Von der Ware zur Massenware. Der Konsum von Nacktheit und Sexualität um 1900 und heute


Hausarbeit, 2016

28 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung der Begriffe Sexualität und Nacktheit

3. Sexualität und Nacktheit als Ware

4. Der Weg zur Ware - Nacktheit und Sexualität um 1900
4.1 Historischer Abriss – Industrialisierung und Etablierung der Konsumgesellschaft
4.2 Die Doppelmoral des 19. Jahrhunderts
4.3 Ökonomisierung und Popularisierung von Nacktheit und Sexualität
4.3.1 Die Vergnügungsviertel

5. Von der Ware zur Massenware – Nacktheit und Sexualität heute
5.1 Die sexuelle Revolution
5.2 Die Gesellschaft heute – Digitale Revolution und Massenkonsum
5.3 Normalisierung von Nacktheit und Sexualität
5.3.1 Internet - Pornographie

6. Vergleich

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine Hausarbeit im Seminar „Sex sells! – Varietés, Peep Shows und pornographischer Film um 1900“ möchte ich dem Thema „Von der Ware zur Massenware: Konsum von Nacktheit und Sexualität um 1900 und heute“ widmen. Dabei geht es mir ganz besonders darum, den Konsum von Nacktheit und Sexualität vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und den „zeittypischen Denkhorizonte[n]“ (Steinbacher 2011, 8) zu betrachten, in denen sie konsumiert wurden und werden. Dabei werden die Fragen ‚Was hat sich verändert und warum?‘, ‚Unter welchen Bedingungen wurden Sexualität und Nacktheit zu einer Ware und später zu einer Massenware?‘ und ‚Welche Rolle spielen die gesellschaftlichen Entwicklungen bei dem Konsum von Sexualität und Nacktheit?‘ im Zentrum stehen. Es soll aufgezeigt werden, wie der Konsum von Nacktheit und Sexualität mit den sich wandelnden vorherrschenden Ideologien, „ökonomischen Produktions- und Konsumptionsweisen“ (Williams 1995, 153) und den Bildern weiblicher und männlicher Sexualität zusammenhängt. Die dadurch bedingten sozialen Verhaltensnormen und moralischen Richtlinien entscheiden mit darüber, „wie Sexualität empfunden, bewertet und praktiziert“ (Ertel 1990, 11) und damit auch wie sie konsumiert wird.

In dieser Arbeit beschränke ich mich auf den Konsum von Sexualität und Nacktheit in westeuropäischen Gesellschaften, da alles Weitere den Rahmen sprengen würde. Die Begrifflichkeiten ‚Nacktheit‘ und ‚Sexualität‘ und deren Bedeutung im Zusammenhang dieser Hausarbeit sollen in Kapitel zwei kurz erläutert werden. In Kapitel drei beschäftige ich mich mit dem Begriff des Konsumierens und dem Zusammenhang von Sexualität, Nacktheit und Ökonomie. Da dies noch ausführlicher in den folgenden Kapiteln behandelt wird, halte ich mich an dieser Stelle kurz. Kapitel vier befasst sich mit der Thematik „Der Weg zur Ware - Nacktheit und Sexualität um 1900“. Der Zeitraum um 1900 soll in dieser Arbeit im Wesentlichen den Abschnitt zwischen 1880-1920 erfassen, wobei ich den zeitlichen Rahmen nicht auf ein bestimmtes Anfangs- und Endjahr festlegen möchte. Dieser Teil ist so aufgebaut, dass zu Beginn ein kurzer Abriss über die wesentlichen gesellschaftlichen Ereignisse gezogen wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Industrialisierung, da diese für die Entwicklungen um 1900 konstitutiv war. Hierauf folgt ein kurzer Ausschnitt über die Sexualmoralvorstellungen des vorausgegangenen 19. Jahrhunderts. Im nächsten Schritt wird analysiert, wie sich Industrialisierung und die Moralkodizes des 19. Jahrhunderts auf den Diskurs und Konsum von Sexualität und Nacktheit um 1900 auswirkten. Die Popularisierung und Ökonomisierung von Nacktheit und Sexualität stehen dabei im Fokus. Im Anschluss werde ich auf die damals entstandenen Vergnügungsviertel eingehen. Diese sollen als Sinnbild für den Konsum von Sexualität und Nacktheit um 1900 dienen. Ursprünglich wollte ich auf das Striptease-Lokal eingehen, dies schien mir dann aber doch zu eng gefasst. Das fünfte Kapitel dieser Arbeit behandelt das Thema „Von der Ware zur Massenware - Konsum von Sexualität und Nacktheit heute“. Mit der Betitelung ‚heute‘ beziehe ich mich grob auf den Zeitraum von 1990 bis jetzt, wobei ich auch hier keine strikten Jahreszahlangaben machen möchte. Da die 68er-Bewegung ausschlaggebend für unsere heutige Auffassung der Sexualmoral ist, möchte ich diese zuerst hervorheben und ihre Auswirkungen schildern. Darauf folgen ein Überblick der heutigen Zeit und anschließend eine Analyse, in der ich die Auswirkungen der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen auf den Konsum von Nacktheit und Sexualität betrachte. Schwerpunkt ist die Normalisierung und Virtualisierung von Nacktheit und Sexualität. An dieser Stelle soll dann auch auf Internet-Pornographie als Beispiel für den Konsum von Nacktheit und Sexualität heute eingegangen werden. Im Anschluss wird in Kapitel sechs der Konsum von Nacktheit und Sexualität um 1900 und heute verglichen. Hier möchte ich noch einmal die wesentlichen Unterschiede und auch Gemeinsamkeiten festhalten und auf die Frage, ‚was hat sich verändert und warum‘, eingehen. Abschließend folgt ein kurzes Fazit. Insbesondere der Aufsatz von Pascal Eitler (2009) „ Sexualität als Ware und Wahrheit: Körpergeschichte als Konsumgeschichte “ diente mir als Grundlage für diese Hausarbeit.

Aus Platzgründen und um die Lesbarkeit zu verbessern gelten innerhalb dieser Hausarbeit sämtliche Personenbezeichnungen für beiderlei Geschlecht.

2. Erläuterung der Begriffe Sexualität und Nacktheit

Tatsächlich gibt es in der „gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (König 1990, 48) weder eine Sexualität noch eine Nacktheit per se. Sexualität und Nacktheit beziehen sich „immer auf bestimmte Positionen im sozialen Feld“ (ebd., 48). Deshalb ist das Verständnis von Nacktheit und Sexualität stets abhängig von der herrschenden Ideologie einer Gesellschaft, gebunden an deren Konventionen und Werte. Geltende Normen und moralische Maßstäbe werden im Laufe der Zeit immer wieder aufgehoben und neu diskutiert. Damit ist meistens eine „deutliche Politisierung und die Artikulation von Machtansprüchen verbunden“ (Ertel 1990, 11). Im Kampf um die Akzeptanz „gruppenspezifischer Werte“ (Maase 2010, 24) drücken sich die Kräfteverhältnisse in einer Gesellschaft aus, denn ob etwas als anstößig oder anziehend zu bezeichnen ist oder nicht, unterliegt nicht objektiven Merkmalen, sondern spiegelt die gesellschaftlichen Machstrukturen wider (König 1990, 123). So werden Menschen innerhalb dieser Machstrukturen dazu gebracht Sexualität und Nacktheit in einem bestimmten Licht zu sehen.[1]

‚Sexualität‘ soll in dieser Arbeit als „alle Äußerungen (und Handlungen), die den Menschen als sexuell (aktives) Wesen zu erkennen geben“ (Kauer 2007, 59) begriffen werden. So werden unter dem Ausdruck Sexualität Phantasien, Wissen und Begierden des Individuums ausgedrückt, die „unterschiedlich hergestellt, vielfältig angeeignet und fortwährend verändert“ (Eitler 2009, 371) werden. Damit ist Sexualität auch als eine „gesellschaftliche Konstruktion im historischen Wandel“ (ebd., 371) zu verstehen. Im Gegensatz dazu, soll der Begriff ‚Sex‘ in dieser Arbeit nur den Akt als solchen bezeichnen.

Die Nacktheit wird häufig als eine Vorstufe für sexuelles Erleben gesehen. Diese erotische Bedeutung von Nacktheit hängt mit der Sexualität zusammen. Aber auch diese Bedeutung von Nacktsein ist „ein kulturelles Konstrukt“ (Bießnecker 2008, 12). Nacktheit befindet sich im Spannungsfeld zwischen „öffentlicher und privater Sphäre“, „zwischen natürlicher Reinheit und selbstverschuldeter Sündhaftigkeit“, zwischen „gesellschaftlichen Wertungen“, „zwischen Idealisierung und Fetischisierung“, „zwischen Macht und Begehren“ (Gernig 2002a, 8). Dem nackten Körper kann je nach sozialem, ästhetischem oder sexuellem Zusammenhang eine andere Bedeutung zukommen (Seesslen 1997, 371). Im Rahmen dieser Hausarbeit möchte ich nicht den Konsum von Nacktheit in ihren verschiedenen Bedeutungen behandeln, sondern explizit auf die sexuell konnotierte Nacktheit Bezug nehmen.

Sexualität und Nacktheit sind damit nur vor den Moralkodizes, Normen und Konventionen einer Epoche zu verstehen. Wie aber ändern sich die Einstellungen gegenüber Nacktheit und Sexualität? Eine Antwort darauf findet man in den gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Vorgängen einer Gesellschaft.

3. Sexualität und Nacktheit als Ware

Ganz allgemein gefasst kann man unter ‚Konsumieren‘ „das Kaufen, das Gebrauchen und Verbrauchen/ Verzehren von Waren“ verstehen (Siegrist 1997, 16). Früher wurde ‚Konsumieren‘ vor allem mit Verschwenden assoziiert und damit negativ bewertet (Grazia 1996, 14). Im Zuge einer sich wandelnden Gesellschaft und neuen Produktionsmöglichkeiten entstehen neue Beziehungen zum Warenaustausch und andere Arten des ökonomischen, sozialen und auch des sexuellen Konsums. In der Moderne wird das ‚Konsumieren‘ aufgewertet und seither als ein Prozess, der „ganz wesentlich zur sozialen Identitätsbildung beiträgt“ (Abrams 1997, 268), aufgefasst. Auf diese Weise wird das ‚Konsumieren‘ auch zu einem Ausdruck sozialen Verhaltens und zum Mittelpunkt der modernen Gesellschaft (Grazia 1996, 14).

„Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaft menschliche Bedürfnisse irgendeiner Natur befriedigt.“ (Marx 1969, 49 zitiert nach Berger 2013, 30). Sexualität und Nacktheit sind an sich keine Dinge, aber mit ihnen werden unzählige Bedürfnisse verbunden (König 1990, 33). Schon Karl Marx spricht von der Ware als Fetisch, indem auf diese Verlangen, Phantasien und auch Vorstellungen des sozialen Status projiziert werden. Dies wird in der Sexualisierung und Erotisierung von Waren und andersherum, in der Verdinglichung von Sexualität und Nacktheit deutlich. Dabei reflektieren die Strukturen der kapitalistischen Warenökonomie im Grunde die psychischen Strukturen des Begehrens (Solomon-Godeau 1996, 113). Dadurch lassen sich die triebhafte Ökonomie der Warenkultur und die Ökonomisierung von Sexualität und Nacktheit ungemein gut kombinieren. Sexualität und Nacktheit zu konsumieren heißt deshalb auch immer diese zu produzieren und zu modifizieren (Eitler 2009, 371).

4. Der Weg zur Ware - Nacktheit und Sexualität um 1900

Ökonomisierung und Popularisierung von Nacktheit und Sexualität um die Jahrhundertwende sind nur vor dem Hintergrund der Industrialisierung, den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen und den Moralkodizes des 19. Jahrhunderts zu verstehen. Im Verlauf dieser Entwicklungen avancierte Sexualität zu einer „gewinnträchtigen Ware“ und zu „einer sinnverheißenden Wahrheit“ (Eitler 2009, 371).

4.1 Historischer Abriss – Industrialisierung und Etablierung der Konsumgesellschaft

Die Zeit um 1900 ist die Zeit politischer Revolutionen und vor allem die Zeit der Industrialisierung, die Zeit des Übergangs von der Agrarwirtschaft zur industriellen Produktion und damit auch die Zeit des Übergangs von einer aristokratischen zu einer industriellen Gesellschaft. Die Phase der Industrialisierung begann Ende des 18. Jahrhunderts in England, dehnte sich im 19. Jahrhundert auf dem Kontinent aus und ist auch heute noch nicht abgeschlossen (Sellen 2007, 37). Mit der Industrialisierung gingen radikale technische, wirtschaftliche, soziale und geistige Umwälzungen einher, die sich auf die gesamte Gesellschaft auswirkten. Fabrikbesitzer wurden immer reicher, während die Arbeiterschicht verarmte. Gleichzeitig entstand eine neue Schicht der Angestellten. Zwischen den Schichten gab es kaum Mobilität (ebd., 40). Mit vermehrter Lohnarbeit ging auch die Selbstversorgung zurück. Dadurch konnte eine klare räumliche und zeitliche Trennung zwischen Arbeits- und Lebensraum, zwischen Freizeit und Arbeitszeit, entstehen (Maase 2010, 45). Zugleich förderte die Industrialisierung das Wirtschaftswachstum. Die Kaufkraft des Einzelnen stieg, die Nachfrage wurde größer und führte zu einem sich ausdehnenden materialistischen Wirtschaftsdenken um 1900 (Sellen 2007, 38). In dieser Phase boomten in den europäischen Städten die Warenhäuser sowie der Distributionssektor und die moderne Konsumgesellschaft etablierte sich endgültig (Haupt, Torp 2009, 11). Die Arbeiter ackerten hart, um das verdiente Geld zur Teilnahme an der Konsumgesellschaft wieder auszugeben (Abrams 1997, 269). Es entstand ein Massenmarkt für den neuen Freizeitsektor, der sich an der großen Mehrheit des städtischen Publikums orientierte, dessen Zeit und Geld sehr knapp bemessen waren (Maase 2010, 17). Das Angebot war geprägt von einer Schnelllebigkeit, Konkurrenz und dem Verlangen nach Unterhaltung (ebd., 21). Die Teilhabe an der Konsumwelt in der Freizeit war dabei so intensiv, dass die Konsumerfahrung zu einem zentralen „Aspekt der Identitätsentwicklung“ (Abrams 1997, 269) wurde. Dabei entstanden „klassenspezifische Freizeitwelten“ (Maase 2010, 63), denn das Bürgertum konsumierte exklusiv und räumlich getrennt zu den unteren Schichten. Mit zunehmender Bürokratisierung im industriellen Zeitalter wurde außerdem die Brauchbarkeit der Frau als Arbeitskraft immer deutlicher (Gay 1986, 197). Im Zuge dessen begann die moderne Frau mehr und mehr auf einen Zugang zu Bildung und Anerkennung von Rechten zu pochen.

Eine der wohl ausschlaggebendsten Auswirkungen der Industrialisierung war die Urbanisierung. Die Wirtschaftsentwicklungen führten dazu, dass massenhaft Menschen vom Land in die Großstädte zogen, um dort Arbeit zu suchen. Um die Jahrhundertwende hatte sich der Anteil der Menschen in den Städten vervielfacht (Hansmann 2000, 85). Damit einher geht eine soziale Entfremdung und Isolation des Einzelnen, der in der Anonymität der Masse der Großstadt untergeht. Die Anonymität ließ die Scham-und Ekelschwellen sinken (Gay 1986, 70). Dies, die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse sowie die vielen entstandenen Fabriken führten zu sich schnell verbreiteten Krankheiten. Aus diesen Umständen heraus etablierte sich um 1900 die Sozialhygiene in der Medizin (Traub 2010, 46).Gleichzeitig erlangte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die psychologische Wissenschaft breite Anerkennung. Neue technische Erfindungen führten außerdem in den 1880er Jahren zum Durchbruch der Massenpresse (Schneider 1996, S. 8).

Diese technischen und ökonomischen Modernisierungsprozesse, der Verlust kirchlicher Werte und veränderte Sozialstrukturen hatten weitreichende Folgen für das Individuum. Dieses fühlte sich hin und her gerissen zwischen einer Angst vor der durch technisierte und mechanisierte Innovationen hervorgerufenen Beschleunigung des Lebens, dem Verlust traditioneller Werte und einem optimistischen Fortschrittsglauben sowie einer einsetzenden Leichtlebigkeit (Traub 2010, 47).

4.2 Die Doppelmoral des 19. Jahrhunderts

Das 19. Jahrhundert wird auch als das „Zeitalter der Prüderie und der Sex-Besessenheit“ (König 1990, 175) bezeichnet. Es herrschte eine sexuelle Repression, die eine unglaubliche Furcht und Scham vor allen mit Sexualität in Zusammenhang stehenden Themen hervorbrachte. Öffentlich schwieg man zum Thema Sexualität und Nacktheit wurde zunehmend privatisiert. Man versuchte Sexualität weitgehend zu tabuisieren, denn die triebhafte Sexualität und die damit verbundene erotisch-sexuell konnotierte Nacktheit passten nicht in die „rationalistische Lebensführung“ (Gernig 2002b, 68) der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Diese übersteigerte Prüderie und Unterdrückung der Sexualität verstärkte gleichzeitig die Erotisierung der Nacktheit ins Unermessliche, wodurch ein unverhohlenes Interesse an diesen Themen herrschte (König 1990, 43). Alles sexuell Konnotierte war angstbesetzt und begehrenswert zugleich. Das wiederum führte im 19. Jahrhundert zu sadomasochistischen Ausprägungen und einer Fülle an Perversionen (ebd., 42-43). Während man öffentlich eine immer strengere Verhüllung und Einschnürung des, vor allem weiblichen, Körpers einforderte, reizte gerade diese Verhüllung die Phantasie pausenlos an (Gernig 2002b, 68). Diese Doppelmoral ist charakteristisch für das 19. Jahrhundert.

4.3 Ökonomisierung und Popularisierung von Nacktheit und Sexualität

Um 1900 bewirkten die, durch die Industrialisierung hervorgerufenen, rasanten gesellschaftlichen Wandlungen eine veränderte Weltanschauung, die eine Popularisierung von Nacktheit und Sexualität ermöglichte. Ein wesentliches Zeichen für diese Entwicklung ist das vermehrte Sprechen über Sexualität (Kauer 2007, 11). Nacktheit gewann vor allem im Zuge der sich verbreitenden Freikörperkultur-Bewegungen an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und „Legitimität“ (Eitler 2009, 377). Die Körperkulturbewegungen dieser Zeit versuchten Nacktheit zu „‘entsexualisieren‘“ (König 1990, 59) und als Repräsentant für Natürlichkeit und Freiheit wiederzuentdecken. Damit wollte man in Teilen der bürgerlichen Schicht der herrschenden Doppelmoral und den dadurch entstandenen überwältigenden Schamgefühlen entgegensteuern. Diese Bewegung ist aber auch als eine Reaktion auf die teilweise katastrophalen Lebensbedingungen des Industriezeitalters zu verstehen (Hansmann 2000, 84). In den großen Städten kam es durch Verschmutzungen und das Zusammenleben auf engstem Raum dazu, dass sich Krankheiten extrem schnell verbreiteten. Dies hatte Auswirkungen auf die Volksgesundheit und so wurde Hygiene zum öffentlichen Thema erklärt (Hagener, Hans 2000, 15). Damit rückte auch die Sexualität in die Öffentlichkeit. Man versuchte nunmehr dem lüsternen Blick auf den nackten Körper den Blick des Arztes entgegenzusetzen und Aufklärungsbücher fanden massenhaft Verbreitung (Möhring 2002, 105). Ebenfalls von großer Wichtigkeit ist die im gleichen Zeitraum entstandene Psychoanalyse Freuds (König 1990, 58). Diese veränderte den Blickwinkel auf die bisherigen Annahmen über die menschliche Sexualität gravierend. Sexualität entfalte sich demnach erst im Laufe der individuellen Entwicklung und stellt keine fertige Anlage mehr dar (Rabelhofer 2006, 130). Diese Veränderungen und neuen Erkenntnisse führten dazu, dass Sexualität und Nacktheit immer weiter popularisiert und Sexualität schließlich zum „Zentralmoment der Subjektkonstitution“ (Eitler 2009, 372) erhoben wurde. Sexualität war jetzt nicht mehr nur eine Frage der Fortpflanzung, sondern ein wichtiger, identitätsstiftender Teil der Persönlichkeit. Im Zuge dessen kam es zur Diskursivierung von Perversionen und vor allem zu breiten Auseinandersetzungen um das Begehren der Frau (Kauer 2007, 72). Die Brauchbarkeit der Arbeitskraft der Frau wurde in der industriellen Gesellschaft immer deutlicher.

[...]

[1] Für mehr Details: Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit (1978)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Von der Ware zur Massenware. Der Konsum von Nacktheit und Sexualität um 1900 und heute
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V380499
ISBN (eBook)
9783668568211
ISBN (Buch)
9783668568228
Dateigröße
964 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sex, Nacktheit, Massenkonsum, Massenware, Konsumgesellschaft, Pornographie
Arbeit zitieren
Lena Mohr (Autor:in), 2016, Von der Ware zur Massenware. Der Konsum von Nacktheit und Sexualität um 1900 und heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380499

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