Unser Bildungssystem. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung von etablierten Machtstrukturen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rolf Schmiederer und seine Kritik der Politischen Bildung

3. 45 Jahre nach Schmiederer - Eine Bestandsaufnahme
3.1. Gymnasialer Bereich
3.2. Grund-, Hauptschule und Kindergarten
3.3. Das Duale System in der Ausbildung
3.4. Weiterbildung

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Bereits im Jahre 1971 formulierte Rolf Schmiederer in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Bildung“, dass Bildung lediglich dazu diene, die Herrschaftsstruktur der bestehenden Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten. So argumentierte er, dass zwar die ökonomische Notwendigkeit bestehe in einer industrialisierten Gesellschaft die Qualifikation der Arbeitskraft ständig zu erhöhen, allerdings müsse der emanzipatorische Effekt von zunehmender Bildung verhindert werden (vgl. Schmieder 1971, S. 18).

Heute, bald ein halbes Jahrhundert später, scheint es bei näher Betrachtung des Bildungssystems und seiner Entwicklung so, dass vielen Forderungen, sei es unverblümt aus der Richtung der Arbeitgeber, die mehr oder weniger öffentlich für sich das Recht beanspruchen Bildungspolitik (mit-)zu bestimmen oder auch von Politikern fast aller großen Parteien, als ob Schmiederers These immer noch aktuell wie nie sei. Ein gutes Beispiel dafür ist sicher die zwischenzeitliche fast überall eingeführte und immer noch sehr umstrittene Umstellung des neunjährigen auf das achtjährige Gymnasium. Aber auch in vielen anderen Bereichen – meist nicht so im Blick der Öffentlichkeit – wie den immer seltener werdenden so genannten Abendgymnasien oder auch den Veränderungen in Lehrplänen von Berufsschulen in unserem Dualen Ausbildungssystems sind Anzeichen zu erkennen, dass Schmiederers These auch heute noch für viele dieser Phänomen als Erklärung dienen könnte.

Diese Hausarbeit möchte der Frage nachgehen, ob sich tatsächlich viele bildungspolitische Entscheidungen der letzten Jahre unter dem Blickwinkel Schmiederers erklären lassen. Dabei soll die These untersucht werden, dass die heutige Bildungspolitik in unserer demokratischen Wertegemeinschaft (auch weiterhin) dazu dient, die etablierten Machtstrukturen der jeweilig Herrschenden zu verfestigen. Um diesen Punkten nachzugehen, will diese Hausarbeit beleuchten, ob und wenn ja auf welche Weise Unternehmensverbände und politische Eliten jeweils Einfluss auf die Bereiche der Bildung zu nehmen versuchen, die das Potenzial besitzen, die bestehenden Herrschaftsformen kritisch in Frage zu stellen. Hierbei steht naturgemäß der politische Unterricht, der beispielsweise zwischenzeitlich aus vielen Lehrplänen der Berufsschulen gestrichen wurde, im Fokus. Wurde dieser insgesamt mehr aus den Lehrplänen verdrängt oder gibt es sonstige, eher subtile Methoden, möglichen gesellschaftskritischen Unterricht zu unterminieren?

Was diese Hausarbeit aufgrund ihres sehr beschränkten Umfangs leider nicht zu leisten vermag, ist die weitere noch tiefere Beschäftigung mit Rolf Schmiederers Thesen, sei es zur Schülerorientierung im Unterricht oder seinen Ausführungen zu gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen, wie Wohlstandsverteilung oder „Zwang zum Konsum“. Diese finden in dieser Arbeit nur kursorisch eine Berücksichtigung, sollen an dieser Stelle dem interessierten Leser aber dennoch zur Lektüre empfohlen werden.

Die Forschungslage zu dieser Thematik kann auf der einen Seite zwar nur als unüberblickbar dargestellt werden. Unzählbare Publikationen, mit jeweilig eigenen Thesen und speziellen Erklärungsansätzen lassen sich zur Bildungspolitik finden. Anderseits konnte eine dezidierte, in der Retrospektive auf Schmiederer bezogene Untersuchung der jüngsten Bildungspolitik nicht gefunden werden. Als unerwartet schwierig erwies sich der Umgang mit Zahlenmaterial aus verschiedenen Quellen. Bei genauerer Betrachtung zeigte sich oft, dass Arbeitgeberverbände direkt als Auftraggeber oder zumindest als „Sponsor“ von diversen Studien fungierten. Dementsprechend kritisch waren solche Daten zu bewerten. Spannend wäre sicher auch eine Studie in wie fern die Bevölkerung eine Sensorik für dieses Thema entwickelt hat und wenn ja, wie sie über diese Einflussnahme denkt. Auch zu diesem und keinesfalls zu unterschätzenden Bereich konnte keine Literatur gefunden werden.

2. Rolf Schmiederer und seine Kritik der Politischen Bildung

Da Schmiederer in dieser Arbeit eine prominente Stelle einnimmt, und um die nachfolgenden Aussagen besser in seinem Kontext zu verstehen, sollen er und sein Werk „Kritik der Politischen Bildung“ kurz etwas genauer vorgestellt werden.

Schmiederer wurde 1928 als Sohn eines sozialdemokratischen Facharbeiters und einer Putzmacherin geboren und legte nach seinem Volksschulabschluss eine landwirtschaftliche Lehre ab. Später holte er sein Abitur nach und studierte an einer Hochschule für Sozialwissenschaften. Von 1964 bis 1970 war Schmiederer am Institut für Politikwissenschaft der Uni Marburg tätig und schrieb dort seine Dissertation. 1973 erhielt er eine ordentliche Professur für Didaktik der Politischen Bildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen und verstarb bereits 1979 mit 50 Jahren. An seiner eigenen Biographie konnte Schmiederer erleben, wie Bildung den jeweiligen sozialen Status zementiert. Es darf an dieser Stelle unterstellt werden, dass die Erfahrung mit seiner eigenen Bildungshistorie seinen Blick auf die Gesellschaft maßgeblich mitbestimmte. So formulierte er später in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Bildung“ genau diese Zementierung des sozialen Status durch die Bildungseinrichtungen. Darauf aufbauend schien es im evident, dass „im Kampf um politischen Einfluß [sic] und um die Gestaltung der Gesellschaft […] die Schule nicht ausgeklammert wird“ (Schmiederer 1971, S. 16). Dass die Bildung sogar im Zentrum der Interessen steht, wenn es um die Absicherung der geltenden Herrschaftsstrukturen für die Zukunft geht. Für Schmiederer waren die „Ziele politischer Bildung […] Emanzipation und Demokratisierung, Ideologiekritik und politische Praxis, vorbereitet durch Vermittlung gesellschaftlichen Bewusstseins und soziologischer Denkweise“ (Sutor 2002, S. 2). Er sah die Bemühungen der Herrschenden darauf gerichtet, Bildung nur zur Erschließung neuer Arbeitskräfte auszurichten, bei der es ausschließlich darum ginge, die Fähigkeiten die für (neue) Arbeitskräfte nötig seien, zu vermitteln. Eine Ausrichtung also, die einzig und allein dafür vorgenommen würde, um den Bedarf am Arbeitsmarkt zu decken. Dabei, so Schmiederer weiter, möchten die sich an der Macht befindenden Privilegierten keinesfalls, dass ein Übergreifen der nötigen technischen-ökonomischen Bildung auf eine (ungewollte) politische-gesellschaftliche Ebene stattfindet. Um dies zu erreichen würde beispielsweise der Leistungsdruck im schulischen Kontext erhöht, um eine Ausbreitung der Bildungschancen für alle „Klassen“[1] zu verhindern. (Schmiederer 1971, S. 17-18). Letztlich arbeiteten die Regierenden gar daran,

„in hohem Maße die gesellschaftlichen Vorurteile, Standesinteressen und antiaufklärerische Ressentiments [zu] mobilisieren, die ihren deutlichsten Ausdruck in der Bildungsfeindlichkeit mancher pädagogisch-soziologischer Ideologie bekommt: In Theorien wie jenen von der natürlichen Determiniertheit intellektueller Fähigkeiten, der Bildungsunfähigkeit breiterer Schichten, bis zur Diffamierung der Intellektuellen“( Schmiederer 1971, S. 20).

Zum Ende dieses äußerst rudimentären Abschnitts über einige Grundgedanken Schmiederers soll nochmals der Zeitpunkt seiner Thesen in Erinnerung gerufen werden. So sprechen wir hier von einer Zeit der Bildungskrise, der Studentenrevolten und politischen Entwicklungen und Unruhen, die neu im Nachkriegsdeutschland waren. An dieser Stelle drängt sich nun geradezu die Frage auf, wie es heute mit der Bildungspolitik in Deutschland aussieht?

3. 45 Jahre nach Schmiederer - Eine Bestandsaufnahme

Oberflächlich betrachtet, scheint die These Schmiederers aus den frühen 1970er Jahren doch weit überzogen gewesen zu sein. Die Zahl der (Fach-) Abiturienten ist in den letzten 45 Jahren von circa zehn Prozent auf heute ungefähr 45 Prozent gestiegen, die Presse vermeldet jedes Jahr aufs Neue, dass die Zahl der Studienanfänger wieder gestiegen sei und nun schon fast die Hälfte aller Schulabgänger ein Studium beginnt. Die Bildungskrise wurde mit dem "Beutelsbacher Konsens" für beendet erklärt und es wurde klargestellt, „dass politische Bildung weder für die Veränderung der Gesellschaft kämpfen noch gegen Veränderungen eintreten darf, sondern unterschiedliche Positionen darstellen und junge Menschen befähigen muss, ihre eigenen, gut begründeten Urteile zu bilden“ (Sutor 2011, o. S.).

Dennoch, bei genauerer Betrachtung unseres Bildungssystems, fallen in fast allen Bereichen Punkte auf, die – gerade unter Schmiederers Perspektive – an einer allzu optimistischen Beurteilung der Gesamtsituation Zweifeln wachsen lassen.

3.1. Gymnasialer Bereich

Da natürlich gerade die allgemeinen Schulen im besonderen Interesse der Öffentlichkeit stehen, gibt es hier mannigfaltige Punkte bei denen auch heute, oder auch vielleicht auch gerade heute, ein Kampf um die Deutungshoheit in der Bildung gerungen wird. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in einem Pressorgan von Einflüssen durch die Wirtschaft auf die Schulen berichtet wird. Der offensichtlichste Fall ist hierbei sicherlich der Versuch bundesweit die gymnasiale Lernzeit von neun auf acht Jahre zu verkürzen. Ganz unverhohlen forderten und fordern die Vertreter der Wirtschaft diesen Schritt um auch gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass in den bis dahin geltenden Lehrplänen zu viel Unnützes gelehrt würde, was der Mensch für sein späteres Leben überhaupt nicht benötige (BDA 2016, o. S.). Wenig überraschend finden sich dann ähnliche Aussagen bei vielen Politikern der regierenden Parteien. So verweist der Berliner Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereits 2001 auf eine „Bildungsoffensive der Arbeitgeber“. In dieser „Bildungsoffensive“ formulierte Hans-Olaf Henkel, damals noch Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, unter anderem auch seine Vorstellung von Schule und Bildung:

„Die neue Anforderung an das Bildungssystem ist die „Beschäftigungsfähigkeit“. Um die zu erlangen, ist jeder selbst eigenverantwortlich. Es ist nicht mehr die Aufgabe der Schule, „alle wertvollen Anlagen der Kinder und Jugendlichen zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln“ (Henkel 2001: o. S., zitiert nach Thöne 2001: o. S.).

Interessant sind an diesem kurzen Ausschnitt gleich mehrere Punkte. Zum einen wird der Zweck der Bildung einzig und allein auf die „Nützlichmachung“ des Menschen für die Arbeitgeber reduziert. Von einem humanistischen Bildungsideal ist hier keine Rede mehr. Schmiederer merkte dazu an: „Die Ausrichtung der Bildungseinrichtungen und ihrer Inhalte auf den Bedarf des Arbeitsmarktes führt zu einer Eindämmung sozialkritischer Fähigkeiten“ (1971, S. 21). Zum anderen scheint nach diesem Zitat das Kind dafür verantwortlich, dass es seine Ressourcen voll ausschöpft und zum Schluss sei auch die Schule nicht mehr dafür verantwortlich ihren Schüler ein „gründliches Wissen und Urteilskraft“ zu vermitteln.

[...]


[1] Tatsächlich verwendet Schmiederer viele Marxistische Formulierungen und ihm wurde auch immer wieder eine inhaltliche Nähe zum Kommunismus unterstellt.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Unser Bildungssystem. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung von etablierten Machtstrukturen?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Allgemeine Fachdidaktik (II)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V381434
ISBN (eBook)
9783668585812
ISBN (Buch)
9783668585829
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Auszüge aus dem Gutachten des Dozenten: "Sie legen eine Hausarbeit vor, die ein sehr gut begründetes und nachvollziehbar dargestelltes Erkenntnisinteresse argumentativ konsistent, sachadäquat und terminologisch sicher verfolgt. Entsprechend gelangen Sie mit der Arbeit zu wirklich interessanten Ergebnissen, die im Grunde nach einer differenzierten Vertiefung verlangen. Die Techniken wissenschaftlichen Arbeitens werden zudem vorbildlich umgesetzt. Aus den vorgetragenen Gründen bewerte ich Ihre Hausarbeit mit der Note "sehr gut" (1,0)."
Schlagworte
Bildungssystem, Rolf Schmiederer, Duales System, Kritik der Politischen Bildung
Arbeit zitieren
Frank Krause (Autor), 2017, Unser Bildungssystem. Ein Mittel zur Aufrechterhaltung von etablierten Machtstrukturen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381434

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