Sorgt der Staat in der Bundesrepublik Deutschland für eine gerechte Einkommensverteilung?

Eine Untersuchung anhand der aktuellen Lage sowie verschiedener politischer Positionen


Seminararbeit, 2017

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Soziale Gerechtigkeit
2.2 Sozialstaat
2.3 Einkommensverteilung
2.4 Redistributionspolitik

3. Betrachtung der faktischen Einkommensverteilung in Deutschland
3.1 Messverfahren
3.2 Einkommensverteilung in Deutschland

4. Betrachtung der subjektiven Verteilungsgerechtigkeit
4.1 Die progressive Einkommenssteuer
4.2 Standpunkt der Christlich Demokratischen Union
4.3 Standpunkt der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
4.4 Standpunkt der LINKEN
4.5 Standpunkte der Freien Demokratischen Partei

5. Abschlussbetrachtung

Forschungsreflexion

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Lorenz-Kurve

Abbildung 2: Struktur des Haushaltsbruttoeinkommens privater Haushalte 2013

Abbildung 3: Haushalte nach monatlichem Haushaltsnettoeinkommen im Jahr 2013

Abbildung 4: Verteilung des verfügbaren Nettoäquivalenzeinkommens im Jahr 2013

Abbildung 5: Lorenz-Kurve der Nettoeinkommensverteilung in Deutschland im Jahr 2013

Abbildung 6: Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen vor und nach Steuern und Transfers

Abbildung 7: Wirkung öffentlicher Güter auf die Nettoeinkommensungleichheit

Abbildung 8: Gini-Koeffizienten vor und nach Steuern und Transfers sortiert nach dem Gini Koeffizient der Markteinkommen

Abbildung 9: Gini- Koeffizient vor und nach Steuern sortiert nach dem Gini-Koeffizienten der Nettoeinkommen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lorenz-Kurve

Quelle: KLUMP, Reiner (1992): Einführung in die Wirtschaftspolitik. Theoretische Grundlagen und Anwendungsbeispiele, 2. Aufl., Vahlen, München. S.162.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Struktur des Haushaltsbruttoeinkommens privater Haushalte 2013

Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT (2015): Wirtschaftsrechnungen. Einkommens- und

Verbrauchsstichprobe Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte, Fachserie 15 Heft 4, Wiesbaden. S.21.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Haushalte nach monatlichem Haushaltsnettoeinkommen im Jahr 2013

Quelle: Eigene Darstellung auf Datenbasis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2013.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Verteilung des verfügbaren Nettoäquivalenzeinkommens im Jahr 2013

Quelle: Eigene Darstellung auf Datenbasis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2013.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Lorenz-Kurve der Nettoeinkommensverteilung in Deutschland im Jahr 2013

Quelle: Eigene Darstellung auf Datenbasis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2013.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Ungleichheit der Haushaltsnettoeinkommen vor und nach Steuern und Transfers

Quelle: FELBERMAYR, Gabriel/BATTISTI, Michele/LEHWALD, Sybille (2016): Einkommensungleichheit in Deutschland. Teil 2: Die Rolle der Umverteilung, Ifo-Schnelldienst 69 (14), München. S.24.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Wirkung öffentlicher Güter auf die Nettoeinkommensungleichheit

Quelle: FELBERMAYR, Gabriel/BATTISTI, Michele/LEHWALD, Sybille (2016): Einkommensungleichheit in Deutschland. Teil 2: Die Rolle der Umverteilung, Ifo-Schnelldienst 69 (14), München. S.25.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Gini-Koeffizienten vor und nach Steuern und Transfers sortiert nach dem Gini-Koeffizient der Markteinkommen

Quelle: FELBERMAYR, Gabriel/BATTISTI, Michele/LEHWALD, Sybille (2016): Einkommensungleichheit in Deutschland. Teil 2: Die Rolle der Umverteilung, Ifo-Schnelldienst 69 (14), München. S.26.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Gini- Koeffizient vor und nach Steuern

sortiert nach dem Gini-Koeffizienten der Nettoeinkommen

Quelle: FELBERMAYR, Gabriel/BATTISTI, Michele/LEHWALD, Sybille (2016): Einkommensungleichheit in Deutschland. Teil 2: Die Rolle der Umverteilung, Ifo-Schnelldienst 69 (14), München. S.27.

1. Einleitung

In der heutigen Zeit finden sich verstärkt Thesen über die Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Verteilung von Einkommen.

Thomas Piketty untersucht beispielsweise die Einkommens- und Vermögensentwicklung in den letzten 300 Jahren und stellt für die letzten Jahrzehnte eine drastische Ungleichheit fest, wie sie zuletzt Ende des 19. Jahrhunderts herrschte1.

Eine aktuelle Studie von Oxfam Deutschland behauptet, dass in den letzten 25 Jahren das oberste Prozent der Spitzenverdiener höhere Einkommenszuwächse erzielt hat, als die gesamten unteren 50 Prozent der Einkommensskala zusammen und fast 46 Prozent der Einkommensgewinne an die oberen 10 Prozent der globalen Spitzenverdiener gingen2. In Bezug auf Deutschland stellt Marcel Fratzscher in seinem Buch „Verteilungskampf“ die These auf „In kaum einem Industrieland der Welt sind (͙) Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland“3, wobei aus dem Sozialstaatsprinzip im Grundgesetz „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“4 die Verpflichtung an den deutschen Staat entspringt, das Entstehen einer extremen ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen zu verhindern5.

Infolgedessen stellt sich die Frage, inwieweit das Einkommen in Deutschland gerecht verteilt ist und ob der Staat ausreichend für die Verteilungsgerechtigkeit der Einkommen sorgt. Dazu werden zunächst relevante Begriffe definiert und erläutert.

Anhand einer Literaturauswertung wird eine Analyse der faktischen Situation der Einkommensverteilung in der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen. Anschließend werden ausgewählte parteipolitische Standpunkte durch Analyse von Parteiprogrammen und ergänzenden Pressemitteilungen untersucht, um eine Annäherung an die gefühlte Verteilungsgerechtigkeit zu ermitteln.

2. Grundlagen

Im Hinblick auf den Untersuchungsbereich werden die relevanten Begriffe definiert, die zum Verständnis der Thematik beitragen sollen.

Dabei wird der Blick auf die soziale Gerechtigkeit gelenkt. Gerechtigkeit kann zumal sehr subjektiv und unterschiedlich wahrgenommen werden. Dies stellt ein Problem bei der Bewertung der Einkommensverteilung dar. Im Folgenden wird nun daher die soziale Gerechtigkeit, wie sie sich ebenfalls als normatives Postulat in der Bundesrepublik Deutschland wiederfindet6, erläutert.

2.1 Soziale Gerechtigkeit

Bereits in der griechischen Antike galt Gerechtigkeit als höchste Tugend im sozialen Zusammenleben7.

Gerechtigkeit wird als moralisch begründete, akzeptierte und wirksame Verhaltens- und Verteilungsregel verstanden, im Konflikte zu vermeiden8.

Soziale Gerechtigkeit entspricht den Prinzipien der Humanität und Gemeinwohlorientierung, welchen zufolge alle Gesellschaftsmitglieder am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben und ebenso an seiner Entstehung, Mehrung und Erhaltung mitwirken sollen9. Sie lässt sich in die Formen der ausgleichenden Gerechtigkeit (iustitia commutativa) und der zuteilenden Gerechtigkeit (iustitia distributiva) unterscheiden10. Während die ausgleichende Gerechtigkeit das Verhältnis zwischen Gleichgestellten regelt, bspw. Leistung und Gegenleistung müssen äquivalent sein, regelt die zuteilende Gerechtigkeit das Verhältnis zwischen Ungleichen, bspw. dem Staat und dem einzelnen Bürger11. Dabei gilt, dass Menschen mit gleichem Status gleich zu behandeln sind, was als horizontale Gerechtigkeit bezeichnet wird. Vertikale Gerechtigkeit hingegen drückt aus, dass der Abstand zwischen Menschen mit unterschiedlichem Status angemessen zu berücksichtigen ist12. Mitte des 19. Jahrhunderts tauchte erstmals der Begriff der sozialen Gerechtigkeit auf und wird zunehmend als zentraler moralischer Maßstab des sozialen Lebens betrachtet. Diese gliedert sich weiter in Formale -, Materielle - und Verteilungsgerechtigkeit13.

Kriterien für eine gerechte Verteilung, bspw. von Einkommen, können von verschiedenen Prinzipien, wie Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit, sozialer Status, Geschlecht oder Abstammung, abgeleitet werden14.

Leistungsfähigkeit wird in sozialen Systemen um Bedarfsgerechtigkeit ergänzt, weil Gesellschaftsmitgliedern, die infolge ihrer Lebensumstände nicht zu den Leistungsfähigen gezählt werden können, durch entsprechende Umverteilung von materiellen Mitteln, Anrechten und Chancen ein ausreichendes Lebensniveau ermöglicht werden soll. Dabei wird oft von einem sozialen Ausgleich gesprochen15.

Somit soll der mit sozialer Gerechtigkeit angestrebte soziale Zusammenhalt große soziale Gegensätze vermeiden und den sozialen Frieden schützen16.

In der Bundesrepublik zählt Gerechtigkeit, neben Freiheit und Sicherheit zu den wichtigsten gesellschaftlichen Grundwerten und stellt eine übergeordnete Zielvorstellung der Wirtschaftspolitik dar17.

Gerechtigkeit kann nicht Eindimensional gedacht werden. So umfasst soziale Gerechtigkeit im Sinne der Konzeption der sozialen Marktwirtschaft drei Perspektiven: Es gibt Leistungsgerechtigkeit durch Wettbewerb auf den Märkten für Güter und Produktionsfaktoren, ausgleichende Gerechtigkeit durch Sozialleistungen für Menschen mit geringem Einkommen und Chancengerechtigkeit18.

Dabei soll ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Wirkungen dieser Arten von Gerechtigkeit erhalten sein und gesamtgesellschaftlich nicht gewünschte Wirkungen möglichst begrenzt werden19.

In der Bundesrepublik wird versucht, soziale Gerechtigkeit durch sozialstaatliche Tätigkeit herbeizuführen.

2.2 Sozialstaat

Als Sozialstaat wird eine Organisation staatlicher Herrschaft bezeichnet, die Zielen des sozialen Ausgleichs und der sozialen Sicherung verpflichtet ist. Der Sozialstaat gestaltet die Politik, Rechtsordnung und Verwaltung, sowie die Sozialordnung nach bestimmten Zielen im Rahmen rechtsstaatlicher Verfassung20.

Der Sozialstaat ist verpflichtet, Hilfe gegen Not und Armut zu leisten und dem Menschen durch ein entsprechendes Existenzminimum ein würdiges Dasein zu ermöglichen21. Er muss sich für rechtliche und tatsächliche Gleichheit durch Abbau von Wohlstandsdifferenzen und Abhängigkeitsverhältnissen einsetzen und für soziale Sicherheit gegenüber den Risiken, wie Unfall, Krankheit, vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit, sorgen. Vor allem sorgt er für die Aufgabe der Wohlstandsmehrung und hat Verantwortung für eine als gerecht beurteilbare Verteilung dieses Wohlstands22.

Die Bundesrepublik ist ein Sozialstaat, da das Grundgesetz dazu auffordert, ein „demokratischer und sozialer Bundesstaat“23 zu sein.

Die Klausel ermächtigt den Staat und gibt ihm den Auftrag für eine sozialordnungsgestaltende Tätigkeit zu sorgen, die auf die Ziele sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit bezogen ist24.

Dazu bedient sich der Sozialstaat einer Vielzahl an Geboten und Verboten, sowie von leistungserbringenden und verteilungspolitischen Instrumenten. Dazu zählen die Sozialversicherung, Bereichen der Sozialpolitik über Bildungs- und Wohnungspolitik bis zur Ordnung des Arbeitslebens, sowie die Steuer, Einkommens- und Vermögenspolitik25.

2.3 Einkommensverteilung

Die Einkommensverteilung stellt die tatsächliche oder rechnerische Verteilung des Gesamteinkommens einer Volkswirtschaft dar, welches innerhalb eines bestimmten Zeitraums erzielt wurde26. Die Einkommensverteilung zählt zu den Hauptmerkmalen eines sozialen Systems und gilt als Kernproblem jeder Gesellschaft, denn durch sie werden die Ansprüche auf das erwirtschaftete Sozialprodukt zugeteilt27. Mit ihr wird festgelegt, wie groß die Spannweite zwischen hohen und niedrigen Einkommen und der darin resultierenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist28.

Die Einkommensverteilung ist zunächst in die primäre Einkommensverteilung, das Markteinkommen, zu unterteilen. Diese erfasst das in einer Wirtschaftsperiode neu geschaffene Volkseinkommen, das auch als Nettonationaleinkommen zu Faktorkosten bezeichnet wird29. Die primäre Einkommensverteilung stellt jene Verteilung dar, wie sich diese durch den Einsatz der Produktionsfaktoren in Form von Lohn L (für Arbeit), Pacht Pa (für Boden) und Zins Z (für Kapital) für jeden Haushalt als unmittelbares Ergebnis durch Marktprozesse auf den Faktormärkten in einer Marktwirtschaft ergibt30. Das Einkommen wird dabei nur nach Maßgabe von Art, Umfang und Preis der Produktionsfaktoren erzielt, die ein Haushalt verkaufen kann31.

Falls das neu geschaffene Volkseinkommen größer als die gesamte Entlohnung aller Produktionsfaktoren ist, so verbleibt den Unternehmen als Rest der Unternehmergewinn G. Der Staat greift dabei nicht in die Verteilung des Volkseinkommens Y (=L+Pa+Z+G) ein32. Die primäre Einkommensverteilung lässt sich aus der Perspektive der funktionalen und die der personellen Einkommensverteilung untersuchen33.

Die funktionale Einkommensverteilung betrachtet, wie sich die Verteilung des Volkseinkommens auf die Haushalte nach der ökonomischen Funktion der Produktionsfaktoren, daher jenen, die an der Erstellung des Sozialprodukts im Produktionsprozess beteiligt sind, auswirkt34.

Die funktionale Einkommensverteilung wird durch die Lohnquote erfasst, welche sich als Anteil am Volkseinkommen definiert, die Arbeitnehmer für unselbstständige Arbeit erhalten35. Im 19. Jahrhundert wurden diesbezüglich Verteilungstheorien über das Gesetz einer konstanten Lohnquote untersucht. Dabei lässt sich übergeordnet die Kreislauftheorie, unterschieden in eine nachfrageorientierte Verteilungstheorie von N. Kaldor und J. M.

Keynes36, und die Grenzproduktivitätstheorie, welche den Kern der angebotsorientierten neoklassischen Verteilungstheorie darstellt37.

Bei der personellen Einkommensverteilung wird untersucht, wie das Volkseinkommen auf alle Wirtschaftseinheiten bezogen wird. Dabei ist unabhängig, durch welchen Produktionsfaktor das Einkommen eines Haushaltes entstanden ist38.

Jene Verteilungstheorien versuchen die Ungleichheit der Einkommen auf eine ungleiche Verteilung der menschlichen Fähigkeiten zum Einkommenserwerb und auf Zufallsprozesse der einzelwirtschaftlichen Einkommensentstehung zurückzuführen39.

Nennenswert ist die Humankapitaltheorie, welche von unterschiedlich hohen Investitionen in Schul- und Berufsausbildung ausgeht. Es gibt ebenfalls verschiedene stochastische Theorien, welche von unterschiedlichen Aufstiegs und Abstiegschancen in der Einkommenspyramide ausgehen40.

Häufig wird die personale Einkommensverteilung, wie sie unmittelbar über die Faktormärkte entsteht, als zu ungleich und ungerecht empfunden. Das primäre Einkommen eines Haushalts ist weder von den Bedürfnissen, noch von individuellen Anstrengungen abhängig, sondern letztlich nur von dem Betrag, den ein Haushalt leistet. Es findet somit keine Bedürfnisgerechtigkeit, sondern nur eine Leistungsgerechtigkeit statt41. Weil in der freien Marktwirtschaft eine deutliche Tendenz zu stärkerer ungleicher Verteilung der Einkommen besteht, was die Wahrung des sozialen Friedens gefährden und zu sozialen Unruhen führen könnte, ist staatliche Umverteilungspolitik notwendig42.

2.4 Redistributionspolitik

Inhaltlich sind keine wirtschaftspolitischen Ziele für eine „gerechte“ Einkommensverteilung festgelegt, jedoch besteht Einigkeit darüber, dass die personellen Einkommensunterschiede der Primärverteilung redistributiv verringert werden sollen43.

Staatliche Redistributionspolitik versucht diese ungleiche personelle Einkommensverteilung der primären Haushaltseinkommen durch geeignete umverteilungspolitische Maßnahmen zu verringern und etwas auszugleichen. Sie unterstützt einkommensschwache Haushalte, sodass der Staat die vom Markt erzeugte Primärverteilung durch Umverteilungspolitik zur Sekundärverteilung korrigiert. Nach Eingriff des Staats wird das Markteinkommen als „verfügbares Einkommen“ eines Haushalts bezeichnet, das ein Haushalt zu Konsumzwecken verwenden kann44.

Überdurchschnittliche personelle Einkommen werden durch Erhebung von Steuern und Beiträgen zur Sozialversicherung belastet und einkommensschwächeren Haushalten zur Verfügung stellt45.

Eine Berechnung des verfügbaren Einkommens eines Haushalts sieht wie folgt aus46:

Primäres Einkommen (=Arbeits- und Besitzeinkommen)

- Direkte Steuern
- Sozialabgaben
- Transferzahlungen
- sekundäres Einkommen (=verfügbares Einkommen)

Bei den direkten Steuern, wie bspw. bei der Einkommenssteuer, werden höher verdienende Einkommensbezieher prozentual durch höhere Steuersätze stärker belastet, als niedrige Einkommensbezieher. Dieses Steuersystem wird als progressive Einkommensteuer bezeichnet und stellt eines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Instrumente für eine Umverteilung dar47.

Sozialabgaben für Kranken-, oder Rentenversicherung werden in immer gleichen Prozentsätzen vom Einkommen abgeführt. Transferzahlungen zur Konsumunterstützung oder Sparförderung, wie Sozialgeld, Ausbildungsförderung, Altersrenten oder Arbeitslosengeld, sind Zahlungen des Staates an private Haushalte, welchen keine Gegenleistungen gegenüberstehen. Vor allem erhöht der Staat damit niedrigere personelle Einkommen48.

Neben Geldzahlungen dienen auch „sozial“ gestaltete öffentliche Güterangebote im Bildungs- oder Gesundheitsbereich zur staatlichen Redistributionspolitik49.

3. Betrachtung der faktischen Einkommensverteilung in Deutschland

Im nächsten Schritt wird die aktuelle Situation der Einkommensverteilung in der Bundesrepublik Deutschland betrachtet. Es soll die Ungleichheit gemessen und somit die objektive Verteilungsgerechtigkeit der Einkommen bewertet werden. Dazu wird nun vorerst das Messverfahren erläutert.

3.1 Messverfahren

Verteilungsgerechtigkeit lässt sich in verschiedener Hinsicht messen.

Die Messung der funktionalen Einkommensverteilung wird über die Lohnquote vorgenommen. Deshalb misst den Anteil der Einkommen unselbstständig Beschäftigter am Volkseinkommen. Dieser wird das Einkommen von Unternehmern, der Unternehmergewinn, zugeschlagen, wobei dieser nur geschätzt werden kann. Das sorgt für Ungenauigkeit50. Sinnvolle Aussagen über die Entwicklung der Einkommen lassen sich außerdem nur im Zeitablauf und anhand einer bereinigten Lohnquote treffen51. Darüber hinaus liegt eine starke Inhomogenität in der Gruppe der unselbstständig Beschäftigten vor, da diese gleichermaßen Top-Manager, wie kleine Angestellte umfasst52 und viele über das Lohneinkommen hinaus ein Einkommen aus Kapitalbesitz beziehen. Das verzerrt die Aussagekraft der Lohnquote zusätzlich53.

Aussagekräftiger ist die Betrachtung der personellen Einkommensverteilung. Sie misst den Anteil des Volkseinkommens, der auf bestimmte Personen(-gruppen) entfällt und ist somit maßgeblich für soziale Probleme54.

Die personelle Einkommensverteilung wird anhand der Lorenz-Kurve (s. Abb. 1) analysiert55. Diese stellt kumulierte Anteile am Gesamteinkommen den kumulierten Anteilen der Einkommensbezieher gegenüber, um die Einkommensungleichheit zu bemessen56.

Die Diagonale würde den Zustand völliger Gleichverteilung repräsentieren. Je stärker die Kurve von der Diagonalen abweicht, desto größer ist die Ungleichverteilung57.

Die Fläche über der Lorenz-Kurve (I) wird in Beziehung zur Gesamtfläche unter der Diagonalen gesetzt (I+II), um den „Gini-Koeffizient“ zu erhalten, welcher die Abweichung misst und als Maßstab zur personellen Ungleichheitsbemessung dient58. Ein Gini-Koeffizient von Null repräsentiert den Zustand absoluter Gleichverteilung, sodass allen Mitgliedern einer Grundgesamtheit das exakte Durchschnittseinkommen zur Verfügung steht. Ein Gini-Koeffizient von 1 bedeutet hingegen eine absolute Ungleichverteilung, sodass ein Mitglied einer Grundgesamtheit allein das komplette Einkommen bezieht. Eine Zunahme des Gini-Koeffizienten bedeutet eine Zunahme der Einkommensungleichheit59. Die Lorenz-Kurve wird auf Basis des Nettoäquivalenzeinkommens erstellt, welches ein je nach Zahl und Alter der Haushaltsmitglieder gewichtetes Nettoeinkommen darstellt60.

3.2 Einkommensverteilung in Deutschland

Zunächst wird anhand der Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS)61 aus dem Jahr 2013 ein Überblick über die Einkommensverteilung auf die Haushalte in Deutschland gegeben. Dazu wurden die privaten Haushalte in acht Einkommensgruppen nach monatlichen Haushaltsnettoeinkommen unterteilt.

Das durchschnittliche Haushaltsbruttoeinkommen je Haushalt und Monat lag für Haushalte in der Einkommensgruppe der unter 900 Euro beziehenden bei 821 Euro, wohingegen sich bei Haushalten der höchsten Einkommensgruppe, von 5000 bis 18000 Euro, ein Betrag von durchschnittlich 9489 Euro ergab62 63.

[...]


1 PIKETTY, Thomas (2014).

2 PATTERSON, Adam (2017), S.2.

3 FRATZSCHER, Marcel (2016), S.9.

4 GG, Art.20, Abs.1.

5 KLUMP, Reiner (1992), S.150.

6 MUSSEL, Gerhard/PÄTZOLD (2005), S.6.

7 QUAAS, Friedrun (o.A.) http://www.kas.de/wf/de/71.10938/.

8 HRADIL, Stefan (2012) http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine- sozialkunde/138445/soziale-gerechtigkeit.

9 QUAAS, Friedrun (o.A.).

10 SUCHANEK, Andreas/LIN-HI, Nick (o.A.) http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/6013/gerechtigkeit- v9.html.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 WEGENER, Bernd/MÜLLER, Hans-Peter (1995), S.7 f.

14 WEGENER, Bernd/MÜLLER, Hans-Peter (1995), S.7.

15 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.168.

16 WEGENER, Bernd/MÜLLER, Hans-Peter (1995), S.7.

17 KLUMP, Reiner (1992), S.148.

18 SCHLÖSSER, Hans-Jürgen (2007) http://www.bpb.de/izpb/8472/ziele-und-instrumente?p=all.

19 QUAAS, Friedrun (o.A.).

20 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 20. SEIF-STAL (1997), S.488.

21 Ebd., S.488.

22 ZACHER, Hans/BLÜM, Norbert (1991), S.19 ff.

23 GG, Art.20, Abs.1.

24 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 20. SEIF-STAL (1997), S.488.

25 Ebd., S.488 f.

26 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 6. DUD-EV (1997), S.178 f.

27 WEIZSÄCKER, Robert/Horvath, Michael (o.A.) http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/54624/einkommensverteilung-v6.html.

28 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 6. DUD-EV (1997), S.178 f.

29 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.163.

30 WINTERBERG, Jörn (o.A.) http://www.kas.de/wf/de/71.10183/.

31 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.166.

32 Ebd., S.167.

33 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 6. DUD-EV (1997), S.179.

34 Ebd., S.179.

35 WEIZSÄCKER, Robert/Horvath, Michael (o.A.).

36 KRÄMER, Hagen (o.A.) http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/118991/keynes-kaldor-verteilungstheorie- v5.html.

37 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 6. DUD-EV (1997), S.180.

38 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.166.

39 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 6. DUD-EV (1997), S.180.

40 Ebd., S.180.

41 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.168.

42 BREYER, Friedrich/BUCHHOLZ, Wolfgang (2007), 1 f.

43 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.189.

44 BROCKHAUS Enzyklopädie in 24 Bänden Bd. 6. DUD-EV (1997), S.180 f.

45 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.189.

46 Ebd., S.189.

47 SCHLÖSSER, Hans-Jürgen (2007).

48 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.189 f.

49 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.168.

50 KLUMP, Reiner (1992), S.160 f.

51 Ebd., S.160 f.

52 BARTLING, Hartwig/LUZIUS, Franz (2014), S.188 f.

53 KLUMP, Reiner (1992), S.160 f.

54 Ebd., S.161.

55 Ebd., S.161.

56 Ebd., S.160 f.

57 BURKSCHAT, Marco/CRAMER, Erhard/KAMPS, Udo (2012), S.177 f.

58 KLUMP, Reiner (1992), S.161.

59 Ebd., S.161.

60 BUNDESMINISTERIUM FÜR ARBEIT UND SOZIALES (2016) http://www.armuts-und- reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Gesellschaft/Einkommensverteilung/einkommensverteilung.html.

61 Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) hat einen Erhebungsumfang von rund 60.000 Haushalten und stellt somit die größte freiwillige Haushaltserhebung dar. Wegen des großen Stichprobenumfangs ist jene repräsentativ und geeignet Ergebnisse für differenzierte Betrachtung von Haushaltsgruppen in Deutschland abzubilden.

62 Das durchschnittliche Bruttoeinkommen für die übrigen Einkommensgruppen belief sich für Haushalte von 900 bis 1300 Euro bei 1277 Euro, für Haushalte von 1300 bis 1500 Euro bei 1668 Euro, für Haushalte von 1500 bis 2000 Euro bei 2172 Euro, für Haushalte von 2000 bis 2600 Euro bei 2919 Euro, für Haushalte von 2600 bis 3600 Euro bei 3946 Euro, für Haushalte von 3600 bis 5000 Euro bei 5612 Euro, sowie bei Haushalten von 5000 bis 18000 Euro bei 9489 Euro.

63 STATISTISCHES BUNDESAMT (2015) https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/Einkom menEinnahmenAusgaben/Tabellen/Haushaltsnettoeinkommen.html.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Sorgt der Staat in der Bundesrepublik Deutschland für eine gerechte Einkommensverteilung?
Untertitel
Eine Untersuchung anhand der aktuellen Lage sowie verschiedener politischer Positionen
Hochschule
Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
38
Katalognummer
V381041
ISBN (eBook)
9783668581838
ISBN (Buch)
9783668581845
Dateigröße
1256 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaft, Politik, Wirtschaftspolitik, VWL, Einkommen, Einkommensverteilung, Leistungsgerechtigkeit, Gerechtigkeit, gerecht, Deutschland, Staat, Bundesrepublik, Sozialstaat, sozial, Redistributionspolitik, progressive, Einkommensteuer, Koeffizient, Gini, Gini-Koeffizient, Marcel, Fratscher, CDU, Partei, Parteien, Standpunkte, Standpunkt, SPD, Linke, FDP
Arbeit zitieren
Leon Breuer (Autor), 2017, Sorgt der Staat in der Bundesrepublik Deutschland für eine gerechte Einkommensverteilung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381041

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