Diese Arbeit möchte den Versuch wagen, einen Überblick darüber zu geben, wie jeder Einzelne, insbesondere bei der Berufswahl, von der gesellschaftlichen Norm der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit (fremd)bestimmt wird. Exemplarisch dafür können die Wahl der Spielsachen oder auch die Kleidung, bis hin zur Schulzeit, mit ihrer scheinbaren Talentförderung und „objektiven“ Notengebung, angeführt werden und so aufzeigen, wie die spätere Zukunft hierdurch beeinflusst wird.
Weiter soll aber auch gezeigt werden, wie verschiedene Berufe in der Gesellschaft, gerade im Hinblick auf eine zu erfüllende Geschlechterrolle, wahrgenommen werden und diese auch quasi scheinbar aus einer Eigendynamik heraus, speziellen Geschlechtern zugeordnet werden. Typischerweise wären hier die weibliche Erzieherin oder der männliche Physiker zu nennen. Dabei wird diese Hausarbeit einige Berufe exemplarisch herausarbeiten und aufzeigen, ob und wenn ja wie sich die Verhältnisse der Geschlechter in den jeweiligen Berufsfeldern verändert haben. So möchte diese Hausarbeit der These nachgehen, dass auch noch im einundzwanzigsten Jahrhundert, trotz aller Aufklärung, tradierte Rollenmuster einen übermächtigen Einfluss auf die Berufswahl von jungen Menschen haben.
Wer heute in Deutschland vor der Entscheidung steht, welchen Beruf er ausüben möchte, hat nur scheinbar eine unabhängige und freie Wahl. Schon lange bevor eine Berufswahl ansteht, wird jeder Einzelne bereits von seinen ersten Lebenstagen an, sozialen Konstruktionen, gerade in Hinblick auf die Geschlechterrolle, unterworfen, die eine unabhängige Selbstbestimmung von Beginn an konterkarieren. Aber nicht nur die soziale Konstruktion des Einzelnen, vom Kleinkind bis zum pubertierenden Heranwachsenden, ist dabei von Bedeutung, sondern auch die soziale Konstruktion von Berufen und der gesamten Umwelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft
2.1 Doing Gender – Die soziale Konstruktion von Geschlecht
2.2 Beispiele gesellschaftlicher Geschlechtszuschreibungen
2.3 Doing Gender in der Schule – eine Weichenstellung?
3. Exkurs: Selbsterfüllende Prophezeiung
4. Geschlechtszuordnungen von Schulfächern
5. Geschlechtszuschreibungen von Berufen
6. Die „freie“ Berufsentscheidung
7. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern die Berufswahl junger Menschen durch soziale Konstruktionen von Geschlecht und gesellschaftliche Erwartungshaltungen fremdbestimmt ist. Dabei wird analysiert, wie tradierte Rollenmuster bereits frühzeitig durch Sozialisationsprozesse in Elternhaus und Schule verfestigt werden und die spätere berufliche Orientierung maßgeblich beeinflussen.
- Die soziale Konstruktion von Geschlecht (Doing Gender)
- Einfluss von Geschlechtszuschreibungen auf die Schullaufbahn
- Der Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung in der Bildungsbiografie
- Tradierte Rollenbilder bei der Wahl von Schulfächern und Berufsfeldern
- Der Zusammenhang zwischen normativer Gruppenkonformität und Berufsentscheidungen
Auszug aus dem Buch
2.1 Doing Gender – Die soziale Konstruktion von Geschlecht
Bevor wir uns der eigentlichen Fragestellung, wie die Berufswahl insbesondere in Hinblick auf unsere Geschlechtlichkeit, von der Gesellschaft signifikant mitbestimmt wird, annehmen, scheint es an dieser Stelle geboten, zuerst der Frage nachzugehen, wie unser Geschlecht im gesellschaftlichen Sinne definiert ist. So trivial diese Fragestellung auch auf dem ersten Blick zu sein scheint. Sie ist es bei näherer Betrachtung bei weitem nicht. Paula Irene Villa hat in ihrem Werk „Sexy Bodies“ versucht darzustellen, wie unser Geschlecht sozial konstruiert wird, und jeder Einzelne selbst Teilnehmer einer solchen Konstruktion ist.
Dabei geht es um die Fragestellung, was Menschen tun um als Frau bzw. Mann erkannt zu werden. Sei es zum Beispiel durch Kleidung, Mimik, allgemeines „geschlechtertypisches Verhalten“ oder auch durch die noch hier zu thematisierende Berufswahl. Das dies nur ein kurzer Ausschnitt aus einer Unmenge von Verhaltensweisen ist, denen wir Menschen folgen um als Mann bzw. Frau erkannt zu werden, bedarf an dieser Stelle sicher keiner weiteren Erläuterung.
Dabei kommt es zu einem interessanten Effekt. Diese permanente Allgegenwärtigkeit der Zweigeschlechtlichkeit in der Gesellschaft darzustellen, wird über die eigentliche Darstellung dieser Zweigeschlechtlichkeit sogar erst hervorgebracht. Wir sprechen an dieser Stelle von Doing Gender – nach Villas Erklärungsversuch „Menschen die sich im Alltagleben zu Frauen und Männern machen und machen lassen“. Damit an dieser Stelle keine Missverständnisse entstehen. Wie sprechen an dieser Stelle nicht von irgendeiner Randgruppe von Individuen, sondern davon, dass praktisch alle Menschen einer solchen sozialen Konstruktion unterliegen bzw. sie selbst konstruieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Problematik, dass Berufswahlen entgegen dem Anschein oft nicht frei, sondern durch soziale Konstruktionen von Geschlechterrollen determiniert sind.
2. Die Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert das Konzept des „Doing Gender“ und zeigt auf, wie durch alltägliche Zuschreibungen im Elternhaus und in der Schule Geschlechterrollen bereits frühzeitig zementiert werden.
3. Exkurs: Selbsterfüllende Prophezeiung: Hier wird der psychologische Mechanismus erklärt, bei dem Erwartungen der Umwelt das Verhalten von Individuen so beeinflussen, dass sich die ursprünglichen Vorurteile tatsächlich bestätigen.
4. Geschlechtszuordnungen von Schulfächern: Es wird dargestellt, wie Lehrkräfte durch unbewusste Erwartungen die Fachwahl der Schülerinnen und Schüler beeinflussen, was insbesondere in MINT-Fächern zu einer geschlechtsspezifischen Segregation führt.
5. Geschlechtszuschreibungen von Berufen: Dieses Kapitel untersucht, wie bestimmte Berufe als „Frauen-“ oder „Männerberufe“ konnotiert sind und welcher soziale Druck auf Individuen lastet, die von diesen Rollenbildern abweichen wollen.
6. Die „freie“ Berufsentscheidung: Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass die vermeintlich freie Wahl des Berufs durch normativen sozialen Einfluss und den Wunsch nach Gruppenkonformität stark eingeschränkt ist.
7. Schlusswort: Das Fazit betont, dass die meisten Menschen sich gruppenkonform verhalten und ihr eigenes stereotypisches Handeln oft nicht reflektieren, was zu einem enormen Verlust an Talenten für die Gesellschaft führt.
Schlüsselwörter
Doing Gender, soziale Konstruktion, Geschlechterrolle, Berufswahl, Selbsterfüllende Prophezeiung, Stereotype, MINT-Fächer, Sozialisation, Lehrererwartungen, Konformität, Rollenmuster, geschlechtsspezifische Bildung, Berufsentscheidung, Identität, Geschlechtszuschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss gesellschaftlich konstruierter Geschlechterrollen auf die individuelle Berufswahl und zeigt auf, dass diese Wahl weit weniger frei ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Konstruktion von Geschlecht (Doing Gender), die psychologischen Mechanismen der selbsterfüllenden Prophezeiung, geschlechtsspezifische Sozialisation in Schule und Elternhaus sowie die Berufswahlmotive junger Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Individuen in ihren Berufsentscheidungen stark von gesellschaftlichen Normen und Stereotypen fremdbestimmt werden, die oft unbewusst internalisiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Hausarbeit, die den aktuellen Forschungsstand aufarbeitet und anhand von soziologischen und psychologischen Konzepten sowie statistischen Daten analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Einflussfaktoren der Geschlechtszuschreibung vom Kindesalter über die Schulzeit bis hin zur konkreten Berufs- oder Studienwahl, inklusive der Rolle von Lehrkräften und der „freien“ Berufsentscheidung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Doing Gender, Geschlechterrolle, Berufswahl, Selbsterfüllende Prophezeiung, Stereotype und Sozialisation.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Berufswahl?
Die Schule fungiert als Ort der Weichenstellung, an dem Lehrkräfte durch ihre Erwartungen – oft unbewusst – dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler sich traditionellen, geschlechtsspezifischen Pfaden zuwenden.
Warum wird im Text der Beruf der Hebamme oder das Management thematisiert?
Diese Beispiele dienen als Einstieg, um zu verdeutlichen, wie Berufe mit spezifischen Geschlechtskonnotationen behaftet sind, die den Zugang und die Anerkennung in diesen Feldern erschweren, wenn man nicht dem Stereotyp entspricht.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor im Hinblick auf den "freien Willen"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der „freie Wille“ bei der Berufswahl nur sehr relativ ist, da die Mehrheit der Menschen automatisch gruppenkonform handelt, um sozialen Ausschluss zu vermeiden.
- Arbeit zitieren
- Frank Krause (Autor:in), 2014, Soziale Konstruktion von Geschlechtern. Der Einfluss von tradierten Rollenmustern bei der Berufswahl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381405