Ein Essay über René Descartes erste Meditation


Essay, 2016

5 Seiten


Leseprobe

Ein Essay uber Rene Descartes Meditationen

In diesem Essay beschaftige ich mich mit Rene Descartes erster Meditation. Ich werde zunachst seine fundamentalen Gedankengange aufzeigen und sein Ziel darstellen, welches er in dieser Meditation verfolgt. Im Folgenden werde ich mich genauer mit seiner Argumentationsstruktur befassen und diese kritisch betrachten.

Eine der grundlegenden Fragen der Philosophie ist es, inwiefern das, was wir als Wahrheit anerkennen, wirklich als wahr betrachtet werden kann. Rene Descartes behandelte dies in seinen in den Jahren 1628/29 veroffentlichten „Meditationes de prima philosophia, in qua die existentia et animae immortalis demonstratur". In diesen leugnete er das Dasein der auReren Gegenstande als Korper, nahm dagegen jedoch die Existenz eines „Nicht-lchs" unabhangig vom „lch" an.

Descartes grundlegende Fragestellung fur die Meditationen basierte auf dem Gedanken, dass man keine wahren Erkenntnisse auf falschen Grundlagen erlangen kann. Dies empfand er jedoch als notig, insofern er die Ambitionen hegte, etwas „Festes und Bleibendes in der Wissenschaft" aufzustellen.[1] Daraus folgerte er, dass man alles anzweifeln muss, was angezweifelt werden kann und was nicht gerechtfertigt ist. Diese Methode des Zweifelns ist weithin als methodischer Skeptizismus bekannt.[2] Hierbei ging es ihm weniger darum, jeden einzelnen Gedanken zu hinterfragen, da dies einer Sisyphusarbeit gleichkame, sondern die Grundlagen in Zweifel zu ziehen, auf die sich alles stutzt.[3]

Descartes argumentiert hierbei, dass seine bisher sichersten Annahmen auf der Erkenntnis durch seine Sinne beruhen. Diesen sei jedoch nicht uneingeschrankt zu trauen, da diese durchaus tauschen konnten, auch wenn Descartes anbringt, dass man wahnsinnig sein musse, um Sinneseindrucke fur falsch zu erklaren, welche unmittelbar aus dem bloRen Gegenstand des Seins hervorgingen.[4] In diesem Punkt stellt sich mir jedoch die Frage, ob nicht ein von Geburt an blinder Mensch, welcher vor allem auf den Tast- und Horsinn angewiesen ist und diesen zwar nicht uneingeschrankt traut, sich aber weitestgehend auf diese verlasst, ein Argument dafur ware, dass es darauf ankommt, wie sehr wir unsere Sinne scharfen. Denn dann konnte man vielleicht ab einem gewissen Punkt behaupten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese einen tauschen, so gering ist, dass man diese vernachlassigen konnte. Naturlich konnte man auch hier nicht ganzlich ausschlieRen, dass die Sinne diesen Menschen tauschen. Dennoch denke ich nicht, dass eine permanente und unbewusste Tauschung denkbar ware, denn in diesem Fall wurde dies einen blinden Menschen nicht nur in seinem Verstandnis uber Wahrheit, sondern auch im alltaglichen Leben und in elementaren Aufgaben einschranken.

Ein weiteres Argument Descartes ist, dass der wache Zustand kein eindeutiges Kennzeichen zur Unterscheidung vom Traumzustand habe. Diesen Gedanken fuhrt er weiter, indem er schreibt, dass wenn man vom Traumzustand ausgeht, man dennoch die grundlegende Ausdehnung und Farbe von Materie und die einfachsten logischen Zusammenhange nicht anzweifeln konne, da dies „offenbare Wahrheiten" seien, von welchen es unmoglich scheint, dass diese falsch sein konnten.[5] Hier ist jedoch kritisch anzumerken, dass auch Descartes in seiner Wortwahl einen Zweifel an diesem Argument streut, indem er sagt, es „scheint unmoglich" zu sein. Er kann dies jedoch nicht mit voller Gewissheit bestatigen. Man konnte also meinen, dass man nicht klar sagen kann, in welchem Zustand man sich befindet und alle Formen, Farben und logischen Schlusse eine abstrakte Neuerfindung unseres Geistes darstellen, sich jedoch nicht eindeutig der Wahrheit zuordnen lassen. Denn wenn mein Unterbewusstsein mich dazu veranlasst zu traumen, dass zwei und drei nicht funf, sondern sechs ergeben, so konnte es mich im Traumzustand im Glauben lassen, dass dies der Wahrheit entspricht, tatsachlich wusste ich aber weder, dass ich traume, noch die Wahrheit. Diesen Zweifel am Argument greift er allerdings am Ende der ersten Meditation auf.

Weiter argumentiert Descartes, dass wenn er davon ausginge, dass nichts existiere, er nicht klar sagen konne, dass es „Gott unmoglich ware, zu bewirken, dass dennoch Alles dies, so wie jetzt, mir da zu sein schiene".[6] Hier versucht Descartes den bei dem Argument des Traumzustands gehegten Zweifel mit dem Argument eines allgutigen Gottes zu widerlegen, welcher ihn niemals in der Erkenntnis uber einfachste Dinge tauschen wurde. Jedoch versucht Descartes hier auf Grundlage eines Gottes, dessen Existenz starker angezweifelt werden muss, als alles andere, was Descartes in Zweifel zu ziehen versucht, eben diese Dinge zu rechtfertigen. Denn fur eben diese Dinge gibt es zumindest eine Uberprufbarkeit, im Sinne von Eindrucken, mogen diese der genauen Wahrheit entsprechen, oder nicht. Hinterfragt man jedoch die Existenz eines Gottes, so wird man keine Uberprufbarkeit finden, weshalb ich diese nicht als Grundlage fur irgendeine Rechtfertigung hinzuziehen wurde. Indem er im Folgenden jedoch schreibt, dass es vielleicht Menschen gibt, die „lieber einen allmachtigen Gott leugnen, als alle anderen Dinge fur ungewiss halten", trennt er die Frage uber eine Existenz Gottes klar vom Ursprung von Wahrheit. Zum einen gerat Descartes hier in eine Sackgasse seiner Argumentationsstruktur, denn er geht davon aus, dass er, wenn er nicht von einem allmachtigen Gott geschaffen wurde, unvollkommen sei und immer getauscht werde, was es unmoglich machen wurde eine Wahrheit zu finden. Zum anderen wird es ihm zu seiner Lebzeiten nicht moglich gewesen sein, so weitgehende Kritik an der Existenz Gottes zu auRern. Deshalb fuhrt er das Argument ein, dass nicht ein „allgutiger Gott die Quelle der Wahrheit" sei, sondern dass ein hochst machtiger, listiger und boser Geist in dem Bemuhen stehe, ihn zu tauschen.[7] Auf diese Weise ware zwar eine Tauschung moglich, jedoch durch den bosen Geist als Gegenspieler zum allgutigen Gott. Fraglich finde ich hierbei, wieso Descartes zwangslaufig davon ausgehen muss, dass ein Mensch unvollkommen ist und immer getauscht wird, nur weil seine Erkenntnis nicht von einem Gott ausgeht. Meiner Ansicht nach besteht hier keine Kausalitat und Descartes versteift sich zu sehr auf das Monopol auf Vollkommenheit eines Gottes, wie es zu jener Zeit ublich war. Hier merkt man klar, inwiefern Descartes Argumentation durch den zeitlichen und religiosen Kontext gepragt ist. Wobei ich anmerken muss, geht man nun wirklich davon aus, dass Vollkommenheit nur einem Gott vorherbestimmt sei, so ware es sehr anmaRend von Descartes, nach einer vollkommenen Wahrheit zu suchen. Man konnte nun jedoch einmal fur damalige Verhaltnisse so anmaRend sein und einmal das Gegenteil vom Skeptizismus methodisch anwenden. Also alles, was wir als wahr annehmen auch als wahr akzeptieren. Damit wurde die Evolution und die Existenz der Lebewesen, wie wir sie heute im naturwissenschaftlichen Sinne verstehen, vielleicht eher zu einer Vollkommenheit fuhren, als die Launen eines Gottes in seiner Schopfungsphase.

Zum Ende seiner ersten Meditation gelangt Descartes zu der Schlussfolgerung, dass alles AuRerliche nur ein Spiel von Traumen sein musse, er sich seine Materie und Sinne nur falschlich einbilde und der bose Geist versuche ihn in seiner Leichtglaubigkeit zu tauschen. An diesem Weltbild wolle er festhalten und selbst wenn es zu keiner wahren Erkenntnis komme, dadurch in der Lage sein, falsche Erkenntnisse zu entlarven. Er merkt hierbei an, dass dies sehr muhsam sei und die Gefahr bestehe in alte Muster zu verfallen, wodurch in ihm das Gefuhl eines „Gefangenen, der zufallig im Traum einer eingebildeten Freiheit genoss" entstand.[8]

Nach genauer Betrachtung von Descartes Argumenten, gelange ich zu dem Schluss, dass keine klare Linie herrscht. Zwar schreibt er, dass man alles anzweifeln musse, was nicht gerechtfertigt ist, verwehrt sich jedoch dagegen, dass Gott auch in diese Kategorie gehort. Sicherlich ist dies auch der Zeit und dem Adressaten geschuldet, es wirkt jedoch nicht konsequent, im Gegenteil empfand ich es zeitweise als verwirrend. Auch zeigt sich mir das Argument der Tauschung durch Sinneseindrucke aus oben genanntem Beispiel als nicht erfolgreich, sodass man diese nach meiner Meinung nicht generell und unbedingt anzweifeln musste. Hier wurde es vielleicht mehr Sinn ergeben, diese kategorisch zu unterteilen und konkrete Sinne in konkreten Situationen zu hinterfragen, anstatt alle Sinneseindrucke zu verallgemeinern und generell in Frage zu stellen. Auch bin ich der Meinung, dass man dabei auf die Kompetenzen der jeweiligen Person im Umgang mit einzelnen Sinnen achten muss, sowie darauf, dass sich diese im Laufe eines Lebens verandern. Genauso, wie sich eine Erkenntnis im Laufe eines Lebens verandern kann und man manchmal vielleicht nur durch das Reflektieren verschiedener Erkenntnisse auf einen Wahrheitsgehalt stolen kann, was ich dann als Weisheit bezeichnen wurde. Auch stellt sich mir die generelle Frage, ob Wahrheit immer statisch sein muss, oder in bestimmten Situationen nicht auch relativ oder variabel sein kann. Wenn dem so sei, ware die Frage, ob Descartes Skeptizismus nicht zu binar veranlagt ist und man uberhaupt den Anspruch haben muss, eine klare und nicht in den Zweifel zu ziehende Wahrheit zu finden. Denn Descartes merkt ja selbst an, dass dies ein sehr muhseliges Unterfangen sei. Ohne Zweifel, war dies zu damaliger Zeit und auch daruber hinaus die groRe Frage der Philosophie. Jedoch einfacher ware es, einfach alles als wahr anzuerkennen, solange kein Zweifel aufkommt. Und Erkenntnisse erst in einem solchen Fall zu hinterfragen und neu zu erschliessen.

Literaturverzeichnis

Cottingham, John (1996): Meditations on First Philosophy, Cambridge: Cambridge University Press, S. 12

von Kirchmann,Julius Heinrich (1870): Untersuchungen uberdie Grundlagen derPhilosophie, in welchen das Dasein Gottes und der Unterschied der menschlichen Seele von ihrem Korper bewiesen wird, Paris, S. 1-14

[...]

[1] Vgl. Descartes Meditationen, S. 11

[2] Vgl. Cottingham, John: Meditations onFirst Philosophy, Cambridge: Cambridge University Press 1996, S. 12

[3] Vgl. Descartes Meditationen, S. 11

[4] Vgl. Descartes Meditationen, S. 11

[5] Vgl. Descartes Meditationen, S. 12

[6] Descartes Meditationen, S. 13

[7] Vgl. Descartes Meditationen, S. 13

[8] Vgl. Descartes Meditation, S. 14

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Ein Essay über René Descartes erste Meditation
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät)
Autor
Jahr
2016
Seiten
5
Katalognummer
V380649
ISBN (eBook)
9783668572355
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
unbenotet, Studienleistung
Schlagworte
René Descartes, Meditationen
Arbeit zitieren
Malte Scholz (Autor), 2016, Ein Essay über René Descartes erste Meditation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380649

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