alle im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden können, wird die Beantwortung von drei Forschungsfragen verfolgt:
- Welche Motive haben Seiteneinsteiger, ihren ursprünglichen Beruf(szweig) zu verlassen?
- Wie erleben Seiteneinsteiger ihren Berufseinstieg und Berufsalltag?
- Wie wird die Betreuung und Ausbildung vor, während sowie nach dem Einstieg eingeschätzt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Teil
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Das Phänomen Lehrermangel als wiederkehrendes Ereignis
2.3 Gründe für den Lehrermangel
2.3.1 Gründe für den Lehrermangel als zyklisch wiederkehrendes Ereignis
2.3.2 Spezifische Gründe für den Lehrermangel im Freistaat Sachsen
2.4 Maßnahmen gegen den Lehrermangel
2.4.1 Aktuelle Maßnahmen im Freistaat Sachsen
2.5 Gründe für den Wechsel in den Lehrerberuf
2.6 Bewältigung des Berufseinstieges
2.7 Ablauf des Seiteneinstieges in Sachsen
2.7.1 Wissenschaftliche Ausbildung
2.7.2 Schulpraktische Ausbildung
2.7.3 Vorbereitungsdienst
3. Methodischer Teil
3.1 Das Interview als Erhebungsmethode der Qualitativen Forschung
3.2 Methodologische Grundprinzipien qualitativer Forschung
3.3 Erhebungsmethode: Das Leitfadeninterview
3.3.1 Charakteristik des Leitfadeninterviews
3.3.2 Durchführung eines Leitfadeninterviews
3.3.3 Begründung des Leitfadeninterviews: Vorteile und Nachteile
3.4 Transkription der Interviews
3.5 Auswertungsmethode: Die qualitative Inhaltsanalyse
3.5.1 Charakteristik der qualitativen Inhaltsanalyse
3.5.2 Durchführung der qualitativen Inhaltsanalyse
3.5.3 Begründung der qualitativen Inhaltsanalyse: Vorteile und Nachteile
4. Ergebnisdarstellung
4.1 Übersicht über die geführten Interviews
4.2 Auswertungskriterien
4.2.1 Motive/Gründe (M)
4.2.2 Vorbereitende Maßnahmen (VM)
4.2.3 Berufseinstieg (BE)
4.2.4 Arbeitsalltag/Berufsalltag (A)
4.2.5 Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen (Q)
4.3 Interview 1 – Frau Seins
4.4 Interview 2 – Frau Dreis
4.5 Interview 3 – Herr Viert
5. Interpretation und Diskussion der Interviews
5.1 Kategorie Motive
5.2 Kategorie Vorbereitende Maßnahmen
5.3 Kategorie Berufseinstieg
5.4 Kategorie Berufsalltag
5.5 Kategorie Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen
6. Zusammenfassung der Ergebnisse
7. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Perspektive von Seiteneinsteigern im sächsischen Grundschuldienst, um deren Motivation für den Berufswechsel, ihre Erfahrungen beim Berufseinstieg und im Berufsalltag sowie potenzielle Handlungsbedarfe zur Verbesserung ihrer Situation empirisch zu erfassen.
- Motive für den Wechsel in den Lehrerberuf
- Herausforderungen während des Berufseinstiegs
- Qualifizierungsmaßnahmen und deren Wirksamkeit
- Arbeitsbelastung und Bewältigungsstrategien
- Integration und Unterstützung im Kollegium
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Gründe für den Lehrermangel als zyklisch wiederkehrendes Ereignis
Titze (1990) sieht eine wesentliche Ursache dieser entstandenen Zyklen von Lehrerüberfluss und Lehrermangel in „der langen Ausbildungsdauer […] und der damit verbundenen Zeitdifferenz zwischen Bildungsentscheidung (Studienwahl) und Bildungsverwertung (Berufszugang)“ (S. 485). Ein zweiter Einflussfaktor sei das „wellenförmige Pulsieren der Ersatznachfrage“, da durch unregelmäßiges Bevölkerungswachstum „Phasen der beschleunigten und verlangsamten Generationsumschichtung in den Karrieren“ entstehen, also eine zyklische Verjüngung und Überalterung des Berufsstandes (ebd.). Terhart (2004) beschreibt die Ursachen für die belegten Schwankungen als ein komplexes Konstrukt aus „der Altersstruktur der Lehrerschaft […] [, den] schwankenden absoluten und relativen Schülerzahlen […] [sowie den] nach Lehramt und Fächerkombination […] sehr unterschiedliche[n], komplexe[n] Nachfrageverhältnisse[n]“ (S. 54). Zudem betont er, dass die Diskrepanz zwischen der inhaltlichen und der formalen Ausbildung der Lehrer die Mangel- oder Überflusssituation noch verstärkt. Inhaltlich sind die voll ausgebildeten Lehrkräfte „breit qualifiziert“, da sie „zwei, z.T. drei Unterrichtsfächer studier[en]“, die sich aus fach- und erziehungswissenschaftlichen sowie schulpraktischen Studienanteilen zusammensetzen (ebd., S. 54, 40). Trotz dieser breit gefächerten Ausbildung verfügen Lehrkräfte „nur über eine sehr spezifische Berechtigung“ für bestimmte Fächer an einer bestimmten Schulart (ebd.).
Englischsprachige Autoren (Donitsa-Schmidt & Zuzovsky, 2014 & 2016) benutzen bei der Ursachenbeschreibung von Lehrermangel die Unterteilung in zwei Ebenen: die Makro-Ebene, welche auch „national level“ genannt wird, weil es den Staat, die Region oder den Regierungsbezirk beschreibt, sowie die Schule selbst, die Mikro-Ebene, auch „school level“ genannt (Donitsa-Schmidt & Zuzovsky, 2016, S. 84). Donitsa-Schmidt & Zuzovsky unterteilen die Ursachen in der Makro-Ebene erneut. Einerseits in Faktoren, die die Nachfrage nach Lehrkräften steigen lässt, wie das natürliche Wachstum der Schülerpopulation, eine erhöhte Zuwanderung sowie Veränderungen in der Bildungspolitik. Andererseits in Faktoren, die das Lehrerangebot verändern, so zum Beispiel das Ansehen des Berufes, leistungsbezogene Prämien, verkürzte Qualifikationsprogramme sowie die Zahl der Berufseinsteiger (Donitsa-Schmidt & Zuzovsky, 2014, S. 420). Faktoren der Mikro-Ebene die Lehrermangel auslösen können, beeinflussen zwar nicht das nationale Gleichgewicht zwischen Lehrerangebot und Lehrerbedarf, können aber aus Sicht der Schule für eine Unausgeglichenheit sorgen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Arbeit analysiert die Situation von Seiteneinsteigern an sächsischen Grundschulen vor dem Hintergrund des Lehrermangels und definiert die Forschungsfragen zu Motivation, Berufseinstieg und Qualifizierung.
2. Theoretischer Teil: Es werden Begriffsdefinitionen abgegrenzt, das Phänomen Lehrermangel erläutert, Ursachen und Maßnahmen diskutiert sowie die spezifische Situation in Sachsen und die Bewältigung des Berufseinstiegs erörtert.
3. Methodischer Teil: Die Arbeit begründet den Einsatz des qualitativen Leitfadeninterviews und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring zur Erhebung und Auswertung der Daten.
4. Ergebnisdarstellung: Es erfolgt eine Übersicht der durchgeführten Interviews sowie die Definition der für die Auswertung relevanten Kategorien und die Vorstellung der Interviewpartner.
5. Interpretation und Diskussion der Interviews: Die erhobenen Daten werden entlang der Kategorien interpretiert und kritisch in den Kontext der Forschungsliteratur eingeordnet.
6. Zusammenfassung der Ergebnisse: Die zentralen Erkenntnisse zu den Motiven, den Erfahrungen beim Berufseinstieg, der Betreuung und den Verbesserungsvorschlägen werden zusammenfassend beantwortet.
7. Fazit und Ausblick: Diese abschließende Reflektion bewertet die Rolle der Seiteneinsteiger im sächsischen Schuldienst und identifiziert weiteren Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Seiteneinsteiger, Quereinsteiger, Lehrermangel, Grundschullehrkräfte, Berufseinstieg, pädagogische Qualifizierung, Berufsalltag, qualitative Inhaltsanalyse, Lehrerbildung, Schulpädagogik, Bildungsforschung, Sachsen, Mentoring, Unterrichtsvorbereitung, Praxisschock.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Seiteneinsteigern im sächsischen Schuldienst, insbesondere an Grundschulen, und untersucht ihre spezifischen Herausforderungen und Erfahrungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Schwerpunkte liegen auf den Motiven für den Berufswechsel, der Gestaltung des Berufseinstiegs, der Belastung im Berufsalltag sowie der Wirksamkeit von Qualifizierungsmaßnahmen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Lebens- und Arbeitswelt von Seiteneinsteigern zu gewinnen und daraus Handlungsbedarfe für deren Ausbildung und Unterstützung abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin führte qualitative Leitfadeninterviews mit drei Seiteneinsteigern durch und wertete diese mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung des Lehrermangels, die methodische Begründung, die Darstellung der Interviewergebnisse sowie deren Interpretation und Diskussion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Seiteneinsteiger, Lehrermangel, Grundschule, Berufseinstieg, Qualifizierung und pädagogische Professionalität.
Wie bewerten die Teilnehmer ihre Ausbildung?
Die Beurteilungen fallen gemischt aus; während die inhaltliche Qualität oft gelobt wird, gibt es deutliche Kritik an der Organisation, dem Zeitaufwand und dem mangelnden Praxisbezug einiger Module.
Welche Rolle spielen Mentoren für die Seiteneinsteiger?
Mentoren werden als essenzielle Unterstützung wahrgenommen, jedoch wird deren Verfügbarkeit und zeitliche Entlastung als oft unzureichend kritisiert.
Welchen Einfluss hat der Status als Seiteneinsteiger auf die Arbeit?
Teilnehmer berichten von Vorurteilen im Kollegium und teilweise bei Eltern, was den beruflichen Alltag erschweren und zu einem Gefühl der Abwertung führen kann.
- Quote paper
- Eva-Christine Süß (Author), 2017, Seiteneinsteiger im sächsischen Schuldienst, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380491