Den Unterschied, den Schiller zwischen naivem und sentimentalischem Dichter macht, scheint vor allem darin zu liegen, dass der naive sich selbst – als Subjekt – nicht in das Werk einbringt. Zumindest merkt man als Leser an keiner Stelle, dass da ein Medium zwischen Wirklichkeit und geschriebenem Kunstwerk eingeschaltet ist. Es ist dabei irrelevant, ob der naive Dichter wirklich unreflektiert zu Werke ging oder ob er im Gegenteil äußerst bewusst daran arbeitete. Hauptsache ist, dass der Leser nichts von dem Dichter als Subjekt bemerkt. Der naive Dichter hält es also – aus welchen Gründen auch immer – nicht für notwendig, sich selbst kommentierend in sein Werk zu integrieren.
Der sentimentalische Dichter hingegen kommentiert die Wirklichkeit, die er abbildet. Er tritt hinter seinem Werk hervor. Als Bedingung besteht für Schiller, dass er der Wirklichkeit ein Ideal entgegenstellt. Die unterschiedliche Gewichtung zwischen Wirklichkeit und Ideal in einem Werk entscheidet, ob es sich um eine Satire, eine Elegie oder eine Idylle handelt.
Gegen Ende seiner Schrift kommt Schiller schließlich zum Ergebnis, das der vollendete Dichter naive und sentimentalische Eigenschaften in seiner Person vereinen muss.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Die Teilung der Welt in Gegensatzpaare
2. Das Gefühl des Naiven
2.1. Das Naive der Überraschung
2.2. Zwischenbemerkung
2.3. Das Naive der Gesinnung
3. Der Begriff des Genies
4. Der moderne Mensch und die alten Griechen
5. Naive und sentimentalische Dichtung
5.1. Der naive Dichter
5.2. Zwischenbemerkung
5.3. Der sentimentalische Dichter
6. Satire, Elegie und Idylle
6.1. Satire
6.2. Elegie
6.3. Idylle
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit analysiert Friedrich Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“, um die zentrale Unterscheidung zwischen naiver und sentimentalischer Dichtungsart herauszuarbeiten und kritisch zu hinterfragen.
- Die Charakterisierung des naiven versus des sentimentalischen Dichters
- Die Dichotomie zwischen Natur, Kunst und dem modernen Menschen
- Die Rolle des Genies in Schillers ästhetischer Theorie
- Die Klassifizierung sentimentalischer Poesie in Satire, Elegie und Idylle
Auszug aus dem Buch
2. Das Gefühl des Naiven
Schiller beginnt seine Schrift damit, zu beschreiben, wie die Natur zum Naiven wird: Es gibt eine „Art des Interesses an der Natur“, die weder die Sinne, noch den Verstand befriedigt, sondern nur dadurch fasziniert, „weil sie Natur ist“3. Der Betrachter muss der Natur dabei interesselos gegenübertreten, er muss von der „einfältigen Natur überrascht“ werden. Damit nun die Natur als das Naive angesehen werden kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein und zusammentreffen:
(1) Der betrachtete Gegenstand muss als Natur angesehen werden,
(2) Der als Natur betrachtete Gegenstand muss den Gegensatz zur Kunst darstellen und diese beschämen.
Dieses Staunen über die Natur ist ein moralisches, kein ästhetisches, da man beispielsweise eine perfekte Nachahmung einer Blume, von der man wüsste, sie sei künstlich nicht so bestaunen könnte. Nicht der betrachtete Gegenstand an sich erweckt das Staunen, sondern die Idee, die man dahinter sieht. Einerseits stellt die Natur einen Urzustand dar, aus dem der Mensch erwachsen ist, nach dem er sich aber immer noch sehnt, da ein Gegenstand in diesem Zustand noch als eine Einheit besteht, also vollkommen ist und daher in Harmonie existiert. So gesehen stellt die Natur eine Forderung an den Menschen, nämlich nach dem Ideal der Einheit und Harmonie zu streben. Andererseits gibt es kein Zurück mehr, der Mensch hat Vernunft, einen freien Willen, der sich gegen die Notwendigkeit der Natur stellen kann. Er muss also einen anderen Weg zur Harmonie nehmen und dieser Weg führt über die Kunst.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert den Entstehungskontext des Werkes und benennt die zentralen Themen wie den Geniebegriff und die Unterscheidung der Dichtungsarten.
2. Das Gefühl des Naiven: Dieses Kapitel definiert die Bedingungen, unter denen Natur als „naiv“ wahrgenommen wird, und differenziert zwischen dem Naiven der Überraschung und der Gesinnung.
3. Der Begriff des Genies: Hier werden Schillers Überlegungen zum Genie als einer naiven, an keine Regeln gebundenen Kraft dargelegt.
4. Der moderne Mensch und die alten Griechen: Das Kapitel vergleicht das antike, naturverbundene Menschentum mit dem modernen, von der Natur entfremdeten Menschen.
5. Naive und sentimentalische Dichtung: Hier erfolgt die Kernbestimmung der beiden Dichtungsarten sowie die Rolle des Dichters als Beobachter oder Idealgestalter.
6. Satire, Elegie und Idylle: Dieses Kapitel erläutert die drei Unterformen der sentimentalischen Poesie anhand des Verhältnisses von Wirklichkeit und Ideal.
7. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über Schillers philosophische Grundannahmen und die Notwendigkeit der Verbindung von naiver und sentimentalischer Ausdrucksform.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Naive Dichtung, Sentimentalische Dichtung, Ästhetik, Natur, Kunst, Genie, Moderne, Antike, Wirklichkeit, Ideal, Satire, Elegie, Idylle, Menschheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer literaturwissenschaftlichen und philosophischen Untersuchung von Schillers Schrift „Über naive und sentimentalische Dichtung“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Definition von Naivität, die Gegenüberstellung von Natur und Kultur sowie die Typologie der Dichtungsformen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Schillers Theorie der zwei Dichtungsarten präzise darzustellen und auf ihre logische Konsistenz hin zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine textimmanente Analyse der Primärquelle sowie eine kritische Auseinandersetzung mit fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Naiven, des Geniebegriffs, des modernen Menschen gegenüber der Antike sowie die systematische Aufarbeitung von Satire, Elegie und Idylle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Naivität, Sentimentalität, Natur/Kultur-Dichotomie, Ideal, Wirklichkeit und ästhetische Erziehung.
Wie unterscheidet Schiller laut dieser Arbeit den naiven vom sentimentalischen Dichter?
Der naive Dichter bildet eine Einheit mit der Natur und ist unreflektiert, während der sentimentalische Dichter die Trennung von der Natur reflektiert und das Ideal erst wiederherstellen muss.
Warum hinterfragt der Autor Schillers Begriff der „Treue“ in Bezug auf das Genie?
Der Autor kritisiert, dass Schillers Anwendung des Naturbegriffs auf soziale oder menschliche Aspekte wie die Treue unklar bleibt und abstrakt auf den Menschen übertragen wird.
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- Joachim Waldmann (Author), 2004, Analyse von Friedrich Schillers "Über naive und sentimentalische Dichtung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38051