Die Entwicklung der "Grameen Bank" zum Mikrofinanzinstitut und der Trend zum Social Business


Studienarbeit, 2016
21 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Gründungsvater: Muhammad Yunus

3 Die Grameen Bank
3.1 Kurzporträt
3.2 Vom Feldexperiment zur Gründung der Grameen Bank
3.3 Prinzip und Struktur der Kreditaufnahme/-vergabe
3.4 Die Finanzierung der Grameen Bank
3.5 Mitarbeiter
3.6 Weitere Projekte der Grameen Bank
3.7 Übertragung in andere Länder

4 Social Business

5 Kritik

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Rückzahlungssystem

Tabelle 2: 16 Regeln der Grameen-Mitglieder

1 Einleitung

„Immer schön langsam! Je langsamer, desto besser!“[1] Nach diesem Motto begann die große Entwicklung der Grameen Bank, vom Feldexperiment zur weltweit agierenden Bank; und das nur dank eines Mannes mit großen Visionen.

Armut ist heute überall greifbar, auch wenn ihre Ausprägungen unterschiedlich sind und die Definition in jedem Land eine andere ist.

Muhammad Yunus sah in seinem Land Bangladesch die wahre, grausame Armut, die Menschen auf den Straßen verhungern ließ. Eine Armut, die sich heute niemand in einem Industrieland vorstellen kann. Doch in der Dritten Welt ist sie leider immer noch gegenwärtig. Viele wollen helfen, doch wie geht das richtig? Mikrokredite, Hilfe zur Selbsthilfe, Spenden oder weiter ausbeuten? Diese Arbeit soll einen kleinen Einblick in die Arbeit von Muhammad Yunus und seine Mikrofinanzindustrie geben, welche heute in 58 Entwicklungsländern angewandt wird.[2] In der über 30-jährigen Geschichte der Bank gab es nur drei Jahre, in denen die Bank rote Zahlen schrieb.[3]

Dass dies nicht selbstverständlich ist, hat einmal mehr die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch sonst bleibt nichts Gutes in der Branche der Finanzinstitute hängen: Staatshilfen, überdimensionale Boni, Optionen auf Nahrungsmittel, Wetten mit dem Geld des „kleinen Mannes“. Ganz anders jedoch, tritt die Grameen Bank auf. Ihr Gründer, Muhammad Yunus, glaubt an eine Welt ohne Armut und dafür kämpft er und für diesen Zweck hat er „seine Bank“ ins Leben gerufen. Wie er selbst sagt: „Ich hatte nicht die Absicht, zum Geldverleiher zu werden, sondern wollte lediglich ein akutes Problem in meiner Nachbarschaft lösen.“[4] So steht er heute als Nobelpreisträger und Visionär auf den Bühnen der Welt, um seine Botschaft zu verbreiten.

In vorliegender Arbeit wird zu allererst der Nobelpreisträger vorgestellt und ein Überblick über die Zustände in Bangladesch gegeben. Folgend wird die Entwicklung der Grameen Bank zum heutigen Mikrofinanzinstitut erlebt und der neuartige Trend zum Social Business aufgegriffen. Abschließend werden die Erfolge kritisch betrachtet und ein Ausblick gegeben.

2 Der Gründungsvater: Muhammad Yunus

Muhammad Yunus wurde am 28. Juni 1940 in Chittagong, einer wichtigen Hafenstadt in Bangladesch geboren. Sein Vater war Goldschmidt und besaß einen eigenen Laden, in dem Muhammad regelmäßig aushalf. Er und seine acht Geschwister hatten das Privileg die Schule besuchen zu können, welches nur „den Kindern von Eltern vorbehalten war, die ihn sich finanzielle leisten konnten“.[5] Gleich nach seinem Studienabschluss wurde er von 1961 bis 1965 als Wirtschaftsdozent an der Universität von Chittagong eingestellt.[6]

Im Jahr 1965 ging er in die USA, um sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Vanderbilt University in Tennessee aufzunehmen, an welcher er auch drei Jahre später promovierte. Nach seiner Tätigkeit an der Middle Tennessee State University kehrte er im Jahre 1972 in das durch den Bürgerkrieg zerrüttete Bangladesch zurück; er wurde Professor an der Universität seiner Geburtsstadt. Die noch immer in seinem Heimatland vorherrschenden Zustände und die grausame Armut beschäftigten ihn sehr, weshalb er sich immer wieder Gedanken über Lösungsmöglichkeiten machte.[7]

Schließlich erreichte er einen hohen Bekanntheitsgrad durch seine Projekte und außer der Grameen Bank gründete er auch die Grameen Trust, Grameen Phone, Grameen Shakti und viele weitere Unternehmen. Muhammad Yunus wurde für sein Lebenswerk im Dezember 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, was seinen Stellenwert in Bangladesch enorm ansteigen ließ. Er vertritt die Auffassung, dass alle Bürger die Möglichkeit haben sollten, einen Kredit aufzunehmen, wobei er ausdrücklich das gegenleistungsfreie Überlassen von liquiden Mitteln in Form von Schenkungen, ablehnt. Weiherhin erhielt er unter anderem 1994 den Welternährungspreis, 1998 der Sydney-Friedenspreis und 2006 mit dem ersten ITU World Information Society Award (ITU) überreicht.[8] Sein größtes Projekt, die Grameen Bank, wird im Folgenden näher vorgestellt.

3 Die Grameen Bank

3.1 Kurzporträt

Die Grameen Bank ist ein Mikrofinanzinstitut (MFI). Das Wort „grameen“ ist das bengalische Wort für „Dorf“, sodass es übersetzt einfach „Dorfbank“ bedeutet.[9]

Die Grameen Bank bietet den armen Menschen in Bangladesch Kredite ohne Sicherheiten an. Sie bezeichnen dies zum einen als eine kostengünstige Waffe zur Bekämpfung der Armut. Und zum anderen soll damit eine bessere Gesamtentwicklung der sozioökonomischen Bedingungen erreicht werden. Denn leider können die Landlosen ohne den Einsatz der Grameen Bank kein Geld leihen, da sie als nicht „bankable“ gelten.[10]

Das heutige Loge der Grameen Bank entwarf Yunus kurz vor der offiziellen Gründung. Dabei wollte er drei Themen mit ins Logo aufnehmen: Weben und Flechten, die Ziffer fünf und eine typische Dorfhütte. Am Ende kam folgendes heraus: „Es handelt sich um eine Hütte als Symbol für alles Ländliche, um einen nach oben schießenden Pfeil, dessen rote Farbe seine Geschwindigkeit darstellen sollte, und das Grün stand für das neue Leben als Zielscheibe für den Pfeil.“[11]

Die Grameen Bank hat mittlerweile Kredite in Höhe von 18,9 Mrd. US$ vergeben, von den 8,8 Mio. Kunden sind 97% weibliche Kreditnehmer. Die Rückzahlungsquote lag im Monat März 2016 bei erstaunlichen 98,65%.[12] Die Bank betreut mit ihren fast 25000 Mitarbeitern 1,36 Mio. Gruppen in 81392 Dörfern.[13] Der Bank gehören zusätzlich Gesellschaften der Telefon-, Energie-, Textil- und Baubranche und andere Dienstleistungen an, auf die später noch eingegangen wird.

3.2 Vom Feldexperiment zur Gründung der Grameen Bank

Bangladesch erhält jährlich internationale Entwicklungshilfen von 50 bis 55 Milliarden Dollar, nur dieses Geld kommt durch Korruption und Ineffizienz nie bei den Bedürftigen an.[14] Nach einer großen Hungersnot in Bangladesch suchte Yunus im Jahr 1976 nach einer Lösung, um die Situation der Armen in seinem Land wirklich zu verbessern. Seine Beobachtungen zeigten, dass die armen Menschen für ihren wirtschaftlichen Erfolg nur ein kleines Kapital brauchen, um Materialien oder Rohstoffe für ihr Handwerk zu erwerben. Da sie aber Kredite nur von Geldverleihern mit Wucherzinsen aufnehmen konnten oder von ihren Rohstofflieferanten abhängig waren, erwirtschafteten sie kaum einen Gewinn. Ihm war klar, dass jede Wirtschaft ihre Wucherer hat. Aber, „solange die Armen von den Geldverleihern abhängen, kann kein Wirtschaftsprogramm den Enteignungsprozess aufhalten.“[15]

Die großen Banken waren aufgrund fehlender Sicherheiten nicht bereit, diesen Menschen Kredite zu gewähren. Doch Yunus dachte: Ein „Kredit [sollte] meiner Meinung nach als ein Menschenrecht anerkannt werden…“[16]

So begann Yunus zunächst damit, eigenes Geld zu verleihen. Seine Erfahrungen waren durchweg positiv und bald erhielt er die ausgezahlten Kredite mit Zinsen wieder zurück. Mit seinen gemachten Erfahrungen begab er sich zur ortsansässigen Bank und trug seinen Vorschlag, Geld an die landlose Bevölkerung zu verleihen, vor. Dieser wurde jedoch vehement abgelehnt. Zwei Tage später ging er zum Regionalmanager und trug erneut seine Idee vor. Nach regem Briefwechsel durfte Yunus ab 1977 als Bürge auftreten und musste „ausnahmslos alle Kreditverträge unterschreiben“.[17] Er hatte es geschafft, dass die arme Bevölkerung, wenn auch über Umwege, zu Krediten kam. Da Yunus die Lebensumstände der Familien verbessern wollte, setzte er bei den Frauen an, denn diese wurden von den traditionellen Banken nicht ohne Zustimmung ihrer Männer bedient und erweisen sich außerdem als kämpferischer.[18]

Er entwickelte ein System, in dem sich die Kreditnehmer – fast ausschließlich Frauen – aufgrund persönlicher Bindungen zur Rückzahlung verpflichtet fühlten. Die Frauen wurden Miteigentümer der Bank, nach Yunus Ansicht am besten zu 100% der Finanzminister Bangladeschs legte die Anteile jedoch auf 40% der 1983 gegründeten Bank fest.[19]

Im Jahr 1986 wurde die Bank unabhängig vom Staat und die Eigentumsverteilung zu ¾ Kreditnehmer ¼ Staat geändert.[20] Heute gehören 93% den Kreditnehmern und 7% der Regierung.[21]

3.3 Prinzip und Struktur der Kreditaufnahme/-vergabe

Wer einen Kredit bei der Grameen Bank aufnimmt, wird zugleich am Mikrofinanzinstitut beteiligt. Die Kreditvergabe erfolgt fast ausschließlich an Frauen, da festgestellt wurde, dass sich die in Elend lebenden Frauen besser und schneller an den „Prozeß der Selbsthilfe“ anpassen können.[22] Die Kredite werden nicht in der Bank aufgenommen, sondern die Mitarbeiter der Bank sind in den Dörfern unterwegs und gehen zu den Kunden.[23]

Die Kreditvergabe an sich basiert zu einem sehr großen Anteil auf dem Vertrauen, das den Kreditnehmern von der Grameen Bank entgegengebracht wird, denn auch „Kredit“ bedeutet urspr. „Vertrauen“.[24] Ein Kredit wird nur dann gewährt, wenn sich eine Gruppe von fünf Personen zusammenfindet, welche sich regelmäßig zu Diskussionen und Gesprächen trifft. In dieser Runde wird ein Kreditgesuch eines Mitglieds besprochen und bewertet, sowie ob dieses befürwortet wird. Darüber hinaus wird darauf geachtet, ob der jeweilige Kreditnehmer den Kredit bedienen kann; ein wichtiger Gesichtspunkt, da beim Ausfall eines Schuldners die ganze Gruppe bürgt (solidarische Haftung). Obwohl jeder einzelne Kreditnehmer persönlich ein Darlehen aufnimmt (individuelle Haftung), muss gewährleistet sein, dass er einer solchen Gruppe angehört. Bei Grameen achtet man deshalb auf die Bildung einer solchen Gemeinschaft, damit die Zahlung der Tilgung sowie der Zinsen der Kreditnehmer regelmäßig und rechtzeitig geleistet werden. Diese Gruppenzugehörigkeit sorgt für Gruppendruck, sodass die Rückzahlung der Darlehen sehr gut verläuft und das Konzept der Mikrokredite so erfolgreich ist.[25]

Die Grameen Bank setzt für die Vergabe der Kredite weitere Bedingungen auf:

- Der Antragsteller muss erklären, wofür er das geliehene Geld einsetzen will.
- Der Erwerb von Radio- oder Fernsehgeräten mit diesem Geld ist untersagt.
- Die Familie muß über ein regendichtes Haus, sanitäre Anlagen und sauberes Trinkwasser verfügen.
- Sie muß wöchentlich 300 Taka (8 Dollar) zurückzahlen können
- Alle Kinder im schulfähigen Alter müssen zur Schule gehen
- Die ganze Familie muss dreimal am Tag etwas zu essen haben
- Sie muss regelmäßig zu ärztlichen Untersuchungen gehen[26]

Das Rückzahlungssystem der ausgegebenen Kredite ist, wie in Tabelle 1 sichtbar, sehr einfach:

Tabelle 1: Rückzahlungssystem (Yunus, 1998, S.142)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Kredite für den Hausbau werden zu 8% und Bildungskredite für die universitäre Ausbildung zu 5 % ausgegeben.

Die Überwachung bezüglich des Einsatzes des Kredits obliegt der Grameen Bank, wobei auch die Tilgungshöhe und -zeitpunkte für jeden Kreditnehmer spezifisch verhandelt und vereinbart werden können. So besteht für den Schuldner ferner die Möglichkeit, in Zeiten geringeren Einkommens seine Raten zu stunden oder zu reduzieren, so dass er keine direkte Bedrohung seiner Existenz auf Grund des zu bedienenden Kredits befürchten muss.

Mit den Krediten sollen die Dorfbewohner „vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben“ können.[27] Das bedeutet, sie sollen sich damit etwas aufbauen und nicht für Konsum Schulden machen.

Damit wirklich nur die ärmsten der Armen die Kredite in Anspruch nehmen, sagte Yunus einmal: „Wir legen den Kreditanwärterinnen so viele Hindernisse in den Weg, daß nur die wirklich Armen bereit sind, diesen Weg zu gehen“[28] Damit will er sichergehen, dass die Menschen dankbar sind, und ihre Kredite zurückzahlen. Denn wie er in seinem Gespräch mit dem Bankpräsidenten herausfand, wird die Zahlungsmoral schlechter, desto besser es den Menschen geht. Die Rückzahlungsquote der Kredite an die reichen Kunden der öffentlichen Banken „beträgt seit zwölf Jahren nicht einmal zehn Prozent.“[29]

Da nicht nur der Geldverleih im Vordergrund steht, sondern ebenso die Verbesserung der allgemeinen Lage im Land, wurde von den Gruppenleiterinnen ein Regelwerk zusammengestellt, welches „dem Leben der Grameen-Mitglieder Ziel und Sinn“ gibt.[30] In folgender Tabelle sind die 16 Regeln aufgelistet.

[...]


[1] Yunus, M. (1998), S.179

[2] Yunus, M. (1998), S.223

[3] Vgl. Yunus, M. (1998), S.39

[4] Yunus, M. (1998), S.27

[5] Vgl. Yunus, M. (1998), S.53

[6] Vgl. Yunus, M. (1998), S.62

[7] Vgl. Yunus, M. (1998), S.63-85

[8] Vgl. Fabricius, W. (2009), S.235

[9] Vgl. Yunus, M. (2001), S.4

[10] Vgl. Grameen (2016a), http://www.grameen-info.org/about-us/.

[11] Vgl. Yunus, M. (1998), S.214/215

[12] Vgl. Grameen (2016b), http://www.grameen-info.org/monthly-reports-3-2016/.

[13] Vgl. Grameen (2016a), http://www.grameen-info.org/about-us/

[14] Vgl. Yunus, M. (1998), S.35

[15] Vgl. Yunus, M. (1998), S.22

[16] Yunus, M. (1998), S.29

[17] Vgl. Yunus, M. (1998), S.111

[18] Vgl. Yunus, M. (1998), S.117

[19] Vgl. Yunus, M. (1998), S.210-211

[20] Vgl. Yunus, M. (1998), S.210-217

[21] Vgl. Felder-Kuzu, N. (2008), S.12

[22] Vgl. Yunus, M. (1998), S.117-118

[23] Vgl. Yunus, M. (1998), S.151

[24] Vgl. Yunus, M. (1998), S.142

[25] Vgl. Yunus, M. (1998), S.136-137

[26] Yunus, M. (1998), S.154

[27] Vgl. Yunus, M. (1998), S.161

[28] Vgl. Yunus, M. (1998), S.181

[29] Vgl. Yunus, M. (1998), S.154

[30] Vgl. Yunus, M. (1998), S.146

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der "Grameen Bank" zum Mikrofinanzinstitut und der Trend zum Social Business
Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V381106
ISBN (eBook)
9783668576230
ISBN (Buch)
9783668576247
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, grameen, bank, mikrofinanzinstitut, trend, social, business
Arbeit zitieren
Michele Siekmann (Autor), 2016, Die Entwicklung der "Grameen Bank" zum Mikrofinanzinstitut und der Trend zum Social Business, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381106

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Entwicklung der "Grameen Bank" zum Mikrofinanzinstitut und der Trend zum Social Business


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden