Aussagepraxis und Identitätspolitik im Diskursfeld Gitanos und Flamenco

Eine diskursanalytische Datenauswertung


Hausarbeit, 2017
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen eines Seminars zu „Fortgeschrittenen Forschungsmethoden“ im Master-Studiengang Ethnologie an der Universität Hamburg. In Anlehnung an ein mehrmonatiges Feldforschungspraktikum in Spanien im Herbst/Winter 2015/16 zu dem Oberthema „Romaidentitäten und Agency im Flamenco“. Der Forschung ging eine Auseinandersetzung mit Diskurskonstruktionen in Medien und Literatur zur Verknüpfung und gegenseitigen Verstärkung der Begriffsbedeutungen „Gitano“ (gebräuchliche Bezeichnung spanischer Roma) und „Flamenco“ voraus. Im Forschungsfeld wurde insbesondere über semi­strukturierte Interviews nach Agency, Positionierung und wiederkehrenden Diskurselementen gesucht und dem Gebrauch des Diskurses für eigene Zwecke. Betroffenheit der jeweiligen Befragten bestand, je nachdem, aus ethnischen, künstlerischen, familiären oder beruflichen Gründen.

Aufgrund mangelnden Umfangs kann in der vorliegenden Arbeit sicherlich nur eine unvollständige Annäherung an eine umfassende Analyse des Gitano-Flamenco-Diskurses stattfinden. Die Interviews beschränken sich zudem auf eine spezifische, lokale Region in der von einer erhöhten, persönlichen Eingebundenheit in das Thema sowie seiner besonderen Ausprägung und Präsenz ausgegangen werden kann.

Allgemein geht es um die symbolische Kontrollierbarkeit eines kulturellen Phänomens (Krüger 2015, 129) und damit einhergehende Identitätspolitiken, unterschiedlich machtvoller und betroffener Akteur*innen, die, je nach Position und Interesse, die Herkunft, die Existenz sowie den Ausdruck und die Echtheit des Flamenco entlang von lokalen, ethnischen, künstlerischen, regionalen, kulturellen, etc. Bezugspunkten orientieren und verallgemeinern. Vor dem Hintergrund mangelnder historischer Aufzeichnungen, sowohl über Gitanos als auch über den Flamenco, hat man es dabei in den meisten Fällen mit tendenziösen Interpretationen und Konstruktionen zu tun.

Da der Flamenco seit 2010 offiziell zum immateriellen Weltkulturerbe (UNESCO) erklärt wurde und gleichzeitig eine wichtige ökonomische Rolle in Andalusien spielt, haben diese Identitätspolitiken, Kulturalisierungen und, zuweilen, positiven Rassismen, durchaus Bedeutung und Effekt in Bezug auf Teilhabe an, Zugänge zu und Recht auf... Flamenco als Kapital.

Strukturell beginnt die Hausarbeit mit einer kurzen Einleitung in das Thema Diskurs sowie Diskursanalyse und zugehörige, der Ethnologie nahestehende Methodiken. Anschließend wird eine kurze Einführung in historische Diskurskonstruktionen zu Roma in Europa gegeben sowie der

Hintergrund südspanischer Roma-Communities beleuchtet. Nach einer kurzen Erläuterung zum Flamenco wird die historische, künstlerische, sowie ideologische Verbindung beider Termini beschrieben. Anschließend wird der für diese Analyse herangezogene Datensatz vorgestellt und die Methodik erläutert. Nach Analyse und Interpretation folgt dann schließlich ein Fazit, was sich der Beantwortung der Fragestellung nach dem positionell unterschiedlichen Gebrauch von Diskurskonstruktionen widmet und die Relevanz sowie Repräsentativität der Analyse reflektiert.

Diskursanalyse

Michel Foucualt, französischer Sozialphilosoph der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, gilt als Begründer der Diskursanalyse. Für ihn sind Diskurse Systeme, durch die Macht zirkuliert, indem sie Wissen über Subjekte, Objekte oder Themenfelder produzieren, welche in der Konsequenz zum Gegenstand der Unterwerfung werden (Hall 1994, 137 - 179). Der besondere Beitrag Foucaults bestand darin, Intention und Aussage zu trennen und den Fokus stattdessen auf diskursimmanente Regelwerke zu lenken, die dem Sprechenden, bzw. handelnden selber oftmals gar nicht bewusst sind. Es geht also um Prinzip und Funktionsweise der Konstruktion von Aussagen und deren jeweiligen Effekten (end.). Diese Herangehensweise schließt bei Foucault eine neue Betrachtung von Geschichte mit ein, die für ethnologische Analyse- und Verstehensweisen nützlich ist. Zwar knüpft Foucault eine im Diskurs getroffene Aussage grundsätzlich an dessen Vorbedingungen, also Autorenschaft und ideologisch-zeitlichen Kontext („Epistem“), macht aber die wichtige Feststellung, dass die gesellschaftliche Ordnung kein Ergebnis kausal-genetischer Entwicklung ist, sondern jederzeit und in jedem Moment neu hergestellt werden muss. Er attestiert den Menschen bis dato einen Hang zur Suche nach Ursprung und Wahrheit und führt dies beispielsweise zurück auf Kontrollmechanismen, die in Diskurse eingebracht würden und aus Dichotomien wie wahr-falsch, vernünftig-wahnsinnig, etc. bestünden.

Foucault formt, mit diesen Annahmen, eine der wesentlichen Grundannahmen der vorliegenden Analyse, wenn auch nicht ihr methodisches Korsett. Die nachfolgend noch vorzustellenden Diskurse zu Flamenco und Gitanos sind, angenommener weise, durchdrungen von der Frage nach Wahrheit, Echtheit, Natürlichkeit und Authentizität und verstärken sich jeweils durch ihre Gegenattribute, also dem Nicht-Echten, etc. Im Grunde können erstere lediglich existieren durch ihre Abgrenzung zu zweiteren (Foucault 1973, 51).

Foucault betrachtete sich methodisch als Archivar, das heißt, dass er in kleinteiligster Arbeit und ohne Generalisierung, einzelne Dokumente auf ihre immanenten Aussagen hin analysierte, um dessen diskursives Regelwerk herauszuarbeiten. Im Gegensatz dazu interessiere ich mich in dieser Arbeit eher für einen vergleichenden Überblick über mehrere vorliegende Dokumente. Ich werde von daher thematisch ähnliche Diskursanalysen als Vergleichsgrundlage heranziehen.

Die wissenssoziologische Diskursanalyse

Die Diskursanalyse ist, aus Gründen einer facettenreichen, methodologischen Debatte, ohne ein verbindliches Ergebnis zu Methoden, Begriffen, Zielsetzungen etc., geblieben. Sie wird in den verschiedensten sozialwissenschaftlichen Disziplinen auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen angewandt. In der Kulturanthropologie wird schwerpunktmäßig die sogenannte wissenssoziologische Diskursanalyse angewandt, wie sie von Reiner Keller propagiert wird. Sie beschäftigt sich mit Entstehung, Verbreitung und Legitimierung, der inhaltlichen Strukturierung sowie der Weitergabe und Aneignung von Wissen (Kiefl 2014, 432). In diesem Forschungsprogramm erhalten die jeweiligen Akteur*innen einen besonderen Stellenwert, was eine Verschiebung hinsichtlich der Foucaultschen Vorlage bedeutet, im vorliegenden Falle jedoch der Zielsetzung der Untersuchung näher kommt, da es um Agency, also einen eigenmächtigen Umgang der Sprechenden, bei der Erzeugung von Wissen, Selbstauslegungen, Entwürfen des Selbst und des Sozialen, geht (vergl. ebd., 438f). Dies geschieht durch die Verknappung des Gegenstandes, hier dem Gitano-Flamenco-Komplex, und ermöglicht somit, durch sozialkonstruktivistischen Gebrauch der Sprache, überhaupt erst das Zustandekommen des Phänomens, und damit die Möglichkeit, beziehungsweise Notwendigkeit der Sprechenden, sich innerhalb des Diskurses zu positionieren und damit Subjektivität performativ herzustellen. Durch diese diskursive Praxis, dessen Kontinuitäten, Klassifikationen, Deutungsmuster und Narrative (vergl. Keller 2006, 242ff) es herauszuarbeiten gilt, schaffen die Mitglieder einer Sprecher*innengemeinschaft Stabilität und Erwartbarkeit (Kiefl 2014, 435), welche aber, je nach den, dem sprechenden (also handelnden)

Subjekt zur Verfügung stehenden, Ressourcen, Zugangsmöglichkeiten und seiner sozialen Stellung, reflexiv beeinflusst und verändert werden kann (ebd.).

Ein Diskurs besteht aus einem inhaltlich und formal strukturierten Ensemble sinnstiftender Einheiten (ebd. 436). Diese Einheiten sind Aussagen, die von einer wissenschaftlichen Beobachterinnen-Position als zusammengehörig gedeutet und entsprechend analysiert werden auf Muster und typisierbare Gehalte (vergl. Keller 1999), die eine bestimmte Art legitimen Wissens herstellen.

In der vorliegenden Analyse ist dieser letzte Punkt besonders hervorzuheben vor dem Hintergrund der Thematik des zu untersuchenden Diskurses, der sich explizit mit Wahrheit und Unwahrheit, bzw. der Lokalisierung von Echtheit und Verfälschtheit/Korrumpiertheit des Flamenco befasst. Es erscheint mir von daher wichtig, zu betonen, dass es nicht mein Forschungsinteresse ist, Aussagen über die inhaltliche oder historische Korrektheit vorgestellter Aussagen zu machen, sondern lediglich die verschiedenen existierenden Realitäten, bzw. diskursiven Wissensphänomene darzustellen und mit sozialen Merkmalen und Interessen der Sprechenden in einen Zusammenhang zu bringen.

Flamenco

Flamenco ist ein Musik- und Tanzstil, der in der südspanischen Region Andalusien sein historisches Entstehungszentrum hat und seit dem 19./20. Jahrhundert immer besser dokumentiert wurde. Zu diesen Dokumenten zählen, neben anderen, Reiseberichte internationaler europäischer Romantiker, die zu einem stereotypen und exotischen Bild beigetragen haben (vgl. Scheibe 2014). Trotz vielerlei Kommodifikationen, beispielsweise im Zuge nationalistischer Vereinnahmungen durch Franco, oder als Symbol Spaniens im Tourismussektor und der damit einhergehenden Vermarktung, ist Flamenco nicht mit einer, unter allen Andalusier*innen gleichermaßen verbreiteten, Art traditioneller Folklore zu verwechseln (Krüger 2015, 126). Vielmehr erfordern die komplexen, musikalischen Rhythmen, das komplizierte Zusammenspiel von Tanz, Gesang und Gitarre, ein intensives Studium (ebd. 125). Außerdem bedarf es, je nach Setting und Kontext der Performance, eines hohen Improvisationsvermögens. Hierauf haben auch Publikum, Stimmung und Dynamik der Umgebung einen großen Einfluss (ebd.). Flamenco ist auf professioneller sowie auf Freizeitebene mittlerweile international verbreitet und erfreut sich insbesondere in Japan großer Beliebtheit. Seit dem Ende der Franco-Diktatur entwickelten Flamencokünstler*innen vermehrt zeitgenössische Perspektiven und Umsetzungen und der Flamenco erfährt zu Teilen eine Repolitisierung. Er ist auch Thema intellektueller Debatten in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sowie kulturellen Institutionen und Verbänden. Ein eigener Forschungszweig Flamencologie entwickelte sich bereits mit der Mitte der 50er Jahre. Seit 2010 ist der Flamenco außerdem offizielles UNESCO- Weltkulturerbe. Seit jeher besteht eine, teils hitzige, Debatte um die Urheberschaft, authentischen Interpret*innen sowie die „korrekte“ Einbettung des Flamenco in seine kultur-historischen Anfänge und Entstehungsorte.

Roma in (Süd-)Spanien: Los Gitanos*

Die Geschichte von der Diskriminierung der Sinti- und Romavölker, zusammengefasst unter dem Titel „Zigeuner“ (im deutschen) reicht mindestens bis in das frühe 15. Jahrhundert n. Chr. zurück (End et.al. 2009, 12). Die meisten historischen Dokumente über diese Gruppen beziehen sich auf Akte der Diskriminierung. Eigene schriftliche, historische Aufzeichnungen von Roma sind quasi nicht vorhanden.

Es wird davon ausgegangen, dass der Ursprung der Romagruppen, ausgehend von einem gemeinsamen kulturellen Stamm, in Migrationswellen nach Europa und Amerika seit etwa 1420, liegt (Sanchez-Muros Lozano 2008, 7). Es kristallisierten sich mit der Zeit Differenzierungen heraus, die sich im Zusammenhang mit den geografischen Orten der Niederlassungen ergaben. In Europa finden sich beispielsweise die Sinti in Deutschland, Romungros in Ungarn, Reisende und Romanichels in England und Irland, die Manouches in Frankreich, Deutschland und Italien, Calé und Quinquis in Südfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel. Insgesamt wird in Europa von einem Bevölkerungsanteil von 6 - 7 Millionen Menschen ausgegangen (ebd.). Die sogenannten „Gitanos“ in Spanien gehören zu den Calé und sind hier seit mehr als fünf Jahrhunderten bekannt.

Aufgrund des Zusammenlebens kann in diesem Falle von einer tiefgreifenden Vermischung zwischen Mehrheit und Minderheit ausgegangen werden (ebd., 8). Alle der aufgezählten Untergruppen sind wiederum in zahlreiche weitere Gruppen verzweigt. Und alle haben lange und sehr unterschiedliche Prozesse der Assimilation und Neuformung kultureller Inhalte und Lebensweisen hinter sich. Sonsoles Sánchez-Muros Lazano hat in ihrer Doktorarbeit, „Von den Gitanos sprechen“ (orig. „Hablando de los gitanos“), dennoch drei Merkmale herausgearbeitet, die diese Gruppen in spezieller Weise charakterisieren und verbinden (ebd., 8).

1. Die, zumindest vermutete, gleiche geschichtlich-geografische Herkunft (wichtiger Bezug zu Indien), die unter anderem anhand von linguistischen, aber auch genetischen und kulturellen Merkmalen hergeleitet wird.

2. Geteilte Traditionen und Gewohnheiten; dazu gehören Familiensystem (Endogamie, hoher Respekt vor älteren Generationen, Treue gegenüber den Frauen, viele Kinder), Erwerbssystem (Widerstand gegenüber Proletarisierung, flexible und spezi fische Arbeitsverhältnisse) sowie expressiv-künstlerische, äußerliche Erkennungsmerkmale, die sie insbesondere mit Gesang und Tanz identifizieren

3. Letztendlich teilen außerdem alle Roma-Gruppen die gesellschaftliche Ablehnung durch die Mehrheitsbevolkerung

Die Gitanos in Spanien befinden sich, laut spanischen Historikern, nach den Etappen der Wanderschaft, Vertreibung und aufgezwungener Assimilation, seit dem späten 18. Jahrhundert in einer Phase der Eingliederung und der Erlangung rechtlicher Gleichheit (vergl. Sánchez-Ortega 1986).

In Spanien leben insgesamt etwa 600.000 Gitanos, davon etwa 40% in Andalusien, wo sie einen erheblichen Anteil an der kulturellen Entwicklung haben (vergl. Gamella 1996). Dieser Fakt, bzw. Diskurs, und ihre teilweise ungewöhnlich hohe Konzentration an einzelnen Orten in Andalusien, unterscheidet ihre gesellschaftliche Rolle von der anderer Gitanos in Spanien oder anderen Teilen Europas. Dies hängt unter anderem zusammen mit der Mystifizierung Andalusiens als multikulturelles Mekka durch europäische Reisende während der Romantik und deren Konzentration auf musikalische und tänzerisch-expressive Formen, woraus später allgemein der Flamenco entstand. Der erhebliche Beitrag der Gitanos zu der Entwicklung dieser Kunst, insbesondere historisch, ist evident (siehe folgender Absatz).

In Andalusien hat sich also in besonderer Form eine exotisierende und romantische Perspektive auf die Gitanos entwickelt, die als positiver Rassismus durchaus in den Kanon der Stereotypisierung der Roma gehört. Hierzu gehören weitere Stigma, die sie strukturell als das “nahe Fremde“ (vergl.

Eulberg in End et al 2008, 42) innerhalb der Mehrheitsgesellschaft konstruieren: „Zigeuner“ zeichnen sich demnach, ähnlich dem Bild des „edlen Wilden“, durch eine besondere Nähe zur Natur, eine gewisse Irrationalität und Kindlichkeit, magische Begabung, Ungläubigkeit, Nicht­Sesshaftigkeit, tierhafte, sexuelle Triebhaftigkeit, besondere verführerische Fähigkeiten (beispielsweise durch Blick, Tanz, etc.), unklare Geschlechterverhältnisse, Unsauberkeit, u.s.w. aus (vergi. ebd. 42 - 63). In Andalusien kommt das Flamenco-Stereotyp hinzu, das unter anderem naturalisierende Argumente hervorbringt, die besagen, dass die Gitanos den Flamenco in sich, in ihrem Blut, tragen.

Beitrag der Gitanos zum Flamenco

Die Gitanos lebten im 16./17. Jahrhundert vom Verkauf von Lottoscheinen, Schmiedearbeiten und Pferdehandel. Doch die meisten von ihnen gehorten zur armen Bevolkerung, die zum Uberleben auch auf Prostitution, Diebstahl und Raub angewiesen war (Washabaugh 1998, 13). In dieser Zeit verdienten viele der Frauen zusätzlich Geld mit Tanzdarstellungen, weshalb in der Literatur dieser Jahrhunderte haufig von einem explizit „zigeunerhaften“ Tanzstil die Rede ist (Labajo 2003, 2f).

Viele sehen im Ausdruck des Flamenco die Spuren des Alltagslebens und Schicksals einer marginalisierten und unterdruckten Gruppe, wie sie es sich nur fu r die Lebenswelt der Gitanos vorstellen konnen, im Motiv der „schmerzverzerrten Korper“, die bis heute viele Flamencodarstellungen, insbesondere den Gesang, durchziehen (Washabaugh 1996, 97). Gleichzeitig gibt es Theorien, die die Heimlichkeit, in der die Gitanos, als Verfolgte, ihre Kultur zu verschiedenen Zeiten leben mussten, als Grund dafur annehmen, dass es so wenig Aufzeichnungen zur Entwicklung des Flamenco gibt. Dagegen halten andere, dass „die Gitanos “ spatestens im 18. Jahrhundert vermutlich kaum noch von der landlosen Mehrheitsbevolkerung zu unterscheiden gewesen waren. Der „Ethno- Gitano-Mythos“ ware demnach eine reine Erfindung, hinter der in Wahrheit kommerzielle Interessen steckten (ebd.). Theorien, die einen Kompromiss zwischen beiden Richtungen finden, gehen inzwischen von so etwas wie einer „situativen Ethnizitat“ aus.

Dass also vor dem Hintergrund der Auflosung vieler, als traditionell geltender Gitano-Jobs, das Kultivieren einer entsprechenden Identitat zur okonomischen Notwendigkeit wurde (Washabaugh 1996, 74). Eine Identitat, die darauf beruht, dass die Kultur der Roma, in mundlicher wie schriftlicher Uberlieferung, jahrzehntelang durch jenen romantischen Rassismus beschrieben wurde, der sie als ausgestattet mit mythischen, ubernaturlichen Fahigkeiten, gleichzeitig primitiv, aber voller Stolz und Freiheitsliebe, als leidenschaftlich und lebensliebend konstruiert. Ein Bild, in dem die Manner als extrem potent und die Frauen als ubertrieben sinnlich dargestellt werden. Mythen, die letztendlich von den verschiedenen Gitano-Gemeinschaften auch dazu verwendet wurden, in der spanischen Gesellschaft zu bestehen und sich ihren Selbst-Respekt und ihre kulturellen Unterschiede zu bewahren, was vor dem Hintergrund der Mangelhaftigkeit ihrer Siedlungen, innerhalb wie außerhalb der Stadte, und ihrer sozialen wie strukturellen Diskriminierung nachvollziehbar erscheint (Labajo 2003, 6). In den siebziger Jahren wurde sich in vielen Veroffentlichungen auf eine mysteriöse, „rassische“ Kraft bezogen. Angelita Gomez, praktizierende Tanzerin und Lehrerin beklagt beispielsweise, dass der Flamenco heutzutage sehr erlernt sei. Sie bezeichnet sich selber als „Flamenca“, hat aber keinen Gitano-Hintergrund. Dennoch beschreibt sie Künstlerinnen, die Flamenco „mit Gefühl“, „Flamenco puro“ praktizieren als „muy gitana“ (in: anda! Juni 97, 7). Die öffentliche Anerkennung des Gitano-Beitrags am Flamenco wurde während des Franco-Regimes und besonders strategisch in den 50er und 60er

Jahren, unterdrückt. Francos nationalistisches Ziel war es, ein mystisch einiges und konservatives Spanien zu konstruieren (Washabaugh 1996, 103). Den Flamenco als kulturelle und traditionelle Eigenheit Spaniens darzustellen, und damit soziale Strukturen zu stabilisieren, bot sich an und diente gleichzeitig als Anziehungspunkt fur den europaischen Tourismus. Er musste allerdings fur diese Zwecke kommodifiziert werden und unter anderem sein Image als sexuell provokant und „Zigeunermusik“ verlieren. In den 70er Jahren, nach dem Ende der Diktatur, wurde in der intellektuellen und musikwissenschaftlichen Betrachtung des Flamenco eine neue Perspektive populär, basierend auf den Veröffentlichungen und Anstrengungen des Aficionados[1] Antonio Mairena, der mit seinen Bestrebungen zur Kanonisierung und Archivierung der Flamencoentwicklung, eine, als Massenkultur kontaminierte, pure und traditionelle Kunst revitalisieren wollte. Dazu gehörte in seiner Lesweise eine klare Hinwendung zu einer Position, die in der Flamencologie allgemein als „gitanismo“ bezeichnet wird. Die Epoche dieses Mairenismo oder auch der Revitalisierung zog sich bis in die 80er Jahre hinein und war geprägt von der Suche nach dem authentischen, wahren, rauen und reinen Flamenco. Zeitgleich kam es aber auch in anderen künstlerischen Bereichen zu einer Aufbruchsstimmung, die auch den Flamenco in verschiedenen Fusionen betraf und es begann die postmoderne Epoche im Flamenco mit dem Erstarken zahlreicher Festivals und zeitgenössischer Projekte (vergl. Aix 2012, 40 - 42).

Fallstruktur der vorliegenden Diskursanalyse

Ich möchte jetzt den Gegenstand der Analyse konkretisieren und die an das Material gestellten Fragestellungen ausformulieren.

Eine umfangreiche und allumfassende Analyse der diskursiven Verbindung der Bereiche Flamenco und Gitano in all seinen Facetten erscheint mir vor dem Hintergrund des strukturellen Kontextes und der zur Verfügung stehenden Ressourcen einer Hausarbeit als unrealistisch. Ich werde daher begründete Verkürzungen und Beschränkungen vornehmen.

1. Regionale Einschränkung

Ich fokussiere mich auf Sevilla, die Hauptstadt der Region Andalusien. Wie bereits eingehend erwähnt, sind in den verschiedenen andalusischen Regionen unterschiedliche Formen des Zusammenlebens und der kulturellen Vermischung zwischen Gitanos und Mehrheitsgesellschaft zustande gekommen. Ein Merkmal Sevillas ist, in Bezug auf die Gitanos, ihre mediale Verknüpfung mit ghettoisierten, als kriminell geltenden Stadtvierteln sowie prekären Jobverhältnissen, unter ihnen stereotypisierte Arbeitsformen wie Straßenmusik (Flamencogitarre und Gesang von Männern) oder Rosmarinzweig-Verkauf und Handlesen (von Frauen). Gleichzeitig gibt es in diesem urbanen Umfeld einen starken

„Associanismo“, also eine Präsenz verschiedener kultureller, politischer, sozialer und religiöser sowie familiärer Vereinsaktivitäten unter Gitanos. Für das Thema Flamenco lässt sich für Sevilla festhalten, dass hier ein großer Teil andalusischer Kulturpolitik entwickelt und gesteuert wird, das wichtigste Festival, der entsprechende Studiengang, die meisten Tablaos, die größte Feria*, etc. anzutreffen sind. Sevilla gilt als „die Wiege des Flamenco“.

In einem jener marginalisierten Stadtteile mit einem hohen Anteil an Gitano-Bevölkerung, dem Polígono Sur, einer unter Franco errichteten Siedlung zur Umsiedlung, unter anderem der Gitanos aus anderen zentralen Stadtteilen sowie aus illegalen Barackensiedlungen, entwickelte sich Ende der siebziger Jahre der Flamenco-Rock als neue Interpretationsform mit internationalem Erfolg (Stichwort „Pata Negra“).

2. Einschränkung des Samples

Das herangezogene Material bezieht sich im Falle von Medien auf solche, die in Sevilla Verbreitung finden und einen Bezug zur Verbindung Flamenco und Gitanos aufweisen. Im Falle von Interviews sind alle Personen wohnhaft und tätig in Sevilla und haben aus beruflichen, familiären oder anderweitig sozialen und institutionellen Gründen einen klar erkennbaren Bezug zum Flamenco sowie zum Thema Gitano-Identität.

3. Zeitlich-historische Einschränkung

Ich werde mich ausschließlich aktuellem Datenmaterial zuwenden, das heißt frühestens ab Beginn des 21. Jahrhunderts.

4. Verkürzung der Fragestellung

Statt der allgemeinen Fragestellung nach dem Vorhandensein der Flamenco-Gitano- Verknüpfung wird von dieser als Tatsache ausgegangen und stattdessen nach dem Wie der Verknüpfung gefragt. Dabei gilt zu bedenken, dass es zu einer Auslassung all der Aussagen kommt, in denen die Verknüpfung zwischen Flamenco und Gitanoidentität möglicherweise gezielt ausgelassen wird. Zu dem Wie gehört die Analyse von Macht, Repräsentativität und Interesse der sprechenden Position sowie der kontextuelle und sprachliche Einbau des Themas innerhalb eines Textes und dessen Verbreitung.

Durchführung und Sampling

In der Zusammenstellung des Materials und der Durchführung der Analyse arbeiten zwei Forschungsprogramme Hand-in-Hand. Die diskurstheoretischen Analyse-Bausteine nach Keller sowie m.E. das Theoretical Sampling und die Kodierungsschritte der Grounded Theory. Zweitere kommt, und kam bereits im Vorfeld, aus dem Wunsch nach Strukturierung der Daten auf einer Metaebene heraus, zum Einsatz.

*Feria: Die „Feria de Abril“ ist ein großes Familienfest, das sich in der ganzen Stadt, aber besonders auf dem 450.000 m2 großen Festgelände im Viertel Los Remedios abspielt (wikipedia 2017)

Auch wenn es nicht das Ziel ist, eine eigene Theorie zu entwickeln, so entspricht der hier vorgestellte Forschungsstil dennoch der gegenstandsbezogenen Theoriebildung mit dem Ziel einer eher materialen als formalen Analyse (Götzö in Bischoff et al 2014, 451). Angelehnt an den symbolischen Interaktionismus geht es um Handlungen und Interaktionen, die sich auf ein bestimmtes Phänomen richten und es wird dort nach Umgang, Bewältigung, Ausführung und Reaktion innerhalb eines konkreten Kontextes mit einem spezifischen Satz von Bedingungen gefragt (ebd. 448). Da es hier nicht darum gehen soll, eine bestimmte Perspektive oder Hypothese auf das Phänomen als die richtige zu beweisen, wird es zu keiner summativen Aufzählung sich wiederholender Aussagen kommen, sondern stattdessen ist Aufnahme und Auswahl der hier verwendeten Daten geleitet von dem Ziel einer integrierten Darstellung differenzierter Aspekte (vergl. Götzö in Bischoff et al 2014, 445), aus denen heraus sich ein diverses Feld abbildet mit spezifisch zueinander in Beziehung stehenden Kategorien und Konzepten, intervenierenden Strukturen und Bedingungen sowie Handlungsstrategien und entsprechenden Konsequenzen.

Das ebenfalls aus der Grounded Theory stammende Prinzip eines Kodierparadigmas wird bei der Inhaltsanalyse der Interviews dienen. Gleichzeitig werden thematische Untersuchungen, Expert*innenmaterialien, zur Schließung theoretischer Lücken, sowie zur Unterstützung bei der Erkennung möglicher Typisierungen und Bezüge herangezogen.

Der erste Schritt, die Ursachen für das Phänomen der ursächlichen Verschränkung der Themen Flamenco und Gitano-Identität habe ich bereits eingangs nachvollziehbar dargestellt.

[...]


[1] Aficionado/a = Liebhaber. Oft bezieht sich das Wort auf Bereiche spanischen oder lateinamerikanischen Hintergrundes (...) (wikipedia 2017).

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Aussagepraxis und Identitätspolitik im Diskursfeld Gitanos und Flamenco
Untertitel
Eine diskursanalytische Datenauswertung
Hochschule
Universität Hamburg  (Ethnologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
34
Katalognummer
V381164
ISBN (eBook)
9783668593848
ISBN (Buch)
9783668593855
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flamenco, Zigeuner, Diskurs, Gitanos, Diskursanalyse, Andalusien, Identität, Authentizität
Arbeit zitieren
Martina Helmke (Autor), 2017, Aussagepraxis und Identitätspolitik im Diskursfeld Gitanos und Flamenco, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381164

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