Transferenz und Integration. Der Einfluss von Anglizismen auf die französische Sprache


Studienarbeit, 1998
24 Seiten
Angelika Felser (Autor)

Leseprobe

1 Einleitung

„Anglizismus“ bezeichnet ein Wort aus dem britischen oder amerikanischen Englisch oder eine nicht übliche Wortkomposition, jede Art der Veränderung einer Wortbedeutung oder Wortverwendung nach britischem oder amerikanischen Vorbild.

Der Einfluss der englischen Sprache auf die französische Sprache zeigt sich in erster Linie im Wortschatz.

Die Übernahme englischen Wortgutes ins Französische setzte bereits im Mittelalter zaghaft ein und verstärkte sich dann ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Hinrichtung des englischen Königs Karl I., Révocation de l'Edit de Nantes, Übersetzung englischer Werke). Im 18. Jahrhundert erreichte die „Anglomanie“ einen ersten Höhepunkt (vgl. den Einfluss Voltaires und Montesquieus, Beginn der Industrialisierung). Nach einer kurzen Unterbrechung der Kontakte durch Napoleon Bonapartes Kontinentalsperre setzte sich der Strom der Lehnwörter aus dem Englischen in die französische Sprache im 19. Jahrhundert fort. Seit 1945 kommt der Einfluss der englischen Sprache auf die französische Sprache nicht mehr vorwiegend aus England, sondern aus den Vereinigten Staaten von Amerika (USA).

Josette Rey-Debove zählt im Petit Robert ca. 1500 geläufige Anglizismen im ca. 59000 Wörter umfassenden französischen Wortschatz. Henriette und Gérard Walter (1991) nehmen mehr als 2500 Anglizismen in ihr Wörterbuch Dictionnaire des mots d'origine étrangère auf. Obwohl die Zahlen der Anglizismen und Amerikanismen nicht enorm hoch erscheinen, spricht man von massiver Entlehnung.

In den folgenden Bereichen des heutigen französischen Wortschatzes treten Lehnwörter aus dem Englischen besonders zahlreich auf:

Drogen:

flipper, se shooter, faire un trip

Medien und Werbung:

baffle (enceinte acoustique), best-seller, flash-back (retour en arrière), label (étiquette), sponsoring (parrainage), spot (message publicitaire), walkman (baladeur), zapper

Sport:

coach (entraîneur), jogging, mountain bike (vélo tout terrain - V.T.T), rafting, surf, tie-break (jeu décisif)

Tourismus:

charter, duty free shop (boutiques hors taxes), fast-food (restauration rapide), traveller's check (chèque-voyage)

Unterhaltungs- und Freizeitindustrie:

disc-jockey (animateur), drive-in cinema (ciné-parc), gag, hit-parade (palmarès), show, strip-tease

Wirtschaft:

boom, broker (courtier), holding, home-banking (banque à domi-cile), joint venture (coentreprise), leasing (location avec option d'achat), marketing (mercatique)

Wissenschaft und Technik:

afterburner (post-combustion), airbag (sac, coussin gonflable), chip (microplaquette, puce), pastille, scanning (balayage), teleprocessing (télétraitement), water-resistent (hydrorésis-tant)

Hinzu kommen Lexeme, die in früherer Zeit aus dem Französischen in das Englische übernommen worden waren und die dann später mit veränderter Bedeutung ins Französische zurückentlehnt

wurden, vgl. z.B. altfranzösisch „chalengier“ (< lat. calumniare) > engl. „challenge“ >

neufranzösisch „challenger“. Gebräuchlicher als das Verb sind „le challenge“ und „le challenge(u)r“.

Auch Lehnübersetzungen seien hier genannt, wie z.B. engl. flying saucer > soucoupe volante, engl. high fidelity > frz. haute fidélité, engl. pocket-book > frz. livre de poche.

Neben Lehnbedeutung, Lehnschöpfung, Lehnübersetzung, Lehnübertragung, etc. gibt es Scheinentlehnungen, sogenannte Pseudoanglizismen, die zwar mit britischem oder amerikanischen englischen Inventar gebildet sind, aber in der abgebenden Sprache in der Form oder in der Bedeutung nicht existieren, wie z.B. le bronzing, le lifting, le parking oder le smoking.

In der Geschichte einer jeglichen Sprache haben massive Entlehnungen aus einer anderen Sprache stets zu Protesten seitens Sprachpuristen geführt. René Etiembles Parlez-vous franglais? entfachte 1964 in der Öffentlichkeit Frankreichs einen Streit um die massive Präsenz von Anglizismen und Angloamerikanismen in der französischen Sprache. Das 1994 von der „Délégation générale à la langue française“ herausgegebene Dictionnaire des termes officiels de la langue française verordnet z.B. folgende französische Äquivalente für englische Fachtermini: „logiciel“ für „software“, „matériel“ für „hardware“ oder „ordinateur“ für „computer“.

Im Folgenden soll eine strukturalistische Untersuchung auf phonologischer, graphematischer, morphologischer, syntagmatischer und semantischer Ebene erfolgen. Die Untersuchung erfolgt unter Berücksichtigung von Transferenz und Integration.

„Transferenz“ stellt die Übernahme von Elementen, Merkmalen und Regeln einer Sprache A (britisches oder amerikanisches Englisch) in eine Sprache B (Französisch) dar. „Integration“ verweist auf die ausdrucksseitige Anpassung eines Elementes einer Sprache A an die Muster der Sprache B.

2 Die phonologische Ebene

Alle Angliszismen werden gemäß den französischen Intonationsregeln nach der Übernahme endbetont bzw. haben im Syntagma der „chaine parlée“ keinen tonischen Akzent. Da es die Endsilbenbetonung in der englischen Sprache nur selten gibt, liegt hier „Integration“ vor.

2.1 Vokale

Im Gegensatz zur französischen Sprache besitzt die englische Sprache neben sieben Kurzvokalen

[¥ 4 H , c 8@ fünf Langvokale [D : , ° : , L : , o : , X :] und acht Diphthonge [D, D8 e e,

8 , o, 8 @.

Bei der Eingliederung der englischen bzw. amerikanischen Lehnwörter in die französische Sprache werden die Langvokale den französischen phonologischen Regeln nach gekürzt. Der Schließungsgrad bleibt erhalten. Den kombinatorischen französischen Längungsregeln entsprechend werden Vokale nur in betonter Silbe vor den „consonnes allongeantes“ [= U Y YU ]@ gelängt, z. B. in „strip-tease“ [VWULSW L:]@. Die Vokale [D 2 R] werden vor gesprochenem Konsonant gelängt. In allen anderen Positionen sind diese Vokale kurz. Des Weiteren werden Oralvokale vor Nasalkonsonanten nasaliert. Der Nasalkonsonant fällt weg, z.B. in „dancing“

[GãVL0?.

Schwierigkeiten bereiten bei der Integration insbesondere [¥], [4@ und [ܮ:], welche der französische Sprecher nicht kennt. Die Laute werden durch ähnliche französiche Laute realisiert, z.B.:

[¥] > [D o ¡ , 2 , \] engl. bus > frz. le bus [bys]; club > frz. le club [kl¡ b]

[4@ > [D (] engl. plaid > frz. le plaid [pl(d]

[ܮ:] > [(@ engl. iceberg > frz. le iceberg [Djsb(Ug@, [isb(rg].

Die Diphthonge werden im allgemeinen monophthongiert, z.B. eng. „clown“ > frz. le clown [klun]. Die Diphthonge [D,@ und >o,@ behalten häufig den ersten Lautteil. Der zweite Lautteil wird durch einen Halbkonsonanten realisiert: engl. cowboy > frz. le cow-boy [k(a)oboj].

Auch die Orthographie hat einen Einfluss auf die Aussprache, so realisiert der französische Sprecher engl. boy scout als [bojsut] oder engl. grapefruit als [grapfryi].

2.2 Konsonanten

Roman Retmann untersuchte im Rahmen einer Befragung insgesamt 958 Anglizismen auf ihre Transferenz und Integration in die französische Sprache.

Danach werden die Okklusive [b], [d], [g] und [p], [t], [k] zu über 90% unverändert übernommen, z.B. in frz. „barmaid“ [bDUP(d]. Da es diese Phoneme auch im französischen Sprachsystem gibt, treten nur geringe Veränderungen auf: Die Konsonanten [p], [t], [k] werden ohne Aspiration realisiert. Sie werden vor stimmhaften Konsonanten als stimmhafte Variante assimiliert, z.B. engl. blackbouler > frz. blackbouler [blagbule] oder engl. football > frz. (le) [fudbol]. Sie erfahren vor stimmlosen Konsonanten Assimilation als stimmlose Variante, z.B. in „bobsleigh“, „dog-cart“ oder „midship“. Die Okklusive werden z. T. nicht gesprochen (rumpsteak), besonders nicht im Auslaut z.B. in „le sport“ [spoU] oder „covenant“, „milord“. Gesprochene Doppelkonsonanz kann z.B. bei engl. stepper vorliegen.

Da die französischen Sprecher den Dentalvorschlag der Affrikata [t6] und [d=] seit dem 13. Jh. nur noch in Lehnwörtern z.T. realisieren, wird dieser in über 50% der englischen Entlehnungen nicht mehr realisiert. Lediglich der Zischlaut ist zu hören, wie z.B. in engl. cherry > frz. le cherry [6(UL@ oder „cottage“. In ca. 45% englischen Entlehnungen wird der Dentalvorschlag der Affrikata gesprochen, wie z.B. in engl. bridge > frz. le bridge [brid=@ oder engl. match > frz. le match [mat6 ].

Die Frikative [f, h, = s, 6 7 v, z] in englischen Lehnwörtern werden in über 90% der Fälle in der französischen Sprache übernommen, wie z.B. in engl. golf > frz. le golf [goOI@. In wenigen Fällen wird das [s] vor stimmhaftem Konsonant als [z] assimiliert, z.B. in engl. baseball > frz. le base-ball [b(]ERl@. Das [z] im Auslaut englischer Lehnwörter wird in der französischen Sprache stimmlos oder aber nicht gesprochen, wie z.B. in engl. leggins oder in engl. waters > frz. les waters [wat(r].

Da in der französischen Sprache sowohl das „h aspiré“ als auch das „h muet“ nicht mehr gesprochen werden, wird das „h“ in ca. 80% englischer Lehnwörter nicht gesprochen, z.B. das „h aspiré“ in engl. hockey > frz. le [oN(] oder in engl. home > frz. le home [om]. Das „h aspiré“ verhindert hier sowohl Elision als auch „liaison“. Ein Hiat entsteht.

Das [7] taucht nur dreimal in den von Retmann untersuchten 958 Angliszismen auf, d.h. englische Lexeme mit diesem Laut wurden nur selten entlehnt. Der französische Sprecher realisiert diesen Laut durch [s] oder [t], z.B. in engl. forsythia > frz. forsythia [forsisja].

Die Nasale [m], [n] und [1] (s.u.) werden gemäß der Recherche Retmanns in 92% bzw. 66% der englischen Entlehnungen als solche realisiert. Wird der vorhergehende Vokal nasaliert, werden [m] und [n] nicht gesprochen.

Was den Lateral [l] betrifft, so bleibt [l] bei 97% der befragten französischen Sprecher unverändert, z.B. engl. label > frz. le label [lab(O]. Die Doppelkonsonanz [ll] (besonders <ill>) wird als [j] in die französische Sprache integriert.

Auch der englische oder amerikanische Vibrant [r] wird stets durch die französische Aussprache des [r] in das französische Sprachsystem integriert, z.B. engl. crawl > frz. le crawl [krol] oder engl. porridge > frz. le porridge [porid=].

2.3 Halbkonsonanten

Die Halbkonsonanten [w] und [j] werden den französischen Ausspracheregeln entsprechend als [w] und [v] (z.B. engl. kiwi > frz. le kiwi [kiwi], engl. tram(way) > frz. le tram(way) [tram(w( )]) oder [j] (z.B. engl. senior > frz. (le) senior (Adjektiv und Nomen) [senjor], engl. yacht > frz. la yacht [jek, jot]) realisiert.

Die englischen Konsonanten werden folglich zumeist nach französischen Integrationsmustern in das französische Sprachsystem integriert. Bei vereinzelten Transferenzen der Laute [d= 7 W6] handelt es sich um periphere Erscheinungen des englischen oder amerikanischen Lehnwortschatzes im französischen Sprachsystem.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Transferenz und Integration. Der Einfluss von Anglizismen auf die französische Sprache
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V380814
ISBN (eBook)
9783668573628
ISBN (Buch)
9783668573635
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transferenz, integration, einfluss, angliszismen, sprache
Arbeit zitieren
Angelika Felser (Autor), 1998, Transferenz und Integration. Der Einfluss von Anglizismen auf die französische Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380814

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