Lerntagebuch zum kirchengeschichtlichen Seminar "Christliche Widerstandstradition"


Vorlesungsmitschrift, 2009

145 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Die Grundsätze der Reformation

3. Verhältnis Kirche-Staat und Gehorsam-Widerstand anhand von Bibelstellen

4. Martin Luther: Zwei Reiche Lehre anhand seiner Schrift: „Von weltlicher Obrigkeit“ (1523)

5. Martin Luther: Zwei Reiche Lehre (Grafik)

6. Barmer Theologische Erklärung; Zwingli und Calvin

7. Adventszeit; Johannes Calvin

8. Die Täuferbewegungen zur Reformationszeit

9. Dietrich Bonhoeffer (1906-1945): Biografie und Analyse seiner Schrift „Die Kirche vor der Judenfrage“ (1933)

10. Euthanasie

11. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

12. Befreiungstheologie

13. Passiver Widerstand- Die Kirchen in der DDR

14. Reflexion

15. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Ich habe in meinem Lerntagebuch im Zuge des kirchengeschichtlichen Seminars „Christliche Widerstandstradition“, das von Herrn Weber wöchentlich veranstaltet wurde, versucht, jedes einzelne Seminar möglichst genau zu protokollieren. Diese Protokolle sind in Form eines fließenden Textes von mir verfasst worden, weil ich durch das Ausformulieren der im Seminar mitgeschriebenen Stichpunkte den Inhalt noch einmal verinnerlicht habe.

Zudem habe ich auch Schaubilder erstellt, da diese an gegebenen Stellen übersichtlicher und anschaulicher sind.

Im Anschluss an die einzelnen Seminare habe ich jeweils nach einem bestimmten Schema die Gesamtheit des Seminars analysiert und über Struktur, Inhalt, wichtige Persönlichkeiten sowie meine individuelle Rezeption der Inhalte reflektiert.

Nach der Reflexion habe ich jeweils Exkurse verfasst, das bedeutet, ich habe mich mit Themenkomplexen, auf die ich im Seminar aufmerksam wurde und die mich weiterführend genauer interessiert haben, intensiv auseinandergesetzt. Diese Exkurse sind dadurch gekennzeichnet, dass sie umrahmt sind, damit man sie auf den ersten Blick als solche identifizieren kann.

Nach meinen gesamten Darlegungen der Seminare, Reflexionen und Exkurse werde ich eine zusammenfassende Reflexion über die Gesamtheit des Seminars „Christliche Widerstandstradition“ verfassen.

Am Schluss verweise ich noch auf die verwendete Literatur.

1. Seminar: Christliche Widerstandstradition 27.10.08

2. Die Grundsätze der Reformation

In unserer ersten Seminarzeit sollte als Erstes ein Einstieg in das Thema erfolgen.

Am 31.10. 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen an die Kirche in Wittenberg geschlagen.

An demselben Tag stellte der Kurfürst von Wittenberg seine Reliquien aus. Der „Schatz der guten Werke“ hängt an diesen Reliquien. Von dem „Schatz der Reliquien bzw. der Heiligen“ können alle zehren, in dem sie sich gegen Geld den Ablass erlkaufen. Einen Tag später ist „Allerheiligen“. Am 1. November wird an die guten Taten und den Ablass erinnert.

Luther merkte damals, dass Menschen keine wirkliche Buße mehr tun, sondern nur für ihre Sünden bezahlen. Daraufhin hat er seine 95 Thesen über Ablass und Buße verfasst.

Heutzutage sieht der Ablass in der katholischen Kirche noch so aus, dass in der Messe für den Gläubigen gebetet wird. Man erhofft sich die Fürbitte der Gemeinde.

Die Zeit der Reformation sprach vier folgenden Grundsätze besondere Bedeutung zu.

Die vier Grundsätze der Reformation (Rechtfertigungslehre):

1) „allein die Schrift“ (sola scriptura) ist die Grundlage des christlichen Glaubens
2) „allein durch Christus“ (solus Christus) (hermeneutisches Prinzip für die Schrift)
3) „allein aus Glaube“ (sola fide) wird der Mensch gerechtfertigt.
4) „allein aus Gnade“ (sola gratia), die es geschenkt gibt von Gott

Die Erkennungsmerkmale einer evangelischen Kirche sind die folgenden: Gottesdienste können von Lektoren und Prädikanten geleitet werden. Somit findet eine Aufhebung zwischen Klerikern und Laien statt. Außerdem hat der Gottesdienst eine enorme Bildungsabsicht.

Luthers Impuls war dabei sehr wichtig: Er forderte staatliche Schulen für die Bildung für jedermann. Das alles beginnt mit dem Reformationstag.

Reflexion

Die Struktur des Seminars war deutlich erkennbar. Wir haben zuerst einen Einstieg in das Thema bekommen, indem Herr Weber uns geschichtliche Abläufe vor und nach der Reformation nahe gebracht hat, damit wir die Zusammenhänge verstehen konnten. Erst schilderte Herr Weber, wie es vor Luthers Thesen aussah, dass die Menschen durch den Ablass nur noch ihre Sünden „abbezahlten“ und keine wirkliche Buße mehr taten. Durch die Darlegung dieser Ausgangslage konnte ich besser verstehen, wieso Luther eine Änderung forderte und wie diese aussah. Die Grundsätze der Reformation konnte ich gut nachvollziehen. Anschließend wurden mir die Auswirkungen der Reformation und der damit verbundenen Rechtfertigungslehre auf die Kirche klar.

Als Person hat mich Martin Luther fasziniert , da ich schon sehr viel über ihn als Vater der Reformation gehört habe. Sein Thesenanschlag in Wittenberg ist überall bekannt. Ich verspreche mir vom Seminar noch ganz viele Informationen zu Luthers Leben, seinen Thesen und seiner Rechtfertigungslehre zu erhalten.

Ich konnte Zusammenhänge zu vorherigem Wissen erkennen , weil wir im Seminar „Grundworte christlichen Glaubens“ von Herrn Orth schon die Biografie Luthers und noch vieles mehr in Bezug auf Luthers Theologie durchgenommen haben. Es ist auffällig, dass Luthers Verständnis von den einzelnen theologischen Disziplinen wie Gnade, Gott, Mensch, etc. fast in jedem Seminar irgendwo vorkam, sodass die Bedeutsamkeit von Luthers grundsätzlichen Meinungen, an denen wir uns heute noch orientieren, sehr deutlich wurde. Insbesondere in Hinblick auf die Thematik „Gnade“ und „Gott“ haben wir Texte von Luther gelesen und seine theologische Vorstellung dazu verinnerlicht.

Ich hätte gerne nähere Informationen dazu erhalten, inwiefern der Gottesdienst eine Bildungsabsicht verfolgt hat und wie sich dies in der Praxis vollzog.

Besonders gut hat mir gefallen , dass wir mit der Reformation und ihren Grundsätzen begonnen haben und dass das Seminar sich so gestaltete, dass man einen guten Einstieg in das Seminar bekam.

Ich konnte jederzeit Fragen stellen .

Es fiel mir leicht die Säulen der Reformation nachzuvollziehen, weil diese schon zuvor im oben genannten Seminar besprochen hatten. Außerdem konnte ich Herrn Weber beim Zuhören gut folgen, weil ich bei seinem Vortrag nie den roten Faden verloren habe.

1. Exkurs

Martin Luthers Einfluss auf die Bildung des deutschen Volkes

Da wir im Seminar schon angesprochen haben, dass Luther staatliche Schulen forderte und einen erheblichen Einfluss auf die Bildung hatte, wollte ich Näheres darüber erfahren.

Ich beziehe mich dabei, angelehnt an Nipperdey, auf den Bildungsbegriff im weiteren Sinne und orientiere mich an der Gliederung Volksbildung, Universität und deutscher Mentalität.

1) Volksschule

Die Kirche Martin Luthers ist eine Kirche des gelesenen, gesprochenen, gesungenen und gehörten Wortes, kurz eine Wortkirche. Der Laie agiert, wie wir ja auch schon im Seminar erfahren haben, als gleichberechtigtes Glied der Kirche und ist gebunden an Wissen über Wort und Lehre. Dieser Wortgottesdienst förderte das aufmerksame Zuhören und regte den Verstand an. Das Wort konnte auch Auslöser zur Reflexion sein. Durch das „Ich-Sagen“ im Choral stärkt das Wort auch die Selbstständigkeit.

Die Volksschule gehört zu dieser Wort- und Schriftkirche und strebt die Volkserziehung an. Es besteht Bedarf, dass der Glauben, zuerst im Katechismus, unterrichtet wird. Das Hauptziel ist die Schrift lesen zu können.

Luther hat die Obrigkeiten dazu veranlasst, deutsche Schulen einzurichten. Die lutherische Reformation ist der Ursprung deutscher Volksschulen. Wichtig ist, dass die Schule Sache des Staates ist.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnet sich Deutschland durch eine Vielzahl an Schulen und eine Generation schreib- und lesefähiger Mitglieder der Gesellschaft aus. Die Protestanten hatten einen Bildungsvorsprung, der viele positive Effekte mit sich zog, wie z.B. eine starke Motivation: Viele Bücher wurden gelesen und verkauft und weiterführende Schulen wurden häufiger besucht.

2) Universität

Luther war geradezu dazu geschaffen als akademischer Lehrer die Schrift auszulegen. Das kleine Städtchen Wittenberg wurde durch seine Universität und den damit verbundenen Vorlesungen und Hörsälen zum Zentrum einer internationalen Ausbreitung der Universitäten. Die enorme Bedeutung der Universität erkennt man daran, dass es die Institution Universität ist, die die „rechte Lehre“ vermittelt. Die lutherische Kirche gründet sich auf der Bindung von Gewissen und Wissen. Des Weiteren wird die Lutherkirche Pastorenkirche; Pastoren sind von der Universität ausgebildete Theologen. Kirche, Theologie und Universität stehen in enger Verbindung und sind typisch für Deutschland. Es kommt zu einer Territorialisierung der Staaten-, Kirchen- und Universitätswelt. Wenn Länder wie Hessen sich teilen, gründen sie eine neue Universität. Dies führt zu einem Pluralismus der Universitäten und daraus folgt wiederum Wahlfreiheit für die Deutschen, anders als in einem Zentralstaat.

Diese Entwicklung hatte drei Folgen für die moderne Welt:

1. Die Universität hat die Nation entscheidend beeinflusst (Professoren als Sprecher der Nation) und prägte somit die Lebens- und Weltansicht.
2. Die Theologie war an das Wissen der vielfältigen Universitäten gebunden und somit den modernen Strömungen wie Pietismus, Aufklärung, Liberalismus, etc. ausgesetzt. Diese intellektuellen Strömungen wurden in der Theologie selbst ausgetragen. Das hat gleichzeitig die Säkularisierung in Deutschland geprägt. Luthers Kirche hat die Bedeutung der „unsichtbaren Kirche der Gebildeten“ erlangt. Die moderne Kultur hat sich jedoch nicht einfach von der Theologie abgetrennt, sondern ist stets von den Problemen der Theologie umgeben.
3. Die Verbindung von Wissen und Gewissen hat unsere bürgerliche und politische Kultur geformt. Jeder einzelne deutsche Bürger hat durch sein Theoriewissen einen Standpunkt, eine Weltanschauung, die er vertritt, begründet und verteidigt.

3) Die deutsche Mentalität

Bei diesem Aspekt geht es darum, welche Normen, Verhaltens- und Lebensweisen sich durch Luther entwickelt haben.

Luther hat die Rechtfertigungslehre ins Zentrum der Betrachtungsweisen gestellt. Damit wird der Lebensform, sich durch Taten zu rechtfertigen, entgegengewirkt. Luther vertritt eine Gnadenethik, d.h. der Mensch handelt frei aus seinem inneren Gewissen und muss sich nicht bewähren. Er ist wenig an Handlungsgesetze gebunden. Es ist die einzelne Person, die sich an Gott allein hält. Aus den eben ansatzweise beschriebenen Ansichten Luthers haben sich verschiedene Folgen ergeben:

1. Die Protestanten sind stets dem „Prinzip protestantischer Unruhe“ ausgesetzt. Das bedeutet, sie befinden sich immer in einer Unruhe aufgrund der Ungewissheit über den Heilsstand des Menschen. Das Gewissen des Menschen ist beunruhigt und belastet durch Verantwortung. Dies macht eine ständige Selbstreflexion notwendig.
2. Die „protestantische Innerlichkeit“ umfasst, dass das Innenleben des Menschen hochgeschätzt wird und auch von der äußeren Welt, z.B. der Arbeit und dem damit verbundenen Leistungsdruck abgehoben ist. Es herrscht also eine klare Trennung zwischen Seelenleben und Welt. Aktuell spiegelt sich dieses Verständnis in der in Deutschland herrschenden Säkularisierung wider.
3. Der einzelne Mensch verhält sich keinesfalls statisch, d.h., er nimmt die Dinge nicht als unveränderbar hin, sondern er möchte seine Welt stets umformen, gestalten, ordnen und strukturieren („Strukturierungszwang“ des Menschen, „Ausgriff auf die Welt“).
4. Die Protestanten sind dem Zeitgeist nahe, sie neigen sogar dazu den neuen Trends zu verfallen. Des Weiteren verspüren sie eine starke Anziehung sich den jeweiligen modernen Bewegungen, die die Welt gerade bestimmen, mit einem Höchstmaß an Engagement zu widmen.
5. Allerdings ist es aber auch so, dass die Protestanten durch „destruktive Tendenzen“ gefährdet sind. Dadurch, dass sie sich mehr mit modernen Erscheinungen auseinandersetzen, sind sie anfälliger für die Probleme der Gesellschaft. Ängste, Belastungen, Selbstzweifel, Kritik, usw. tangieren sie sehr stark.

Abschließend kann gesagt werden, dass man heutzutage die Wirkung Luthers auf die deutsche Geschichte dichotomisch betrachten muss. Einerseits hat Luther in der Bildung der Deutschen ganz deutlich seinen unwiderruflich festen Platz, andererseits muss man sich auch vor Augen halten, dass die „Luthervergessenheit“ in der modernen Gesellschaft leider nicht unerheblich ist.

Quelle:

Nipperdey, Thomas: Luther und die Bildung der Deutschen. In: Hartmut Löwe/ Claus-Jürgen Roepke (Hrsg.): Luther und die Folgen. Beiträge zur sozialgeschichtlichen Bedeutung der lutherischen Reformation. München 1983. S. 13-27.

2. Seminar: Christliche Widerstandstradition 07.11.08

3. Verhältnis Kirche-Staat und Gehorsam-Widerstand anhand von Bibelstellen

Generell geht es in den Bibelstellen um das Verhältnis von Staat und Kirche.

In der ersten Bibelstelle (Röm 13, 1-7) geht es um das Verhältnis von Christen und Obrigkeit. Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt, das bedeutet die Obrigkeit ist von Gott angeordnet.

Wenn man gegen die Obrigkeit verstößt, verstößt man folglich gegen Gott.

Der Apostel Paulus hat den Römerbrief um 50 n. Chr. verfasst. Machtkämpfe und Christenverfolgungen beginnen zu der Zeit, das Christentum war also eine unterdrückte Religion.

Erst etwa im 4. Jahrhundert wurde das Christentum zur legitimen Religion. Zur Zeit des Kaiserkults wurden Christen unterdrückt. Die Standarte des Kaisers, das große Kaiserwappen steht für den Kaiser. Er wurde als Gott verehrt. Die Christen wollten das nicht anerkennen, es ging also um einen Herrschaftsstreit.

Wegen der Taufe können die Christen den römischen Kaiser nicht verehren. Ein Herrschaftswechsel hat sich bei den Christen durch die Taufe vollzogen. Sie verachten den Kaiser nicht, aber können ihn auch nicht verehren. Das gab Probleme für die Christen. Zu dieser Zeit entsteht der Text Röm 13 .

- Aber wie passt das mit der Textstelle zusammen, dass die Obrigkeit von Gott komme (V.2)?

Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass die Obrigkeit dafür da ist, dass nicht das Chaos zwischen den Menschen ausbricht. Paulus erkannte die Wichtigkeit der Obrigkeit, stellte sie aber nicht über Gott. Trotzdem braucht man einfach eine Größe, die die Regeln vorgibt. Die Menschen benötigen Kräfte, die dafür sorgen, dass das Gemeinwohl des Volkes aufrecht erhalten wird. Denn jeder einzelne Mensch denkt anders, es herrschen einfach differenzierte Lebensgewohnheiten und -bedingungen, die auch von den verschiedenen Altersklassen der Gesellschaft abhängen.

Paulus sagt seinen christlichen Römern mit dem Text: Fügt euch in ein System ein, beharrt nicht auf individuellen Leitbildern.

Der einzelne Mensch muss sich selbst verantworten und das, was er tut mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren können. Die Unterordnung sollte keine zwanghafte Handlung sein, aber ich muss mit mir darüber im Reinen sein, was meine Handlungen angeht (V.5). Das hat Luther auch schon mit seinem Gewissensbegriff (Syneidesis) ausgesagt: Das Gewissen ist die Stimme Gottes, der man sicher sein kann.

In der Vergangenheit wurde der Text Röm 13 mehrfach missbraucht, indem mit ihm Gewalt gerechtfertigt wurde. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde dieser Text zum Beispiel zur Legitimation der Macht: Der Staat und sein Führer seien von Gott angeordnet. Somit hat sich dieser Text als gefährlich und riskant erwiesen.

Bevor wir nun auf die Deutung Ernst Käsemanns eingehen, geht es um einen kurzen Exkurs. Diese Bibelstelle war nämlich auch für die Bekennende Kirche (BK) sehr bedeutsam.

DC ist die Abkürzung für Deutsche Christen. Sie waren nach 1933 staatstreue Christen und haben Kirchenvorstände belegt. Die Bekennende Kirche war der Auffassung, dass z.B. die Euthanasie nicht nach Gottes Willen sei. Die Barmer Theologische Erklärung (1934) galt als Fundament der Bekennenden Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus und war ein mutiger Akt des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.

Um nun auf Ernst Käsemanns Deutung zurückzukommen. Er hat in den 70er Jahren geäußert, dass der Text Röm 13 nichts mit Politik zu tun habe.

Es ist sehr wichtig, dass man die Hauptaufgabe des Textes erkennt. Man sollte stets die zeitbedingten Bedeutungen des Textes im Auge haben: ein bestimmter Text in einer bestimmten Situation mit einer bestimmten Auslegungstradition. Man muss den Text situativ betrachten, es wird also nicht das generelle Verhältnis von Kirche und Staat beschrieben. Heutzutage müssen wir also die Modelle unserer Zeit betrachten, z.B. die Kontrolle des Staates durch die Polizei in bestimmten Situationen. Aus der Paränese darf also keine Systematik entwickelt werden. Denn z.B. auf dem Schulhof gelten andere Regeln als auf dem Uni-Gelände. Heute gelten also andere Regeln als zur Zeit des Paulus. Man kann keine 1:1- Übersetzung bzw. Auslegung des Textes vornehmen. Dadurch, dass das aber Menschen getan haben, hat der Text eine Bedeutung erlangt, die ihm gar nicht zusteht. Er sagt aus, dass es kein Recht auf Widerstand gibt und auch keine Grenzen für Christen. Dieser Text ist staatstragend gewesen.

Aus Mk 12 und Apg 5 geht allerdings hervor, dass es Regeln für Christen gibt.

Apg 5, 29 beinhaltet, dass es eine Grenze der Gehorsamkeitspflicht für Christen gibt. Die Situation ist die einer fiktiven Gerichtsverhandlung, in der die Aposteln vor den hohen Rat gestellt werden. Der Grund dafür ist, dass die Christen jetzt ein anderes Regulativ haben, das sie leitet. Es vollzieht sich ein Herrschaftswechsel bei ihnen: Gott und nicht mehr der Staat und die Furcht vor dem Staat leitet sie. Wenn man bedenkt, dass die Mitglieder des hohen Rates als Antwort auf den Vers gesagt hätten: „Wir sind die Obrigkeit und die Obrigkeit ist von Gott.“ Was wäre dann geschehen? Was hätten die Aposteln entgegnen können? Sie hätten erwidern können, dass Obrigkeit sein hieße, Verantwortung zu tragen und wenn sie das nicht täte, sie an Respekt verlöre. Die Menschen, die vor der Obrigkeit stehen, steigen also aus dem System aus, sie haben nun andere Kriterien. Diese Menschen fügen sich dem alten Kriterienkatalog nicht mehr, denn die Obrigkeit war es, die Jesus ans Kreuz gebracht hat. Sie stößt somit an die Grenzen ihrer Eigenrechtfertigung.

An dieser Stelle machen wir einen weiteren kurzen Exkurs. Am 9.11.1938 war die sogenannte Reichspogromnacht. Dieses Jahr jährt sich die Erinnerung an diesen Tag zum 70. Mal. Die Menschen haben eine neue Bundeserfahrung gemacht. Der neue Bund ( zwischen Jesus und Mensch) ist im Neuen Testament vollzogen worden. Paulus ist der Meinung, dass Juden den neuen Bund nicht brauchen, weil sie schon bei Gott sind, aber nicht die Heiden. Hätte man den Text Apg 5 zur NS-Zeit so gedeutet, wäre es nicht zu den schrecklichen Ereignissen am 09.11.1938 gekommen.

Der Gehorsam bzw. die Unterordnung der Apostel endet hier an dieser Stelle, da Jesus gekreuzigt wurde. Nun herrscht der Glaube an Jesus, an neue Kriterien, an einen neuen Gehorsam, sodass die Grenze des Gehorsams erreicht war. Man kann die Grenze anhand Jesu Lebensbeispiel („Nein-Sagen“) ableiten.

An dieser Stelle Apg 5 ist eine Grenze. Hier muss ich Widerstand leisten. Dies ist ein Schlüsseltext, den man nur versteht, wenn man ihn den neuen Kriterien zuordnet. Heutzutage kann man anhand dieser Stelle gewaltfreien Widerstand leisten, wenn der Staat einen angreift. Solche Symbolhandlungen sollen dem Staat zeigen: Gibt es noch eine andere Variante nach dem Kriterium der Barmherzigkeit? Regeln allein regeln nicht das gute Zusammenleben. Das Miteinander-Leben wird erhellt durch Barmherzigkeit.

In Mk 12, 13-17 werden Jesus von Pharisäern und Anhängern des Herodes scheinheilige Komplimente gemacht (V.14/15), denn sie wollen Jesus fangen (V.13), indem sie ihn zwischen die zwei Fronten (Zeloten und Römer) treiben. Die Frage nach dem Zahlen der Steuern ist heute noch aktuell, genauer gesagt: Das Motiv des „Nicht-Steuer-Zahlens“ ist keinesfalls überholt. Der zivile Ungehorsam ist in einer Demokratie nötig.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich diese drei Grundtexte im neuen Testament dem Widerstand widmen.

Reflexion

Die Struktur des Seminars war deutlich erkennbar. Dadurch, dass wir anfangs die grobe Information bekommen haben, dass es in den Bibelstellen um das Verhältnis von Staat und Kirche gehe, konnte ich mich in den einzelnen Versen besser orientieren und ich wusste genauer, worauf ich besonders achten sollte. Des Weiteren war es natürlich von Vorteil, dass wir die Bibelstellen zu dieser Sitzung schon lesen und uns mit einer Bibelstelle näher beschäftigen sollten, da schon die inhaltliche Basis gegeben war. So konnte man den neuen, mit Hintergrund -informationen gefüllten Aspekten besser folgen. Zu Beginn wurden uns Informationen zur damaligen Zeit, der Zeit des christlichen Widerstands gegen den Kaiser und die damit verbundene Christenverfolgung gegeben, sodass man die Bibelstellen im gesamten Zusammenhang betrachten und verstehen konnte.

Die Christen sind es, die mich als Personen faszinieren (Vgl. Apg 5, 29), da ich ihren Widerstand zu dieser heiklen Zeit der Christenverfolgung und damit ihr Bekenntnis zu Jesus Christus sehr bewundere. Sie stehen zu ihrem neuen Herrscher, obwohl sie in der Gerichtssituation enorme Angst hätten haben können, dass sie aufgrund ihres Widerstandes auch zum Tode verurteilt werden.

Ich konnte Zusammenhänge zu vorherigem Wissen erkennen , da wir schon einmal bei Herrn Wehnert im Seminar „Einführung in die exegetischen Methoden“ durchgenommen hatten, dass biblische Texte einen „Sitz im Leben“ haben. Das sagt ja auch Ernst Käsemann: Einen bestimmten Text muss man in seiner bestimmten Zeit situativ, nicht allgemeingültig betrachten.

Ich hätte gerne nähere Informationen zum Gewissenbegriff Luthers erhalten , da mich insbesondere Luthers Sichtweisen sehr interessieren.

Besonders gut hat mir gefallen , dass wir die Bibelstellen sehr genau inhaltlich durchgesprochen haben, aber auch darüberhinaus ihre Bedeutung geklärt haben.

Man konnte jederzeit Fragen stellen .

Es fiel mir leicht die Bibelstellen zu verstehen, da wir sie sehr genau bearbeitet haben. Außerdem konnte ich die Deutung der Bibelstellen gut mit ihrem Inhalt verbinden.

2. Exkurs

Die Evangelische Kirche in der NS-Zeit

Im Seminar gingen wir in einem kurzen Exkurs auf die Deutschen Christen und die Bekennende Kirche in der NS-Zeit ein. Es wurde schon gesagt, dass die Bekennende Kirche sich auf die Barmer Theologische Erklärung stützte. Ich war neugierig und wollte genauere Informationen darüber erhalten, wie sich die Kirche in der NS-Zeit verhielt und inwiefern sie Widerstand leisten konnte. Zudem hat mich die Rolle der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen interessiert. Wenn die Deutschen Christen „staatstreu“ waren, auf welcher Seite standen sie dann? Diese Fragen, die mir durch den Kopf gingen, wollte ich versuchen, mit Hilfe verschiedener Texte aus dem Buch „Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz“, mir zu beantworten. Der Titel des Buches hat mich angesprochen und neugierig gemacht.

Zu Beginn des dritten Reiches waren es die Deutschen Christen, die sich von der NS-Ideologie blenden ließen und sogar an eine Synthese von NS-Ideologie und Christentum glaubten. Der Nationalsozialismus entwickelte sich aber nach und nach zu einer „eigenen Religion“, die sich durch die Rassenideologie und insbesondere durch die euphorische Verehrung des Führers Adolf Hitler auszeichnete. NS-Weihehandlungen ersetzten christliche Taufe, Trauung und Beerdigung. Eine wichtige Schrift der nationalsozialistischen Weltanschauung, die als „Bibel des Nationalsozialismus“ galt, war „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930) von Alfred Rosenberg, die im Jahre 1934 die Partei schulen sollte. Seit diesem Zeitpunkt bekämpften Protestanten und Katholiken dieses „Neuheidentum“ mit Schriften und Predigten.

Als das „Neuheidentum“ um 1935 von den Bekenntnisgemeinden im Gottesdienst als „Abgötterei“ bezeichnet wurde, verbot der Staat die Abkündigung und verhaftete etwa 700 Pfarrer.

Im Zentrum der NS-Weltanschauung steht die NS-Rassenideologie. Die antisemitische, als wissenschaftlich getarnte Rassenlehre, war stärker als das Gebot der Nächstenliebe. Die Juden in Deutschland bekamen keine Hilfe. Ein Beispiel ist Pfarrer Hans Ehrenberg. Er war jüdischer Abstammung, musste in den Ruhestand gehen und letztendlich emigrieren.

Nachdem ich diesen Text gelesen habe, habe ich mir das „Bekenntnis zum Führer“ durchgelesen.

Als ich mir das Bekenntnis durchgelesen habe, war ich schockiert. Die NS-Ideologie stellte, wie der Text schon ausgesagt hat, die „neue Religion“ mit Hitler als Führer dar; die „wahre Religion“, neben der keine anderen Religionen existieren durften und mit dem einen Führer, neben dem es keinen anderen geben durfte. Hitler erhebt sich selbst als Gott und maßt sich an, wie ein Gott zu sein, man könnte sogar sagen, Gott selbst zu sein.

Das Bild, auf dem Hitler zu sehen ist, von Blumen umgeben, erinnern an einen Altar, vor dem sich die junge Frau bückt, die Augen geschlossen hat und die Hände wie beim Gebet zusammenfaltet, mit der Botschaft, Hitler wie Gott zu verehren. Das „Bekenntnis zum Führer“ könnte man mit dem „Glaubensbekenntnis“ vergleichen. Die Menschen sollten es damals auch als solches verstehen, als Verehrung des einen Führers und nicht Gottes. Sie beten zu Hitler, nicht zu Gott.

Aus dem Bekenntnistext geht auch hervor, dass Hitlers Wort überall gilt und jeden Menschen erreicht, wobei die Menschen stumm sind. Somit wird indirekt das Wort Gottes negiert. Der „reine Glaube“ ist den Menschen von Hitler gegeben und dieser bestimmt ihr Leben, nicht etwa Gott.

„Mein Führer, du allein bist Weg und Ziel!“ Dieser Abschlusssatz des Bekenntnisses soll den Menschen besonders im Ohr bleiben und sie durchdringen. Dadurch sollen sie sich einprägen, dass es keinen Weg gibt, als Hitler allein. Wenn der gesamte Weg und auch das Ziel des Lebens Hitler ist, dann ist da nirgends Platz für Gott. Hitler ist das Ziel des Lebens und nicht, wie wir Christen heutzutage anstreben, bei Gott im Himmel zu sein.

Im weiteren Text geht es darum, dass die evangelische Kirche sich nicht am politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligte. Trotzdem muss man auch anerkennen, dass jede Sonntagspredigt schon ein Stück Widerstand bedeutete.

Der Kreisauer Kreis, der sich aus evangelischen und katholischen Laien zusammensetzte, lehnte ganz klar die NS-Ideologie ab und diskutierte seit 1942 eine „neue Ordnung“ in Deutschland, die sich im Sinne des Christentums gestalten sollte. Nach dem 20.Juli 1944 wurden sieben Mitglieder des Kreisauer Kreises hingerichtet.

Ein weiterer bekannter evangelischer Theologe namens Dietrich Bonhoeffer musste seinen Widerstand auch mit dem Leben bezahlen. Schon 1933 leistete er mit seinem provokanten Aufsatz „Zum Verhältnis von Kirche und Staat“ Widerstand. Darin äußerte er, dass die Kirche „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen hätte.“ In einer weiteren Schrift Bonhoeffers „Die Kirche vor der Judenfrage“ (1933) schildert Bonhoeffer drei Möglichkeiten kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber:

1. Die Kirche geht der Frage nach dem legitimen Handeln und der damit verbundenen Verantwortung des Staates nach.
2. Die Verpflichtung der Kirche besteht darin, sich um die Opfer des staatlichen Handelns zu kümmern („Tut Gutes an jedermann.“).
3. Siehe das oben erwähnte Zitat: Die Kirche soll „nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen.“

Dieses Handeln würde bedeuten, dass die Kirche politisch handeln müsste. Dies ist aber nur möglich oder nötig, wenn der Staat versagt Ordnung zu schaffen, sei es ein „Zuviel“ oder ein „Zuwenig“ an Ordnung. Ein „Zuviel“ ist, wenn sich der Staat in kirchliche Angelegenheiten einmischt, wie es z.B. beim Zwangsausschluss der getauften Juden aus den christlichen Gemeinden geschah und somit die christliche Verkündigung gefährdete.

Bonhoeffer nahm an einer Verschwörung gegen Hitler teil, in dem er im Jahre 1940 Mitarbeiter von Admiral Canaris (Leiter des deutschen militärischen Auslandsnachrichtendienstes) wurde und sich mit Freunden im Ausland austauschte- er verbreitete Informationen über den deutschen Widerstand und erfragte Friedensziele der Alliierten. Wegen dieser Verschwörungstätigkeit wurde Bonhoeffer 1943 nach Tegel ins Militärgefängnis gebracht und am 9.4.1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.

Quelle:

Röhm , Eberhard/ Thierfelder, Jörg: Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz. 4., unveränderte Auflage Stuttgart 1990.

3. Seminar: Christliche Widerstandstradition 10.11.08

4. Martin Luther: Zwei Reiche Lehre anhand seiner Schrift: „Von weltlicher Obrigkeit“ (1523)

Anfangs gingen wir noch einmal auf die neutestamentliche Tradition ein, da wir in der letzten Sitzung die Bibelstelle Apk 13 , die wir zur heutigen Sitzung bearbeiten sollten, noch nicht analysiert haben. Dieser Bibelstelle ist die Zeit der Christenverfolgung zuzuordnen. Der Staat wurde als ein „Kind des Teufels“ gesehen, sodass der Gehorsam fraglich war. Zur dieser Zeit war der Kaiserkult vorherrschend. Die Menschen haben sich also gefragt:

- Wem bin ich Gehorsam schuldig? Gott oder dem Kaiser?

Die Antwort der Christen war der Widerstand gegen den Kaiser.

Das Motiv der Taufe symbolisiert, dass die Christen frei sind von den Herren dieser Welt. Denn sie haben einen neuen Herren, dem sie sich unterwerfen, Jesus Christus. Da mich im Seminar die Aussage „kyrie eleison“, die wir ja auch aus der Kirche kennen, in diesem Zusammenhang interessiert hat, habe ich nach der Bedeutung geschaut und gefunden, dass der sogenannte „Kyrios“- Titel als zentrale Hoheitsbezeichnung Jesu galt.

Im Christentum vollzog sich also ein Herrschaftswechsel, der das Wegbewegen von allen anderen Herrschern bedeutete.

Nähern wir uns nun der Frage: Wie kommt die Gehorsamkeitssituation zum Ende?

Die Gehorsamkeitssituation kommt da zu einem Ende, wo ein anderer Herrscher (Jesus) da ist. Dieser Gehorsam kann mit Hilfe eines gewaltfreien Widerstands beendet werden:

„Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen."(Matthäus 26,52)

„Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“(Matthäus 5,39)

Jesus spricht in diesen Bibelstelle von Gewaltfreiheit. Man soll im Zweifelsfall sein Leben lieber für den Nächsten opfern. Außerdem verdeutlichen diese Bibelstellen Folgendes: Der Hilflose entmachtet den Mächtigen.

Paulus hat sich über Frauen in einer Ehe, die von der Gewalt ihres Mannes bedroht waren, Gedanken gemacht. Nach seiner Auffassung hat es den Frauen nicht viel gebracht hilflos zu sein. Das hat auch zu physischer Gewalt geführt. Das Prinzip der Gewaltfreiheit ist ein häufiges Motiv neutestamentlicher Texte.

Die Textstelle Röm 13 ist gekennzeichnet durch die Situationsethik.

In der Bibelstelle Apg 5,29 wird ausgesagt, dass der Mensch in beiden Bereichen lebt.

Hierbei kommen wir auf die Zwei Reiche Lehre Luthers zu sprechen. Heute ist übrigens der 10.11., Luthers Geburtstag, der uns in Erinnerung gerufen wurde.

Luthers Hauptaussage war: Der Christ lebt im Reich Gottes und gleichzeitig im Reich der Welt.

Dann kamen wir auf die Biografie Martin Luthers zu sprechen. 1521 war der Reichstag zu Worms. Dort unterschrieb Kaiser Karl V. das Wormser Edikt, wodurch Luther als vogelfrei galt; man solle ihm nichts zu essen und zu trinken geben, also ihn keinesfalls aufnehmen, sondern ihn töten. Des Weiteren besagte das Edikt, dass Luthers Schriften nicht mehr gedruckt werden dürfen und es somit ein Verbot der Publikation seiner Schriften gab. Das Ziel war das „Stummhalten“ Luthers. Luther wurde jedoch, zu seinem Schutz, durch einen Überfall von Friedrich dem Weisen für zehn Monate unter dem Decknamen „Junker Jörg“ auf die Wartburg verschleppt, wo er das Neue Testament ins Deutsche übersetzte.

Um 1525 wurde Luthers Übersetzung des Neuen Testaments verboten. Luther wollte mit Worten widerstehen, den Worten unserer Schrift. Dies ist der Anlass, warum sich Luther jetzt an die weltliche Obrigkeit wenden muss. Luther meint, Obrigkeit maßt sich an, Gewissen/ Glauben zu meistern!

Luther muss ihnen mit Worten widerstehen. Sein Widerstand erfolgte mit der SchriftVon weltlicher Obrigkeit“ (1523) . Seine Widerstandsform ist also die Diskussion.

Anschließend sind wir noch genauer auf Luthers Schrift „Von weltlicher Obrigkeit “ eingegangen. Dieser Text ist eine Streitschrift und beinhaltet auch ironische Aspekte. Die Voraussetzung ist, dass der Christ in zwei Bereichen lebt und in Anspruch genommen wird. Erstens vom Staat (Obrigkeit) und zweitens vom Reich Gottes (Bereich Gottes).

Dann haben wir einen kleinen Exkurs gemacht und die Bedeutung der Kreationisten geklärt. Die Kreationisten glauben an alles, was in der Bibel steht und versuchen dies auch zu beweisen. Aus dem früheren Religionsunterricht habe ich behalten, dass sie die Bibel wörtlich übersetzen und auslegen.

Kommen wir nun wieder auf die beiden Bereiche, also dem Staat und dem Reich Gottes zu sprechen. Von beiden Bereichen wird der Mensch in Anspruch genommen. Der erste Bereich umfasst Gewalt und Ordnung und der zweite beinhaltet die Ethik.

Kommen wir nun zu der Leitfrage: Wie weit reicht weltliche Obrigkeit?

Dazu wurde folgende Skizze an der Tafel angefertigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit diesem Schaubild haben wir die Absätze eins und zwei im Text abgebildet, die sich auf das Gottesreich und das Weltreich beziehen.

Außerdem möchte ich zusätzlich auf die Zweiteilung der gesamten Schrift Luthers hinweisen. Der erste Teil umfasst die „Notwendigkeit und Aufgabe des Staates“ ,

der zweite Teil beinhaltet die „Staatliche Gewalt und Glaubensfreiheit“ .

Weiterhin vertieften wir Luthers Schrift. Am Anfang des dritten Absatzes , der beginnt mit „Die Welt kann nicht christlich regiert werden“ stellte Herr Weber uns die Frage: Wieso?

Wir erwiderten ihm, dass die Welt nicht christlich regiert werden kann, weil nicht alle Menschen Christen sind. Daraufhin verwies Herr Weber auf eine sehr interessante Textstelle, nämlich:

„[...] und die Menge ist und bleibt Unchristen, ob sie gleich alle getauft sind und Christen heißen.“

Aus dieser Textstelle geht hervor, dass niemand außer Gott allein klären oder wissen kann, ob jemand ein wahrhaftiger, gläubiger Christ ist oder nicht. Daraus folgt die These: Nur Gott allein weiß, wer wahrlich glaubt und wer nicht . Anschließend schrieb Herr Weber den kürzesten Satz der Rechtfertigungslehre an die Tafel „ simul iustus et peccator “; das bedeutet: „Der Mensch ist Gerechter und Sünder zugleich.“ An dieser Grundbestimmung des Menschen ändert sich nichts. Luther war gegen die Heiligenverehrung. Ein Zentralgedanke der Rechtfertigungslehre ist: Wenn man auf Christus schaut, ist man gerecht bzw. gerechtfertigt. Die vier Säulen der Rechtfertigungslehre haben wir ja bereits in der ersten Sitzung behandelt:

1) Sola gratia („allein aus Gnade“)
2) Sola scriptura („allein die Schrift“)
3) Solus christus („allein durch Christus“)
4) Sola fide („allein aus Glaube“)

Wenn ich auf Christus schaue und ihn nachahme, werde ich gerecht. Ich bekomme das umsonst, sola gratia, aber nur, wenn ich glaube (sola fide). Gelingt es dem Menschen, ist er Gerechter (iustus), misslingt es ihm, ist er Sünder (peccator).

Luther betreibt eine theologiae crucis (Theologie des Kreuzes) im Gegensatz zur theologiae gloriae .

Die theologiae crucis nach Luther sagt aus, dass Gott soweit geht, dass er sich ans Kreuz nageln lässt. Luther macht aus dem mächtigen Gott den ohnmächtigen. Das war unerhört zur Zeit Luthers. Aber auch heute noch wirft der Islam dem Christentum einen „falschen“ Gottesbegriff vor. Luther meint also, dass Gott ins Leiden der Menschen hinein geht.

Die theologiae gloriae (=Glanz, Ruhm, Herrlichkeit) stellt Gott als den Mächtigen, den Größten dar. Die dazugehörigen Motive wie Engel, Heilige mit Heiligenschein, etc. finden sich oft in orthodoxen Kirchen wieder. Gott ist dabei der herrschende Gott, der gewinnt. Im Krieg wurde oft nach dem Motto „Gott mit uns“ gekämpft. Gott wurde also für solche Zwecke benutzt.

Im vierten Absatz des Textes, der mit „Der Christ unterstützt Recht und Obrigkeit um des Nächsten willen.“ beginnt, beinhaltet als zentralen Gedanken: Gewalt (hier ist eindeutig die staatliche Gewalt gemeint) ist dazu da, um den Nächsten zu schützen . Die staatliche Gewalt dient also der Erhaltung der äußeren Ordnung. Insgesamt sollte man das Reich Gottes und das weltliche Reich Gottes erhalten.

„Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dir einer auf die rechte Backe haut, dann halt ihm auch die andere hin.“(Mt 5, 39)

Diese Aussage Jesu aus der Bergpredigt habe ich noch einmal in der Stuttgarter Erklärungsbibel nachgeschlagen, um nähere Informationen dazu zu bekommen. Mit „Übel“ bezeichnet Jesus das Böse, das ein anderer Mensch mir antun will. Ein Schlag mit dem rechten Handrücken auf die rechte Wange wurde damals als besonders entehrend empfunden. Daran erkennt man, dass Jesus diese Entehrung, die der eine Schlag schon mit sich bringt, noch zusätzlich auf die Spitze treibt. Dies verdeutlicht die besondere Wichtigkeit des Nächsten.

Luther beurteilt das so, dass ich für mich die Wange hinhalten kann, also Unrecht leiden kann als ein rechter Christ, aber für den Nächsten braucht man die weltliche Gewalt, z.B. die Polizei zum Schutz des Nächsten.

Den zweiten Teil des Textes „Staatliche Gewalt und Glaubensfreiheit“ sollten wir eigenständig bearbeiten.

Im ersten Absatz „Der Seele kann niemand gebieten als Gott allein.“ geht es, wie der Beginn schon verrät, um Folgendes: Über die Seele der Menschen kann kein Gesetz des weltlichen Regiments und kein Mensch bestimmen, sondern nur Gott allein . Das heißt: In Bezug auf die Seligkeit gilt ausschließlich Gottes Wort, die weltliche Gewalt greift hier keinesfalls. Des Weiteren muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, dass oder ob er richtig glaubt. Es muss jeder selbst mit seinem Gewissen vereinbaren, ob er glaubt oder nicht, das kann ihm keiner abnehmen.

Der zweite Absatz „Ketzerei ist nur mit dem Wort zu bekämpfen“ zeigt auf, dass man Ketzer nicht mit der weltlichen Gewalt und dem damit verbundenen Schwert bekämpfen kann. Ketzerei ist in die geistliche Welt Gottes einzuordnen, denn hier gilt das Wort Gottes, das etwas in dem Geiste des Ketzers ausrichten kann oder auch nicht. Auch wenn nicht, dann soll sich die weltliche Gewalt zurückhalten und nicht gegen den Ketzer vorgehen. Denn mit Gewalt endet Ketzerei nicht, sondern sie wird sogar eher noch gestärkt. Es ist nur Gottes Wort, das die Herzen der Menschen berührt: Nur durch Gottes Liebe kann die Ketzerei aus den Herzen der Menschen vertrieben werden.

Reflexion

Das Seminar war sehr gut strukturiert , da wir zuerst die noch offene Bibelstelle vom letzten Mal besprochen haben und durch diese gleichzeitig der Übergang zur Zwei Reiche Lehre Luthers gegeben war. Gefallen hat mir, dass wir, bevor wir genauer auf diese Lehre eingegangen sind, über die Biografie Luthers geredet haben. Denn aus dieser Biografie ging hervor, was Luther überhaupt dazu veranlasst hat, seine Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“ (in der es insbesondere um die Zwei Reiche Lehre geht) zu verfassen. So wurde also der Übergang zur darauf folgenden inhaltlichen Bearbeitung der Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“ sehr schön gestaltet. Der Inhalt der Schrift wurde mir sehr deutlich, da wir die Schrift Absatz für Absatz genau durchgesprochen haben. Besonders die ersten beiden Absätze des Textes, die sich auf Luthers Zwei Reiche Lehre beziehen, habe ich sehr gut verstanden, da wir diese anhand einer Skizze nachvollziehen konnten.

Luther hat mich als Person besonders fasziniert , da seine Biografie auf viele mutige und gefährliche Aktionen für seinen Glauben hinweist. Beispielsweise finde ich es bemerkenswert, dass er, nachdem der Ketzerprozess gegen ihn eröffnet wurde, seine Thesen trotzdem nicht widerrufen hat und unter Berufung auf die Bibel und sein Gewissen daran festgehalten und Widerstand geleistet hat. Er wurde schon zweimal zum Widerrufen gedrängt und sogar trotz Bannandrohung gab er nicht auf. Das ist erstaunlich, denn dieser Bann hat für ihn bedeutet, dass er „vogelfrei“ ist und dass somit jeder ihn töten darf. Diesen Konsequenzen war sich Luther bewusst und er hat trotzdem Widerstand geleistet. Er hat sich keinesfalls passiv und ängstlich verkrochen, sondern aktiv seinen Glauben verteidigt und, auf der Wartburg versteckt, das Neue Testament übersetzt.

Ich konnte Zusammenhänge zu vorherigem Wissen aufbauen , da ich die Biografie Luthers vorher kannte. Trotzdem habe ich einige Details aus Luthers Leben dazugelernt, sodass sich das Bild über Luther vervollständigt hat. Die Zwei Reiche Lehre war mir vorher auch schon bekannt, jetzt habe ich sie allerdings erst so richtig verstanden und verinnerlicht.

Besonders gefallen hat mir , dass wir die Zwei Reiche Lehre grafisch dargestellt haben, da wir so einen sehr guten Überblick darüber haben und unser Wissen nach längerer Zeit ganz schnell wieder auffrischen können. Außerdem finde ich sehr gut und wichtig, dass wir mit den lateinischen Begriffen Luthers (sola gratia, sola scriptura,...,simul iustus et peccator, theologiae crucis,..) arbeiten, weil man diese ja überall findet. Wenn man diese lateinischen Begriffe dann übersetzt, wird die Bedeutung viel eindeutiger.

Ich konnte zu jeder Zeit Fragen stellen .

Mir fiel es leicht die Informationen über die Rechtfertigungslehre zu verstehen, da wir die Rechtfertigungslehre im früheren Religionsunterricht schon (leider nur oberflächlich) durchgenommen haben. Seit dieser Zeit interessiere ich mich schon dafür und freue mich, immer mehr Details darüber zu erhalten.

3. Exkurs

Martin Luthers „Schlüsselerlebnis“

Im Seminar haben wir sehr viel über Luthers Person, die Zwei Reiche Lehre und die Rechtfertigungslehre gesprochen. Mich hat insbesondere der Weg Luthers zu seiner Rechtfertigungslehre interessiert. Zudem habe ich im Buch der Kirchengeschichte von Noormann gelesen, dass Luther die „Frage nach der Gerechtigkeit Gottes“ gequält hat. Seine Einstellung zum Glauben hat sich durch die Bibelstelle, Paulus Brief an die Römer Kapitel 1 Vers 17, grundlegend geändert. Bevor er diese Bibelstelle richtig verstand, hat er davon gesprochen, dass er Gott sogar hasst:

„Ich aber liebte den gerechten und die Sünder strafenden Gott nicht, ja ich hasste ihn; denn ich fühlte mich, so sehr ich auch immer als untadeliger Mönch lebte, vor Gott als Sünder mit einem ganz und gar ruhelosen Gewissen (...). “[1]

Das hat mich etwas verwundert und gleichzeitig mein Interesse geweckt, wie es denn zu seinem „Turmerlebnis“, das er im Wittenberger Turm hatte und das er als seine „plötzliche Erleuchtung“ bezeichnete, kam, so dass er zu folgender völlig neuen Einstellung kam:

„(...) da begann ich die Gerechtigkeit Gottes verstehen zu lernen als die Gerechtigkeit, in der der Gerechte durch Gottes Geschenk lebt. (...) Hier fühlte ich mich völlig neu geboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten.“[2]

Ich habe mir einen Text von Martin Luther herausgesucht und mich damit beschäftigt, wie Luthers Verhältnis zu Gott vor seinem „Turmerlebnis“ und wie es danach war. Außerdem habe ich den „ Auslöser für das Schlüsselerlebnis “, nämlich die Bibelstelle Röm 1,17, analysiert.

In Paulus Brief an die Römer Kapitel 1, Vers 17 steht geschrieben:

„Denn darin [im Evangelium] wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): >>Der Gerechte wird aus Glauben leben.<<.“

Vor seinem Schlüsselerlebnis, das in dem „richtigen“ Verständnis der Paulus-Stelle bestand, hasste Luther den Begriff „Gerechtigkeit Gottes“. Hierbei wurde die Gerechtigkeit nämlich als eine formale, aktive Gerechtigkeit verstanden, d.h. Gott straft Sünder, auch in den Evangelien ist Androhung von Zorn zu vernehmen. Außerdem ist der Mensch ewig durch die Erbsünde belastet, er hat keine Chance aus eigener Kraft gerecht zu sein. Trotzdem besagt die „aktive Gerechtigkeit“, dass der Mensch selbst aktiv werden muss. Er muss etwas für Gott tun, gute Taten vollbringen, sich also selbst, aus eigener Kraft, rechtfertigen.

Luther ließ diese Bibelstelle keine Ruhe und er bemühte sich Tag und Nacht herauszufinden, was Paulus meinte. Gott bewirkte, dass ihm der Zusammenhang der Worte endlich klar wurde:

„Durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich, die passive, durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt.“[3]

Luthers neues Verständnis besteht also darin, dass Gott den Menschen rechtfertigt. Damit steht dem Menschen das „Tor zum Paradies“ offen. Das „Werk Gottes“, die „Kraft Gottes“, die „Weisheit Gottes“, die „Stärke Gottes“, das „Heil Gottes“ und die „Ehre Gottes“ sind alles Geschenke von Gott an den Menschen. Gott ist aktiv. Der Mensch hingegen ist passiv. Gott schenkt dem Menschen etwas (Vergebung der Sünden durch das Senden seines Sohns Jesus Christus). Der Mensch muss das Geschenk Gottes nur annehmen.

Luther ist also der Ansicht, dass man den Glauben an Gott im Wesentlichen nach den Aussagen von Röm 3, 28 verstehen kann:

„So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

Nur so, glaubte Luther, stehe dem Menschen der Zugang zum Himmelreich offen, da der Mensch durch seine Leistungen (gute Werke, z.B. konsequentes Einhalten der 10 Gebote) ohne Gottes Hilfe nicht in der Lage sei, sich selbst zu rechtfertigen, d.h. selbst gerecht zu sein.

Trotzdem sind für Luther gute Taten sehr wichtig im evangelischen Glauben. Glauben und Werke stehen in einem engen Zusammenhang zueinander und gehören dicht zusammen:

„Wie es keine Sonne ohne Schatten gibt, so auch keinen Glauben ohne Werke.“ ( Martin Luther)[4]

Genauer gesagt: Die Taten sind nicht Voraussetzung dafür, dass man zu Gott kommen kann, sondern sie resultieren aus dem Glauben, sie sind eine Folge des Glaubens.

„Glaube ist das eine gute Werk, in dem alle anderen guten Werke gründen.“ (Martin Luther)[5]

Quellen:

-Aland, Kurt: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Martin Luther. Der Reformator. Stuttgart/ Göttingen 2., durchgesehene Auflage 1981.

-Noormann, Harry: Theologie kompakt. Kirchengeschichte. In: Gottfried Orth (Hrsg.): Theologie kompakt. Kirchengeschichte. Stuttgart 2006.

-Orth, Gottfried (Vorlesung Grundworte Christlichen Glaubens 2007/08): Theologische Grundworte XII: Glaube.

4. Seminar: Christliche Widerstandstradition 24.11.08

5. Martin Luther: Zwei Reiche Lehre (Grafik)

Zu Beginn des Seminars sind wir auf den zweiten Teil „Staatliche Gewalt und Glaubensfreiheit“ aus dem Text Martin Luthers „Von weltlicher Obrigkeit“ (1523) eingegangen. Ich habe diesen Abschnitt zwar schon in der Sitzung davor selbst analysiert, möchte nun aber noch die Gedanken Herrn Webers hinzufügen.

Bevor wir jedoch auf den Text eingingen, erfuhren wir noch ergänzende geschichtliche Fakten. Das Deutsche Reich war bis zum Jahre 1517 in Bistümer aufgeteilt. Ab 1517 wurde durch die Reformation durch Luther eine Spaltung der Kirche hervorgerufen, so dass die Situation der vorherrschenden Bistümer endete.

Es herrschte zu dieser Zeit eine enorme Unsicherheit im Kirchenwesen . Die Herrscher hatten zudem Machtinteressen und die Obrigkeit wollte die herrschende Unsicherheit nutzen. Die reformatorische Kirche brauchte Sicherheit. Die römisch-katholische Kirche hatte bis dahin ihr System aufrecht erhalten. Mit der Reformation waren jedoch die katholischen Bistümer weg. Somit herrschte ein organisatorisches Machtvakuum. Es ergaben sich viele Fragen: Wer füllt das Vakuum? Wer sorgt für was? Alles war unklar. Mit der Reformation verschwanden die Bischöfe in den evangelischen Gebieten. Das Verhältnis von Kirche und Staat musste geregelt werden. Zu der Zeit entstand Luthers Schrift „Von weltlicher Obrigkeit“. Dadurch, dass die Bischöfe verschwanden, verfügte die Kirche über keine eigene persönliche Leitung in den evangelischen Gebieten. So kam es, dass die weltlichen Fürsten als sogenannte „Notbischöfe“ eingesetzt wurden. Da stellt sich nun die Frage: Wie lange war das so? Bis zum Zusammenbruch des Kaiserreichs im Jahre 1918 herrschte dieser Zustand vor. Erst nach fast 400 Jahren erfolgte der Durchbruch. In der anglikanischen Kirche ist das durch die Queen als ihr Oberhaupt noch heute der Fall. Prägend und aussagekräftig ist in diesen Zusammenhang die Aussage: Das ist die Zeit des Zusammenspiels von Thron und Altar . Im Jahre 1918 erfolgte also der Zusammenbruch des Kaiserreichs. Es gab keine Bischöfe mehr. Im Verlauf der Reformation sind auch die Bildungsprozesse sehr erwähnenswert. Bis ca. 1914 war es so, dass die örtlichen Pfarrer als Aufsicht führende Personen eingesetzt wurden, die auch die Schulaufsicht machten. Aufgrund dessen gab es erhebliche Spannungen und ein gestörtes Verhältnis zwischen Pfarrer und Schule war auffällig. Ab 1918 wurde die Schule zur staatlichen Institution. Mit dem Beginn der Weimarer Republik ereignete sich am 8./9. November 1918 die Novemberrevolution. Es gab einen Aufstand der Soldaten in Kiel, Meutereien und Gründungen von Arbeiter- und Soldatenräten. In dieser Zeit musste das Verhältnis von Kirche und Staat geregelt werden. Die Weimarer Verfassung legte nach dem 1. Weltkrieg die Trennung von Kirche und Staat fest. In Frankreich herrschte der Laizismus, der sich durch die völlige, strenge Trennung von Kirche und Staat auszeichnet. In Deutschland vollzog sich die Trennung nicht ganz so extrem wie in Frankreich. Bei uns in Deutschland besteht ein Zusammenspiel zwischen Kirche und Staat . Dieses Zusammenspiel zeigt sich zum Beispiel dabei, dass Pfarrer als Seelsorger im Gefängnis arbeiten oder dass sie Militärseelsorge als Militärpfarrer betreiben. Ferner sind Kindergärten und kirchliche Schulen (Schulen in privater Trägerschaft, z.B. Christophorus Schule Braunschweig) ein Zeichen der Zusammenarbeit. Das beste Beispiel dafür, dass in Deutschland Dinge ineinander verwoben sind, also dass Kirche und Staat kooperieren , ist der Religionsunterricht. Man spürt bis heute die Folgen der Reformation. Man braucht zum Beispiel auch eine „Vocation“ der Landeskirche, um Religionslehrer zu werden.

Nun wandten wir uns dem bereits oben erwähnten zweiten Teil des Textes von Luther „Staatliche Gewalt und Glaubensfreiheit“ zu. Um uns der Frage nach Gewalt und Glaubensfreiheit zu nähern, wies Herr Weber auf die von uns schon bearbeiteten Bibelstellen Mk 12, 13-17 (Text vom Steuern zahlen) und Apg 5, 29: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ hin. Über die Seele bestimmt das weltliche Regiment nicht. Das weltliche Regiment umfasst das äußere Wesen, „Leib und Gut“ (also Eigentum,... etc., d.h. alles, was nicht der Glaube ist). Es gibt allerdings, wie bereits angedeutet, eine Grenze: Die Seele. Aus der neutestamentlichen Tradition geht hervor, dass man Gott mehr gehorchen soll, als den Menschen (Vgl. Apg 5, Mk).

- Was ist aber mit Irrlehren zur Zeit der Reformation geschehen?

Nicht lange vor der Glaubens- und Gewissensfreiheit, der Zeit der Reformation, gab es das Inquisitionsverfahren, das als römisch-katholisches Dogma galt. Inquisition bedeutet wörtlich jemanden befragen, untersuchen. Mit Hilfe der Inquisition hat die römisch-katholische Kirche versucht den Konsens über den Glauben bzw. über die Lehre zu wahren. Freikirchen (z.B. Methodisten) galten als Absonderungen von der römisch-katholischen Lehre und wurden verfolgt, weil sie den Konsens verlassen haben. Der Konsens wurde durch das Dogma formuliert. Die römisch-katholische Kirche verstand sich als die allein selig machende Kirche. Sie wurde zum staatlichen Instrument, aber es erfolgten keine Hinrichtungen durch die Kirche. Es war vielmehr so, dass die Kirche erst entschieden hat, dass bestimmte Menschen ausgeschlossen sind, also nicht zum Leib Christi gehören. Dann übernahmen die staatliche Behörden den Fall, denn was die Kirche gefährdet, das gefährdet möglicherweise auch den Staat. Ketzer galten als ein Risiko für die Staatsgemeinschaft, denn Kirche und Staat bildeten schließlich bis zur Reformation eine Einheit.

Anschließend gingen wir auf die Hexenverfolgungen ein. Hexen wurden oft durch die Geschlechterzuordnung bestimmt: Es wurden also meist Frauen bezichtigt eine Hexe zu sein. Frauen, die besonders auffielen und besessen gewesen sein sollten. Heute würde man vielleicht von emanzipierten Frauen sprechen. Die Hexenverfolgungen waren aber keine Glaubenssache, sondern vielmehr Sozialgeschichte: Ein besonderer Typus von Frau stört, z.B. eine Frau, die sich nicht länger von einem Mann unterdrücken lassen wollte. Der Mann wollte die Frau dann loswerden, so dass es sogar dazu kam, dass Männer ihre eigenen Frauen angezeigt haben. Es galt auch, wer etwas „Wundersames“ entwickeln wollte, war Zauberer (Vgl. auch bei Goethes Faust Mephisto). Also immer, wenn etwas geheimnisvolles Neues entwickelt wurde, war man skeptisch. Das war besonders bei Frauen so. Frauen, die entbunden haben (Hebammen), wurde unterstellt, sie trägen gleich zur Abtreibung bei. Es gab also gar keine Medizinerinnen oder Ärztinnen. Die letzten Hexen wurden im 18. Jahrhundert verbrannt. Motive dafür waren oft Denunziationen, um möglicherweise den Besitz der Beschuldigten zu erlangen und so Gewinn zu machen.

Nun bezogen wir uns wieder auf den Text und nahmen die Frage nach der Glaubens- bzw. Gewissensfreiheit auf. Der Staat darf sich nicht in religiöse Dinge einmischen! Ketzerei kann man nicht mit Gewalt bekämpfen, hier gilt nur Gottes Wort. Ketzerei kann man nur mit Argumenten bestreiten. Aber was ist, wenn Ketzerei staatsgefährdend wird?

Anschließend machte Herr Weber einen kurzen Exkurs. Er wies darauf hin, dass es in Utha (USA) die Mormonen gibt, die die Polygamie betreiben. In Deutschland würde dies verboten werden.

Im nächsten Schritt bezog sich Herr Weber auf die Grafik (Vgl. Text „Erläuterungen zu Luthers Rede von den zwei Reichen“, S.1). So sieht Luther den Menschen: Der Christ lebt in einem Spannungsfeld als Sünder und Glaubender zugleich: „simul iustus et peccator“ , der Mensch ist also Gerechter und Sünder zugleich. Der Mensch ist nicht im Blick auf sich, sondern im Blick auf Christus gerecht. Der Mensch lebt im Bereich der Werke unter der Herrschaft des geistlichen und weltlichen Regiments in drei verschiedenen Dimensionen des gesellschaftlichen Daseins:

1. In der politisch-öffentlichen Dimension: Als Obrigkeit oder Untertan hat man die Aufgabe, Frieden und Recht auf Erden und die Glaubensfreiheit zu schützen. Dabei ist eine Grenze zu beachten, nämlich, dass die Obrigkeit nicht in die Freiheit von Glaube und Kirche eingreifen darf.
2. Der ökonomische Stand: Mit meinem Beruf verschaffe ich mir irdisches Heil. Trotzdem muss ich mir bewusst sein, dass ich mit Werken das Heil nicht gewinnen kann.
3. Als kirchliches, christliches Gemeindemitglied habe ich die Aufgabe, das Gesetz und Evangelium zu verkündigen. Das bewahrt mich vor Selbstüberschätzung und führt zu vernünftigem Handeln. Hierbei ist der Kirche die Grenze gesetzt, dass sie sich nicht weltlicher Machtmittel bedienen soll. Der Christ leidet lieber selbst, anstatt Gewalt auszuüben.

Auf der zweiten Seite des Textes „Erläuterungen zu Luthers Rede von den zwei Reichen“ verwies Herr Weber auf einen sehr wichtigen Satz:

In diesem theologischen Denkrahmen ist auch Luthers Rede von den beiden Reichen und Regimenten zu diskutieren. In ähnlicher Weise treffen nämlich das Reich Gottes und das Reich des Bösen im Gewissen des Menschen zusammen: Der Christ ist sowohl und zugleich Christperson und Weltperson . Beide Personen handeln unter den beiden Regimenten aus derselben Wurzel, wenn auch in verschiedenen Hinsichten und in verschiedenen Formen. Hierfür ist das Zitat aus >>Von weltlicher Obrigkeit...<<: >> Also gehet’s dann beides fein miteinander, dass du zugleich Gottes Reich und der Welt Reich genug tust, äusserlich und innerlich, zugleich Übel und Unrecht leidest und doch Übel und Unrecht strafst, zugleich dem Übel nicht wiederstehst und doch widerstehst. [...] <<

Das bedeutet: Für den Nächsten ist Widerstand erlaubt, aber nicht für dich selbst! Du sollst dich einsetzen für den Nächsten. Das Gewissen des Menschen agiert als Schaltstelle des Menschen für sich selbst und für den Nächsten.

Auf Seite drei des Textes haben wir dann die erste, die antimönchische Front, besprochen. Luther hat die traditionelle Unterscheidung in Klerus und Laien verworfen. Für Luther sind alle Stände Gott gleich unterworfen. Alle Christen seien geistlichen Standes ! Die Einführung des Bischofamtes sei sehr wichtig, damit kein Chaos herrscht, denn ein Bischof hat Ordnungsfunktionen in theologischer Sicht. Er hat Aufsichtsfunktionen über die Gemeinden. Er muss z.B. Ketzereiverfahren klären, also eine Befragung, aber keinesfalls eine Inquisition durchführen. Oder er kümmert sich um grenzwertige Fälle und schwierige Fragen, z.B. sollte ein homosexueller Pfarrer mit seinem Partner im Gemeindehaus leben?

Die zweite und dritte Front wurde aus Zeitgründen nur noch genannt, so dass ich auch nur kurz darauf eingehen möchte.

Mit der zweiten Front (Antiklerikale Front) widersetzt sich Luther der Vermischung von Kirche und Staat in der mittelalterlich-katholischen Machtkirche.

In der dritten Front (Antienthusiastische Front) grenzt sich Luther ganz klar von den Schwärmern ab, die das Reich Gottes jetzt schon mit Gewalt herbeiführen wollen.

Reflexion

Das Seminar war sehr gut strukturiert . Zu Beginn haben wir noch über geschichtliche, vergangene Aspekte der Ketzerei und den damit verbundenen Inquisitionsverfahren und den Hexenverfolgungen gesprochen. Dann sind wir auf den Teil des Textes von Martin Luther eingegangen, in dem es um Ketzerei ging. So konnte man sich ein viel besseres Gesamtbild machen. Es war gut, dass wir mit dem Text „Von weltlicher Obrigkeit“ begonnen haben, so dass wir schon in der Thematik waren und uns gut auf die Grafik einstellen konnten.

Besonders Luther hat mich als Person fasziniert , da ich die Zwei Reiche Lehre sehr gut nachvollziehen kann. Es hört sich einleuchtend an, dass wir Menschen zwar an Gott glauben, aber trotzdem sündig sind. Beides gehört zu jedem Menschen. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man durch den Blick auf Christus Gerechter vor Gott ist. Außerdem bewundere ich an Luther, dass er ganz deutlich seine Sichtweisen in dieser heiklen Zeit äußert und sich mit seinen drei Fronten gegen die Machthaber stellt. Es ist erstaunlich, dass viele Elemente der Reformation heute noch für uns spürbar sind, z.B. hat Luther ja mit der Antiklerikalen Front die Trennung von Kirche und Staat gefordert. Diese Säkularisierung ist heute noch vorherrschend und dank Luther ist es überhaupt dazu gekommen.

Ich konnte Zusammenhänge zu vorherigem Wissen aufbauen , weil wir die Sitzungen davor schon auf die Zwei Reiche Lehre und insbesondere auf die Rechtfertigungslehre eingegangen sind. Durch die Grafik wurde mein Wissen dazu ergänzt, man hat die zwei Reiche in den drei verschiedenen Dimensionen im gesellschaftlichen Leben betrachtet.

Außerdem hatten wir Ketzerei und Hexenverfolgung gerade im Seminar von Herrn Dahling-Sander durchgenommen, so dass ich mein Wissen darüber vervollständigen und festigen konnte.

Besonders gefallen hat mir , dass wir einen ausführlicheren Exkurs zu Hexenverfolgung und Ketzerei gemacht haben, weil ich einige interessante Details zu meinem Vorwissen ergänzen konnte.

Ich konnte zu jeder Zeit Fragen stellen .

Mir fiel es leicht, die Schemata zur Zwei Reiche Lehre und auch die in dem Text geschilderten, damit verbundenen Gedanken zur Rechtfertigungslehre zu begreifen, weil wir in der vorangegangenen Woche schon eine andere, sehr anschauliche Grafik zur Zwei Reiche Lehre und den Satz zur Rechtfertigungslehre („simul iustus et peccator“) behandelt hatten. Somit hatte ich keine Probleme, die genaueren Informationen aufzunehmen, sie waren vielmehr eine Bereicherung bzw. Ergänzung.

[...]


[1] Noormann, Harry: Theologie kompakt. Kirchengeschichte. In: Gottfried Orth (Hrsg.): Theologie kompakt. Kirchengeschichte. Stuttgart 2006. S. 68.

[2] Ebd. S. 68.

[3] Aland, Kurt: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Martin Luther. Der Reformator. Stuttgart/ Göttingen 2., durchgesehene Auflage 1981. S. 20.

[4] Orth, Gottfried (Vorlesung Grundworte Christlichen Glaubens 2007/08): Theologische Grundworte XII: Glaube.

[5] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Lerntagebuch zum kirchengeschichtlichen Seminar "Christliche Widerstandstradition"
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Evangelische Theologie und Religionspädagogik)
Veranstaltung
Kirchengeschichte - Christliche Widerstandstradition
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
145
Katalognummer
V380510
ISBN (eBook)
9783668576544
Dateigröße
1176 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirchengeschichte, Theologie, Weber, Lerntagebuch
Arbeit zitieren
Master of Education Mona Heumann (Autor), 2009, Lerntagebuch zum kirchengeschichtlichen Seminar "Christliche Widerstandstradition", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380510

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