1 Einleitung
„Soziale Räume prägen das Aufwachsen und Lernen von Kindern und Jugendlichen. Sie können Ressourcen bereitstellen, sie können anregend und förderlich auf den Sozialisationsprozeß und den Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen wirken, sie können deren Entwicklungschancen aber auch einschränken.“
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der jugendlichen Nutzung von öffentlichen Räumen der Stadt. Interessant erscheint dabei, in welcher Form und in welchem Ausmaß sich Jugend in der modernen Stadt unterschiedliche Räume habhaft macht, um sie für ihre Interessen zu nutzen. Des Weiteren spielt dabei eine Rolle, ob und inwiefern sich die jugendliche Raumnutzung im Laufe der Zeit verändert hat und worin dies begründet liegt. Dazu muss jedoch zu allererst der Raum an sich und dessen Aneignung soziologisch aufgearbeitet werden, um dann nach Ursachen ihres möglichen Wandels suchen zu können. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf die Bedeutsamkeit des Raumes und seiner Aneignung speziell für die Jugendphase als „Übergang von der unselbständigen Kindheit in die selbständige Erwachsenenrolle“ eingegangen werden. Im Anschluss daran wird ein Beispiel aus der Praxis als Verbildlichung der theoretischen Betrachtungen dienen. Dazu soll eine empirische Studie, die im Jahr 2002 in der Landeshauptstadt Niedersachsens durchgeführt wurde, vorgestellt werden. Diese Studie erlaubt abschließend aktuelle Rückschlüsse bezüglich der jugendlichen Raumnutzung in der modernen Stadt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der soziologische Raum und seine Aneignung
2.1 Der Raum aus soziologischer Sicht
2.2 Die Theorie zur Sozialisation im Raum
2.3 Soziologische Modelle zur Aneignung eines Raumes
2.3.1 Das klassische Modell der Raumaneignung
2.3.2 Das moderne Inselmodell der Raumaneignung
2.4 Das tätigkeitstheoretische Aneignungskonzept
2.5 Die Gültigkeit des Raumaneignungskonzeptes
3 Eine empirische Untersuchung als Brücke zwischen Theorie und Praxis
3.1 Methodische Anlagen der empirischen Studie
3.2 Zusammenfassung der Ergebnisse und ihrer Schlussfolgerungen
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Jugendliche in der modernen Stadt öffentliche Räume für ihre persönlichen Interessen nutzen, welche soziologischen Mechanismen der Raumaneignung dabei wirken und inwieweit sich dieses Nutzungsverhalten durch gesellschaftliche Wandlungsprozesse verändert hat.
- Theoretische Fundierung von Sozialisations- und Raumaneignungsmodellen.
- Gegenüberstellung des klassischen Zonenmodells und des modernen Inselmodells.
- Analyse der Bedeutung von Raum für die Identitätsbildung in der Jugendphase.
- Empirische Fallstudie zur jugendlichen Raumnutzung in Hannover (2002).
- Diskussion über stadtpolitische Auswirkungen auf die jugendliche Lebenswelt.
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Das moderne Inselmodell der Raumaneignung
Das Inselmodell nach Zeiher steht im vollen Widerspruch zu dem vorher beschriebenen Lebensraummodell nach Baacke. Dieses beinhaltet aufgrund einer schrittweisen Aneignung aller sich in konzentrischen Zonen befindenden Räume eine gewisse Kontinuität, die sich in der Zunahme an Möglichkeiten der Raumnutzung und des Handelns ausdrückt.
Zeihers Inselmodell hingegen basiert auf anderen Überlegungen, wobei die kindliche Eroberung von Räumen keineswegs konzentrisch und flächendeckend stattfindet. Nach ihrer These eignen sich Kinder neue Handlungsräume vielmehr sprunghaft, vereinzelt hier und da an, sodass ein Netz aus Knotenpunkten entsteht. Sie selbst bezeichnet diese Punkte als Inseln, da sie voneinander völlig abgetrennte "Spezialräume" mit lediglich einer bestimmten Funktion darstellen. Aufgrund dieser Monofunktionalität suchen Kinder diese Inseln auf (zu hinterfragen bleibt dabei mancherorts die aktive Mitbestimmung des Kindes), wobei sie allerdings nicht lernen, das umliegende Meer an Handlungsräumen zu erforschen.
Dem Aufsuchen der Inseln liegt eine hohe Mobilität seitens der Kinder zugrunde. Dabei ist die Gefahr nicht zu übersehen, dass Kinder dabei einerseits durchaus in die Abhängigkeit der Eltern und deren zeitliche Flexibilität und Mobilität / Motorik geraten können. Andererseits unterstützen Eltern anhand der gut gemeinten Pendelei zwischen den Knotenpunkten der Kinder den Prozess der Verinselung ihrerseits, indem sie dem Kinde die Möglichkeit, das Meer an Handlungsräumen zu durchschwimmen, vorwegnehmen. Nunmehr ist nicht der Weg das Ziel, sondern die pünktliche Ankunft auf der Insel. Pointiert verbildlicht diese einerseits einen Punkt im städtischen Handlungsraumnetz und verdichtet damit andererseits Kindheit als ein "starres, unausweichliches Zeitraster", das Terminplanung statt Spontaneität voraussetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der jugendlichen Raumnutzung als sozialisationsrelevanter Übergangsprozess von der Kindheit zum Erwachsenenalter.
2 Der soziologische Raum und seine Aneignung: Theoretische Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff, ökologischen Sozialisationsansätzen und spezifischen Modellen wie dem Zonen- und Inselmodell.
3 Eine empirische Untersuchung als Brücke zwischen Theorie und Praxis: Darstellung einer Fallstudie aus Hannover, die verschiedene öffentliche Raumkategorien hinsichtlich ihrer Nutzung durch Jugendliche analysiert.
4 Schluss: Synthese der Ergebnisse, die unterstreicht, dass Raumaneignung eine essenzielle Bedingung für die Identitätsbildung und gesellschaftliche Integration von Jugendlichen bleibt.
Schlüsselwörter
Jugendliche, Raumaneignung, Sozialisation, Sozialraum, Stadt, Inselmodell, Zonenmodell, Handlungsraum, Identitätsbildung, Lebenswelt, empirische Studie, öffentliche Räume, Jugendphase, Sozialpädagogik, Stadtplanung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wechselverhältnis zwischen Jugendlichen und ihrem städtischen Umfeld sowie die soziologische Bedeutung von öffentlichen Räumen für die Entwicklung Heranwachsender.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Theorien der Raumaneignung, die Bedingungen der menschlichen Sozialisation sowie die Analyse von Praxisbeispielen aus der modernen Stadtplanung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verstehen, wie Jugendliche Räume für ihre Bedürfnisse besetzen und welche Einflüsse (wie gesellschaftliche Modernisierung) ihre Möglichkeiten zur Raumnutzung heute einschränken oder fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Kombination aus theoretischer Literaturarbeit und einer empirischen Analyse (Fallstudie 2002) verwendet, die qualitative Interviews und quantitative Beobachtungen umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden soziologische Modelle (Baacke/Zeiher) erläutert, das tätigkeitstheoretische Aneignungskonzept diskutiert und die empirische Studie zu spezifischen Raumtypen in Hannover ausgewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Raumaneignung, Jugendphase, Sozialraum, Inselmodell, öffentliche Räume und Identitätsbildung sind die prägenden Begriffe.
Was besagt das Inselmodell nach Zeiher genau?
Das Modell postuliert, dass moderne Kinder Räume nicht mehr flächendeckend, sondern in Form von isolierten "Spezialräumen" (Inseln) sprunghaft erschließen, was eine hohe Mobilität, aber auch eine Abhängigkeit von Terminplänen erfordert.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Raumnutzung?
Die Autorin folgert, dass öffentliche Räume trotz mediatisierter Lebenswelten für die Identitätsbildung unverzichtbar sind, jedoch in ihrer aktuellen Gestaltung oft jugendliche Interessen ignorieren und somit zu Konflikten führen.
- Quote paper
- Chrystina Kunze (Author), 2005, Jugendliche in öffentlichen Räumen der Stadt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38071