Analyse von Friedrich Schillers "Über naive und sentimentalische Dichtung"

Zur Betrachtung zweier Dichtungsarten


Hausarbeit, 2004

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Die Teilung der Welt in Gegensatzpaare

2. Das Gefühl des Naiven
2.1. Das Naive der Überraschung
2.2. Zwischenbemerkung
2.3. Das Naive der Gesinnung

3. Der Begriff des Genies

4. Der moderne Mensch und die alten Griechen

5. Naive und sentimentalische Dichtung
5.1. Der naive Dichter
5.2. Zwischenbemerkung
5.3. Der sentimentalische Dichter

6. Satire, Elegie und Idylle
6.1. Satire
6.2. Elegie
6.3. Idylle

7. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Werk, das zwischen 1795 und 1796 entstanden ist, setzt Schiller sich, wie der Titel ja schon andeutet, mit den zwei voneinander zu unterscheidenden Dichtungsarten, der naiven und der sentimentalischen, auseinander. Neben diesem Schwerpunkt kommen allerlei andere Themen ins Blickfeld, so z.B. der Begriff des Genies, die Kritik an Kleist, Klopstock u.a. oder die Diskussion um Antike und Moderne.

Das Verhältnis zu Goethe, der in dieser Abhandlung als ein naiver Dichter betrachtet wird, im Gegensatz zu Schiller selbst, der sich wohl für einen sentimentalischen hält, spielt ebenfalls eine Rolle.

1.1. Die Teilung der Welt in Gegensatzpaare

Auffallend und sich durch den gesamten Text ziehend ist ein Denken, in dem sich die Welt scheinbar durch eine Teilung in Gegensatzpaare ausreichend, vielleicht sogar vollständig erklären lässt. Dieses Denkmuster kann man auch in Über die ästhetische Erziehung des Menschen erkennen. Die Zweiteilung zieht sich dabei vom Titel der Schrift über einzelne Abschnitte, wie beispielsweise diejenigen über Realisten und Idealisten, bis zu solchen Sätzen wie:

„Wir sind frei, und sie sind notwendig; wir wechseln, sie bleiben eins.“[1]

„Jenem fällt es nicht ein, daß der Mensch noch zu etwas anderm da sein könne, als wohl und zufrieden zu leben; und dass er nur deswegen Wurzeln schlagen soll, um einen Stamm in die Höhe zu treiben. Dieser denkt nicht daran, dass er vor allen Dingen wohl leben muss, um gleichförmig gut und edel zu denken, und dass es auch um den Stamm getan ist, wenn die Wurzeln fehlen.“[2]

2. Das Gefühl des Naiven

Schiller beginnt seine Schrift damit, zu beschreiben, wie die Natur zum Naiven wird: Es gibt eine „Art des Interesses an der Natur“, die weder die Sinne, noch den Verstand befriedigt, sondern nur dadurch fasziniert, „weil sie Natur ist“[3]. Der Betrachter muss der Natur dabei interesselos gegenübertreten, er muss von der „einfältigen Natur überrascht“ werden. Damit nun die Natur als das Naive angesehen werden kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein und zusammentreffen:

(1) Der betrachtete Gegenstand muss als Natur angesehen werden,
(2) Der als Natur betrachtete Gegenstand muss den Gegensatz zur Kunst darstellen und diese beschämen.

Dieses Staunen über die Natur ist ein moralisches, kein ästhetisches, da man beispielsweise eine perfekte Nachahmung einer Blume, von der man wüsste, sie sei künstlich nicht so bestaunen könnte. Nicht der betrachtete Gegenstand an sich erweckt das Staunen, sondern die Idee, die man dahinter sieht. Einerseits stellt die Natur einen Urzustand dar, aus dem der Mensch erwachsen ist, nach dem er sich aber immer noch sehnt, da ein Gegenstand in diesem Zustand noch als eine Einheit besteht, also vollkommen ist und daher in Harmonie existiert. So gesehen stellt die Natur eine Forderung an den Menschen, nämlich nach dem Ideal der Einheit und Harmonie zu streben. Andererseits gibt es kein Zurück mehr, der Mensch hat Vernunft, einen freien Willen, der sich gegen die Notwendigkeit der Natur stellen kann. Er muss also einen anderen Weg zur Harmonie nehmen und dieser Weg führt über die Kunst.

Wichtig hierbei ist noch, dass nur ein Mensch, der sich schon von der Natur entfremdet hat, also nicht mehr eins mit ihr ist, das Gefühl des Naiven verspüren kann.

Um zu verdeutlichen, wie die Natur den Menschen beschämen kann, stellt Schiller das Kind, das die Natur verkörpert, dem Erwachsenen, der die „Unnatur“ darstellt, gegenüber. Das Kind stellt insofern ein Ideal dar, als es noch alle Möglichkeiten in sich trägt, obwohl diese noch nicht verwirklicht sind. Der Erwachsene hingegen ist schon bestimmt, seine Möglichkeiten sind teilweise verwirklicht, und diese Bestimmung liegt notwendigerweise immer hinter der „grenzenlosen Bestimmbarkeit“ des Kindes zurück.

Das Gefühl des Naiven entsteht, so Schiller, aus der Verbindung von kindlicher Einfalt mit kindischer, aus einem „Widerspruch zwischen dem Urteile der Vernunft und des Verstandes“[4]. Kindische Einfalt stellt einen Zustand ohne Verstand dar. Der Erwachsene, der über Verstand verfügt, fühlt sich dem Unverstand gegenüber überlegen und belächelt ihn daher. Kindliche Einfalt hingegen benötigt den Verstand überhaupt nicht, sie verschmäht diesen sogar, denn durch sie offenbart sich „ein Herz voll Unschuld und Wahrheit“[5]. Das erwachsene Selbst bewundert diese Wahrheit und verspürt gleichzeitig Heimweh nach der verlorenen Unschuld. Das Gefühl des Naiven ist somit eine Mischung aus „fröhlichem Spott, Ehrfurcht und Wehmut“[6].

Nun spaltet Schiller das Naive (wieder) in zwei Formen auf: in das Naive der Überraschung und in das der Gesinnung.

2.1. Das Naive der Überraschung

In diesen Abschnitten wird das Naive genauer bestimmt. So reicht es nicht aus, dass sich die Natur in künstlichen Verhältnissen einfach nur zeigt, etwa durch einen unkontrollierten Wutausbruch. Vielmehr muss die Natur die Kunst beschämen, muss sie zurechtweisen, muss die Wahrheit gegenüber der Unwahrheit der „Künstelei“ offenlegen. Der Mensch, der das Naive der Überraschung ausdrücken können soll, muss einen Willen haben, er darf mit der Natur nicht mehr übereinstimmen, „muss moralisch fähig sein, die Natur zu verleugnen“. Schafft es die Natur dann durch einen solchen Menschen hindurch hervorzutreten und das Gekünstelte, dass mit „ ihrer moralischen Beschaffenheit[7] im Widerspruch steht zu beschämen, so entsteht das Naive der Überraschung.

2.2. Zwischenbemerkung

Hier wirft sich mir die Frage auf, wie es für einen Menschen, der in künstlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, der mit Verstand geschlagen ist, der sich selbst für sentimentalisch hält, möglich ist zu entscheiden, wann die Natur recht hat. Woher nimmt Schiller die unbegründete Überzeugung her, dass die Natur moralisch ist? Woher weiß er, wann die Natur aus Notdurft und wann aus „innerer Notwendigkeit“[8] handelt? Und weiter: wie kommt er zu der Gewissheit, dass „die, allen Menschen gemeine, Anlage zum Sittlichen“[9] überhaupt existiert?

Wenn Schiller später dann über das naive Genie schreibt, „dass es durch Einfalt über die verwickelte Kunst triumphiert“[10], da „alles, was die gesunde Natur tut“[11], göttlich ist, dann fragt man sich, wer darüber entscheidet, was als gesunde und was als kranke Natur zu gelten hat. Und überhaupt, ist es nicht vollkommen willkürlich, das Eine als naive Einfalt zu loben und das Andere als bloße Dummheit[12] abzutun?

Ich möchte hier nicht in Abrede stellen, dass es eine objektive Wahrheit geben mag, ich frage mich nur, woher Schiller diese Wahrheit so genau kennen will, um sie zum Ausgangspunkt der Bewertungen seiner Ästhetik zu machen.

Aufschlussreich finde ich, wenn Schiller schreibt, dass das „Naive des Ausdrucks“ sich dadurch äußert, dass man „Dinge [...] mit ihrem rechten Namen und auf dem kürzesten Weg“[13] benennt. Es scheint mir, dass die Wahrheit der Natur sich für Schiller schon dann zeigt, wenn man etwa beim Ausspruch eines Kindes das spontane Gefühl hat, dass es damit genau ins Schwarze getroffen hat. Oder dass er der Meinung ist, dass eine weitschweifende Umschreibung der natürlichen Wahrheit viel weniger nah kommt, als ein einziges Wort, von dem man wieder nur das Gefühl hat, es treffe die Faust aufs Auge. Ein Gefühl reicht also um die Wahrheit zu erkennen.

[...]


[1] Friedrich Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, S. 541

[2] ebenda, S. 603

[3] ebenda, S.540

[4] ebenda, S.542

[5] Wenn Schiller hier schreibt, dass dieser Zustand ohne Verstand ein Zustand der Unschuld sei, so impliziert dies, dass die Menschen, seit sie über Verstand verfügen, in einem Zustand der Schuld existieren.

[6] Friedrich Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, S.543

[7] ebenda, S.544

[8] ebenda, S.545

[9] ebenda, S.542

[10] ebenda, S.548

[11] ebenda, S.548

[12] Schiller verwendet zwar das Wort Dummheit nicht wörtlich. Gemeint ist die nicht-naive Einfalt, die von einer kranken Natur geleitet wird.

[13] Friedrich Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, S.550

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Details

Titel
Analyse von Friedrich Schillers "Über naive und sentimentalische Dichtung"
Untertitel
Zur Betrachtung zweier Dichtungsarten
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V38051
ISBN (eBook)
9783638372398
ISBN (Buch)
9783656656135
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schillers, Dichtung
Arbeit zitieren
Joachim Waldmann (Autor), 2004, Analyse von Friedrich Schillers "Über naive und sentimentalische Dichtung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38051

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