Ein Essay über Thomas Nagels Kritik am Physikalismus. Zum Gedankenexperiment "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?"


Essay, 2017
4 Seiten

Leseprobe

Ein Essay uber Thomas Nagel's Kritik am Physikalismus

In diesem Essay beschaftige ich mich mit Thomas Nagel's Gedankenexperiment „Wie ist es eine Fledermaus zu sein?". Ich werde zunachst sein Gedankenexperiment beschreiben und dessen Aussage darstellen. Im Folgenden werde ich darlegen, welche philosophische Position dieses Gedankenexperiment vor Probleme stellt und zudem versuchen, eine Antwort auf das Nagel's Position zu finden.

Ausgehend von Rene Descartes Leib-Seele Dualismus herrscht in der Philosophie bereits eine langjahrige Debatte uber die Beziehung zwischen dem Gehirn und dem Mentalen, also dem Bewusstsein. Der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel griff dieses Thema in seinem im Jahre 1974 publizierten Aufsatz „What is it like to be a bat?" auf. In diesem formulierte er eine Kritik daran, unsere Gedankenwelt und unser Bewusstsein auf rein physikalische Prozesse zu reduzieren.[1]

Thomas Nagel nimmt als Pramisse fur sein Gedankenexperiment an, dass bewusste Erfahrung ein weit verbreitetes Phanomen sei, welches auch auf vielen Ebenen tierischen Lebens vorkomme, es jedoch schwer zu definieren sei, was Indizien fur ihre Existenz darstellen konnte. Aus dieser Tatsache folgt fur ihn, dass egal wie sehr der Zustand der bewussten Erfahrung in seiner Form bei verschiedenen Organismen abweicht, es in jedem Fall fur einen Organismus irgendwie sein muss, zu sein und gebunden an diese Selbsterfahrung einen mentalen Zustand zu haben. Nagel nennt dies den „subjektiven Charakter" von Erfahrung. Als weitere Pramisse nimmt er an, dass je weiter man sich den Wurzeln des phylogenetischen Baumes nahere, desto weniger wahrscheinlich werde die Existenz von Erlebnissen fur den Organismus.[2]

Basierend auf diesen Pramissen stellt sich Nagels Gedankenexperiment wie folgt dar:

Er nimmt an, dass Fledermause Erlebnisse hatten, welches sehr wahrscheinlich sei, da sie zu den Saugetieren gehoren. Von der Vielzahl an Saugetieren wahlt er jedoch speziell die Fledermaus, da sie uns relativ nah verwandt sei, jedoch markante Merkmale, wie ihren Sinnesapparat in Form von Radar oder Echolotortung aufweise, welches sie nicht nur explizit vom Menschen unterscheide, sondern auch klare Grenzen in der Sinneswahrnehmung ziehe. Diese Form der Sinneswahrnehmung konne der Mensch mit keinem der ihm zuganglichen Sinne und Erfahrungen auf die eigene Erlebniswelt reproduzieren und weder erleben, noch sich vorstellen. Selbst wenn man sich als Mensch vorstellen wurde, wie es ware blind zu sein und die Umwelt mittels einem System von Hochfrequenzwellen wahrzunehmen und innerlich abzubilden, oder aber kopfuber von der Decke zu hangen, so wusste man dies nur aus der Sicht des Menschen. Man konne jedoch nie genau wissen, wie dies fur eine Fledermaus ist, da man auf die Ressourcen des eigenen Bewusstseins eingeschrankt sei und sich nicht mehr als einen schematischen Begriff davon machen konne. Es sei lediglich moglich „allgemeine Arten" zu definieren. Es werde also immer unsere subjektive Wahrnehmung in dieses Vorhaben mitwirken und eine vollkommene Vorstellung dessen unmoglich machen.[3]

Nagel will mit diesem Gedankenexperiments zeigen, dass jede Erfahrung einen subjektiven Charakter hat, welcher nicht durch eine reduktive Analyse erfasst werden kann. Dies bezieht sich nicht nur auf speziesubergreifende Falle, sondern z.B. auch auf die Erfahrung zweier jeweils von Geburt an blinden und tauben Personen.[4] Man konne sich jedoch in die subjektive Sichtweise eines anderen Individuums hineinversetzen, solange diese vom „Typus" einem selbst ahnlich genug sind, also beispielsweise gleiche Erlebnisse hatte oder die selben physiologischen Voraussetzungen erfullt. Dennoch sind diese Individuen fur sich genommen auch wieder einer subjektiven Sichtweise unterworfen.[5] Dieses Argument widerlegt den Physikalismus zwar nicht, stellt ihn jedoch vor ein groRes Problem.

Denn der Physikalismus hat den Anspruch, das subjektive und private Bewusstsein eines jeden Individuums durch eine rein physikalische, objektive und jedem zugangliche Betrachtung zu erklaren. So, dass sich allgemeine physikalische Regeln fur jegliche Form von Bewusstsein, seien es Empfindungen oder Gedanken erklaren lieRen. „Die radikalsten Varianten dieser sogenannten Identitatstheorien sind allesamt „eliminativ": sie gehen davon aus, dass die sogenannte „Alltagspsychologie" mit einem fortschreitenden Wissenschaftsverstandnis verschwindet. Die Alltagspsychologie werde zunehmend durch prazise Konzepte aus den Neurowissenschaften ersetzt".[6] Betrachtet man jedoch Nagels Fledermaus, so wird deutlich, dass dies aufgrund der subjektiven Natur eines jeden Individuums nicht moglich ist. Denn um den Physikalismus in seiner Ganze zu erklaren, mussten auch phanomenologische Eigenschaften physikalisch erklart werden.

Man konne demnach keine allgemeine und zugleich objektive physikalische Theorie von einer einzelnen Perspektive, in dem Fall die des Untersuchenden, abhangig machen.[7] Thomas Nagel schneidet mit seinem Gedankenexperiment jedoch auch ein anderes gropes Thema an. Namlich, dass wir gar nicht die begrifflichen Ressourcen besaRen, um alle Tatsachen wahrheitsgetreu abzubilden. Die Menschheit besaRe demnach nicht fur jede Tatsache einen Begriff und es ware falsch, anzunehmen, dass die Menschheit bereits alle Tatsachen kenne und laut Nagel gebe es auch immer Tatsachen, welche, auch sollte die Menschheit fur immer bestehen, niemals vom menschlichen Wesen „dargestellt oder erfasst werden konnten".[8] Dies macht deutlich, dass physikalische Betrachtungen in ihrem Anspruch der Objektivitat auRer Acht lassen, dass die Menschheit als die betrachtende Instanz in ihrer Subjektivitat nicht alle Tatsachen mit einbeziehen kann, um diese Objektivitat zu erfullen. Nagel geht dennoch davon aus, dass es Objekte mit einem objektiven Charakter gebe, wie z.B. einen Blitz. Dieser besaRe uber seine subjektive Erscheinung hinaus eine objektive Substanz, welche unabhangig von begrifflichen Ressourcen oder der zur Verfugung stehenden Sinne erfasst werden konne. Um diese Objektivitat zu definieren musse man sich also in einem Prozess der Reduktion so weit wie moglich vom subjektiven menschlichen Standpunkt entfernen und damit einen moglichst hohen Grad an Objektivitat erlangen. Die Erfahrung selbst jedoch lieRe sich nicht durch Aufgabe der artspezifischen Perspektive objektiv analysieren. Ihre Definition beinhalte im Wesentlichen die artspezifische Perspektive und subjektive Begrifflichkeiten.[9]

Nagel gibt jedoch zu denken, dass wenn wir „anerkennen, dass eine physikalische Theorie des Mentalen den subjektiven Charakter der Erfahrung erklaren muss, dann mussen wir zugeben, dass uns keine der gegenwartig verfugbaren Konzeptionen einen Hinweis gibt, wie dies geschehen konnte. Das Problem ist einzigartig. Wenn mentale Prozesse tatsachlich physikalische Prozesse sind, dann gibt es eine Weise, wie es seinem Wesen nach ist, gewissen physikalischen Prozessen zu unterliegen."[10] Hierauf findet er jedoch keine Antwort und stellt dies als ewiges Ratsel dar, was ich auch als Kritikpunkt an seiner Sichtweise herausstellen mochte. Denn wenn man davon ausgeht, dass wir einfach noch nicht den notigen Wissenschaftsstand besitzen, um den subjektiven Charakter von Erfahrung auf physikalische Prozesse zuruckzufuhren, widerlegt dies noch lange nicht die Theorie des reduktionistischen Ansatzes. Jeder Mensch hat ein in sich geschlossenes System. Dieses System hat ohne Frage einen subjektiven Charakter, jedoch ist er in seiner Grundstruktur und Funktion jedem anderen gesunden Menschen weitestgehend identisch. Dies ist anzunehmen, da wir auch medizinische Losungen fur allgemeine Probleme parat haben, welche sich bewahrt haben. Er ist nun in seiner Funktionsweise jedoch sehr komplex und reagiert in kurzester Zeit auf eine Vielzahl von Variablen aus der Umwelt und im eigenen Korper. Hier erschlieRt sich fur mich nicht, wieso es nicht denkbar ist, dass das menschliche Bewusstsein dafur ausgelegt ist, unter Einbeziehung aller Sinne auf diese Variablen zu reagieren und dass wir genau das als Erfahrung wahrnehmen. Wenn dem so sei, dann konnte man, wie zuvor bereits erwahnt, auch mit zunehmendem Forschungsstand Ruckschlusse vom Bewusstsein auf physikalische Gesetze geben. Mir ist bewusst, dass ich damit eine sehr extreme Sichtweise der Neurowissenschaften einnehme, jedoch finde ich, kann man diese auch nicht ausschlieRen. Nagel argumentiert jedoch damit, dass es noch keine Konzeption gebe, die dies erklare und wir deshalb den Physikalismus nicht verstehen konnten.[11] Doch glaube ich personlich nicht, dass dies so bleibt. Gerade in der heutigen Zeit gibt es in diesem Themenfeld beachtliche Fortschritte und man bedenke, dass Nagels Aufsatz bereits im Jahre 1974 erschien und seitdem viele neue Erkenntnisse gewonnen wurden. Ich muss mich jedoch auch Nagel anschlieRen und einraumen, dass wenn wir genau definieren wollen, was beispielsweise Sehen ist und dies einem von Geburt an blinden Menschen erklaren wollen, dann mussen wir genauere Begriffe einfuhren, als wir bisher in dieser Verbindung benutzen. Hierzu wurde auch John Dupres Ansicht passen, welche er im Jahre 1981 in Form des Aufsatzes „Natural kinds and biological taxa" in der „The Philosophical Review" publizierte. Namlich, dass unser Alltagssprachgebrauch sich nicht mit wissenschaftlichem Sprachgebrauch deckt. Also dass die nach John Lockes bezeichneten „nominal essences" nicht zwangslaufig den „real essences" entsprechen.[12] Wurde man jedoch dafur Sorge tragen, dass der Sprachgebrauch so prazise wie moglich ist und der Forschungsstand dies erlaubt, so ist meiner Meinung nach eine Zuordnung von physikalischen Prozessen auf phanomenologische Zustande moglich. Auch wenn dies eine Vermutung darstellt, solange es noch nicht vollends bewiesen wurde.

[...]

[1] Vgl. Dupre, Ben (2010): 50Schlusselideen Philosophie, Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, S. 32

[2] Vgl. Diehl,Ulrich(2016): ThomasNagel-What IsItLiketoBe aBat? Wie isteseine Fledermaus zusein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 11

[3] Vgl. Diehl,Ulrich(2016): ThomasNagel—What IsItLiketoBe aBat? Wie isteseine Fledermaus zusein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 12-14

[4] Vgl. Diehl, Ulrich (2016): 'Thomas Nagel - What Is It Like to Be a Bat? Wie ist es eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 12-14

[5] Vgl. Diehl, Ulrich (2016): 'Thomas Nagel - What Is It Like to Be a Bat? Wie ist es eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 15

[6] Dupre, Ben (2010): 50SchlusselideenPhilosophie,H.eiddiberg: Spektrum Akademischer Verlag, S. 31

[7] Vgl. Diehl,Ulrich(2016): ThomasNagel—What IsItLiketoBe aBat? Wie isteseine Fledermaus zusein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 12-13

[8] Vgl. Diehl, Ulrich (2016): 'Thomas Nagel - What Is It Like to Be a Bat? Wie ist es eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 23

[9] Vgl. Diehl, Ulrich (2016): 'Thomas Nagel - What Is It Like to Be a Bat? Wie ist es eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 25-27

[10] Diehl,Ulrich(2016): ThomasNagel- What IsItLiketoBe aBat? Wie isteseine Fledermaus zusein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 29

[11] Vgl. Diehl, Ulrich (2016): Thomas Nagel - What IsItLike to Be a Bat? Wie ist es eine Fledermaus zu sein?, Stuttgart: Reclam Verlag, S. 29

[12] Vgl. Dupre, John (1981): Natural Kinds and Biological Taxa, The Philosophical Review, Durham: Duke University Press, S. 68

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Details

Titel
Ein Essay über Thomas Nagels Kritik am Physikalismus. Zum Gedankenexperiment "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Einführung in die theoretische Philosophie
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V380650
ISBN (eBook)
9783668572324
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
unbenotet - Studienleistung
Schlagworte
Thomas Nagel, Wie ist es eine Fledermaus zu sein?, What is it like to be a bat?, Gedankenexperiment, Kritik am Physikalismus
Arbeit zitieren
Malte Scholz (Autor), 2017, Ein Essay über Thomas Nagels Kritik am Physikalismus. Zum Gedankenexperiment "Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380650

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