Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt


Hausarbeit, 2005

24 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der soziologische Raum und seine Aneignung
2.1 Der Raum aus soziologischer Sicht
2.2 Die Theorie zur Sozialisation im Raum
2.3 Soziologische Modelle zur Aneignung eines Raumes
2.3.1 Das klassische Modell der Raumaneignung
2.3.2 Das moderne Inselmodell der Raumaneignung
2.4 Das tätigkeitstheoretische Aneignungskonzept
2.5 Die Gültigkeit des Raumaneignungskonzeptes

3 Eine empirische Untersuchung als Brücke zwischen Theorie und Praxis
3.1 Methodische Anlagen der empirischen Studie
3.2 Zusammenfassung der Ergebnisse und ihrer Schlussfolgerungen

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Soziale Räume prägen das Aufwachsen und Lernen von Kindern und Jugendlichen. Sie können Ressourcen bereitstellen, sie können anregend und förderlich auf den Sozialisationsprozeß und den Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen wirken, sie können deren Entwicklungschancen aber auch einschränken.“[1]

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der jugendlichen Nutzung von öffentlichen Räumen der Stadt. Interessant erscheint dabei, in welcher Form und in welchem Ausmaß sich Jugend in der modernen Stadt unterschiedliche Räume habhaft macht, um sie für ihre Interessen zu nutzen. Des Weiteren spielt dabei eine Rolle, ob und inwiefern sich die jugendliche Raumnutzung im Laufe der Zeit verändert hat und worin dies begründet liegt. Dazu muss jedoch zu allererst der Raum an sich und dessen Aneignung soziologisch aufgearbeitet werden, um dann nach Ursachen ihres möglichen Wandels suchen zu können. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf die Bedeutsamkeit des Raumes und seiner Aneignung speziell für die Jugendphase als „Übergang von der unselbständigen Kindheit in die selbständige Erwachsenenrolle“[2] eingegangen werden. Im Anschluss daran wird ein Beispiel aus der Praxis als Verbildlichung der theoretischen Betrachtungen dienen. Dazu soll eine empirische Studie, die im Jahr 2002 in der Landeshauptstadt Niedersachsens durchgeführt wurde, vorgestellt werden. Diese Studie erlaubt abschließend aktuelle Rückschlüsse bezüglich der jugendlichen Raumnutzung in der modernen Stadt.

2 Der soziologische Raum und seine Aneignung

In diesem Kapitel soll einleitend der Raum als theoretisches Konstrukt aus soziologischer Sicht betrachtet werden, um so dessen Bedeutung und Notwendigkeit im Vorhandensein und Erschlossenwerden für die individuelle Entwicklung in der Jugendphase nachvollziehen zu können. Im Anschluss daran sollen verschiedene Raumtheorien und Aneignungskonzepte vorgestellt werden.

2.1 Der Raum aus soziologischer Sicht

Im heutigen Sprachgebrauch der Soziologie findet der Begriff des Raumes, dessen Wurzeln im philosophischen und naturwissenschaftlichen Bereich liegen, seine Verwendung überwiegend im Zusammenhang mit dem sozialen (Lebens)Raum. Dieser stellt dabei einen geschlossenen, trotzdem aber frei zugänglichen, und abgrenzbaren Lebensraum dar. In ihm sind charakteristische Merkmale in seiner Struktur zu finden, die den Sozialraum eindeutig kennzeichnen und definieren lassen.

Weiterhin besteht für die Soziologie eine Verbindung zwischen (Sozial)Raum und sozialer Interaktion, was scheinbar eine Art Wechselbeziehung darzustellen vermag. Demnach bedingen sich Raum und soziale Interaktion, um gegenseitige Möglichkeiten der Definition zu eröffnen.

So schafft der offene Raum einerseits eine Bühne für Handlungen einzelner Individuen und offeriert dabei eine Vielzahl konkreter Tätigkeiten und (Inter)Aktionen. Anhand dieser spezifischen Opportunitäten ist es möglich, den bestimmten Sozialraum gegenüber weiteren Räumen abzugrenzen. Andererseits eignen sich Individuen die Möglichkeiten des Handelns im Raum nur durch (Inter)Aktionen in Form von Auseinandersetzungen mit ihm an. Unübersehbar ist dabei die Tatsache, dass der offene Raum lediglich durch konkrete Handlungen erschlossen werden kann. “Als Schöpfer und Geschöpf seiner Umwelt”[3] kann sich der Mensch die Bedingungen und Möglichkeiten seines (Sozial)Raumes zu Eigen machen, indem er sich mit ihnen auseinandersetzt, sich mit ihnen gegebenenfalls arrangiert oder sie nutzungsbestimmt umdefiniert. Der Mensch ist somit befähigt, seine eigene Lebenswirklichkeit zu gestalten, also seine individuelle Lebenswelt zu schaffen.

Im Gegensatz zum Sozialraum ist der Begriff der Lebenswelt dabei stärker subjektbezogen. Er ist deutlicher an der aktiven Auseinandersetzung eines jeden Individuums mit dessen Umwelt orientiert und greift daher die Subjektivität dieses Prozesses stärker auf. Dieser Begriff impliziert außerdem, dass jedes Individuum bei der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, ihr spezifische Bedeutungen zuschreibt und so Erkenntnisse und Erfahrungen mit ihr verbindet. Diese wiederum beeinflussen sein weiteres Handeln bezüglich seiner Lebenswelt. Anhand dieser subjektiven Ausrichtung werden der Facettenreichtum und die Vielschichtigkeit des Begriffes der Lebenswelt eindeutig. Da diese Arbeit dem Versuch unterliegt, eine übergreifende theoretische Abhandlung über die jugendliche Raumaneignung in der Großstadt darzustellen, kann der Begriff der Lebenswelt hier keinerlei weitere Verwendung finden. Es wird daher der Begriff des Sozialraumes bevorzugt, dessen Eroberung im folgenden Abschnitt beleuchtet werden soll. Beginnend mit einer kurzen soziologischen Darstellung der Sozialisation als gesellschaftlicher Vorgang werden sowohl das klassische als auch das moderne Konzept der Raumaneignung vorgestellt und verglichen.

2.2 Die Theorie zur Sozialisation im Raum

Wie genau findet Sozialisation im Raum statt? Was sind ihre Bedingungen und was ihre Ergebnisse? Um diese Fragen beantworten zu können, soll zunächst kurz die menschliche Sozialisation aus ökologischer Sicht vorgestellt werden.

Der wohl populärste Vertreter dieser Denkrichtung war Urie Bronfenbrenner, dessen Theorem als ökologische Sozialisation bekannt geworden ist. Er verstand die Sozialisation als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht lediglich von den Fähigkeiten des Individuums sondern vielmehr auch von der es umgebenden Umwelt abhängig ist. Sein Forschungsgegenstand stellte die menschliche Sozialisation als einen Zusammenhang zwischen den Erbanlagen des Individuum und seiner Umwelt als Sozialraum dar, deren Ziel in einer gesellschaftlichen Integration lag. Der Klimax menschlicher Entwicklung war nach Bronfenbrenner also die vollständige Integration in die Gesellschaft.

Eine besondere Rolle spielte für ihn der Sozialraum eines Menschen, da nur er als Komponente verändert werden kann, um eine Sozialisation als gesellschaftliche Integration positiv und/oder negativ zu beeinflussen. Für Bronfenbrenner waren bei einer Sozialisation eines Individuums, “drei sich überlagernde Schichten zu unterscheiden”[4].

Die erste Schicht stellte für ihn die unmittelbare, alltägliche Umgebung eines Menschen dar, die in eine zweite Schicht als die übergreifende soziale Struktur eingebettet ist. Die dritte Schicht bildet das ideologische System[5]. Dieses wird durch die Auffassung, die eine Gesellschaft von einem einzelnen Subjekt als Teil des Ganzen vertritt, geformt und bildet daher die Grundlage jeglicher Erziehung und Bildung. Sämtliche Ziele jeder Form von Pädagogik münden deshalb in einer all umwabernden Vorstellung eines Konstruktes von einem moralischen Menschen als vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft. Eine plausible Verkörperung findet dieses Konstrukt bspw. in der generationsübergreifenden Vermittlung bestimmter Werte- und Moralvorstellungen.

Dahingegen stellen die erste und zweite Schicht leichter fassbare Sozialisationsinstanzen dar. Sie lassen sich jeweils in die physische, soziale und in die Handlungsdimension einteilen und beeinflussen so die Entwicklung des Menschen. Im Gegensatz zur ersten Schicht, die die unmittelbare Umgebung des sich entwickelnden Individuums darstellt, lassen sich zur zweiten Schicht sämtliche sozialen Netzwerke als informelle und Institutionen als formelle Sozialisationsinstanzen des Menschen zählen. Anhand beider Instanzen lernt das Individuum sowohl seine Persönlichkeit zu bilden und damit eine eigene unverwechselbare Identität zu finden, als auch bestimmte Rollenerwartungen der Gesellschaft umzusetzen. In Folge dessen fällt es dem einzelnen Menschen als Teil der Gesellschaft umso leichter, sich in diese zu integrieren. Hilfreich ist dabei das während seiner Sozialisation erlangte Wissen von gesellschaftlichen Erwartungen an ihn, das der Mensch in Zusammenhang mit dem Ausleben seiner Persönlichkeit anwenden muss. Grundlage dieser gesellschaftlichen Erwartungen bildet das ideologische System als dritte Sozialisationsinstanz.

Vereinfacht ausgedrückt lässt sich demnach sagen, dass das Gelingen der Sozialisation eines Kindes zum einen von dessen Erbanlagen als innere Parameter und zum anderen von der ihn umgebenden Umwelt als äußere Parameter abhängt. Da jedoch die inneren Parameter unveränderbar sind, spielen also die äußeren Parameter eine besondere Rolle. Sie können von den Sozialisationsinstanzen der drei Schichten nach Bronfenbrenner positiv und / oder negativ beeinflusst werden. Pointiert ausgedrückt hieße das, je mehr Möglichkeiten und Anreize einem Kind in seiner sozialen Umwelt gewährleistet sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer gelingenden Sozialisation in Form einer vollständigen Integration in die Gesellschaft.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Urie Bronfenbrenner anhand seiner ökologischen Sozialisationsforschung versuchte, den Zusammenhang zwischen den Erbanlagen eines Menschen und der ihn umgebenden Umwelt darzustellen. Er theoretisierte daher die menschliche Sozialisation als ein Konglomerat aus unterschiedlichsten Ursachen und Wirkungen hinsichtlich innerer (Erbanlagen) und äußerer (Umwelt) Faktoren, deren Gefüge die Individualität der Sozialisation ausmacht.

2.3 Soziologische Modelle zur Aneignung eines Raumes

Nachdem kurz die theoretischen Grundlagen zur menschlichen Sozialisation an sich vorgestellt wurden, sollen nun verschiedene Modelle hinsichtlich ihres räumlichen Ablaufes aufgearbeitet werden. Dazu wird eingehend das klassische Zonenmodell nach Baacke beschrieben, an welches das moderne Inselmodell nach Zeiher anschließen wird.

Beide Modelle befassen sich dabei mit der Struktur menschlicher Lebensräume, die während der Entwicklung und damit während der fortschreitenden Sozialisation erschlossen werden. Des Weiteren bauen sie auf das ökologische Sozialisationstheorem nach Bronfenbrenner auf und beziehen sich daher auch auf den augenscheinlichen Zusammenhang zwischen Umwelt und gesellschaftlicher Integration als Conclusio der menschlichen Entwicklung.

2.3.1 Das klassische Modell der Raumaneignung

Das klassische Modell nach Baacke besteht aus vier Zonen[6], die als sich erweiternde konzentrische Kreise angeordnet sind. Die erste Zone bildet dabei das ökologische Zentrum, das ähnlich wie bei Bronfenbrenner die unmittelbare und alltägliche Umgebung des Menschen darstellt. Verkörpert wird das ökologische Zentrum durch die Familie, an die das Kind während der Entwicklung emotional sehr stark gebunden ist.

An das familiale Zentrum schließt der ökologische Nahraum an, der ab der frühesten Kindheit zu erschließen gilt. In diesem Nahraum, zu dem bspw. der Stadtteil oder die bestimmte Wohngegend zählen, nimmt das Kind erste (emotionale) Beziehungen zur äußeren Umgebung. Dabei lernt es zum einen, die offerierten Möglichkeiten und Funktionen dieses Raumes zunehmend in seinem Interesse zu nutzen, zum anderen wird es bereits hier mit unterschiedlichen Rollenerwartungen der Nachbarschaft konfrontiert. Das Kind erweitert so sowohl seine Handlungskompetenzen als auch sein Verhaltensrepertoire.

Daran anschließend eignet sich das Kind die Zone der ökologischen Ausschnitte, die stets eine bestimmte (soziale) Funktion aufweisen an. Aufgrund dieser Funktionen nutzt das Kind den ausschnitthaften Handlungsraum, zu dem bspw. der Sportverein zählt, lediglich zu bestimmten Zeiten und wird dabei mit spezifischen Rollenanforderungen konfrontiert. Auch in den ökologischen Ausschnitten ist es dem Kind möglich, soziale Beziehungen, so z.B. zu Sportvereinskameraden, aufzubauen.

Die vierte Zone bildet die ökologische Peripherie, die im Gegensatz zu den vorherigen Zonen als Handlungsraum “nur zuweilen zur Verfügung”[7] steht. Begründet liegt die frequentielle Nutzbarkeit dieses Handlungsraumes in den gewissen örtlichen und zeitlichen Bedingungen, die der periphere Raum an das Kind stellt. Gemeint sind hierbei bspw. Ausflüge, die zu Ferienzeiten stattfinden. Auch hierbei ist es dem Kind möglich, gegenständliche Kenntnisse und soziale Erfahrungen zu sammeln, um so sein Repertoire an Handlungs- und Verhaltensweisen zu bereichern. Pointiert zusammengefasst bedeutet das also, dass ein Kind je breiter das Spektrum an Handlungsanreizen in den zu erkundenden Zonen ist, umso mehr Möglichkeiten hat, diese Anreize aktiv in Tätigkeiten umzusetzen. Aufgrund der Aneignung dieser Zonen ist das Kind daher in der Lage, seine Kompetenzen im kognitiven und emotionalen Bereich zu erweitern. Zwangsläufig bedeutet dies, dass sich die Zone der ökologischen Peripherie im Laufe der Entwicklung mehr und mehr ausbreiten muss, bzw. das Kind die Zone anhand zunehmender Aneignung selbst ausweitet.

[...]


[1] Bruhns, Kirsten / Mack, Wolfgang (Hrsg.): Aufwachsen und Lernen in der Sozialen Stadt. Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebensräumen. Opladen: Leske + Budrich 2001, S. 9

[2] Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 7. Auflage. Weinheim und München: Juventa Verlag 2004, S. 31

[3] Dietrich, Knut: Bewegung und Raum-Anthropologische Aspekte. In: Dietrich, K. / Moegling, K. (Hrsg.): Spiel- und Bewegungsräume im Leben der Stadt. Sozial- und erziehungswissenschaftliche Untersuchungen und Projekte. Butzbach-Griedel: Afra-Verlag 2001, S. 57

[4] Bronfenbrenner, Urie: Ökologische Sozialisationsforschung, Lüscher, Kurt (Hrsg.), Stuttgart: Klett-Verlag 1976, S. 203

[5] Bronfenbrenner, Urie: Ökologische Sozialisationsforschung, Lüscher, Kurt (Hrsg.), Stuttgart: Klett-Verlag 1976, S. 203 - 204

[6] vgl. Baacke, Dieter: Jugend und Jugendkulturen. München 1993, In: Thiele, G. / Taylor, C.: Jugendkulturen und Gangs. Eine Betrachtung zur Raumaneignung und Raumverdrängung nachgewiesen an den Entwicklungen in den neuen Bundesländern und den USA. Berlin: VWB, Verlag für Wissen und Bildung 1998, S. 24 - 25

[7] Thiele, Gisela / Taylor, Carl S. : Jugendkulturen und Gangs. Eine Betrachtung zur Raumaneignung und Raumverdrängung nachgewiesen an den Entwicklungen in den neuen Bundesländern und den USA. Berlin: VWB, Verlag für Wissen und Bildung 1998, S. 25

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut füe Pädagogik)
Veranstaltung
Umfeld, Milieu, Gemeinwesen - zum sozialräumlichen Kontext von Kindheit und Jugend
Note
2.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V38071
ISBN (eBook)
9783638372558
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendliche, Räumen, Stadt, Umfeld, Milieu, Gemeinwesen, Kontext, Kindheit, Jugend
Arbeit zitieren
Chrystina Kunze (Autor), 2005, Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38071

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