Die aktuelle Diskussion über Demokratie mit Bezug auf Platons antidemokratische Äußerungen in seiner Πολιτεία

Platons Staat. Ideal oder Zwang?


Facharbeit (Schule), 2017
23 Seiten, Note: 13.3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Demokratiekritik bei Platon
2.1 Die demokratische Verfassung in Athen zur Zeit Platons
2.2 Ursachen für Platons antidemokratische Einstellung in seinem 7. Brief
2.3 Platons konkrete Demokratiekritik in seinem Hauptwerk Πολιτεία

3. Heutige Demokratien in der Kritik
3.1 Deutschland: Bundestagswahl 2017
3.2 Frankreich: Präsidentschaftswahl 2017
3.3 Amerika: Präsidentschaftswahl 2016

4. Vergleich

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf die Frage, ob die Demokratie die beste Staatsform sei, lässt sich keine klare Antwort finden. Auch wenn antike Philosophen wie Platon und Aristoteles glaubten, eine Lösung auf diese Frage gefunden zu haben, wurden ihre Ansichten im Laufe der Geschichte immer wieder diskutiert und verworfen. Während sie damals der Meinung waren, dass die Demokratie zu den schlechtesten aller Staatsformen zählt, würde man diese in unserer heutigen Gesellschaft als die beste Verfassung bezeichnen.

Wie verbreitet die demokratische Regierungsform heute ist, wird deutlich, wenn man einen Blick auf die Staatenlandschaft wirft. Mit einem Anteil von 60% aller Staaten ist die parlamentarische Demokratie am weitesten verbreitet.[1]

Doch die Kritik von Platon und Aristoteles an der antiken Demokratie war durchaus berechtigt. Denn die demokratische Staatsform trat immer schon als Hoffnungsträger und Unheilsbringer zugleich in Erscheinung. Diese Ambivalenz liegt in den Grundsätzen dieser Herrschaftsform begründet, die zur Legitimation der Regierung durch den Wählerwillen führt. Die Machtübertragung ging dabei stets mit Misstrauensbekundungen der Bürger gegenüber den etablierten Mächten einher. Besonders deutlich wird dies in der demokratischen Herrschaftsform des antiken Athen zu Platons Lebzeiten, die stets als Wiege der Demokratie bezeichnet wird. Sie gilt zwar bis heute als Vorbild par excellence aller Demokratien, da sie ein Maß an Bürgerbeteiligung besaß, die bis heute nie wieder erreicht werden konnte, hatte aber auch mit den daraus resultierenden Problemen zu kämpfen.

Daher ist auch die heftige Kritik damaliger Zeitgenossen an der demokratischen Herrschaftsform nachvollziehbar. Der wohl bekannteste antike Demokratiekritiker war Platon, der in seinem bekanntesten Werk Πολιτεία die demokratische Herrschaftsform nahezu gleichsetzt mit der Tyrannis. Bei seinem Versuch, einen Idealstaat zu entwickeln, indem er die bekannten Herrschaftsformen vergleicht und bewertet, drückt er seine Kritik an den demokratischen Umsetzungspraktiken aus, die ihm aus der attischen Demokratie bekannt waren.

Einige seiner Kritikpunkte lassen sich in den aktuellen Vorwürfen gegenüber modernen Demokratien wiederfinden. Tiefgreifende Veränderungen in Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Weltpolitik stellen unsere demokratische Verfassung immer wieder vor Herausforderungen in diesem Zuge entstanden politische Bewegungen, die mit Berufung auf das ,,Volk“ Politik, Regierung und die Demokratie selbst fundamental kritisieren und in Zweifel ziehen.[2]

In der folgenden Arbeit wird zunächst anhand der Darstellung der antiken Demokratie auf die Gemeinsamkeiten (beziehungsweise grundlegenden Unterschiede) eingegangen. Daraufhin wird mit Bezug auf Platons Biographie die Ursachen seiner Demokratiekritik beleuchtet und anhand seiner in der Πολιτεία formulierten Kritik belegt. Im Anschluss werden die Probleme heutiger Demokratien weltweit und zeitgenössische Kritikpunkte thematisiert. Im Vergleich der aktuellen Kritik mit der antiken von Platon wird aufgezeigt, wie gegenwartsnah und über Jahrtausende unverändert aktuell Platons Ansichten geblieben sind.

2. Demokratiekritik bei Platon

2.1 Die demokratische Verfassung in Athen zur Zeit Platons

Zunächst ist festzustellen, dass das Demokratieverständnis im Athen des 5./4. Jahrhunderts v. Chr. stark von dem heutigen abweicht. Denn mit Perikles‘ Feststellung: ,,Die Verfassung, die wir haben, […] heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist“[3], ist Demokratie zunächst als Herrschaft einer Mehrheit charakterisiert. Dabei kann ,,Mehrheit“ jedoch unterschiedlich verstanden werden (qualitativ, quantitativ, …) auch die Art, wie diese Mehrheit die Herrschaft dann ausübt, führt zu unterschiedlichen Formen der Demokratie.[4] Zu demselben Ergebnis kommt ca. 200 Jahre später Aristoteles in seinem Werk Πολιτικά: ,,Einige meinen, es gebe nur eine Demokratie […], was aber nicht stimmt.“[5] Bei seiner Untersuchung der verschiedenen Verfassungen ordnet er die Demokratie zwischen die Politie[6] und die Ochlokratie[7] ein. Dabei ist für ihn entscheidend, welche Mehrheit - die qualifizierten Vollbürger, das gesamte Volk (die Einwohner einer Polis) oder die unbeschränkte Masse - jeweils an der Machtausübung beteiligt ist.

In der attischen Demokratie zwischen 508/507 v. Chr. und 322 v. Chr. besaßen nur die Vollbürger, also diejenigen, die in die Bürgerlisten der Demen eingetragen waren, die Berechtigung, aktiv an der Politik der Polis teilzunehmen. Dies waren etwa zehn Prozent der Einwohner ausgeschlossen waren sowohl Kinder und Frauen sowie Sklaven und ,,Gastarbeiter“.[8] Jener kleine Bevölkerungsteil im antiken Athen, der die politischen Rechte besaß, übte aus heutiger Sicht eine ,,Basisdemokratie“ aus. Um eine möglichst große Volkssouveränität zu gewährleisten, entwickelte sich ihr gegenüber ein austariertes System von Institutionen und Verfahren, die auf der ἐκκλησία, verbunden mit der βουλή und dem δικαστήριον basierte.[9]

Das wichtigste Instrument der attischen Demokratie war die Volksversammlung (ἐκκλησία), die nach heutigen Begriffen den Souverän bildete. Sie tagte über 40mal im Jahr jeweils für einen Tag am Hang des Hügels Pnyx, wobei etwa 6000 Bürger in einem Halbrund sitzend per Handzeichen über verschiedene politische Angelegenheiten abstimmten. Dabei wurden Beschlüsse gefasst, die von kleineren tagespolitischen Angelegenheiten über die Kontrolle von Amtsträgern und der Verabschiedung von Gesetzen bis hin zu Entscheidungen über Krieg und Frieden reichten.[10]

Die Volksversammlungen wurden vom Rat der 500 (βουλή) vorbereitet, der aus je 50 Bürgern der zehn Phylen durch Losverfahren bestimmt wurde. Dieser Rat kam fast täglich zusammen und war für die Erarbeitung von Beschlüssen und die Festlegung der Tagesordnung der Volksversammlungen zuständig.

Ein wesentliches Prinzip der athenischen Demokratie war die Bestimmung aller Ämter durch das Losverfahren, das politische Gleichheit und Neutralisierung gesellschaftlicher Unterschiede, Vermögensklassen und verschiedener Interessen ausdrücken sollte.[11]

2.2 Ursachen für Platons antidemokratische Einstellung in seinem 7. Brief

In Platons siebten Brief an die Freunde des ermordeten verwandten Politikers Dion aus Syrakus geht Platon auf seine eigenen Erfahrungen mit der athenischen Politik ein, die - verknüpft mit biographisch belegbaren Daten - einen Einblick in seine Beweggründe und seine philosophische Denkweise geben.

Platon wurde 427 v. Chr. nur wenige Jahre nach dem Ausbruch des peloponnesischen Krieges geboren. Schon früh versuchte er, am politischen Geschehen in Athen zu partizipieren, wie es von ihm als Sprössling einer reichen und einflussreichen Adelsfamilie erwartet wurde. Überschattet wurde seine Jugend von den Auswirkungen und Folgen des peloponnesischen Krieges.[12] Denn Athen wurde in dieser Zeit nicht nur von Seuchen und der demütigenden militärischen Niederlage unter Sparta geschwächt, sondern erlebte auch einen moralischen Zusammenbruch, da das Volk gänzlich das Vertrauen in die bestehenden demokratischen Institutionen verlor.[13] Platon beschreibt dies in seinem Brief an Dion folgendermaßen:

,,Vor langer Zeit, als ich noch jung war, ging es mir, wie es wahrlich vielen zu gehen pflegt: ich glaubte, ich würde mich, sobald ich volljährig geworden sei, sofort auf die Politik werfen. Dazu kamen noch die eigenartigen politischen Verhältnisse meiner Vaterstadt, in die ich hineingeriet.“[14]

Besonders deutlich zeigt sich diese Verhältnisse im Umsturz durch die dreißig Tyrannen (Τριάκοντα Τύραννοι) im Jahre 404 v. Chr., unter welchen auch zwei Verwandte Platons waren. Seine Onkel Kritias und Charmides galten als führende Persönlichkeiten während des Putsches und versuchten, Platon für ihre Ziele zu begeistern.[15]

,,Da die bisherige Verfassung von vielen Seiten heftig bekämpft wurde, trat eine Revolution ein […] Dreißig Männer aber bildeten die oberste für ganz Attika gemeinsame Behörde mit absoluten Vollmachten. Von diesen nun waren einige mit mir verwandt und andere wenigstens bekannt, und darum forderten sie mich auch gleich zur Mitarbeit auf, als wäre das ganz selbstverständlich für mich.“[16]

Zu Beginn stand Platon dieser Bewegung nicht abgeneigt gegenüber, doch als unter der Herrschaft der 30 eine Tyrannei entstand, in der das Recht zunehmend missachtet wurde und die reaktionäre Absicht erkennbar wurde, Athen wieder eine nichtdemokratische Verfassung aufzuzwingen, zog er sich zunehmend aus der aktuellen Politik zurück[17]

Ein weiterer Grund für diese Entscheidung war vermutlich auch, dass die 30 Tyrannen Sokrates befahlen, sich an einem politischen Mord eines ihrer Gegner zu beteiligen. Sokrates weigerte sich und stellte sich somit gegen die tyrannische Oligarchie. Platon, der wie viele adelige junge Männer damals zu den Schülern und Freunden des Sokrates gehörte, folgte seinem Beispiel:[18]

,,Und da mußte ich nun sehen, daß diese Leute in kürzester Frist die frühere Verfassung als paradiesisch erscheinen ließen. Unter anderem schickten sie einen mir sehr lieben älteren Freund, den Sokrates, den ich ruhig den gerechtesten Menschen jener Zeit nennen möchte, mit mehreren anderen zu einem der Bürger mit dem amtlichen Auftrag, ihn gewaltsam herbeizuschaffen, damit er hingerichtet würde. […] Als ich dies alles und noch anderes Ähnliches, nicht minder Schwerwiegendes ansehen mußte, wurde ich betroffen und zog mich von der damaligen üblen Politik zurück.“[19]

Im Jahre 399 v. Chr. wurde diese Opposition Sokrates wohl zum Verhängnis. Denn nachdem die 30 Tyrannen gestürzt worden waren, wurde er von den Institutionen der kurz vorher wiedererrichteten Demokratie angeklagt, trotz einer unklar formulierten Anklage schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Dieses Ereignis hatte bleibende Auswirkungen auf Platon. Er verließ nach Sokrates Tod nicht nur Athen, sondern distanzierte sich auch von der Verfassungsform der Demokratie.

In seinem Werk Πολιτεία (nach 390 entstanden) skizziert er einen Gegenentwurf des seiner Auffassung nach gerechten ,,Idealstaates“.[20]

2.3 Platons konkrete Demokratiekritik in seinem Hauptwerk Πολιτεία

Platons Bewunderung für Sokrates und dessen Einfluss auf ihn zeigt sich auch insofern, dass Platons Werke häufig als Dialoge geschrieben sind, in denen Sokrates mit anderen Dialogpartnern über philosophische Themen diskutiert.[21] Sokrates steht in den Dialogen meist für die demokratiekritische Seite, da er Mehrheitsentscheidungen für die größte Schwäche der Demokratie hält.[22] In Platons Πολιτεία treten vor allem zwei Passagen hervor, in denen er die attische Demokratie mit beeindruckender Polemik einer vernichtenden Kritik unterzieht.

In der ersten Textstelle (Pol. 488a-489a) vergleicht er die Demokratie mit einem Staatsschiff.

[...]

[1] Freedom House, S. 28f.

[2] Vgl. Vorländer, S. 72

[3] Weeber, S. 10

[4] Vgl. Vorländer, S. 4

[5] Aristoteles, Politika, 1289a, Zu Aristoteles Beschreibung unterschiedlicher Demokratiearten vgl. Politika, 1291b – 1292a

[6] Aristoteles definiert die Politie als eine Mischung aus Demokratie und Aristokratie.

[7] Eine Ochlokratie bezeichnet eine Pöbelherrschaft.

[8] Vgl. Mittermaier/Mair, S. 16 S. 19

[9] Vgl. Ottmann (1.1), S. 105

[10] Vgl. Nolte, S. 36

[11] Vgl. Vorländer, S. 10

[12] Vgl. Mittermaier/Mair, S. 21

[13] Vgl. Fetscher/Münkler, S. 369

[14] Platon, Epistula, 324c (1)

[15] Vgl. Ottmann (1.2), S. 2

[16] Vgl. Platon, Epistula, 324c (2) – 324d

[17] Vgl. Fetscher/Münkler, S. 370

[18] Vgl. Mair/Rausch/Denzer, S. 2

[19] Platon, Epistula, 324e – 325b

[20] Vgl. Ottmann (1.2), S. 1

[21] Fetscher/Münkler, S. 370

[22] Fetscher/Münkler, S. 378

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die aktuelle Diskussion über Demokratie mit Bezug auf Platons antidemokratische Äußerungen in seiner Πολιτεία
Untertitel
Platons Staat. Ideal oder Zwang?
Veranstaltung
W - Seminar
Note
13.3
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V380517
ISBN (eBook)
9783668572669
ISBN (Buch)
9783668572676
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Demokratie, Geschichte, Aristoteles, Demokratiekritik, Frankreich, USA, Deutschland, AfD, Populismus, Trump, LePen, Macron, Politeia, Verfassungen, Idealstaat, Vergleich, Demokratiebefürworter, Demokratieverständnis, Antike Demokratie, Heutige Demokratien, Bundestagswahl, Präsidentschaftswahl, Amerika, Rechtspopulismus, Demokratiekritiker, Vergleich Antike Moderne, Griechenland, Gauk, Politik, Politikwissenschaft, Verfassungskreislauf, Demokratischer Mensch, Diktatur, Wahl, Direkte Demorkatie, Volksvertreter, Präsidentielle Demokratie, Schwäche der Demokratie, 7.Brief, Philosophenherrschaft, Philosophie, Philosophen, Demokratieforschung, Tyrannis, Volk, Volksabstimmungen, Volkssouveränität, Rat der 500, Dikasterien, Crouch, 30 Tyrannen, Republikaner, Front National
Arbeit zitieren
Lena Peter (Autor), 2017, Die aktuelle Diskussion über Demokratie mit Bezug auf Platons antidemokratische Äußerungen in seiner Πολιτεία, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380517

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